Jüdisches Familienblatt
- Journal
- Jüdisches Familienblatt
- Volume
- 1894
- Issue
- 1 (1894)
- Date
- 1894-01-01
- Page
- Seite 4 (sequence 4)
- Language
- German
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so daß ich hätte beinahe da» Genick brechen können. Und mit dieser Lat wurde der Sonntag, an welchem da» Evangelium vom barmherzig«» Samariter gepredigt wurde, geschloffen." PrLs^ „Wollten sie denn in Saba bleiben?" Angrkl.: „Anfang« wohl, nachher konnte ich di« Grob» heiten »nd die Beleidigungen de» Herrn Schuittger nicht mehr ertrage» und wollte deshalb fort." Präs.: „Run, bitte, erzählen Sie nun, wa» au den folgende» Tagenjvorzekommen ist." Angrkl.: „Montag, de» 28 August, begaun ich meine Sachen zu verpackt». Da kam Schnittger au und begann mich zu schimpfen. Ich gab ihm keine Antwort, denn ich kannte doch die Person, mit welcher ich zu tu» hatte. Al« ich ihm di« Antwort verweigerte, begann er gegen mich laut zu schreien: .Sie sollen mir eine anständige Antwort geben?" „So müssen Sie sich auch austLndig benehmen." „Frecher Schlingel!" war sein letzte» Wort. Dienstag, den 19. «ugnst, wollte ich in die Stadt gehen; ich bat um Erlaubnis, er aber hat fie mir mit der Ausrede, er müffe Pastor Siebold fragen, verweigert. Auf meine Frage: ,Ma» hat denn da» zu bedeute», stet» haben Sie mir die Erlaubnis erteilt und heute, wenn ich morgen abreift, soll ich Neue» anfangen?" antwortete er mir: „Wenn Sie morgen abreisen, so müffeu Sie mir noch heute blinden Gehorsam leisten." Ich ging nun, ohne Weitere» mit ihm zu sprechen, fort. Herr Schnittger lies mir nach und rief: „Frecher Patron". Ich kehrte um und erwiderte seinen Gruß mit den Worten: „Sie find rin verdammter Lump." Meine Herren! Ich gebe zu, e» war unrecht von mir, daß ich diese» Ausdruck gebrauchte, ich hätte lieber schweigen sollen; aber, meine Herren, woher die Geduld? Im Laufe der kurzen Zeit, welche ich leider iu der Anstalt zugebracht habe, war der tägliche Gruß entweder „frecher Schlingel" oder „frecher Patron" und dergleichen. Mein Gcduldvorrat war alle geworden, ich konnte e» nicht mehr aushalten. Uebrigen» ist e» ja nur die in Bethel übliche Sprache, deren ich mich bedient habe: den», glauben Sie nur, meine Herren, in Rußland habe ich solche Ausdrücke der drntschen Sprache nicht kennen gelernt! Al» Schnittger die Worte „verdammtcr Lump" gehört hatte, rief er einen Kranken zu seiner Hilfe herbei; ich eilte aber fort und ging nach Bielefeld. In der Stadt angekommen, suchte ich einen Bekannte» von mir auf und fragte ihn um Rat, wa» ich machen soll. Ä. R. sagte zu mir: Klagen Sie doch. Gewiß, meine Herren, ich hätte e» auch getan, leider hatte ich keinen Pfennig in der Tasche. Die letzten vier Mark, welche ich besaß, nahm mir Schnittger unter dem Lorwande, er wolle für mich ein Sparkaffenbuch anlegen. Ich iah aber ebenso wenig jemals dies Sparkaffenbuch, wie ich bi» heute Amerika gesehen habe. Ich ging von R. R. mit dem feste» Entschluß, mich selbst verhaften zu laffeu, fort; ich wollte aber noch einmal mit Pastor Siebold sprechen, den» ich glaubte, Siebold sei beffer al» Schnittger. Ich ging zu Siebold und bat ihn um meinen Loh», bekam aber zur Antwort: „Gehen Sie nur auf'die Polizei u»d lassen Sie fich doch mit Transport nach Haufe schicken." M. H.I ich meine, r» ist wünschenswert, daß dieser Fall im Reichstage erwähnt werden soll, wie die Herren Pastoren r» mit ihren Arbeitern treiben; so langt mau Schweiß, Kraft, Zeit zu verzehren hat, ist mau ihnen Willkomm«, verlangt man aber den verdient« Lohn, dann sag« die Herr«: „Seheu fie nur auf die Polizei nud laff« Sie fich doch al» Dieb nach Hause tranSpotieren." Bon Siebold ging ich auf die Polizei, bat d« Her« Polizeiiuspeftor» er möchte «ich verhaft« und ich