Jüdisches Familienblatt
- Journal
- Jüdisches Familienblatt
- Volume
- 1894
- Issue
- 1 (1894)
- Date
- 1894-01-01
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
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— 3 — stübchen geeilt, um Sarah, die bei dem kraukeu Maune am Sette saß, herbeizurnsen.! Sarah trat jetzt mit Ahrou in die Stube und beeilte sich die Fremde zu entkleiden, doch plötzlich Hütte fie in dieser Beschäftigung wieder auf und setzte sich taumelnd in eine» Lehnstuhl, beide Hände vor da» Gesicht schlagend und ein herzbrechende» Schluchten drang au» ihrer Brust. ,Wa« ist Dir, Sarah?' fragte Ahrou. „Gebt mir Eure Hand," sagte Sarah zu Gabriel, „daß ich Euch danke dafür» daß Ihr diese Frau von der Sttaße ausgelesen und hierhergebracht. Ihr habt den alten Eltern ibr Lind wiedergebracht, da» fie wohl nimmer glaubten in diesem Leben zu sehen." Und mit einem Schrei de» Schmerze» und der Freude war fie schon wieder an da» Lager geeilt und küßte da» blttche abgehärmte und doch so schüue Gesicht der Kranken leidenschaftlich. >hron stand zitternd daneben und hielt fich krampfhaft mit beiden Händen an der Stuhllehne fest, um nicht umzustnken. „Leah, sagst Du? — Leah?" stammelte der alte Mann „fie wäre wieder zu uu» zurückgekommen, — Sarah, ist e» wirklich Leah, mein liebe» süße» Mädchen?! Laß mich fie sehen, laß mich." — „Leah, mein Herz, bist Du wirklich zu un» zurückgekommcu? Sarah, ist e« Leah?" „Jtann ich mich täuschen?" fragte die Frau und schaute aus Ahrou erstaunt ob diese» Zweifel»." „Sag', warum spttcht sie nicht? sogar nicht?" .Ahrou sei ruhig, Leah ist krank." „Erlaubt Ihr vielleicht," sragre jetzt Gabriel, „daß ich zu dem Kranken hinübergehe, Joel sordette mich aus, mit ihm zu sprechen." „Seht nur, geht, Ahrou wird Such die Stube weisen, wo der Kranke liegt." Und Ahrou verließ da» Gemach und bettat da» andere, woselbst Erwin Abner», der Spion de« Don Heinrich. ächzend und stöhnend aus dem Bttte lag. (Forts. s.) Ctn# der inttettt Misst»» Cine Gertcht»verh» ndlnug. Angeklagt war ttn zum Ehttstentum übergetretener russischer Jude, der zu sein« weiteren?lu»bllduug zum Msfiouar m der Anstalt „Bethel" de» Pastor» von Bodelschwig Aufnahme gesunden hatte. Weil er mittellos war, so war er damik einverstanden, in der Antiquariatrbuchhaudluug der Anstalt beschäftigt zu werden, wofür ihm ein Monat»lohn von Id Mk.— versprochen wurde. Der Angeklagte, Misfiou«- kandidat Paulu» Bönil, war bezichtigt, am 30. August d. I. Heu Hau»vattt Schnittger mit Erschießen bedroht zu haben. Aus die Au»sageu Schnittger'» und de» Pastor» Siebold, stellvertretenden Leiter» der Anstalt Btthel, war Bönil in Untersuchuugöhast genommen worden. Doch hören wir die Auöiage Bönil'» selbst, die in mehr al» einer Beziehung charaktettstisch find für die Anstatt, in der er zum Msfiouar «»»gebildet werden sollte. Wir folgen dabei dem Gericht»referat der biettfelder „LolkSwacht". Darnach bemettte der Angeklagte zu sttuer Betteidigung u. a.: * „Meine Herren! Die Schuld, welche mtt zur Last gelegt «ttd, gegen Herrn Schnittg« gezielt zu haben, wttse ich entschieden zurück. Ich weiß nicht» davon. Und» wenn ich noch hundert Mal gefraat werden soll, ob ich e» gethan habe, so lange ich bei der Wahrheit bleiben will, muß ich immer mit Nein antworten. E» kann aber sein, daß während Herr Schnittger «ich so Unmenschlich und grausam gejagt und ver- Ähat, daß ich mit der Hand eine Bewegung gemacht habe Gelegenheit He« Schattiger benutzt hat, al» Bedrohung anznfassen, um »ich verklagen zu vuuen; ich aber weiß wahrdavon. Siebold und dann von Schnittger, und daß ich mir heimlich einen Revolver angeschafft und einen Schreckschuß abgegeben hätte. In diesen Anschuldigungen werden viele Unwahrheittn miteinander vermengt, und zwar ist