Jüdisches Familienblatt
- Journal
- Jüdisches Familienblatt
- Volume
- 1894
- Issue
- 25 (1894)
- Date
- 1894-01-01
- Page
- Seite 99 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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% und die Kinder stad, werde ich stets froh und überglücklich p» sein. Geliebter Mann, glaube mir, ich will Mitarbeiten lernen. Du sagtest sonst, ich wäre anstellig und gescheit. Ich Wirde > auch jetzt daS Leben ernst nehmen und . , ." ,DaS wird uns weit bringen*, sprach er höhnisch, „Du ’ . weißt nicht, was Du Dir da auferlegst". Er ging hastig auf und ab, „nein," schrie er wieder auf, und wolltest Du auch wirkilich alle Opfer und Mühseligkeiten der Armut ertragen, nein ich will aber nicht weichen. Wem? wem? diesem Hund von Polizeiknecht, dieser Bande da oben von Dummköpfen und Heuchlern. Damit sie die Früchte meiner Arbeit genießen — sie unser letztes Hab und Gut verschlingen. Nein, wir bleiben. Wie sagte doch Alexandroff: Wir machen den » Schwindel mit, und das ist alles.* „Erbarm' Dich Mann! Bei meiner Mutter im Grab 'ff — beim Leben unsrer Kinder erbarme Dich!" Sie hatte seine k - Knie umfaßt un stöhnte schluchzend: „es ist so verächtlich l ' — so schlecht — wir wollen es nicht thun, nein, wir wollen r es nicht." „Steh auf und schweig," befahl er keuchend. Ein Weib soll gehorchen. Langsam stand sie auf und kehrte ihr Antlitz gegen die Wand, damit er ihre Thränen nicht sähe. Er rannte noch immer umher, wie ein Verzweifelter. „Nicht wir find die Verächtlichen grollte er, nicht wir. „Die Macht, die uns zwingt, die gemeine, in Unwissenheit und Verderbtheit sich blähende Uebermacht ist es: ihr müssen wir uns fügen." „Und Dein Vater?" schrie Helsia auf. „Der Vater," erwiderte er tonlos. „Freilich der Vater darf eS nie erfahren." (Fortsetzung folgt.) Jans von Külow und Uerbinsnö Kassattk. Lin Sedenkblall Mm Dr. Moritz Brasch. I - (Schluß.) Auffallend ist in diesen Briefen, daß Frau Cosima von Bülow zum Leidwesen beider Freunde regelmäßig Ausflüchte und Hindernisse findet, die Gesellschaften bei Lassallc zu besuchen. Ob sie ein Zusammentreffen mit der Gräfin Hatzfeld vermeiden wollte?. Da sinnt Lassalle auf ein Mittel, die stolze Tochter LiSzt's nnd der Gräfin d'Agoult zu besiegen. Er hat einige Pariser Freunde zu Besuch, u. A. die bekannte Schauspielerin Mademoiselle Judith Gautier, Tochter des Schriftstellers Theophile Gautier und spätere Gemahlin des Politikers und Dichters Catull Mendts. Diesen Trumpf spielt Lassalle nun aus: er habe, schreibt er an Bülow, eine berühmte Pariser Künstlerin zu Besuch; aber er wolle seinen Gästen eine andere Pariserin vorstellen, auf welche ganz Berlin mit Recht stolz sei. (Er spielt hier darauf an, daß Frau Eosima eine Töchter der Gräfin d'Agoult sei). Dieser Schmeichelei konnte Frau von Bülow nicht widerstehen und sie erschien in der betreffenden Soir6e. — Vielfach gaben sich die Freunde Nachricht von dem Fortgange ihrer Arbeiten. In einem Briefe Lassalle's an Bülow heißt eS: „Ich habe etwas geschrieben, worüber Sie sich halbtodt lachen werden, obwohl es nur eine ganze Kleinigkeit ist. Ich war gerade bei Laune. Einem meiner Verehrer schlitze ich morgen mit einem Stoße den Bauch auf. Ich glaube, die Andern werden mich eine Zeit lang in Ruhe lassen." Gemeint ist hier die Satire gegen den Litterarhistoriker Julian Schmidt, von der man sagen kann, daß seit Lessing's Streitschrift gegen Pastor Götze an der sich blähenden phrasenhaften Unwissenheit ein ähnliches Strafgericht noch nicht vollzogen worden ist. Bald darauf schickt er Bülow sein soeben erschienenes philosophisches Hauptwerk: „DaS System der erworbenen Rechte" (später nach dem Tode Lqssalle'» in zweiter Auflage von Lutbar Äucher wieder berauSgegebrn), ohne ihn, wie er scherzend zu ncrppuhten, das Buch zu lesen, worauf ihm Bülow Wagner's „Ring der Nibelungen" mit einer herzlichen Widmung übersendet, ebenfalls mit