erzählte ihm die ganze Sache. Der Polizeiplspektor schickte mich nach Gadderbaum. Da e» nun 11 Uhr war und ich noch keine» Biss« genossen hatte, lief ich an» Berzweifinng umher» ohne zu wisse» wohin. Geg« 4 Uhr Rachmittag» kam ich i» Herford a», «ft dem fest« Entschluß, Bsantworl. Redakteur: Dr. Rahmer Magdeburg Dtait Friedrich ItftJ mich nieder zu schieße». Da ich kein« Revolver hatte, s» verschob ich e» bi» zum nächst« Tag. I» Herford borgte' ich bei Pastor Gotischalk, der mich von meiner früher« Thätigkeit her al» Iudenmtsfionar («nt, 8 Mark und mit dem */*7 Uhr Zug fuhr ich »ach Bielefeld ab. I» Bielefeld war da» erst«, wa» ich tat, ich kaufte mir rin« Revolver' und ging nun damit zu Siebold. Al» ich da ankam, kam. mir ein Mädch« entgegen. Ich bat fie, fie möchte Pastor- Siebold ftag«, ob er mir mein« Loh» geben will oder nicht, fie brauche mir uur ei» Ja oder Rei» zu bring«. Da kam nun Pastor Siebold selbst und begann im Tone salbungsvoller Liebe: ,La ich tan» Ihn« »nr sag«, wa» ich heute Morg« gesagt Hab«, Sie bekomm« nicht»." „Herr Paftor„ hat denn alle Ehrlichkeit und Wahrheft im Ehristmtum aufgehört?" fragt« ich. „Sie quälen mich heute den ganz« Tag mit Hunger, e» ist Nacht geworden, alle» geht zur Ruh« und ich habe nicht, wohiu ich den Kopf leg« kann. Sie zwing« mich, daß ich mich niederschieße." ,La, schieß« Sie fich tobt" „Herr Pastor, e» wird Ihn« aber nachher leid tun. „Schieß«. Sie fich nur tobt" Wenn Sie'» durchau» wünschen, so soll Ihr Wille geschehen". Ich lftf au» seinem Garte», zog mein« Revolver au» der Tasche und bevor ich »och Zeit hatte, deusrlb« auf mich zu richten, ging er in die Luft lo». M. H.l. Da» ist der Schreckschuß de» Her« Staatsanwalt». E» war aber kein Schreckschuß, sonde« der Schuß war bestimmt, mich au» dea Baud« de» Luthertum», au» d« Händen «ine» lutherischen Pastor» zu beftrien. Am 30. August Morgen», ich faß im Gart«, kam Schnittger in Begleitung eine» gewiss« Meßwarb auf mich zu. ES schien mft, daß Schnittger ein« Revolver im Buse» versteckt hatte. Meßerwarb hielt ein kleine» Mefler in der Hand. Nun begann Schnittger: „Sie haben sich gestern ohne meine Erlaubnis ins B.-tt gelegt, Sie könn«i« „Saba"- nicht bleiben." Gut, ich bin damit einverstanden, bitte uur um meinen Lohn. Er gab mir keine Antwort und ging fort In mir wurde unterdessen die Frage wach: Sollt« die Leute mit Waffm zekomm« sein? Ich rief nun: Herr Schuittger, ich bitte um mein« Revolver. Früher hatte Bonn schon einmal' dem Schuftiger auf gütliche» Zured« ein« Revolver auSgehändigt. Er begann mich jedoch zu verfolgen. Ich zog mein« Revolver au» der Tasche, hielt chu auf mich gerichtet und sagt« zu ihm: „Sehen Sie, ich habe einen ander« Revolver." Schnittger rief nach Meßwarb, ich lief fort. Unterwegs begann ich zu wein« «nd bat: „Herr Schnittger, Sie und Pastor Siebold quäl« mich schock^ 1'/» Tage mit Hunger; bitte verfolgen fie mich nicht;" er unterbrach jedoch die Verfolgung nicht und lief mir nach bi» zu der Stelle, wo ich zusammeubrach. 1 Schnittger, welcher ob er mft mein« dft EntschridungSweitrr lauf«, ich noch dft Warft: und ich brach gleich; ich selbst oder ei» Am Boden lftgend, fragte ich Her« etwa zehn Fuß «tfe«t von mir stand, Lohn geben wolle oder nicht» jetzt sei nun stunde gekommen, denn ich könne nicht schösse sonst mich nieder. Da hörft ich „Frecher Schlingel, schieß« Sft fich tobt" zusammen. Wer mich geschoff« hat, ob auderer, weiß ich nicht. Der Gerichtshof verkündete nach kurzer Beratung da» freisprechende lftteil. ®» wäre schade, die Wirkung diese» Bericht» durch wett, läufige Bemerkung« abzuschwäch«. Da» find dft herrlich« Kulturblüt« tu d« Arbeitsstätte« der „inntro Mission." Mitt: Sn Hebe» thuwo au« ft» 14. z«»lt»Oktz. — Hi nt fett 14. Jahchuuftit. «• » r HUn