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Jüdisches Familienblatt · 1894-01-01 · 23 (1894) · p. Seite 90

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Journal
Jüdisches Familienblatt
Volume
1894
Issue
23 (1894)
Date
1894-01-01
Page
Seite 90 (sequence 2)
Language
German
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Myrthenbäumr abgeschlossenen Erker im Salon, wo er unbeachtet verweilen und Claudia erwarten konnte. Tie übermüthige Spötterin hatte ihn diesmal tiefer gettoffcn, als sie selbst zu ahnen vermochte. Benno leugnete es vor sich selbst nicht mehr, daß ihn eine innige Sumpahie dem fremden Mädchen verband. Was waren ihm setzt all die niedlichen, etwas unreifen Fräulein, mit denen der leichtherzige Student bisher sich amüfirt und getändelt hatte? Claudia verdunkelte alle. Er wurde nicht müde ihre Gestalt, ihr Gesicht sich unablässig zu vergegenwärtigen. Ihre seine, zurückhaltende Att sich zu betragen, übte auf Benno, der um das Geheimnis ihres mit Leidenschaft getränkten Temperaments wußte, einen weit gefährlicheren Reiz, als cs alle Perführungskünste einer großen Kokette je gekonnt. Am meisten entzückte ihn an ihr eine ihr ganz eigenthümlich anhaftende, weibliche Schüchternheit, die ihr im Gegensatz zu Frau Helsia's resolutem Tareinsahren oft einen rührenden Schein von Hülflosigkeit verlieh. Die Gegenwatt Fremder machte sie befangen, sie ettöthtte wie ein Kind, wenn vordringliche Blicke sie musterten. In welche Verlegenheit hatte nicht das Anstatten dieses Tölpels Grodunoff sie heute versetzt! Er hatte die größte Lust gehabt, die stumpfe Rase dieses Unholds breit zu schlagen, — aber mußte nicht die Lieblichkeit Claudia's überall Aussehen erregen? — Und schier unenräglich wurde es ihm, sich dieses feinfühlige, keusche Geschöpf auf einer Bühne zu denken, den dreisten Blicken Tausender ausgesetzt. — Er segnete jen« unglücklichen Fall, der seinem eisersüchtigen Tollkops diese Pein erspart . . . Wer aber, ja wer war der Mann, dem nicht angehören zu dürfen ihr damals das Leben so wetthlos machte, der sie bis zum Wahnsinn der Selbstvernichtung tteiben konnte? War er ihrer wetth? Wer war er? „Einen Preis auf seinen Kops! Da steckt er, der Unsichtbare! Hat man ihm endlich die Tarnkappe abgeschlagen?" Benno suhr in die Höhe. Er war ganz bestürzt, einen Herrn in gewähltester Salontoilette vor sich zu sehen ... < „Alexandroff!" „Höchst selbst. Ach bin es. Ich suche Sie seit einer Viertelstunde. Was in aller Welt.tteiben Sie hier?" Wie hatte er nur die Zeit verttäumt! Wahrhaftig, drüben war die Gesellschaft bereits versammelt. Benno'war so verwirtt, daß er ganz der Wahrheit gemäß ftanünelte: „Ich watte. auf'Clalldia." „So! so! Sie hatten das Ansehen, als ob Sie dichttten. Ich matte übrigens auch auf sie. Wir meinen doch Fräulein von Moorbach Beide? Nicht wahr? Es ist plenty time zur Tafel zu gehen. Endlich! Da kommt sie . . ." Wirklich ttat Claudia jetzt aus einer gegenüberliegenden Thür und grüßte mit ihren glänzenden, 'blauen Augen, sttahlend vor Liebenswürdigkeit, fteundlich hinüber: „Schön, sehr schön! Wahrhaftig, so sah ich sie nie," sagt^ Alnandroff mit unverhehltcr Bewunderung! „Schön, wie ein vom Jimmel gefallener Stern! Was machen Sie für ein Gesicht, keiner? Seien sie unbesorgt. Die Sterne, die begehtt inan nicht, man fteut sich ihrer Pracht . . . Er ging lachend davon und ließ Benno stehen. Der wußte selbst nicht, warum er Alexandroff auf einmal so gram wurde. Er sah ihn sich Claudia nähern, sah sie lächeln, da Alexandroff lebhaft, sehr viel lebhafter als sonst zu ihr sprach, sah wie auf einmal eine glühende Röthe ihr weißes Antlitz überzog und sie mit einer halbscheuen Geberde ihre Hand in seinen Arm legte . . . und der gute Junge spütte