Jüdisches Familienblatt
- Journal
- Jüdisches Familienblatt
- Volume
- 1894
- Issue
- 12 (1894)
- Date
- 1894-01-01
- Page
- Seite 46 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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tränke zu brechen schien. Dieser war von den Vornehmsten der Gemeinde umringt, graubärtigt Männer, da» Haupt mit Marikostreimel*) geziert, in sannutverKrämte AtlaSkastatze Khüllt. An der Spitz« der Tafel thronten Reb Mordechai und seine Frau. Letztere trug ein schwere» Seidenkleid nnd anf dem Haupte eine mit Juwelen besetzte Stirnbinde. Auf einem kleinem besonder» Tischchen, da» seitwärts, zur Rechten Reb Mordechai'8, stand, waren gruppenweise Silbergulden, verschiedene Silber- und Kupfermünzen ausgestellt, welch« für die Armen der Stadt, je nach Rang nnd Stufe, bestimmt waren. Da wollte keinen Augenblick die Thüre geschloffen bleiben. Jeden Moment stürmte eine andere Gesellschaft mit Hellem Jauchzen in'» Zimmer. Horch' da braust e» vor der Thüre, und schon rücken sie mit lautem Gepolter heran-' die jüdischen Musikanten, die mit ihrem Marschalek**) an der Spitze gekommen find, um bei Reb Mordechai Tafelmusik zu machen. hurrah!" ließ sich der Lustigmacher, da» possierlich« Männlein mit dem schiefaufgesetzten Käppchen nnd dem vorgeschobenen rechten Füßchen schon bei der Thüre mit seinem wirbelnden Stimmchen vernehmen: „Hurrah! Ein schönes Stückchen amgespielt unserm feinen, edlen Reb Mordechai — Hurrah!" Und schon brummte die Baßgeige, jubelte die Violine, jauchzte die Flöte, klirrte dir Zimbel, und eS sang und klang, daß nur so die hellen Töne in lichtvollen Räumen herumschwirrten. Kaum daß die Musik einen Augenblick verhallte, da kollerten lustig zwei Masken in'S Zimmer, das Gesicht statt einer Larve mit Ruß und die Glieder mit bunten Lappen bedeckt, und wie ein Leierkasten näselten sie ihr eingelernte» Purimspiclchcii herunter: .Hört nur auS meine lieben Leute Lustiger Purim ist ja heut« — Heut ist Purim, morgen ift anS, Bebt mir ein Kreuzer, werst mich hinaus I" „Na" sagte der heute über alle Maßen gutgelaunte Reb Mordechai. indem er ihnen ein Silberstück hinlangte, „Na. da habt ihr solcher zwanzig und erspart mir dafür da» Hinauswerfen!" In seiner heiteren Stimmung ließ Reb Mordechai heute seiner Zunge den freiesten Lauf und keiner kam in'S Zimmer, der nicht von dem Pfeffer derselben etwas zu kosten hätte. Einen Betteljungen, der bei der Thür« mit seinem großen Brttelsack stand, den er mit kleinen Barchesstücken gefüllt hatte, reichte Reb Mordechai einen ganzen Barches hin mit den Worten: „Na, gieb mir Kleines Rest!" Noch lachte alles über den so sonderbaren Einfall Reb Mordechai's und flugs da kugelte ein halbellenlanges MaSkchen in'S Zimmer, das nichtsdestoweniger mit dem Kopfe die Zimmerdecke berührte, weil eS auf demselben eine baumhohe, buntbemalte Papiermütze trug. „Komm' ich herein zu springen" fing das MaSkchen sein Spiel zu »Wischern an. „Wer heißt dich springen, Du kleiner Milchbart?' unterbrach ihn Reb Mordechai, der heute auf Alles etwas Heiteres einzuwenden hatte. . . „Mit einem Füßchen bloß" setzt ungeachtet dessen da» kleine MaSkchen /ort. „Du Lügenmaul, du hast ja Stiefel an l" unterbrach e» abermals Reb Mordechai. „Ich habe nicht womit zu klingen" zwitscherte unterdessen der Spieler weiter. „L ieder eine Lüge" sagte Reb Mordechai. „Du hast ja die Tasche voll klingender Münze!" „Der