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Israelitische Wochenschrift · 1894-12-31 · 52 (31.12.1894) · p. Seite 414

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Journal
Israelitische Wochenschrift
Volume
25 (1894)
Issue
52 (31.12.1894)
Date
1894-12-31
Page
Seite 414 (sequence 6)
Language
German
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in Leipzig als Sekretär des jüdischen Gemeindebundes. Sein Andenken sei gesegnet! Dt. Moritz Brasch. Krankfurt a. M.. 20. December. Ein schöner Zug aus dem Leben der jüngst verstorbenen Freiftau Earl v. Rothschild ist uns in dem nachfolgenden Briefwechsel «halten, der aus dem Anfänge des Jahres 1890, einer Zeit antisemitischer Hochfluch, stammt, und dm die ,Frankfurter Zeitung" vnöffentlicht. Wir erkennen daraus, wie die edle Frau nicht nur für das Wohl und Wehe Einzelner oder fleinerer Kreise, sondern auch für die vitalm Jnterefsm großer Gesammtheitm die regste Theilnahme hegte und dieselbe ebmso klar wie beredt zu vcrtretm verstand. I. Schreiben der Freifrau v. Rothschild an Kaiser Wilhelm II. 29. März 1890. Darf eine völlig Fremd« Verzeihung hoffen, wenn sie es wagt, <Bm. Kaiserlichen Majestät in einer Angelegenheit, die ihr sehr am kjerzen liegt, zu nahen? Ls ermuthigt n.ich dazu der Gedanke, daß mein seliger Gatte, Baron Larl v. Rothschild, viele Jahre lang durch die Freundschaft und das vertrauen di» hochverehrten Großvaters Lw. Kaiserlichen Majestät ausgezeichnet worden, und daß ich selbst, während eines Zeitraums von 20 Jahren, zahlreich« Beweise gnädigster Zuneigung von Seiten der Kaiserin Augusts empfangen habe, deren Andenken mir stets theuer bleiben wird. Lw. Kais. Mazestät haben jüngst eine so erhabene vorurtheilslosigkeit, so tiefes Mitgefühl für die Armen und Bedrückten, so viel Fürsorge, Scharfblick und Festigkeit bekundet, daß es dir tiefst« Bewundrruna erregen, die freudigsten Lrwartungen nicht nur für Deutschland, sondern für ganz Luropa crwecken muß. So darf auch ich denn hoffen, den Gerechtigkeitssinn Lw. K. Majsstät nicht vergäbe»; anzurufen, wenn ich Sie beschwöre, die Lage Ihrer jüdischen Unterthanen in gnädige Lrwäaung ziehen und hierbei fremdem vorurtheil und Uebelwollen keinen Linsiuß gestatten zu wollen. Glauben Sie mir, dieselben gehören zu Lw. Majestät getreuesten und ergebensten Unterthanen und ich denke, er dürfte sich kein einziger Fall finden, wo sie gegen ihr Vaterland sich vergangen hätten. Mas ist's, das gegen sie vvrgebracht wird? Sie lieben das Geld, heißt es; ihr einziges Begehren sei, Reichthümer anzuhäufen. Aber w«lch« andere Laufbahn, als die de» ksandels und des Gelderwerbs, ist ihnen offen gclaffen worden? In welcher andern weise konnten sie ihren verstand, ihre Beha rlichkeit, ihre Thatkraft zur Geltung bringen? Bis ganz vor kurzem war ihnen nicht ein einziger Amtsberuf, sei es im Bereiche der Miffenschast, sei es im Staatsdienst, zugänzlich gewesen; Geschlecht auf Geschlecht ging dahin, und sie hatten immer nur eine Möglichkeit vor Augen: diejenige, sich ein vermögen zu machen. Schon hatte dieser ungerechte Zustand sich glücklich zu beffern begönnen, aber ach; nun droht er durch eine seltsame Rückkehr zur Bärte und zum vorurtheil, aufs Neue hervorzubrechen. Lw. Kgl. Majestät ist zu gerecht, zu erleuchtet, um solche Behandlung eines!heiles Ihrer Unterthanen zuzulaffeu; Sie werden dem Antrieb« Ihres eigenen Herzens, der Leuchte Ihres eigenen Geistes, dem Zuge der Gnade und der Gerechtigkeit folgen und der Engherzigkeit Derer kein Gehör geben, welche, drin Geiste ihrer eigenen Religion zum Trotz, die das Erbarmen und Wohlwollen gegen alle unsere Nebenmenschen predigt, einen!heil der Unterthanen Lw. Majestät, auf deffen Bingebung und Vaterlandsliebe Sic vertrauensvoll rechnen dürfen, verfolgen und mit grenzenloser Ungerechtigkeit behandeln möchten. D. Antwort. Leine Majestät der Kaiser und König haben L«. kochwohlgebaren Schreiben vom 2y. v. Mts. empfangen. Allerhöchst dieselben vermochten nicht zu erkennen, welche Umstände gerade zur Seit zum Ausdruck so lebhafter Brsorgniffe in Betreff der Behandlung der jü« dischen Untherthanen Seiner Majestät Anlaß geben können, wie solche in Ihren Darlegungen Ausdruck gesunden haben. Sein« Majestät umfaßt alle ihre Uutrrthanen ohne Rücksicht auf Stand oder Religionsbekenntniß mit gleichem landesväterlichem Wohlwollen, und die jüdischen Unterthanen dürfen auf den allerhöchsten Schutz um so sicherer vertrauen, je mehr dieselben nach Ihrer Versicherung bestrebt sein werden, keiner andern Klaffe der Bevölkerung