Jüdisches Familienblatt
- Journal
- Jüdisches Familienblatt
- Volume
- 1894
- Issue
- 26 (1894)
- Date
- 1894-01-01
- Page
- Seite 102 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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wartete. Mit einem Male umklammerte sie meine Hand und schrie gegen ihren Mann: .Ich kann nicht. Ich geh« nicht mit." Ich wollte sie beruhigen, sie in meine Arme nehmen, aber Ihr Bruder zog sie von mir, und er hatte einen Blick, als bringe er die Frau um, wenn sie nicht gehorche. Da ging sie mit ihm ohne einen Laut. Wie sie sott waren, mußte ich bitterlich weinen, ich wußte selbst nicht warum." „Mein Bruder heftig gegen seine Frau! —" Benno griff nach seinem Hut — „allerdings dann ist Schlimmes im Anzuge." Claudia war gleichfalls aufgestandeu. „Es ist so dunkel geworden," seufzte sie, bitte Ningeln Sie doch nach Licht. Aber ttotzdem Benno Sturm läutete, kam Niemand. Das Haus schien wie ausgestorben. Es war ein trül>er, jprühregnichter Tezembertag; obivohl die Uhr über dem Kamin die viette Stunde des Nachmittags zeigte, hcttschte in dem großen, vielfenstrigein Gemach schon tiefe Dunkelheit . . Das Feuer im Kami» war längst erloschen; es war recht kalt und unheimlich in dem weiten Ranm. „Klingeln Sie nicht mehr," jagte Claudia, „eS hütt Sie doch Niemand." „Man merkt, die Herrschaft ist nicht zu Haus," schalt Benno. „Ich will doch sehen, wo die gesamte Dienerschaft wohl steckt." „Rein, nein lassen Sie mich nicht allein hier," bat Claudia erregt, „ich bekenne Ihnen offen, ich fürchte mich, mir ist so angst, als ob Jemand stirbt . ." „Aber Claudia!" „Ging nicht die Thür? Ich hörte deutlich, es schlürfe Jemand herein. Mich friert. Sehen Sie nur, die hübsche, kleine Knospe hier am Sttauch, sie ist plötzlich verdorrt." „Sind Sie nicht rin großes Kind, Claudia," sagte Benno beruhigend, „Sie stieren, weil Sie für unser» polnischen Winter zu leicht gekleidet sind," er suchte überall ristig nach einem Tuch oder irgend einer Hülle; da er nichts dergleichen fand, nahm er von einem Seitenttschcheu die Sammetdcckc sott und schlang sie dem heftig zitternden Mädchen um die Schultern, „aber Claudia, Sie ettegen sich wahrlich ganz umsonst! „Mein Gott, was ist denn geschehen? Eine Blume ist verweist, wahrscheinlich hat man allzu kaltes Wasser über sie gegossen, das ist das ganze Unglück!" „Licht! Licht!" schrie draußen Salmon's Stimme. Benno und Claudia stürzten hinaus, zugleich kamen aus dem Erdgeichoß, dem oberen Stockwerk, fast aus allen Thüren dienstbare Geister gelaufen; Alles drängte plötzlich in dgs nur matt erleuchttte Enttee, um sich der Herrschaft behülflich zu zeigen. „Zum Arzt, schnell," befahl Salmon. „Mein Gott, was ist's," fragte Benno schon aus dcni Sprunge. Ta kam Helsia heraus, langsam, ganz ganz langsam, die kleine Golde auf den Annen, in Krämpfen . . „Helsia! was ist dem Kinde?" stieß Claudia hervor. „O nichts," antwottete Helsia mitzuckender Lippe. „Das Wasser war nur zu kalt, mit dem sic es übcrgosscn haben." „Gehimentzündung!" sagte der Arzt, da er vom Bett der steinen Golde kam. „Wird cs gut ausgehen?" fragte Salmon beklommen. „Darüber weiß ich jo wenig wie Sir," brummte der Doktor und eilte hinaus. Auf der Treppe begegnete er dem alten Liederttost, der, stark beunrulfigt durch das unvermutete Erscheinen des Arztes in scinrin Hause, ihn mit Fragen bedrängen wollte; doch mit einem