Dalles-j-) ist zu groß" schloß der kleine Spieler. ,O. wäre nur dein Dalle» das ganze Jahr so groß wie heute!" ergänzte R:b Mordechai. *) Lammlmützen. — **) Luftigmacher, gleichwie Marschalk. f) Armmh. Da« maSklrte Bürschchen suchte au» de« Zimmer zu schlüpfen.''' .Halt!" lief ihm Reb Mordechai nach und fing pS in seinen Annen auf. „Und für Dein Spiel willst Du gar kein Geld,' womit? Du zu klingen haben sollst?" »- „Nein, ichhabp'kein Recht dazu," erwiderte der Kleine „Und warum-da»!" „Weil Sie ja „das Spiel" eben so gut wie ich gemacht haben, und ich bin nur froh, daß'Sie nicht «och von mir Geld verlangen!" ' Die ganze Gesellschaft belohnte die kluge Antwort de» Kinde» mit einem lauten BeifallSgelächter und Reb'Mordechai mit einer Hand.von Silberstücken ... Dieser-kaatt'Beifall erwüthigte den Lustigmacher, der sich oft in seinen SSwänken herausnehmen durste, anzüglich" zu sein, ebenfalls rtwqS Bissiges zum Besten zu geben. „Reb Mordechai," rsagte er, „geben Sie mir eine Flasche Wein und eine Hamantafche" -f-). Reb Mordechai reichte ^hm das Verlangte vom Tische hin. Da fing der Lustigmacher mil scharfem, schneidigem Stimmcheu zu fingen an: 5 „Wohl versteh ich dies« Wasche, Doch nicht solch« Hamantafche!" Und dabei drückte er auf die mit Banknoten reichgespickte Brusttasche Reb Mordechai'8 mit den Worten: „Ist denn da» nicht eine» Haman Tasche?" Dieser scharfe» rohe Witz erzeugte Berstimmunq auf den Gesichtern der Tischgäste, was dem Lustigmacher nicht entging, und er suchte den Fehler wieder gut zu machen, indem er sich in Positur stellte und mit verändertem, freundliche» Stimmchen zu fingen aosing: ' JE« nenne, wer unter Luch weise sei — Las ist unser ««b Mordechai 7" Wie auf Antwort wanend, machte er eine kleine Paus und fuhr dann weiter fort: .Laman-Mordechai im Berein . Ist er ohne Scherz Haman ist die Zunge sein, Mordechai ist sein Herz!" „DaS, Halunke, hast du wahr gesprochen" stimmte Rile Leiser zu und reichte ihm zwei Gulden hin. _ „Den „Halunke" gab mir der Haman, die tUti Gulden der Mordechai" sagte der Marschalek,- und strich die zwei Gulden schmunzelnd ein. .vi’ ,r, Ein Läuten und Klingeln ließ sich inzwischen vor der Thüre vernehmen, al» wären auf einmal alle Glocken Rom» in S-bwung gesetzt nnd schon rückte sie. die Karawane, Hera«,, — neue Purimspieler, baumstarke Kerle, 'jeder mit eine« rothen Shawl da» Haupt umwunden, denn sie find Türken, direkt au» dem Türkenlande und ach, wa» für Qualm taffen sie an» ihren Tschibuk» aufsteigeu, daß die Rauchwolken wie schwarze Schlangen sich zur Zimmerdecke emporwinden. Daz» trägt jeder der Spieler in seiner Rechten «ine Schellenpaust mit zichllosen Glöckchen, die er unbarmherzig mit den Fäusta» bearbeitet, daß es rauscht und klingelt und einen wüsten Lärm verursacht . . . Noch sausten Einem von dem wüsten Glockeulärm ■ so eben abgezogenen Karawane die Ohren, und schon kündh ein Scharren und Trampeln vor der Thüre eine neue Künstlergesellfchast an. Sieh«, da bewegt er sich breitschurig heran der Patriarch Jakob mit dem langen grobmächtigen Flach«, barte und hinter ihm zehn seiner Söhne, gewaltige Gestalten mit Metzgerfäusten, die ihm seinen gelrebten Sohn Joseph an die Mdianiten verkauft haben, und wohl zum hundertsten Male heute fängt Jakob mit heiserer, auSgetrockneter sein Klagelied an: . ..Et, Li, was hebt man un?t Lo ist Joseph mein Lohn?"*) der Kehle ) Pari-»trapsen, v weht wa« ans«