Jüdisches Familienblatt
- Journal
- Jüdisches Familienblatt
- Volume
- 1894
- Issue
- 6 (1894)
- Date
- 1894-01-01
- Page
- Seite 22 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Mit dem Doktor bleibt eS fast einRSthsel; er hat sich gleich zurückgezogen, nachdem er mich einmal behandelt. Arnold aber, der ein großer Blumenfreund ist, besuchte seitdem öfters unser« Garten und wurde von Papa auch immer gern gesehen. - Er kam NachmittagS.JHr wart nicht zu Hause, wir gingen im Garten herum und sprachen, ich weiß nicht mehr über was alles; plötzlich hielt ich inne, mir schien, alS ob mein Name gerufen wurde, ich schaute mich um, nirgends'ein lebendes Wesen außer unS beiden, aber er, Herr Bürstenbinder, Arnold wandte rasch den Kopf um, auch ihm kam es vor, als ob er seinen Namen nennen hörte; wir standen überrascht und sprach, los da, nnd auf einmal ergriff er, der sonst immer fast schüchtern an meiner Seite einherging. meine Hand, schaute mir innigen Blickes in die Augen und sprach: So haben denn, vielleicht, uns selbst unbewußt, unsere Herzen gesprochen,,^ Fräulein Besenstiel, Fräulein Selma, Selma? Meines ließ sich längst laut vernehmen. Sollte eS endlich in Ihrem Herzen ein, wenn auch nur schwaches, Echo erweckt haben? Und war dies die göttliche Stimme, die Stimme der Liebe, die wir zu hören glaubten, die uns bei unseren Namen anrief, um den schönen Traum, den ich, an Ihrer Seite einhergehend, träumte, zur noch schöneren Wirklichkeit zu machen? Selma, darf ich an diese?' Glück glauben? . . . Susanne: Und was gabit Du zur Antwort? Selma: Mutter ich weiß es wahrlich nicht mehr so, recht, ich glaube, ich sagte, wenn Papa und Mama Ihnen gewogen sind. . . Susanne: Das war zu übereilt, mein Kind, das war gar nicht recht. Selma: Verzeihe, meine theure Mutter, wenn ich unrecht gethan. Ich war so freudetrunken, so hoffnungsvoll. Wie Härte ich an Eurer Zustimmung zweifeln sollen? Giebt eS einen beffern, brcvern, rechtschaffnern, liebeSwerthern Menschen als Arnold. Nur jetzt . . . jetzt ist mir das Herz so schwer. Mich beschleichen böse Ahnungen von bevorstehendem Gram und Herzeleid. Papa ist zuweilen so eigen, und doch ist er Arnold bis jetzt immer freundlich begegnet und Arnold. . . Susanne: (halb für sich»: Arnold Bürstenbinder (laut) Beruhige dich vorläufig, mein Kind, ich muß zuerst allein über die Sache Nachdenken. Jetzt bin ich ermüdet und fühle mich etwas angegriffen. Papa muß jeden Augenblick kommen, laß mich jetzt allein. (Sie kiißt sie auf die Stirn. Selma geht durch die Glasthür in den Garten.) Driter Aust ritt. S u s a n n e: (allein) So soll denn mein Herz noch um eine stille Hoffnung, um einen innig gehegten Wunsch ärmer werden? Mein glanzloses Dasein hoffte ich durch wein einziges Kind verschönert, aus dem Dunkel emporgehoben zu sehen. — Die stattliche Mitgift, di« wir ihr, Gott sei Dank, geben können, berechtigte mich, eine glänzende Partie für sie zn erwarten. Ein reicher Bräutigam war zwar nicht mein Ideal, sie hat ja von uns genug, und Geld allein macht ja nicht gücklich. Aber einen Namen, eine Stellung, einen Titel, ja, einen schönen Titel, so etwas wie Kanzleiinspektorin, LandeSgerichtSassistenten, gar nicht zu sprechen von einem Titelchen, daS mit „räthin" endigt, wenn auch ohne vorangehendes „Geheim" Und der Name Besenstiel sollte auch was Schönerem Platz machen. Aber, es ist die reine Ironie, wenn der Besenstiel bloS in Bürstenbinder und der Schuster in einen Volksschullehrer verwandelt werden soll. Allerdings ist er ein char. maoter, unter und ordentllichn junger