in Betätigung wahren Patriotismus' und echter Bürgertugend nachzustehen. Auf allerhöchsten Befehl Hobe ich die Ehre, Lw. Hochwohlgeboren hiervon ergebenst in Krnntniß zu setzen. Der Geiheime Kabinets-Rath: v. LucanuS. Vielleicht dient es zur Beurteilung des Schreibens und der Antwort, wenn wir sehen, wie beide auf antisemitischer Seite ausgenommen werden. Das »Volk" hebt aus der Antwon des Herrn v. Lucanus hervor, der Kaiser habe nicht er« 'vnnen können, welche Umstände gerade zur Zeit Anlaß zum 2 »sdruck so lebhafter Besorgnisse in Betreff der Behandlung jüdischen Unterthanen gegeben hätte». Die Frau Baronin bekomme eS hier also recht deutlich gesagt, daß ihr Schreibe» von vornherein durchaus unangebracht war. Noch erstenlicher sei der Schluß. Den jüdischen Unterthanen wecke der kaiserliche Schutz um so sicherer in Aussicht gestellt, je mehr sie sich bestecken werden, keiner anderen Klasse dnBaiölknnim. in Betätigung wahren Patriotismus und echter Bürgertugen» nachzustehen. UebrigrnS scheine, so bemerkt daS Blatt weit«» Herr v. Lucanus nicht so unbedingt davon überzeugt zu fein», daß die Juden in Zukunft mehr als bisher jenen cklen Besttebungen (PatriottsmuS und Bürgertugend) huldigen werden- Denn er sage: .je mehr sie .nach Ihrer (b. h. der Freistau v. Rothschild) Versicherung" bestrckt sein wecken." — Ja diese Auslegung des Lucanus'schen Schreibens mischt sich ohne- Zweifel ein gutes Stück antisemitischer Gehässigkeit gegen die Juden. Jndeß leider kommen auch wir, — bemerkt du freisinnige .Bolkszeitung" — wenn auch auS anderen Gründen» zu dem Schlüsse, daß die Bittstellerin flüger gethan hätte, ihre unberufene Schriftstellerei zu unterlassen, zu der sie von Niemandem autorisirt war; denn an der Ermächtigung» namens der deutschen Juden zu sprechen, fehlte es ibr gäuzlich. Diejenigen Deutschen, jüdischen Glauben-, die ihre Bürgerpflichten erfüllen, wie jeder andere Deutsche, brauchen keines weiblichen EinmischlingS zu ihren Gunsten. Alles, wasauch nur entfernt an die veraltete Idee des Schutzjudenthumserinnert, müssen gnade die politisch und religiös aufgeklärteste«. Juden im Interesse ihrn bürgnlichen Stellung am entschiedensten von sich weisen. Wn als Staatsbürgn und Mensch seine polittschen und sittlichen Pflichten erfüllt, dn hat nicht׳ um Schutz zu bitten, sondern dn hat alsdann daS Recht zu beanspruchen, daS jedem andnsgläubigm Bürger in gleichem. Maße zusieht, und das ihm auch keine rechtliebende Regierung, vorenthalten wird odn kann. Ulm. 11. Dezembn. Dn Schächtn MoseS Bernheim» dn srinn Zeit wegen BndachtS, den immn noch unaufgeklärten Mock an dem Friseurlehrling Mülln hin begangen zu haben, in Untersuchung war, ist heute früh infolge eines- . Schlaganfalls gestorben. <9efte««etd?4tn0artt. J Wien. 20. December. (Or- - Eon.) Nachdem die- Anttsemiten die Dienstag abgehaltene GemeindnathSsitzuag. benützten, um in dn Rathsstube ihre unfläthigen Scenen zu vnanstalten, die mit dn Ausschließung eines dies« Partei angehörendcn MstglickeS endtten, vnanlaßtm diese sonderbaren Bolksvntretn in dn am selben Tage stattgehabteu Sitzung des Abgeordnetenhauses abermals einen Vorstoß gegen die Juden, dn abn. Dank der umsichtigen Leitung des Präsidenten, Baron Chlumecky, total mißglückte und die .Rettn des kleinen ManneS" in höchst unangmehme Situation brachte, die sich durch Aeußnungen in ihren Organen zur- Genüge documentiren. Nach Vnlesung mehrerer JnterpÄattonen bemnkt dn Präsident, daß noch eine weitere Interprllation übngeben worden sei, die abn einm solchen Inhalt hat, daß n von dn Vnlesung derselben in öffentlich« Sitzung Abstand nähme und nach Schluß der Letzteren eine geheime Sitzung beanttagen wnde; diese, bald nach geschehener Räumung dn Galerien begonnen, brachte eine Interpellation Schneider und Genossen an den Justtzministn, in welchn die Interpellanten stagen, wie dn Ministn dir jüngst erfolate Confiscatton rinn Nummn des anttsemittschen.Volksstrund" zu rechtfertigen gedenke. Abgeordnetn Lueger besttritet die Zulässigkeit dn Geheimhaltung und vnlangt, daß dn Inhalt dn Interpellation in öffentlich« Sitzung bekannt gegeben wnde. Abgeordneter Dr. Kramarz (Jungczeche, dessen Partei gewöhnlich mit den Anttsemiten enge liitt ist), beantragt, die Verlesung zunächst in geheim« Sitzung vorzunehme». D« Präsident läßt durch den Schriftführer die Jntnpellatton verlesen, welch« den von Jnvecttvcn gegen die Juden J strotzenden Artikel im Wortlaute wiedngiebt. Sodann läßp -^ dn Präsident übn des

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