Jüdisches Familienblatt
- Journal
- Jüdisches Familienblatt
- Volume
- 1894
- Issue
- 24 (1894)
- Date
- 1894-01-01
- Page
- Seite 94 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Turch die Fenster flog ein Hagel von Steinen, in die Spiegel, aus die Model, aufs Clavier, daß die Tasten Kirnen, die Splitter stoden. Tie Frauen schrieen und fielen in Ohnmachr, die Männer rannten wütheud umher, es war, als stände die Welt in Flammen. Helsia raste zu ihren Kindern, Benno sühne die halb befinnungsloie Claudia aus dem Saul — Alexandroff wetterte mit den Dienern, sie sollten hinunterlamen und die Uebelchäter mit Maulschellen ttaktiren. — „Thüren zu! Äsen vor!" donneNe Salmon. Tie mächtigen Ciscnjaloufien wurden an den Fenstern herabgelassen, die Thüren verschlossen. Ter alte Abraham griff nach seinem Stock und war der Erste auf der Sttaße. Salmon und Herr von Kaminski rannten hinter ihm drein und hatten Jeder einen guten Recolver in den Händen, ein paar Herren, die als Nachhut kamen, hatten sich gleichfalls mit den ersten besten Schlag- und Slechinstrumenten bewaffnet. Bor dem Hause umringte ein Haufen wüsten Gesindels einen Karren, der, mit schweren Steinen zum Brechen vollgeladen, dem johlenden, schreienden Pöbel schier unerschöpfliches Material zu Wurfgeschossen hergab. Aus diesem Steinhügel thronte wie Poliphem auf seinen Blöcken der brave, alte Polncidicner Thomas Thrvphosowitjch und koinmanditte erhobenen Armes das Bombardement ans das Liederttost'sche Haus, beider, leider — „launisch ist sie, die Rike, die Bringerin glorreicher Siege" dieweil ein geschickt geführter Hieb den stack bezechten Commandeur von seinem Munitionswagen herunterpurzeln machte. „So! Tas war der Erste," sagte Salmon grimmig, „was wollt Ihr hier?" „Tu hast nicht zu nagen," schrie ein Individuum, das Salmon recht bekannt oockam. Er täuschte sich auch keineswegs, der Schreier war ein ehemaliger Scheerer aus seiner Fabrik, den man wegen allerhand schlechter Streiche entlassen hatte. . „Ihr seid Juden, Ihr alle, und jetzt wird man Euch fortjagen alle miteinander." Mittlerweile hatte sich Ehrenthomas wieder unter dem Wagen hcrvorgekrabbelt und brüllte, sich mühsam an der Planke des Karrens aufrecht haltend, mit einem wahren Bärengeheul: „Raus müßt Ihr, Juden raus!" .welch imponirendcn Schlachtruf der Haufen hübsch taktmäßig wiederholte. Herr von Kaminski lud gemächlich seinen Revolver: „Wollen mal der Kanaille eins am'kn allen!" „Nicht schießen," wehtte Abraham. „Lassen sie mich nur diesen betrunkenen Schlingel zur- Raison bringen." „Um Gotteswillen, nein," mahnte der Patckarch leise, „wir müssen es entgelten;" und unbekümmett um den Steinhagel, der an ihm vorübersauste, faßte er seinen guten, alten Thomas Thryphosowitsch, bei den Schultern und schüttelte ihn derb: „Wo hast Du den Befehl des Herrn Tsodatneij pristav. sag?" „Ta stehts in die Puppiere," grunzte Thomas. Ja, wo waren die „Puppiere"? Er suchte und nestelte an allen Taschen und Ritzen seiner verschlissenen Uniform herum, dir „Puppiere" waren nicht zu finden. Ein Unfall, den Liedeckrost längst vorausgesehen hatte, denn seit Menschcngedenken war es Thomas unbestrittenes Recht alle ihm amtlich anveckrauten „Puppieren" einfach zu verlieren. „Ten Befehl her!" schrie Abraham, und es kostcke ihm nicht wenig Kraft den tobenden Janhagel zu überschreien, „ich werde Dich melden, Hallunk, Tu hast ein Amtssiegel unterschlagen. Ihr da mit, Ihr werdck Alle arrettck!" Bor allem Geschriebenen hat dn russische Pöbel ziemlichen Respett. Man stutzte, ftagte einander — der und jener bückte sich wohl selbst nach den gesuchten „Puppieren", und jetzt, recht im günstigsten Augenblicke, kam