Jüdisches Familienblatt
- Journal
- Jüdisches Familienblatt
- Volume
- 1894
- Issue
- 5 (1894)
- Date
- 1894-01-01
- Page
- Seite 20 (sequence 4)
- Language
- German
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den 29. August eine auf dem Friedhofe stattfiudeude religiöse Feier mi zum Andenken au da« ISOjähr. Jubiläum der Vereine. Ich hielt dabei eine entsprechende Rede im Namen der Gemeinde und Herr Sulzbach s. A. eine solche im Namen der BegräbniS-Brüderschast. Meine Rede erschien im Druck und war so schnell vergriffen, daß mir nur ein einziges Exemplar davon übrig blieb. Im Judentum ist seit einigen Deceuuien Manches anders geworden. Da sollen denn noch unsre spätesten Nachkommen den frommen opferwilligen Geist ihrer Urahnen, der sich in dem von ihnen übernommenen und pünktlich erfüllten Verpflichtungen diese» Vereins kund that, bewundern und sich selbst daran erheben. — Darmstadt. M- Mannheimer. Die Jude» als Deutsche, insbesondere in Böhmen. In unserer Zeit hat man sich daran gewöhnt, die Stellung der verschiedenen Konfessionen zu einander als Knltnrmeffer zu betrachten, und wenn man auch nicht immer diesen Maßstab an die Verhältnisse des Mittelalters legen darf, so läßt sich doch die gegenseitige Stellung deutlich erkennen und ist eS besonders in Böhmen, wo der Inden Schicksal, stets im nahen Zusammenhänge mit dem des deutschen Bürgersstand, sich mit diesem emporschwang oder auch sank, wie eS eben die Verhältnisse mit sich brachten. Der flavifche Bewohner betrachtete und haßte den Inden nicht al« Mosaisten, d. h. als Nachkommen der „Peiniger Christi," sonder auch als Fremdling, der eS gleich dem Deutschen wagte, im fremden Lande durch Fleiß und Ausdauer sich emporzufchwingen, während jener im »eigenen" Lande arm zu bleiben verurteilt schien. Die» war nun schon ein Grund zur innigeren Annährnng des Inden an den deutschen Christen. Im allgemeinen erlebten fie glückliche Tage, so oft ein starker Fürst die Regierung führte, ihr großes Unglück war ein schwacher Fürst. Als die Stürme der Huffitenzeit hereinbrachen und mit derselben Wnth das deutsche Bürgertum wie das Judentum trafen, so daß in politischer Beziehung von jeher deutsche und Juden auf einer Stufe zu stehen gezwungen wurden, konnte der Jude nur im Deutschtum sein Heil suchen. Doch das ist schon lange her. Biele Stürme sind über ihre Häupter gezogen und stets war eS der tolerante Deutsche, unter deffen Fahne sich der Jude erholen konnte, und das haben die Inden den jetzt bedrängten Deutschen auch nicht vergessen. In meinen Schuljahren mußte ich, wie eS an der Sprachgrenze allgemein üblich ist, in eine stocktschechische Stadt, um dort die Sprache der Tschechen zu erlernen. Wie mir daselbst zu Mute war, kann nur Jener ermessen; der unter gleichen Verhältnissen von seiner Heimat fern, unter fremdsprechenden Leuten sein mußte kein bekanntes Gesicht, kein deutsches Wort, von den Kindern auf der Straße als nemecky pes (deutscher Hund) verhöhnt. Da führte mich der Weg einmal zufällig in das Judenviertel. Ich wähnte mich verzaubert; hier war plötzlich alles wie zu Hanse auf einem densschen Dorfe. Ans der Schule tömen deutsche Worte, die Nachbarinnen standen unter der Haustier, Kinder liefen auf der Straße, und Alle redeten deutsch. Ich wurde bald bemerkt und fand überall offene Ohren für mein Heimweh und mitleidige Mütter, die mir Trost zusprachen. Man brachte mir deutsche Bücher, der Lehrer ließ mir in der deutschen Schulbibliothek wühlen was mir gefiel und die größeren Knaben schützten mich gegen die rohen Beleidigungen der tschechischen Gaffenkinder, welche in der Fremde doppelt schmerzen. Ich bin seither in vieler Herren Länder herumgekammen, unter den verschiedesten Nationalitäten und stets habe ich die Inden inabgeschloffenen Gemeinden