Mann, das läßt sich nicht bestreiten. Aber Ideale sind Ideale. Und mir sollen meine auch bei meinem Kind« nicht in Erfüllung gehen! O, Gott, warum strafst Du mich so hart! Wenn mein Mann doch etwas werden möchte; ich will ja bescheiden sein, und Dir, lieber Himmel, schon für den kleinsten Titel danke». . Vierter «uftrit t. Peter Besenfttel. die Bonge, Peter: Für den kleinsten Titel danken, wie bescheiden, lieb« Präsidentin, hochgeehrte Präsidentin, guten Morgen Frau Präsidentin! Susanne: Guten Morgen, lieber Mann, aber war soll da» heißen? Warum treibst Du Deinen Scheiß mit mir? Ich bin nie, und heut« am wenigsten zu Späßen aufgelegt, und wenn Du schon meine letzten Worte belauscht hast, waS ich eigentlich nicht schön finde, so hast Du doch gewiß keinen Grund über mich zu spotten. . . Peter: Aber beim heiligen Crispin! wie kann e» Dir nur einfallen, daß ich über Dich spotte, zumal in einem Punkte, über den ich Dir schon lange im Stillen recht gebe, ich meine über die Ehre, die Standesbegriffe, (in einschmeichelndem Tone) Du verstehst mich wohl, wenn ich eS auch nicht so wie Du» meine vielbelesene Frau, so gut ausdrücken kann. Susanne: So bist Du endlich wirklich zur Einsicht gekommen. . . Peter: Ich sagte ja, daß ich Dir im Stillen recht gab Und da Du nach zwanzigjähriger Eh« noch immer so schön und jugendlich bist, (mit Galanterie) wird Dir der schöne Titel „Frau Präsidentin" auch ausnehmend gut stehen. . . Susanne: Ich verstehe Dich aber noch immer nicht. Peter: Du verstehst ja in Deinen Journalen immer die schwierigsten Rätysel aufzulösen, hier aber muß ich Dir schon zu Hilfe kommen und Dir langsam alles klar und verständlich machen. So höre denn, liebe Frau und staune welche große Ehre über Nacht über unser Haus gekommen! Susanne: Wenn cs kein Scherz ist, so machst Du mich wirklich neugierig. Peter: Vorbereitet ist eS schon lange im Stillen, und darum sahst Du mich in den letzten Tagen sp beschäftigt, ernst und zerstreut, ich kam auch gestern später als sonst nach Hause, denn gestern war der denkwürdige Tag, an dem das Werk vollendet ward. Ich, Dein Gatte, der Schuhmacher Peter Besenstiel, bin Präsident geworden, und noch was für ein Präsident — o wie klingt der Name so schön! Susanne: Nun, nun? Peter: Präsident des ersten hanseatischen — (für sich) verdammt, ich kann das Wort noch nicht behalten, wie heißt es nur? antischuhmitischen, anlisaumitischen, — (laut) Präsident deS ersten hanseatischen antisömittschen Vereins. Susanne: C’est de l’hebreui pour moi, wie der Franzose sagt, oder wie man sich gewöhnlich ausdrückt: das sind für mich böhmische Dörfer. Was soll daS bedeuten? Peter: Weißt Du, was Sömiten sind? Susanne: Nein. Peter: Und waS Arier sind? Susanne: Nein, doch ... ich verstehe ja perfekt französisch. Wenn eS ein französisches Wort ist, dann bedeutet ärmere: zurückstehend, Rückschritte machend, wie arriere* garde. Peter: Mit Nichten! Arier ist grade ein richtiger Deutsche und bedeutet dasselbe, was Antisömit; ebenso, wie Schuster uud Schuhmacher dasselbe ist. Susanne: Die Beispiele könntest Du Dir abgewöhnen, doch weiter. . . . Peter: Weißt Du was Juden sind? Susanne: Welche seltsame Frage, wie sollte ich das nicht wiffen? Peter: Nun sag' eS. Susanne: Juden sind diejenigen unter unfern Mitbürgern, die Gott in einer andern Weise anbeten und, anstatt in die Kirche, in den Tempel gehen. s Peter: So glaubte ich auch; nun aber wiffe: Jude» find Teufel, Geschwüre, Pestbeulen, der Krebsschaden der menschlichen Gesellschaft, Blutsauger, Meuchelmörder« Menscheufreffer. '