stir; gcmunnelten: „Wenig Zeit, wenig Zeit," sprang der Doktor, immer drei Stufen auf einmal nehmend, die Treppe hinab. Mit gleicher Eile lief nun Abraham hinaus. „Wer i» stank?" fragte er atemlos. - ' „Goldchen ist nicht ganz wohl," erwiderte salmon mit aller Ruhe, die er sich abzuringen vermochte. - Abraham wollte sogleich in da» Schlafzimmer seine» Lieblings, aber Salmon hielt ihn zurück: „Verzeih' Vater, die Kleine soll jetzt schlafen, auch hat Helsia e» sich ein wenigbequem bei ihr gemacht; entschuldige einen Moments ich schicke Dir Gabriel hinaus." Ehe Salmon den Jungen seinem Vater zusühtte, flüsterte er ihm ins Ohr: „Dem Großpapa kein Wort erzählen, wie Goldchen stank wurde, hörst Du? Sonst bekommst Tu Sttase!" Gabriel nickte, er hatte verstanden. Leider war de» Großvaters erste Frage an ihn: „Gabriel, wie geht e» dem Schwesterchen?" . Der Kleine schielte nach deni Nebenzimmer, wo sein, Vater, am Fenster stand. Dem Papa mußte gchorsamt werden, der -war heut sehr schlechter Laune, das hatte der steine Diplomat schön weg. Aber er hätte gar so gern nach Kinderatt sich mitgetheilt und Goldchens Zuckungen und verzctttcs Gesichtchen vor' best» Großpapa recht anschaul'ch nachgeahmt. Damit war e» nun nichts; denn der Junge mcrste recht gut, daß sein Vater scharf auf ihn Obacht gab. Er, mußte also einen ander» Gesprächsstoff finden. ' . „Großpapa," begann er, als hätte er Abrahams Frage nach der Schwester einfach überhött, „Großpapa, was bist Du?" ' ' „Dir gut," aiitwotttte Abraham lächelnd, da er di« Frage gewöhnt war. - ° . ' . . „Nein, so nicht, Großpapa, was bist Tu noch?" „Dein Großvater". . ' ' „Und was noch?" „Ein alter Mann." ' ' - „Und was »och?" fragte der Junge hattnäckig. , „Was noch?" erwidette Abraham erstaunt, „steine Kn'den solle» nicht unnüy frahen, sie bekommen sonst, einen grauen Bart." ' ' » „Was bist Tu noch?" quäkte Gabriel, „Großpapa, Du bist schrecklich dumm!" „Gabriel," rief der Vater streng von drinnen.' „Ich will wissen, was noch!" schrie der Junge und stanipfte mit den kleinen Füßen zornig den Bode», „bist Du christlich oder jüdisch?" „Nun, das hättest Tu bequemer haben können," lachies Abraham gutmüthig, ^natürlich bin ich jüdisch, mein Kind." Ta spie Gabriel vor seinem Großvater aus: „Psu^ stiickender Jude!" Nicht io schnell war ihn, dashäßliche Wott entfahre^ als.ihm das Ohr lautete, so hatte ihn Salmon geschlagen.- Ohne Aufhoreu, wie rin Fülirmann auf sein Pserh, hiev «r 'auf de» schreienden Knaben ein, hart, roh. da legten sich ein paar zitternde, alte Hände aus die seinen., „Laß d.:s Kind lvs," rief Abraham keuchend. „Rein, ich schlag' ihn tot." „Fott gehst Du," der alte Mann-war noch stark g« de» Jüngeren, Kräftigeren zu überwinden! dann nahm er deu^ bitterlich weinenden Jungen aus seine Knie,-streichelte ihn »ettf'i stöhlen und suchte ihm das Blut zu stillen. ‘ , J „Gabriel," sprach er sanft, „wie kannst Da nur darauf^ Deinem alten Großvater, der Dich herzlich liebt» eia sogarstiges Schimpfwort zu sagen?" ' Ter Kleine klammerte seine Aermchen Nm Abrah Hals, sah erbittert nach seinem Vater und schluchzte o Hand abgebrochene, unverständliche Wotte. Salmon kä« fürchterlich. Ter Junge war sein Fleisch und Blut, er I ihn »m.bringen mögen, lieber ihn tot sehen, qls ihn sprechen hören. ' , ' - „Sprich deutlich,.Gabriel,"' forderte Abraham ein lich . . Stotterich, stammelnd hob das Kind «i: