Jüdisches Familienblatt
- Journal
- Jüdisches Familienblatt
- Volume
- 1894
- Issue
- 8 (1894)
- Date
- 1894-01-01
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
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Jüdisches 1894» HerauSgcgcben von vr. W, Wattnur ,n Magdeburg. 3»«r Unterhaltung und Belehrung für die israelitische Familie. _ Da« „Tüdif, Krtzrv unbefugte tta f jfumIlten-Vlalt" erscheint wöchentlich alS Vrmtts - vnuvc druck» au» diesem »lalle ifl untrrfagk. — Die Einzelnummer vrilsgr zur zur „Israrlttifchen Wochenschrift" kostet IO Pfg. bei der Ervrdition. Die moderne Krankheit. LustspielinvicrAkten. — Bon S.N. M a r gu l i er. II. Akt. Erster Auftrit t. (Zwei ineinander sinkend« Zimmer im Hause Dr. Dessauer'«, erste- Zimmer, mit Büchern, Fielen und ärztlichen Apparaten au«gefüllt, üder einem Schreibtisch neben den Büsten medictnischcr tkorqphäea die Büste Lessing« und Mendelssohn'«.) Dr. Dessauer (allein, erregt im Zimmer aus» und abgehend). Sei still, mein Herz, ersticke für immer jede Regung, die ein kurzer Sommernachtitraum darin erweckt' Ich ahnte e«, daß er so kommen wird und will mich, ohne jeden bitteren Beigeschmack, an dem Glücke meiner Freunde« freuen. Du hast eS gut gemeint, wackerer Arnold, al» du mit Eifer die Gelegenheit ergriffst, einem jungen Arzte die Praxis eine« reichen Haufe« zuzuführen. Daß dieser Schritt für mich verhängnißvoll werden, daß dar lieblich« Geschöpf auch mich gleich in seinen Zauber bannen würde, wie konntest du da« vorauSsehen. An« Krankenbett eine« reizenden Mädchens hast du mich gebracht, meiner Kunst gelang e«, sie schon nach drei Tagen herzustellen, aber die Krankheit, die ich mir zuzog, heilt kein Kraut. Nie habe ich jenes Hau« de« gutmüthigen Schuster« wieder betreten. Es muß ausgefallen sein, aber ich mußte diesen Mulh haben, e« war ein eisernes Gebot der Pflicht, ljuock weäicruneutL non sanant, ferrum sanat! Nein nicht immer! Jetzt weg mit diesen Gedankenl Wie schwer ward eSmir, gestern meine Bewegung zu bemeistern, al« du, guter Freund, hereinstürztest, dich mir in die Arme warfst und freudestrahlenden Antlitze« die Worte hervorstiebest: freue dich mit mir, Selma liebt mich, sie wird mein! Ich gönne dir diese« Glück vom Herzen. Du bist ein edler Mensch. Schon als Kind, als wir zusammen in die Schule gingen, lernte ich deinen wackeren Sinn kennen. Wenn die Kameraden den Judenknaben verhöhnten, standest du immer auf meiner Seite, auf oer Seite de« ungerecht Geschmähten. Ich vergeffe e« nicht, daß du einst sogar eine blutende Wunde durch mich davontrugst, weil du einen böswilligen Angriff, der gegen mich geplant wurde, von mir abwendrn wolltest. Ich reichte dir damals gerührt die Hand und von dem Tage an waren wir unzertrennlich. — Doch gingen unsere Wege später auseinander. Der Zufall hat un« erst hier al» reise Männer zusammengrführt. Du hast e« bei allem Fleib und Mer Begabung nur zu einer bescheidenen Stellung gebracht. Aber es war ja dein Ideal, Lolttschullehrer zu werden; hier wäre, wir du sagtest, da« richtig« Feld, fflr dir Beredlung unsere» Seschlechte« zu wirken. Hier habe ich auch erst deinen wahren Werth erkannt. Dir ßtzunr ich da» Glück, Selma z» besitze», vom HsMMMiM»? ♦»«» schwer fallen. Da« ist einmal sein Lo«. Mein ernster Beruf soll mich nun ganz für sich haben. Die leidende Menschheit sei fortan meine einzige Geliebte und auch auf das Allgemeine will ich jetzt meinen Sinn richten. Nicht weil ich Jude bin, weil ich Mensch bin, will ich es mit meinen schwachen Kräften versuchen, der Gefahr, die durch die giftige Pflanze de« Antisemitismus Allen droht, entgegenzuarbeiten, obschon ich die Mühe für vergeblich halte... ^betrachtet die Staiuen Lesung« und Mendelsohn«): Sowar euer Kämpfen und Ringen nutzlos, ihr edlen Apostel der Menschheit! Die deutsch« Nation verleugnet ihren Schöpfer de« .Nathan", und besudelt sich mit ihren Stöckers! Doch da kommen ja die Freund«, die edlen Männer.... Zweiter Auftritt. Poster Struor, Melchior, der Borige. Dessauer. «ihnen die Hände schütielnd). Willkommen, liebe Freunde! Quid novi ex Africa? Warum machen Sie, lieber Pastor, eine gar so ernste Miene? Struve. Die Sache nimmt eine schlimmere Wendung, al« ich es mir gedacht. Wir leben in einer bösen, gottlosen Zeit. Auch unsere ruhige friedliche Stadt hält dem eindringenden Feinde nicht Staad. Ich erkenne meine guten Pfarrkinder nicht mehr. Es hätte nicht viel gefehlt und ich wäre gestern in meiner Predigt, wo ich von der allumfassenden Liebe Gotte«, von den heiligen Pflichten de« Menschen gegen seinen Nächsten sprach, ausgezischt worden. Eia laute» Murren entweihte die heiligen Räume des Gotteshauses. „Die Juden sind nicht unsere Mitmenschen", hörte ich eine Stimme. Ich glaube, e« war die de« Redakteurs Schlägel. Melchior. Bah, dieser Schlägel, Schlingel sollte er heißen, da würde er seinem Namen auch Ehre machen. Ich gönne den Herrn Antisemiten diese Acquisition vom Herzen. S t r u ve. Ich sagte e« Ihnen schon oft, man darf die Sach« nicht so leicht nehmen. Ich bin leider nur ein geringer Diener des Herrn, in einer Stellung ziemlich ohne Einfluß auf weitere Kreise. Mein College hingegen, der große Exhosprediger, hat e» in seiner mächtigen Stellung leicht, seine Drachensaat auSzustreuen. Schmach über ihn, der durch seine Thaten unfern Heiland lästert! Wa» er und sein Anhang unter Antisemit versteht, würde ich al« Antichrist bezeichnen. Wa« ich aber von meiner Kanzel au» für die wahre Erkenntniß wirken kann, dar geschieht und soll geschehen, trotz seiner und aller Feinde de« Rechtes. Euch. Freunde, überlaffe ich cs, gegen unseren Unruhstifter» gegen diesen 7!edakt«ur, etwa» zu unternehmen. Melchior. Ich bin für'« Durchwichsen. Dessauer. Aber sein Sie doch einmal ernst, Melchior; Herz und Verstand find bei Ihnen am rechten Flecke; wenn Sic nur da« Spaßen in so hochwichtigen Dingen laffen könnten. Melchior. S» ist aber doch mein vollster Ernst. . HfitLA'LJ; D