kennend, rasend den unvernünftigen Wunsch, Claudia an sich zu reißen und sie fottzuführen, west fort von diesem Manne; aber da kam Helsia und bemächtigte sich seiner: „WaS fehlt Dir? Warum siehst Du so finster? Fott mit Dir zu Tische ., . Amüfste die Damen . . Niemand will so räht lustig sein . . Mein Gott, was haben denn dieseLeutt heute alle?.. Salmon?" ‘ „Ich suche Dich," sagte der junge Witth und bot sein«< Gattin den Arm. „Hast Du Alexandroff vttanlaßt, meine Freundin zu Tisch zu führen?" „Gewiß. Sie ist die schönste der Damen hier und „Es fehlte noch, daß man sie ihm auf silberner Schüssel präsentittc," ries Helsia ärgerlich. : „Sei vernünftig, Frau, .bat Salmon leise, „es liegt mir alles daran, Jemilian heut guter Laune zu haben." Helsia schwieg. Gefälligkeiten von Alexandroff für ihren Mann, und die Liebenswürdigkeit der Freundin sollte sie be. schleunigen? Das war ihr sehr gegen den Sinn . . Man hatte sich ziemlich zwanglos bei Tische gruppirt. Wer sich leiden mochte und verttug, setzte sich gemüthlich nebeneinander. . Oben an der Tafel, neben Väter Abraham, hatten wie billig die Vornehmsten der Geladenen ihren Platz. Ta saß heut ein seltener Gast, Hett von Kaminski, ein stattlicher Cavalier mit scharf geschnittener, geistvoller Physiognomie und den einnehmendsten Manieren. Hett von KaminÄi galt für sehr reich — man munkelte, daß n all seine Kapitalien im Dienste der altpolnischcn Propaganda verwende.. Er war unzähligemal in Haft gewesen, ihr aber immer, dank der Protection einer sehr hohen Persönlichkeit, wieder entkommen. Auch jetzt, und mehr wie je hielt die russische Polizei ei»' scharfes -Auge auf ihn. Merkwürdig genug, die russische Polizei hatte in diesem Falle eine geheime, aber sehr energisch« - Verbündete an — Helsia. „Ich werde ihn verheiraten. und > er revoltirt nicht mehr," sagte die junge Frau. Die Schlaue, hatte die zufällige Ankunft des wohlhabenden,. und wenn er sich nur vorläufig in den Stand der gegebenen, politisch«, Verhäsknisse schicken wollte, auch ttcht einflußreichen ManneS ' mit stillem Frohlock« begrüßt. Wenn Claudia nur sehen, nur ungleichen wollte!! ..... Mit bezaubernder Attigkeit hatte sich dn adlige Hnr seinen Hut reichen lassen und sich bedeckt, da d« alte Abraham den Segen übn den Wein und die Brote sprach, während'. Alexandroff als dn Einzige im Saale saß, «der,: wie-auf au eingebildetes Vonecht pochend, baarhänptig blieb.. - -„Finden »Sie nicht, auch die ■ ceremonielle. Främmigkät' des guten Patriarchenein wenig unzeitgeniäß und' auttitt?". flüstettr Alexandroff Claudia zu. „Jmmn noch der Atheist von.vorgestern?" fragte sie schnzend zurück. - . „Tie Atheisten, mein Fräulein, sind nicht ston vorgestern, .sie sind die L«te von heute.?.., rr, w uns« „Und die Theisten die Mätlner dn Zukunft!" . Durch der Himmel weiß welches Mannöver hatte Benno einen Platz an Claudia's linkn Seite nobnt, pber n stand noch und. blickte Alexandroff hnaüsfürdernd an. „Unstreitig. Sie Hab«' das ewige' Leb«," näselt« Jemilian. '„Sie komm« soga? in das Paradies und werden einem Engel zur Seite sein!" Seine begleitmde Handbe-, wegung dies« Phrase war so unwiderstehlich drollig gebietnisch» daß Benno ttotz allen Verdrusses sich - lachmd hinsetzte und ihm die Gegenrede schuldig blieb. „Orientiren Sie mich ein wmig übn die Gesellschaft," bat ihn Claudia leise,' „außn Herrn von Kaminski habe, ich mir kein« Namen gemerft." . . „Abn dies« doch," mmgte sich Jemilian wiedn in das Gespräch. . . - „Es ist ein intnesfantn Mann," sagt« sie lächelnd, „et hat rin rechtes Berschwörngeficht." . „Brutus polonisirt.. Wenn n 'nicht vorh« in Sibsti» stirbt, könnte ich ihn Ihn« alt eine gute Pitttie schr.empfehlen." -

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