Mannheim
Compact Memory

Jüdisches Familienblatt · 1894-01-01 · 5 (1894) · p. Seite 19

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdisches Familienblatt
Volume
1894
Issue
5 (1894)
Date
1894-01-01
Page
Seite 19 (sequence 3)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
93% known words query
IRI
…/6492351-8722849-5962374--2340-5376550
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Hieher muß daher seinen Zögling mit der fortschreitenden intellektuellen Bildung zu einem stet» klarer werdenden Bewußtseinführen über den sittlichen Wert oder Uuwert der eigenen, wie der Handlungen Anderer. Er muß die werdenden Maximen zum Gegenstand prüfender Besprechung machen und wird dabei Gelegenheit bekommen, bald abzumahneo, bald dem ZSgling ausdrücklich einzuschärfen: dar mußt du dir zum bleibenden Grundsatz machen. Die größte Bedeutung für die Charakterbildung hat aber ohne Frage der Religion»- vnterricht, der, wie kein anderer, Anlaß giebt, auf die Bildung solcher Grundsätze einzuwirken, die auf große, sittliche Zwecke gehen. Ueberhanpt wird aller Unterricht die Eharakterbilduug unterstützen, wenn er da» Streben nach Wahrheit velebt,.die Liebe zum Guten und die Bewunderung alles Großen und Edlen anzusachen weiß. (Rüegg, Päd. S. 239,240.) ES sind den Seminaren Mittel genug gegeben, teils verhütend, teils fördernd auf die Bildung des Charakter» ihrer Zöglinge zu wirken. Möchten die Leiter erwägen, daß nur chrakterrolle Männer Tharaktere erziehen können. Es ist auch auf diesem Gebiete der Erziehung und Lehrerbildung viel gesündigt worden. Man beschränkte sich oft nur darauf, das Gedächtnis des Schülers mit Kenntnissen anzufüllen, ohne diese Kenntniffe in Beziehung zu dem Gemüte zu setzen. Gelehrte Menschen sind aber doch noch keine ge bilde te, wohlerzogene Menschen. Man zwängt die Jünglinge Seminaristen, in da»Jn- 1 erna t,und sie, die in den Flegeljahren sichauStoben wollen, find zu einem klösterliche» Leben verurteilt. Eie fühlen nicht den erziehenden Einfluß einer «eise waltenden Fraucnband, sehen nicht daS wohlthätig wirkende Beispiel eines treu sorgenden HauSvaterS, merken nichts von wohlanständigen Formen am Familtentische und in den Familien- und Gesellschaftskreisen der gebildeten Bürger. Sie leben mitten ini Strome der Zeit mit tauben Ohren und sehen, wenn sie der A»stalt Mauern beim Spaziergange im Rücken haben, die Welr nur durch des PräceptorS Brille. So fehlt ihnen die erst« Bedingung zur Bildung de» Eharakter» — die Freiheit. Wie mancher Brausekopf schlägt aber'der strengsten Hausordnung und dem wachsamsten Hausmeister ein Schnippchen. Da bietet Strenge Aulaß zur List, zur Heuchelei und zum Ungehorsam. Auch die Seminarjahre vergehen, aber nun erzittert vor dem Sklaven, der die Kette gebrochen hat! Im Vollbesitze einer ungewohnten Freiheit genießt er in vollen Zügen, wonach er sich so lange gesehnt hat. Der an blinden Gehorsam Gewohnte fühlt sich nun Selbstherrscher. Au» dem Juternatzwang rührt die häufige Erscheinung, daß so viele junge Lehrer am Anfänge entweder sich scheuen, aktiv in die Gesellschaft einzutreten und außer der Schule wegen Unbeholfenheit, wegen ihre» linkischen schülermäßigen Benehmen», den gerechten Spott aller derjenigen ernten, die vielleicht nur durch einen äußern Schliff ohne innere Geiste», und Herzensbildung da» gesellschaftliche Terrain beherrschen, oder daß sie durch ihre Arroganz, da« stutzerhafte Auftreten, durch ihre gelehrten Eitate, durch die Lehrerfirma auf der Nase, die Geringschätznng und die Ironie der höher stehenden Gesellschaftskreise Hervorrufen. „Den Weg de» König»" zu wandeln, die rechte Mitte zu halten, den feinern Takt zu treffen, ein guter Gesellschafter zu sein, sich ebenso fernhaltend von den Allüren Sr. Ehrwürdeo, wie von dem Auftreten de» Modehelden, haben die jungen Lehrer iw Internate, fern von dem Familienleben, freilich nicht kerne» können. Und doch entscheiden, die ersten Jahre über die gesellschaftliche Stellung