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Jüdisches Familienblatt · 1894-01-01 · 25 (1894) · p. Seite 98

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Journal
Jüdisches Familienblatt
Volume
1894
Issue
25 (1894)
Date
1894-01-01
Page
Seite 98 (sequence 2)
Language
German
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auch. Ich Wichte e- bis heute wirklich nicht/ sagte Salmon gedrückt. „Nun, Sie haben alle Ursache sich bei Ihrem Ahnherrn zu bäankm; er hat Ihnen da ein^ recht hübsche Zwickmühle mit diesem Hause hinterlassen. Behalten dürfen Sie eS nicht, weil Sie Jude sind, und verkaufen können Sie es erst recht nicht, weil die Regierung nach dem Swod die Fideikommisse 1 auktioniert. Ich bin ganz offen, lieber Liedertrost, ich habe >en Borschlag mit der Hypothek auf Ihre Fabrik nur angeregt, weil ich hoffte, Sie zu dem Hausverkauf an Leo zu bewegen. DaS Kloster hätte uns willig ein Heidengeld bezahlt. Aber so! Fideicommiß! — Unglaubliche Narrheit!" Er lief ärgerlich auf und ab und blieb plötzlich vor Salmon stehen. „Sagen Sie mir, Liedcttrost, wie lange gedenken Sie noch sich so wahnsinnig zu quälen? Zum Teufel, Mecken sie denn nicht, daß man Sie mit Fleiß chikanitt? Die Regierung läßt Sie »eigner en blano. Heute dieses Verbot, morgen jenes, übermorgen findet Grodunoff eine neue kostspielige Ueberraichung für Sie heraus und so sott; denn er wird dafür angestiftet und bezahlt von oben. Und was will man von Ihnen? Ein bischen kaltes Wasser auf Ihr Haupt, und Ihre Peiniger sind zufrieden. A propos die Hälfte der hiesigen Juden sind bereits beim Protestantismus augelangt, was allerdings nur eine Auffchubsstatton sein dürfte. Tauchen Sie völlig unter und werden sie rechtgläubig sammt Frau und Kind, dann hat die liebe Seele Ruh. Es ist ja das reine Kinderspiel. Leonid hat in diesen Tagen Unzählige getauft, nur Wenige nahmen die Geschichte'so ttagisch wie Sie. Dir Meisten haben ganz famose Witze gerissen und machten die Ceremonie mit vielem Anstand als. einen nicht zu umgehenden Mumpitz mit, und die Leute leben nach wie vor, ja gedeihen besser wie vorher; denn im Schatten des heilig« Synod ist auch gut wohnen." — Salmon war wie betäubt. Jemilian geleftetr ihn bis zur Thür und flüstette ihm noch einmal eindringlich zu: „Ich wiederhole Ihnen, das Ganze ist ein Kinderspiel Man wird Sie schon wieder in die Höhr bringen. Man wird Ihnen Lieferungen geben rc. Proselyten werden finanziell begünstigt, als wollte man an Ihnen Millionaire züchten, überdies Ihr Vater braucht ja gar nichts zu erfahren." Seit Wochen sprach die ganze Stadt von dem Fest, welches die schöne Frau Liederttost zu Ehren des Großfürsten in Angriff genommen. Letzteres im buchstäblichsten Sinne des Wocks; denn Helsia mußte kämpfen wie ein auf Schlachcfeldern ergrauter Korporal. Erstens mit dem Festkomitee, das jeden Tag ein neues Programm aufstellte - aus lauter Angst vor der Eensur — zweitens mit den Müttern, die nur Haupttollen für ihre Töchter verlangten, — mit den jungen Mädchen, die in dem zu errichtenden Wohlthätigkeitsbazar eine Jede Cigaretten und Champagner veckaufen wollten, während das Lager leider meist aus ausrangietten Rückenkissen, Sachets, Sophaläufem, bei deren Anblick ein mit nur halbwegs gesundem Farbensinn begabter Mensch sofott das Laufen bckam, Schlafmützen in den schreiendsten Farben, Papierblumen, kurz aus hundert anderen Geschmacklosigkeiten bestand, mit deren Anfertigung zarte Frauenhände die liebe Zeit todtschlagen. Und nicht zuletzt mußte die vielgeplagte Festordncrin sich auch noch mit dm jungm Caval'erm herumstteiten — die Herrchen wollten durchaus nicht zu dm Prob« kommen, wmn man ihnm nicht hinterher Tanz und Flittation erlaubte. Das Fest sollte im deutschen Theater stattfindm, und schwer aber mdlich war ein „allerletztes mdgültiges Programm" aufgestellt. Die Bühne ward dem Zuschauerraum gleich flach gelegt. Zuerst