dm scherzhaften Bemerkung, daß er ihn — trotz der 9 Hochverrats-, Staats- und Preßproceffe, in die der Freund letzt verwickelt sei — doch verpflichte, die Texte des großen TondramaS zu lesen. Wie wir aus Lassalle's Antwortschreiben ersehen, bedurfte es dieser Ermahnung nicht. Denn der sozialistische Agitator erweist sich hier wie an anderen Briefstellen als ein leidenschaftlicher Verehrer der Wagner'schen Musik. Daß Hans von Bülow an dem Verlauf der politischen Arbeiten and Agitationen des Freundemehr alS bloS äußerliches Interesse nahm, ersehen wir z. B. daraus, daß sie in Leipzig, nachdem dort eine große Arbeiterversammlung, in der Lassalle sein Programm entwickelt hatte, stattgefunden, mit meheren politischen Freunden (wie Prof. Heinrich Wuttkr u. A.) in Auerbach's Weinkeller sich treffen. Lassalle schickt ihm dann das „Arbeiterprogramin" und bittet ihn, cs durchzusehen und es ihm mit seinen „etwaigen Bemerkungen" wieder zuzusenden. Auch die Polemik gegm Schulze-Delitzsch sendet er ihm*) und möchte sich vom Künstler, der sich freilich für einen „Jngnoranttssimus in national-ökonomischen Dingen" erklärt, seine Meinung über diese polemische Schrift erbitten. Dabei besteht er darauf, daßihm der Freund berichte über die „Vorgänge in seinem inneren Leben". Er möchte ungm» „die so schwer erlangte Fühlung mit der Seele des Freunds" verlieren. „Lassen Sie mich", schreibt er ihm, „ich bitte Sie inständigst, einmal wieder Einblick in daS Stadium gewinnen, in welchem sich ihr inneres Leben gegenwättig befindet. Man wird einander nochwendig so fremd, wenn Jeder nur in seine Sphäre so ganz aufgeht." — In dim letzten Briefen Lassalle's an Bülow, nach einander aus Wildbad, London, Genf und Zürich datttt, spielt schon die Affaire mit der Helene von DönnigeS hinein. Der letzte Brief ist von München, wenige Tage vor seinem Tode (also vor dem 31. August 1864) datttt; er möchte in der betreffenden Angelegenheit (Helene ist inzwischen von ihren Eltern in Bern „internitt" worden) Hilfe vom bayrischen Ministenum erlangen. Der Minister von Schrenk, der unmittelbare Vorgesetzte des Herrn von Tönniges, der damals bayrischer Gesandter in der Schweiz war, hat ihm auch seinen Beistand zugcsagt. Aber Lassalle möchte die Sache von verschiedenen Seiten angreifen. Er erbittet sich zuglttch Bülow's Verwendung bei Richard Wagner, damit dieser den König Ludwig veranlasse, in diesem romanttschen LirbeShandel ein Machtwott zu sprechen. Doch kam es zu ttner derartigen Jnterventton nicht. Schneller, als zu ermatten war, schritt das Verhängniß vor. Am 31. August 1864 starb Laksalle an der tödtlichcn Verwundung, die er in dem Duell mit dem wallachischen Bojaren Racowitza, dem späteren Gemahl HelenenS, erhalten hatte. Niemals hat ein groß angelegtes Leben mit ttner gerechteren Tragik gecndtt wie hier. Eine ebenso geniale als Willensstärke Persönlichkeit, welche im Bcgttffe steht, ttne weltumwälzende polittsche Agitation ins Leben zu setzen, verzettelt sich in allerltt romanttsche Liebschaften und geht hier, ttne Schuld für seine menschlichen Schwächen büßend, au der ttagischen Nemesis zu Grunde. Der Eonstict zwischen sttnen demokrattschen Pttnttpien und sttnen aristokratischen Nttgungen konnte nicht anders gelöst werden. — Dem Briefwechsel sind noch zwtt Schreiben an Bülow hinzugefügt, das ttne von der Gräfin Hatzfeld, das andere von Lothar Bücher, der ihn mitthttlt, daß er als TeftamentSvollsttecker Lassalle's ihm ttnen „Apollo mit Untersatz" auS dem Nachlasse zu übergeben habe. tist dreißig Jahre später ist nun der greife Künstler reundc in die Ewigkttt gefolgt. Sttn Eharakterbild schwankt nicht, wie dasjenige Lassalle's, in der Geschichte, sondern steht in festen Zügen vor der Seele: als ttner der größten und genialsten reproducttven Tonkünstler, die je da- Menschenherz erfreut und erhoben haben. *) Bast ia,-Schulde Mn Delitzsch »der «kapital m»d Arbeit" (18S1). 392290. ,