die erste die: Ich habe nicht nur Reisegeld verlangt, sondern auch namentlich IS Mk. monatlich an Gehalt, also noch mehr, al» der Kläger sagt,' und ich miederhole e«: Reisegeld und 15 Mk. monatlich, und ich glaube da» Recht gehabt zu haben, da» Geld zu verlangen; denn da« war ja mein aurbedungener Lohn, den man mtt versprochen hatte. Daß die Herren in der Anstalt Bethel e» so treiben, zuerst ttnen Lohn versprechen und nachher nicht bezahttn wollen, da» wußte ich nicht, jetzt weiß ich e». -Und ich bleibe dabei, ich habe da» Geld verlangt, und werde e» verlangen, bi» man mir'» bezahlen wird; denn Sott sei Dank! Wir leben in einer Zeit, in welcher die Leibeigenschaft nicht existitt; zwar möchten, wie ich glaube, die Henen Siebold und Schnittger dieselbe wieder einsühreu, mich sollen fie aber zum Lttdeigeneu nicht be ommen. Wa» hat mich genötigt, mit einem Male da» Geld zu verlangen, um nach Haus e abreifen zu können? E» muß doch etwa» zu Grunde liegen? M. H.I Die Ursache ist die. Ich muß aber, damit die Herren einen Einblick bekommen, wie man in den sogenannten „lutherischen' »lustalten behandelt wird, bemerken, daß ich nervös bin, ich kann den Anblick der Epilepfie nicht verttagen, wenn ich den Aufschrei eine« Epileptischen höre, beginnen in mtt alle Gliedtt zu zittern, und e» ist mir so zu Mut, al» ob ich einen Nerveuschlag bekomme. Zur epileptisch-lutherischen Kirche ging ich nicht freiwillig, sondern ich bin von Pastor Siebold, Schnittger, Renken auf da« unettäglichste mit dem Besuch dieser Kirche gequält worden. »lm 27. August Morgen» habe ich die epileptisch-lutherische Kirche besucht. Die 13 Anfälle, welche da während de» Gottesdienstes voekamen, haben mich fast in einen wilden Zustand versetzt. Ich kam nach Hause und sagte zu meinem Inquisitor Neukin: „Ich weiß nicht, wa» fie von mir wollen, ich kann die Epilepsie nicht vertragen, ich werde lieber den Tod wählen, al» zu dieser epileptisch-lutherischen Kirche zu gehen; denn die Epilepfie wie da» Luthertum wird mich entweder krank oder wahnfinnig machen: übrigen», wenn ich nach meiner Ueberzengnng, al» spekulativer Mstiker, nicht ttben darf, so reise ich nach Hause und werde in» Judentum zurück» tteten; den Bruder Mattin Luther, der von fich sagte: „Ich fteffe wie ein Böhme und saufe wie ein Deutscher', »erde ich nicht anbeten." — Dieser Reukiu ging am Nachmittage zu Schnittger uno hat mich bei ihm verklagt. Nun begann man von Neuem Pläne zu schmieden, wie mau den abtrünnigen Lutheraner, den lutherlosen Bönil, wieder in da» Netz de» Lutherthum» einsangen kann, und zugleich begann mau mich im Geheimen zu beobachten. Um 8/«7 Uhr Abend» ging ich »ou „Saba" fort, ich wußte nicht, daß Schnittger mich auf Schritt und Tritt verfolgte. Al« ich am Brockeuhause vorbei war, bog ich link» um. Da hötte ich mit einem Matt hinter mir rufen: „He, Bönil, frecher Schlingel, fofort zur Kirche, Sie sollen zur Kirche, Sie müffeu zur Kirche, von nun au dreimal wöchentlich zur Kirche!" Alle Menschen, welche fich aus der Straße befanden» blieben stehen, ich habe beinahe den Schlag vor Schande bekommen; einige Bttlefelder sagten zu mir: Sehen Sie doch hin und schlagen Stt diesem alten.die Knochen Caput. Ich gab ihnen zur Ant« wott: Ich bin Au»läuder, ich muß mir manche» gefallen lassen. Rach der Kirche ging ich zu Schnittger hin und bat ihn: He» Schnittg», Sie sehen doch, daß dtts» elende Kirchenzwang nie »a» Guter zwischen nn» Hervorrufen wird; geben Sic mir da» Reisegeld und dtt 1v Mk. monatlich und ich fahre sott, und zwar lttd» heute al» morgen. Da begann ec: Wer? wa»? Ich habe Ihnen (etn Reisegeld versprochen! Herr Schnittger, antwortete ich, dann kann nur ein zweifache» möglich sein, «nteebet oder, enttveder Sie haben »»geffen len" «»»gesprochen «s die Thitte,