solltt KemSki mit seiner Truppe „Czar und Zimmermann" aufführm. LSährmd der Melodie des Czarenliedes wollte mau die überlebensgroßen Bilder deS Herrscherpaares erfcheium laffm, was natückich eine musikalische JK^chration durch di« Rattonalhymne und begeisterte- Miffingm det ge» sammtm Publikummit in. Folge zog. Darauf sanfte- Riedergleitm deS ZwischmvorhangeS. DaS Intermezzo fiiel Claudia und einem andern hübschen Fräulein der Gesellschaft zu, die mit einem schelmischen Duett daS verehrliche Publikum zum Schaum und Kaufen in die Bazare ladm wolltm, wonach sich wiederum der Vorhang heben und besagte- Publikum auf die in eine Festhaüe mit Kiosken, Schaubuden^ Lauben und weitere Zaubergrotten umgestaltete Bühne sttö» -mm konnte. So weit war Alles im best« Gang; und wmn Helsia hundeck Mal des Tages erkläcke, daß sie längst vor dem Ffft noch vor lautn Anger, Aufregung und Ueberansttmgung mausetodt sein werde, so geschah ihr damit ganz recht, warum war sie thöricht genug, ein so verantwortungsvolles Amt zu übernehmen. Nichtsdestoweniger kam sie heute wieder frisch, blühend, eine Anzahl Packete von Bändem, Blumm, Con» fecten, Spitzen auf dm Annen, eine Unzahl Neuigkeit« aus dm rothm Lippm in das Zimmer ihres Gatten: „Fünfhundeck Billcke habm wir jetzt verkauft, fast der gesammte Adel der Stadt hat zugesagt. . . ." Salmon antwockete nicht. Aergerlich über sein Schweigen, wollte sie mit ihm zanken, doch nach einem einzigen Blick in sein Gesicht, warf sie Blumm, Bänder und alles,, was sie sonst in Händen hielt, ' auf die Erde und stürzte auf ihn zu. „Mein Gott, Mann, waö ist Dir geschehen?" „Nichts. Laß mich in Ruhe." „O, Tu hast Kummer — ich muß ihn erfahren, ich will auch meinm Theil daran." Und sie schmeichelte und herzte ihn so lange, bis er nicht länger widerstand. Da sagte er ihr alles. Helsia konnte vor Weinen kaum sprechen. Sie warm ruinick. Und sie hatte nichts gesehen, nichts gemeckt — sie war neben dem seit so langer Zeit verzweifelnd kämpfen» den Manne dahingetändelt, oberflächlich, sorglos, wie eine leichtfeckigr Geliebte, nicht wie eine theilnehmmde Frau. „Und ich habe gelebt, als ob wir reich, endlos reich - wärm," stammelte sie schluchzmd, „und nun bin ich mit an Deinem Unglück Schuld!" Er streichelte ihrm blonden Kopf und antwockcke mit trübem Lächeln: „Das läßt sich nicht leicht lmgnen, Herz, Du hast ein wenig toll gewickhschaftet. Doch das ist mein Vergehn, ich mußte denken für uns Beide. Aber selbst, wmn wir gespart und geknauseck, wie die Harpagone, wir hättm unser Schicksal nicht ausgehalten. Der Millionär unterliegt demselbm Zwange wie der Bcktler, dm Du jeden Freitag beschmkst: Entweder taufm odn Hinaus." „Gut," sagte sie ttotzig, „dann gehm wir. Adam mußte sogar aus dem Paradiese und hat auch noch ein Unterkommm gestruden." „Und wovon leben?" fragte er finster. „Von vom beginnen wie ein kleiner Commis? Dock probirm, da probiren? Bmno — der kann es wagen. Der Junge hat seine Kunst und steht allein. Aber wir — durch g unzählige Bedürfnisse verwöhnt, an tausmd Bequemlichkeit« gebunden! Du kennst das Lebm nicht, das kleinliche, ängstlich erwägende Lebm. Du wirst jedm Tag unglücklich sein, jedm Tag von nmem. Was weißt Du, was ein Kleid kostm darf, oder ein Hut! Dann heißt eS, theile es Dir ein, «chne, spack, und das hast Du nie gelemt, und träft es niemals verstehe». Und erst die Kinder! Dich darbm sehm, — Dich und die Kinder! Nein!" ckef er heftig, „ich will nicht, daß meine Kinder in Noth und Kummer ihre Jugend verlieren und bei jedem kleinsten ihrer unschuldigm Wünsche Horm soll«: DaS darfst Du nicht, oder: Du kannst eS nicht haben. Ich will nicht, daß Deine schöne Gestalt, die meine Lost ist und meia Augmttost, vor der Zeit verfalle, und Sorge und Gram Deine Blüthr zerstör«." Bin ich nicht jung?" sprach Helsia. „Jugend hat Kraft und Schöahat^ch »o . 3

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