Hilfe, steilich auf die wunderlichste A«. Alexandrofi und Benno, die auch nicht davon bleiben wollten, hatten mit einer Kraft und Gewandtheit, die jedem Athlctenpaare Ehre eingelegt hätte, den Wagen mit den Steinen umgestülpf, «arm dann auf die Bretter gesprungen und feuerte» ein Paar Schüsse in die Lust. I« fünf Sekunden war der Kampftüatz sehr bereitwillig geräumt. Thvmas Thryphosowitsch nahm man mit, ein wenig gewaltsam, aber Hm von Kaminski bestand darauf, er wolle ihn den Damen zeigen. Ll'en im Saal wurden die Rückkehrenden mit hellem Jubel empsaugen; Frau Helsia fiel vor Aller Augen ihrem Gatten um den Hals, die Damen bestürmten die Männer/ ihnen den Hergang des Abenteuers zu erzählen. Kaminski trieb den sich jetzt sehr kläglich gcberdck g Gossengeneral vor sich her. „Tausend Entschuldigungen vor Ihnen,'-verehrtest« Frau- Wirthin, daß ich kein schöneres Kriegsbcutestück zu Ihren Füßen niederlegc, aber nun müssen wir mit diesem Stwlch ' ein kleines Verhör anstellen, bitte Pan Liedeckrost, wollen Sie .. den Dolmetsch übernehmen, Sic wissen, ich spreche das verhaßte Russisch nicht." „Warum Haft Du skandalim?" Ziemlich eingeschüchtert sah sich Thomas in dem elo-f' ganten Salon um; er ivollte nicht sprechen, man brachte chm ' einen Cognac, da wurde er bald gemächlich. Sogar Deutsch radebrechte er, und ganz eckräglich: Panuschek Grgdunoff hat gesagt: Thomas, knegst Du zehn Kopeken, wenn Du heut dem Juden die Fenster einschlägst. Kann ich doch nicht zehn Fenster alle einschlagen, bin ich zu schwach, Hab' ich mir güte Freunde mitgenommen." . . ' „Liebenswürdiger Jüngling, biefer Grodunoff", sprach Herr von Kaminski leise,, „und was hat der tnclintner pristaw •* noch befohlen", schrie er Thomas an: „Tie Puppieck»!" sagte Thomas ängstlich. „Ja wohl, da steht es drin", ermuntecke ihn Abraham, „aber Du iveißt geiviß auch davon, Brüderchen, nicht wahr?" Thomas blinzckte tückisch um sich und fauchte dann: „Die Juden müssen raus!" , , „Tu mußt raus", rief Salomon ärgerlich, woraus Freund Thomas auch wirklich vor die Thür befördert wurde. „Bicken wir Dir nicht Unterhaltung"? fragte Frau Helsia ihre Freundin, „npn hat man Dir sogar ein bischen Revolte . vorgemacht." ,O, Ihr mit Eurem Aufftand, Ihr macht zu viel Auf-' Hebens davon", anttvockcke Claudia, die aber nur lächelte, um ihre innere ilngst zu verbergen. „Herr Alexandroff hat während des ganzen Tumultes nicht einmal seine Glacse'S ‘ abgelegt." - „Es lohnte sich. Schlechter Spaß! Das war -tlles!" > „Dem oer schlechtere'Ernst bald Nachfolgen wird, meiu lieber Jemilian. Ich bin überzeugt,' ThomNs hat in seinen „Puppieren" für die meisten von Ihnen daS Ausweisungsdcrrck." . ,O! o! Heck von Kaminski, bange machen gilt'nicht", ' lachte Salmon. Aber sein Lachen hatte eisten falschen Klang, er war' fies erblaßt, die 'Mehrzahl .seiner Gäste merkte seine . .Verwirrung und schaacke sich um ihn. - . „Was' hatte Kaminski gesagt? AusweisungSdecrck"? - „Dummes Zeug", "brummte der Eint. „DaS'hieße Polen^ entvölkern. Wir leben im neunzehnten Jahrhundert." „Was thue ich mit dem Jahrhundeck?" erwiderte der ' alte Jtzig kopffchüttelnd. „Wir haben aus' dem vorigen noch dreizehnhundeck Tage Plus." „Das Jahrhundeck kann sich, seine Tvlnanz verglasen . lassen, rin schönes Bild ist es nicht." . . „Auch wahr." ' „Laßt unS hören, was Kaminski räch." Uebcr Herrn von Kaminski's Gesicht flog ein häßlicher,' ' maliziöser Schein. Fast geringschätzig blickte er auf die ängstlichen Mienen vor ihm herab; er war ein außergewöhnlich großer Mann und konnte recht gut über Alle hinwegsehy», dann zuckte er die Achseln und sprach - ' „Ja, meine Herr,.' schäften, dzt Regierung hat unerschMMMß». AWht. HitA