deutsch gefunden. Wir betrachtenjfie daher gleichsam als deutsche Pioniere und würdigen ihr Verdienst nach Gebühr, indem wir jene fanatsschen Hetzer, welche mit unfern Feinde» trotz ihres scheinheiligen Wesen» Hand in Hand gehen, nur verachten, indem wir de» alten Spruches gedenken: büt' Dich vor de» Katzen, ie vorn lecken und hint' kratzen." _ F. I-g Der Kaiser ««d der Rabbi. Eine talmudische Sage. anz auf stolzem Throne saß der Kaiser Hadrian, Tod. Und er ruft mit lauter Stimme: Schafft zur Stelle mir den Inden, Den wir zweimal schon vergeblich vor de» Thrones Stufen luden. Der es zweimal durfte wagen, unserm Wort zu widerstreben. Weigert wieder er Gehorsam, sagt, er spiele um sein Leben l Seinem Zorne zu entgehen eilen seine Diener gern. Bringen bald geführt den Rabbi vor den kaiserlichen Herrn. »Deinen Namen r spricht der Kaiser, »sprich, wie nennst Du Jude Dich?" Tief fichneigend spricht der Rabbi: »Jehoschua, Herr, so heiß ich." »Zweimal Hab' ich," spricht der Kaiser. »Dich gerufen vor den Thron," Zweimal ließest Du mich warten, zweimal hast gefehlt Du schon. Sag', war saumtest Du zu kommen?" Drauf der Rabbi spricht sich neigend: .Herr, ich war bei einem Tobten, ihm die letzte Ehr' bezeugend, AIS zum erstenmal Du sandtest. AIS Du wieder mich gerufen. Kniet' ich in der Synagoge vor des Heiligthumes Stufen. Einem Hähern mußt' ich dienen als Dein Wille mich entbot!" »Wer ist höher als der Kaiser?" fragt voll Zorn der Irischer. Giebt zur Antwort ihm der Rabbi, und der Kaiser springt empor, Rust mit Lachen: »Nun so zeig' ihn, Deinen Gott, mir doch Du Thor! Ich will ihn gleich Dir verehren, wenn Du zeigen kannstihn mir, Aber bist Dws nicht im Stande, stirbst Du und Tein HanS mit Dir!" Und der Rabbi spricht zum Kaiser: »Herr, Dein Wille soll gescheh'n, Folge mir zu jenem Fenster, dort sollst meinen Gott Du seh'nl Es geschieht, am Fenster stehen Beide und der Rabbi spricht: »Lenke Deinen Buck, o Kaiser, aufwärts nach der Sonne Licht! -SEBeit geöffnet Deine Augen, schaue festen Blicks hinein Ohne Zucken Deiner Wimpern m der Sonne gold'nen Schein!" »Bist Du toll!" so ruft der Kaiser, »wessen Auge kann auf Erden In die» Fenermeer wohl blicken, ohne blind davon zu werden?" Doch der Weise spricht zum Kaiser: »Herr, versuch' eS nur ein» mal" Und der Kaiser thut'S, da plötz Von der Sonne, mit den Händen Vor dem Glanz sein Aug' zu bergen._ eS nicht!" „Sohn des Staubes!" spricht der Rabbi, „wolltest Gott zu schauen wagen. Und mußt schon vor seinem Werke Deinen Blick zu Boden schlagen, Frevel ist Dein kühn Verlangen, wie willst Du den Schöpfer seh'n. Du, des Augen bei dem Anblick des Geschaffnen schon vergeh'n l Wenn der Sonne Glanz Dich blendet, die ein Werk nur seiner Hände, Sprich, wie willst Du es beginnen, daß Dich Gotte» Glanz nicht blende?" So der Rabbi und der Kaiser blickt zu Boden tief bewegt, Dann nach langer, langer Pause er den Blick gen Himmel schlägt. „Wahrlich, wahrlich, Gott versuchen war mein thörichtes Bestreben; Herr ich danke, daß Du gnädig Zeit zur Rene mir gegeben, Weiser Rabbi, dankend preisen wollen wir den Herrn vereint Bleib fortan an meinem Hofe und sei Deine» Kaisers Freund!" mar lich trifft ins Auge ihn ein Sttahl >en deckt er zu sem Angesicht, bergen. »Raobi, nein, ich kann J«ch»U: ien Pedr, aal sein jüdischer skintßer. hlima au» dem 14. Jahrhundert. — - ähluna audem 14. Jahrhundert. (Fortsetzung) Son ®b. v.Zemlinsky. — Die Lorbrldu»g de» jüdischenLebrerS im Seminar. Lehreeonferenz-Bortrag von H. Reuß. — Rachtrag zu meinen Reminiszenzen. WohlthLtigkeitSdereine. — Die Jndenal» Deutsche, insbesondere i» Böhmen. — Der Kaiser und der Rabbi. (Rachbrnck an» diesem Blatte Ist verboten.) Berautworl. Redakteur: Dr. Rahmer Magdeburg. Druck:Friedrich Rasche » Co.Magdebnrg. VerlagM-bert Friese Leipsig.