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Jüdisches Familienblatt · 1894-01-01 · 3 (1894) · p. Seite 11

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Journal
Jüdisches Familienblatt
Volume
1894
Issue
3 (1894)
Date
1894-01-01
Page
Seite 11 (sequence 3)
Language
German
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Ilemiuiszeuzeu aus meinem Lehrerlebeu. Boi» D>. Mannheimer, ement. Rabbinattverweser unb Religontlehrer in Darmstadi. (Schluß.) Aber demungeachtet erschien mir meine katechetisch« Kunst noch mangelhaft und unzulänglich. ES fehlte mir an Mustern, >enen ich fie nachbilden, und an Regeln, die mir dabei al» geistige Führer dienen konnten. Da wurde ich zufällig von einem meiner christlichen Collegcn auf dieWerkeDinter», diese- Meisters der Eokratik, aufmerksam gemacht, und wahrlich schon der erste Einblick in besten mustergiltige .Unterredungen" erfüllte mich mit Entzücken, da eS mir ganz klar einleuchtete, daß man durch fleißige» Studium derselben zu einer großen Fertigkeit in der Ausübung der katechetifchen Kunfl gelangen müsse. Ich verfuhr nun folgendermaßen: Bevor ich mit meinen Kindern über ein bestimmtes Thema katechifirte, la» ich die diesbezügliche Katechjfation in Dinier'» .Unterredungen" genau, manchmal sogar mehrmals, nach, und nahm damit zugleich die Modistkationen vor, welche vom Standpunkte de» Judentum» un» geboten waren. Sodann reproducirte ich sie in meinem Geiste, wie ich fie ungefähr mit denselben vorzunehmen gedachte und schrieb sie auch noch überdies manchmal nieder. Also verfuhr ich mit meiner Vorbereitung anfänglich. Später änderte ich mein Verfahren, ich ging dabei mehr spontan zu Werke. Da dachte ich vor Allem über den Zweck nach, der durch die sokratisch-katechrtische Behandlung einer bestimmten Materie erreicht werden solle. Die Begriffe, die verdeutlicht, die Sätze, von deren Wahrheit die Kinder überzeugt, die Gesinnungen, die bei ihnen erweckt werden sollen us.w, / Alsdann setzte ich eine summarische Anordnung (Disposition) der Katechisation fest; Definition, Beweise, Anwendungen u.s w. Nun sah ich mich in den verschiedenen Arten von DeductionS- und JllustrationSmitteln genau um: Erfahrungen der Kinder, Erzählungen, Exempel, Instanzen, Gründe, sittliche« Gefühl und Urteil, Sprachgebrauch, vorher festgesetzte Begriffe, Bibelsprüche rc., und wählte diejenigen aus, die für da« zu bchantrlnd« Thema und für die Fassungskraft der Kinder am geeignetesten waren. Der gewissenhafte Lehrer, der diese Methode beim Religionsunterricht eine Zeitlang mit Geschicklichkeit und Gewandtheit betreibt, wird sich bald der guten Früchte zu erfreuen haben, die fie bei den Kindern erzeugt. Denn dieselbe gewöhnt da» Kind zum Selbstdenken, befördert seine Aufmerksamkeit umdestomehr, jemehr e» hier die Ideen und Vorstellungen nicht blo» empfängt, sondern selbst bearbeitet, stärkt sein Gedächtnis, weil e» hier die Wahrheiten selbstthätig au» Ihren Beweisen entwickelt, folglich erst diese durchschaue» muß, «he e» jene find«. Ebenso ist sie geeignet, da« sittlich-religiöse Gefühl zu entwickeln, zu beleben, und dem Willen eine feste Richtung auf da« Wahre und Gute zu geben. Uno wenn nicht bloß die Mitteilung gewisser Kenntnisse, sondern auch die harmonische Uebung und Bildung der Kraft Zweck alle« Unterrichte» ist, so muß echte Sokratik diesen Zweck weit vollkommener erreichen al» eine Methode, die darauf ausgeht, da» ganze UnterrichrSgeschäft zu mechantsireu. — Dir sokratisch« Methode klärt in dem Kind« immermehr sein Selbstbewußtein und durch letztere» regt sich in ihm immermehr da» Sttebeu nach Selbstvervollkommnung. In der eben erwähnten Instruktion war mit Genehmigung che» Gr. KrriSrat» Schulzwang ausgesprochen und festgesetzt, d. h. die Mitglieder der hiesigen Gemeinde waren verpflichtet, ihre Kinder nach dem zurückgelegten 6. LebenSalt« der ReliaionSfchul« zuzuführen» auß« wenn fie nachwiesen, daß dieselben anderweitig von eine« geprüften ReltgionSlehr« Unterricht iu der Religion erhielte». Und § 8 enthält folgende Bestimmung: »Die Verpflichtung zum Schulbesuche endet mit dem zurückgelegten 14. Jahre, wenn da» Kind bi« dahin hinreichende Befähigung in den notwendigen Kenntnissen erlangt hat. Sollte jedoch bei einem Kinde die Konfirmation über da» 14. Jahr auSnahmSwcije hinauSgesetzt werden, so ist da» Kind bis zur 'erfolgten Konfirmation zum Schulbesuche verpflichtet." Schulversäumnisse wurden, wenn fie mit.Wissen der Eltern und ohne genügende Entschuldigung unternommen wurden, und wenn Abholung der Kinder in die Schule und die an die Eltern gerichteten Ermahnungen nichts fruchteten, mit Geldstrafen belegt. — Vor dem Wochenfeste (Schabuoth) wurde jährlich eine öffentliche Prüfung in Gegenwart de» Vorstandes, des Rabbiners, der Gr. Schulbehörde, der Eltern und anderer Schulfreunde abgehalten. An der Spitze der Gr. Beurksichulkommission stand damals Herr KreiSrat von Stark, ein gerechter, humaner und toleranter Beamter, der große Sorgfalt und Fürsorge der i»r. Religionsschule dahier zuwandte. Er fehlte nie bei der jährlich stattflndenden Prüfung, blieb dabei anwesend, so lange sie währte ibren Verlauf aufmerksam beobach'.end. Auch die andern Mitglieder der BczirkSschulkommisston, die größtenteils aus Geistlichen, Stadtpfarrern, Oberkonsistorialräten rc. bestanden, waren jedesmal anwesend, ebenso der Oberschulrat DomkapitulirDr. Luft. — Im Jahre 1839 wurde mir bei einer gewissen Beranlässung folgendes ehrenvolle Zeugnis von Seiten der Gr. Bezirksschulcommission zu Teil: „Herr Mannheimer hat sein ihm anvertrauter Amt mit ebenso großem Fleiße und Eifer als ausgezeichneter Geschicklichkeit und Lehrbefähigung verwaltet. Seine Gabe, die religiösen Begriffe sokratisch zu entwickeln und durch erforderliche Beispiele dem kindlichen Gemüte eindringlich und verständlich zu machen, verdient rühmend« Anerkennung. Die öffentlichen Prüfungen beurkundeten ihn al» einen geschickten und gewandten Lehrer." Nachdem ich mir einmal den Ruf eines guten Katecheten erworben hatte, wurden die Prüfungen auch manchmal von Schulmännern bcsucht mit der ausgesprochenen Absicht, meine Methode kennen zu lernen. — E» läßt sich hier allerdings die Frage aufwerfen, wie e» möglich sei, in einem öffentlichen Examen zu erkennen, daß die Kinder durch die vom Lehrer angewandte, sokratisch - katechetische Methode iu den Besitz der notwendigen Religion»- und Sittenleh.en gelangt seien, da da» Ziel der an dieselben gerichteten examinirenden Fragen doch nur da» sein könne, sich zu vergewzssern, ob sie jenen Besitz im Gedächtnisse gut aufbewahrt und erhalten härten? Wie könnte hierbei da» frühere melhodische Verfahren sichtbar werden? Darauf erwidere ich: wenn der Examinator in ungeordneten Sprüngen, wie ich dergleichen anderwärts bei öffentlichen Prüfungen manchmal wahrzunehmen Gelcgenhei: hatte, bald diese, bald jene Lehre nur oberflächlich berührt und immer nur fragt: wa» heißt dieses, was jene»? Warum glaubt ihr diese», warum jene»? und „hier ein Weniges und dort ein Wenige»" vornimmt, so läßt sich allerdings nicht darau» entnehmen, ob nicht der ganze Unterricht ein bloS mechanifirter war und die Lehren der Religion und Tugend den Kindern iloß mechanisch eiagetricht«t worden seien, die zwar in ihrem Gedächtnisse' eine Zeitlang bleiben, dann aber spurlos verschwinden. Benoeilt er aber bei irgend einer Lehre eine längere Zeit, und nimmt er bei deren Rekapitulation auch die in der ursprünglichen Katechisation angewandten Erzählungen, Exempel, Instanzen rc. in seine examiniceaden Fragen auf, und werden diese von den Kindern leicht und richtig beantwortet; so bietet diese« einen hinlänglichen Bewei», daß beim Unterrichte nach einer gründlichen sokratisch entwickelnden Lehrform verfahre» worden, vermöge welcher da» Erlernte ein geistige» Eigentum der Sinder und, da sie e« miterwerben halfen, auch ein liebgewonneneö geworden lei. Roch mehr tritt diese» zu Tage, weuu der Lehr« bei der Prüfung nicht dieselbe Ordnung eiuhält, dir er bei dem Unterrichte eiugehalte» hatte; wenn «

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