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Jüdisches Familienblatt · 1894-01-01 · 8 (1894) · p. Seite 30

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Journal
Jüdisches Familienblatt
Volume
1894
Issue
8 (1894)
Date
1894-01-01
Page
Seite 30 (sequence 2)
Language
German
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Struve. Und dir HagemannS und dir Schramm und der widerwärtige GrnncmaSn find mit in den Rummel hiueingezogen Melchior. Wenn mir unser Doktorchen nur erlauben wollte, einmal statt seiner ein Recept zu verschreiben, ich würde auch für diese dieselbe stncipkur anordnen. Rur tüchtig durchwichsen! S tr u v« und Deffauer (zugleich): Aber Herr Melchior! Melchior. Ich kann mir nicht helfen. Ihr seid zusammengekonimen, um wahrscheinlich in denselben Fehler zu verfallen, den alle die wackeren GrsinnungSgenoffen begehen. Ihr werdet gewiß schöne Reden halten, große Gelehrsamkeit entwickeln, Berthridigungsschriften für den Talmud drucken laflen, und sofort mit Grazie. Herrliches System das! Als ob cS jener Bagage (der Ausdruck ist vielleicht nicht parlamentarisch?) um die Schriften und die Religion der Juden zu thun ist! Was kann jemanden eine fremde Religion angehen, wenn ihm seine eigene nicht heilig ist? Und haben die Antisemiten eine Religion? Rein» sage ich. Wenn man den ersten Grundsatz: liebe deinen Nächsten . . . Doch, ich bin ja kein Gelehrter und überlaffe euch dieses Gebiet. Aber ich glaube, die Baronin Suttner hat den Nagel auf den Kopf getroffen Rohheit muß man mit Rohheit begegnen. Wenn jemand den Stock gegen mich schwingt, werde ich ihm doch nicht zurufen: halt! ich will eine schöne Ansprache an dich richten. Die Juden und die vorurthrilsfreien Menschen, denen die Sache nah« geht, müssen sich in anderer Weise wehren, als sie eS bis jetzt gethan. Ich kann nicht so schöne Worte machen und alles so gelehrt Vorbringen, wie euresgleichen, aber ich weiß, was zu thun ist; ergo ich bin für'S Treinhauen, und ich glaube, ich werde auf eigene Faust damit den Anfang machen, und zwar mit dem sehr ehrenwerthen Dr. v. Schlägel selbst. D e s s a u er. Bevor wir weiter sprechen, möchte ich Sie, meine Freunde, bitten, mir über alle Vorgänge in den letzten Tagen genau zu berichten. Durch ein hartnäckiges Halsleiden, das ich mir bei einem Kranken, den ich an Diphteriti» behandelte, zugezogen, habe ich seit drei Tagen meine Patienten nicht besuchen können, auch nimmt mich eine große Arbeit so vollauf in Anspruch. . . . 2 truve. Das neueste ist, daß sie auch den ruhigen Besenstiel in die Bewegung hineingertffen. Dessauer. Der ein Antisemit? Dieser gute einfache Mensch? S i r u v e. Sie haben seine Schwäche auszunützen gewußt, ich meine, seinen stillen Ehrgeiz, der von seinem hochhinauswollenden Ehegespons weidlich genährt wird» und haben ihn zum Präsidenten gewählt. Melchior. Mil Speck fängt man Mäuse. Das ist der richtige Antisemitenspeck, eines der vielen guten Mittelcheo, die diese schuftigen Patrone (ich war wohl wieder nicht parlamentarisch?) in ihrer Teufelsapothrke führen. (Der Briefträger dringt einen Brief. Deffauer erbricht ihn und lieft). D e s s a u e r. Do haben wir er schwarz auf weiß, das fehlte noch, lest! Struve. (liest) »Aa Herrn Dr. Ernst Deffauer und Herr Arnold Bürstenbinder! Ich habe die Ehre Ihnen mitzutheileu, daß ich antisemitischer Präsident geworden bin. Melchior. Gratulire! Struve (sorrfahrend) . . „und muß Ihnen hiermit die Wohnung zu Michaelis kündigen. Meine jetzige Stellung und mein Gewiffen erlauben eS mir nicht, einen Juden und einen Freund deffelben als Miether zu behalten. Mit Achtung. Besenstiel.