de» jungen Manne». Fehltritte in der Gesellschaft find selten wieder gut zu machen. Dann bleibt oft nicht» übrig, al» durch «inen Stellen- oder Berufswechsel eine unhaltbare Position aufzugeben. Die Schule, 'der Beruf de» Lehrer», auch sei» Nebenberuf al» Prediger, leide» unter den persönlichen Mißhelligkeiten. Der Lehrer wird in bald gewahr, daß er selbst noch gar sehr der Erziehung und Leitung bedarf, er wird zu seine« Leidwesen «tnsehe«, daß ihm feste Grundsätze, sichere» Urteil, Menschen- und Sachkenntnis ganz und gar abgehen, er wird mit Recht da»Seminaranklagen, da» nicht verstandea hat, Eharaktere zu erziehen. VH. Mittel zur Grn»S,lichnn« einer genügenden Borbildnng de» jüdischen Lehre»». Angelangt am Schluffe der Berichterstattung über die An fordern gen, die wir am Ende unsere» Jahrhunderts an die Lehrerbildung in den jüdischen Seminaren stellen, weiß ich sehr wohl, oaß es den meisten Seminaren am „Besten" fühlt. Ich weiß, daß unsre Seminare entweder Schöpfungen wahrhaft opferfreudiger Menschenfreunde find, oder daß sie ihre Errichtung, Organisation, Existenz der selbstlosen, thätiden Hingebung ihre» Stifter», ihrer Leiter und deren Gestnnung»- genoffen verdanken, daß die Exzistenzmittel unserer Anstalten genau gezählt und gewogen sind, oder nur auf den ft eiwilligen Spender, und Zuwendungen unsrer Glaubensgenossen im deutschen Vaterlande beruhen, daß die deutschen Regierungen wenig oder nicht! zu ihrer Erhaltung beitragen. Allen Forderungen, deren Verwirklichung mit Aufwendung großer Geldmittel verknüpft ist, ist also von vornerein die Aussicht auf Erfüllung genommen. Wir würden nur leere Worte gegesprochen haben, wenn wir Maßnahmen forderten, ohne zugleich die Mittel anzugeben, mit deren Hilfe die von auSgewünschten Zustände und Ziele erreicht werden. Wir geben, um allen Einwäuden zu begegnen, solch« Mittel zur Erwäung, die entweder schon bisher zur Lehrbildung nötig waren, in der Zukunft aber unbedingt trotz aller Schwierigteiten und Hindernisse beschafft werden müssen, weil sie ein wesentlicher Teil der Organisation der Lehrerseminare sind, oder solche Mittel» die angewendet werden können, ohne da» Budget höher zu belasten. (Schlub folg».) Nachtrag zum meinen „Reminiszenzen." «oblthStigkeit»vereine. WohlthätigkeitSvereine, die dem Armen Brod, dem Kranken Labung, dem Verstorbenen ein ehrliche» Grab bereiten, waren seit undenklichen Zetten in allen jüdischen Gemeinden vorhanden: sie gehören zu den wesentlichen Einrichtungen derselben und find ihnen ein unentbehrliche» Requisit. Und so kam e» denn, daß, al» im Anfänge vorigen Jahrhunderts unter der milden und langen Regierung von Ernst Ludwig, dem Landgrafen von Hessen, sich Israeliten in Bessungcn und Darmstadt niederließen, im Jahre 170S ein solcher Verein gegründet wurde unter dem Namen: WohlthätigkeitSverein (Gemillus Ch&ssodim) oder unter dem später» Namen: Begräbnis-Brüderschaft (c'napn man). — Aber im Jahr 1844 war die Anzahl seiner Mitglieder bi» auf 8 gesunken. Da» war auffällig. Obgleich ich noch nicht Mitglied war, so war ich durch die Borttäge, welche ich in mehreren Jahren in dessen allsabbatlichen Zusammenkünften gehalten hatte, in der Lage, der Ursache seine» Verfall» nachzuspüren, und ich fand sie in den vielen einschränkenden Bestimmungen des uralten Gründungsstatut», die die Aufnahme neuer Mitglieder erschwerten. Eine Aenderung mußte eintreten, und ich unternahm e», auf der Grundlage der alteu Statuten neue zu entwerfen, worin jene di^Aufnahme von Mitglieder erschwerenden Bestimmungen auSgeschieden wurden. In einer Generalversammlung fanden sie dieselben allgemeine Beistimmung und Bestätigung. Auch gelang er mir, neue Mitglieder zu gewinnen. Im Jahre 18ÜS waren ISO Jahre verflossen seit Srüudnug de» Verein» nud dieser Zeitpunkt sollte nicht unbemerkt vorübergehen; ich verwaltete damal» da» Rabbinal Darmstadt und auf mein Ansuchen ordnete der Gemeindlvorstand für

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.