* Melchior. Köstlich! Der Schuster wird noch einmal Kaiser im zukünftigen Antisemitenstaate I Dessaner. Aber wißt ihr; daß 'mich diese Mttheilung betrübt? Jedoch auS anderen Gründen, die mit unserer Sache nichts zu thun haben. Weiß unser Freund Arnold etwas? habt ihr ihn heute gesehen? Struve. Wie find Sie auf einmal so erregt! Sollten Sie leidender sein, als Sie gestehen wollen? Des sau er. Beruhigt euch, es hat nicht» zu bedeuten dieses — Halsleiden. Hört, ihr Freund« ich will euch alle» erklären. Arnold ist ja auch euer Freund, obschon er mit mir, da wir als Kinder zusammen aufgewachsen und jetzt beisammen wohnen, auf vertrauterem Fuße steht. DaS Glück zweier Menschen steht vielleicht auf dem Spiele. Als Jude liegt mir in erster Reihe gewiß an der Mthilfe eine» so edlen GrsinnungSgenoffen, alS eS Arnold ist, sehr viel. Und doch müßt ihr mir helfen, ihn von unS fern zu halten. Ich will, daß eS sogar den Anschein habe, al» ob er nur seinem Lehrerberuse nachgehe und nicht im Geringsten gegen die Antisemiten Partei nehme, mag er in seinem Innern noch so sehr für unier« Sache eingenommen sein. Wie ich eS eben sagte, daS Glück zweier Menschen hängt vielleicht davon ab. Ja, so ist eS. Versprecht mir, ihn dazu zu bewegen. . . Doch, da ist er selbst! Dritter Auftritt. Arnold, die Bongen. Arnold. Verzeiht Freunde mein spätes Erscheinen. Die unregelmäßigen Schläge des Herzens lassen die regelmäßigen Schläge der Uhr überhören. Für den Unglücklichen wie für den Glücklichen verliert die Zeit chr richtiges Tempo. In meinen Augen könnt ihr lesen, welches von beiden bei mir der Fall ist. Dem bescheidenen Schulmeister steht ein große« » Glück bevor. Ihr seid meine Freunde, und warum soll ich meine Freude nicht mit euch theilcn? Freund Aescalap- Deffauer weiß bereit« darum. Gratulirt mir, ich liebe da« herrlichste Mädchen und werde wieder geliebt. Roch fehlt zur Besiegelung unsere? Glücke« daS Jawort der Eltern, aber eS kann nicht auSbleiben. . . . Struve und Melchior (ihm die Hind reichend) : Wie fteue ich mich! Viel Glück! Biel Glück! Deffauer (für sich . Armer Freund! fo weiß er nicht» von der Veränderung, die inzwischen mit Papa Besenstiel vorgegangen und daß der Judenfeind dem Judenfreund« wohl kaum die Hand seiner Tochter geben wird! Struve. So aufrichtig meine Freud« ist, möchte ich ihr vorerst noch einen Dämpfer aufsetzen. Sie ließen rin Wort fallen, das zu bedenken giebt. Sagten Sie nicht, die Besiegelung Ihres Glückes steht noch au». Und der Dichter klagt: Zwischen Lipp' und KelcheSrand. . , . Arnold. Und daß 2 i e «ich daran gemahnen, jetzt daran gemahnen, wo die Freude mir daS Herz f chwellt. DaS hat was zu bedeuten. ES macht mich aber nicht stutzig. Ich begreife ja Ihre Einrede. Sie halten die Möglichkeit eine» ScheiternS meiner Hoffnungen nicht ausgeschlossen und wollen mich durch eine philosophisch« Betrachtung auf alle Fälle darauf gefaßt machen. Glücklicherweise steht e« damit nicht so arg. In dem Augenblicke, wo ich spreche, ist vielleicht schon da» letzte Hinderniß beseitigt. Die guten Eltern lieben ihre Tochter zu sehr und waren auch mir stet» sehr gewogen. Melchior. Ihr Gelehrten seid doch seltsame Käuze. Saum daß ein Thema berührt wftd, da wird c» von euch gleich wiffenschaftlich und philosophisch, & priori und » posteriori behandelt und ihr lastet das Einfache und Nächstliegende auS dem Auge. Mich wundert, daß ihr nicht gleich einen Disput begonnen über die Liebe, die die Lateiner amor, die Griechen und Perser, ich weiß nicht wie nannten, über dir Lieb« zu Sott, zu den Ettern, zum Vaterland«, zum Weibe, zum eigenen Ich u. s/w. Darf ich mir die einfach« Frage erlauben, wie die holde Maid heißt? Arnold. Selma. — Meine Selma. Melchior. Die zukünftige hold« Selma Bürstenbinder wird aber wohl derzeit »och eine» andere» Familienname» i haben, wenn ich richttg kombinir«?, '

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