Israelitische Wochenschrift
- Journal
- Israelitische Wochenschrift
- Volume
- 25 (1894)
- Issue
- 52 (31.12.1894)
- Date
- 1894-12-31
- Page
- Seite 413 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Dhatsachen erwattet. Wenn ein gewissenhafter Mann einen Satz ans einer Schrift zitiren will, um ihn zu widerlegen, ׳ so verschafft er sich erst diese Schrift und sucht die Intention 'de- Schriftstellers zu erfassen und sie dann mit guten und ehrlichen Gründen zu widerlegen. Ein Abgeordneter, der vor "dem ganzen Lande von der Tribüne des Reichstag, die ihn schützt, einen gegen ihn wehrlos im Land« Wohnenden an- -greift, hat diese Pflicht in doppeltem Maße. Herr Zimmermann, dem wir bisher nicht die Art seines soeben verflossenen Ffeactionsgenossen Leuß zugetraut haben, hat nicht so gehandelt. Er hat gleichfalls aus der schlammigen Pfütze der ״Staatsbürger- und ״Kreuzzeitung" getrunken und dann den 'Redakteur der isr. Wochenschr. angeklagt, daß er das Wasser vergiftet habe. Nachdem wir ihm nun den richtigen Weg «wiesen, wäre eS an ihm als einem ehrenhaften Manne, an derselben Stelle zu erklären: ich habe mich geirrt. Thut er danicht, so werden wir unS sagen: Wir haben uns geirrt. verli». 25. Dez. Die Vereidigung der hiesigen russischen liniert Hanen jüdischen Glauben« ha« Freitag Vormittag II Uhr in der großen Synagoge (in der Oranienburgerstraße) stattgefunden. Zur Abnahme de« Eides war der russische Generallkonsul. Staat-rath v. Kazarinow, in Begleitung des Bizekonsul« im genannten Gotteshause erschienen. Ein Orgelvorspiel leitete die Frier eia: dann trat der Generalkonsul vor de» Altar und legte in russischer Sprache die Bedeutung de- UnterthaneneidcS furz dar. Nach ihm ergriff der Rabbiner Dr. Ungerleider da- Wort zu einer religiösen Ansprache, welcher der Akt der Eidesleistung folgte. Dir Formel wurde in russischer und deutscher Sprache vorgelesen und von den Betheiligten — es waren deren «twa 150 anwesend — nachgesprochen. Sodann setzte die Orgel mit der ruffischen Nationalhymne ein, und die Unterschrift des Ende-Protokollbildete den Abschluß defeierlichen Aktes. Berit«, den 23. Deeember. (Or.-Eorr.) lieber des Rectors aller ״Deutschen" erstes Debüt nach seinem Wieder- .auftauchen aus der ״Plötzcnsceligkeit" schreibt die ״Volkszeit." vom 21. wie folgt: Der Ahlwardt gab gestern Abend in den Germania-Sälen nach 'feiner am Mittag erfolgten ikntlaffnng au« Plöpensee seine erste 20 Pfennig-Vorstellung. Der Borsitzende Max Krätzer hielt zuerst eine Ansprache an den ״lieben Freund", worin er ihn als den ״unerschrockenen Kämpfer für die Sach« de« Volkes" feierte. Dann begann Ahlwardt die Verlesung seine« ״Bundschuh-Programm", welch« drittehalb Stunden dauerte. Rehr kann man für 20 Pfennige nicht verlangen! — Die beiden antisemitischen Helden Prosesior Paul Förster und Han» ». Mosch nahmen darauf da» Won. Al« die Blocke zwölfe schlug, würbe der eben eingetrelene 48ftt Geburtstag Ahlwardt« gefeiert. — (Des an demselben Tage verunglückten Mitstreiter« für die ״heilige Sache", Han« Leuß. geichah in dieser Versammlung gar keine Erwähuung.) Vielleicht giebt diese Notiz einigen ״findigen" Antiseniiten Veranlassung in einer ״Extra-Vorstellung" natürlich gegen erhöhtes Entree — bekannt zu geben, daß, ״wie sich leider erst jetzt herausstellte" Leuß ״Jude" sei, oder ״daß er direkt von Juden" abstamme. Dumme gäbe eS genug, die dies glaubten. — Stetti«, 27. Dezember. (Or.-Corr.) Der vor 15 Jahren von Herr Cantor Sarasohn ins Leben gerufene ״Israelitische Knaben-Bnein" hat auch in diesem Jahre seine Lhanuka- Feier veranstaltet. Der Verlauf derselben war, wie er so oft schon in dieser Zeitung beschrieben: das Anzünden der Ehanuka-Lichter und das dazu von Kindern gesungene dloauo 2ur; Ansprachen vom Vorsitzenden des Vereins und eine der Feier des Tages angemessene Rede des Rabbiners Herrn Dr. Bogelstein; Prolog, Solovorträge und ein Theaterstück, dazwischen Liedervorträge. Alle Mitwirken de waren mit Lust und Liebe bei der Sache und ernteten lebhaften- Beifall- Nicht mit einem Tadel, sondern mit einer Bitte möchte ich den Bericht schließen. ES dürfte angebracht sein, die Ansprachen und Reden etwas kürzer zu halten und bei den Solo-Votträgen nicht allzuviel Zugabe» zuzulassen, eS wirkt "t «ii der Zeit ermüdend. Auch die wiederholte Bitte um sei hiernut der BerSckflchtigung empfohlen. •OMtRbai »ugcgongenrn Sic iafltgaMewn «c Kfe. MkühAmrg armer Kinder drucken wir Raummangels׳ wegen nicht ab. Dergleichen Wohlthätizkritsacte beruhen auf einer alten jüd. Sitte, es war sttts gebräuchlich in Israel, am Ehanuka und Purim — ja auch an anderen Festtagen — der Wittwen, Waisen und Armen zu gedenken. Wenn dies am Lhanuka mit Äner besonderen Feierlichkeit vcrgenommen wird, so geschieht eS bekanntlich, um den Kindern einen Ersatz für die Weihnacht-» beschecrung zu bitten. Biele Kindn machen dabei ein doppeltes Geschäft. Wir gönnen es ihnen.) Leipzig. 26. Deccmbcr. (Nekrolog.) In der Nacht vom 25. zum 26. November starb in Bnlin, kaum 51 I ch« alt, dtt Schriftsteller und Publicist Dr. Arnold Bo deck. Ein Mann von erprobt« libnaln Uebrrzeugung, umfangreichem, inSbcsondns historischem Wissen und guter philosophisch« Durchbildung, gehötte Bodeck zu den gediegensten und geachtttsten Vertretern dejournalistischen Berufs. Lin« Familie angehorig — « war mütterlicherseits ein Enkel Salomon Jehuda Rapoports, —in. welch« jüdische- Wissen und alte gute jüdische Tradition noch herrschend sind, hatte n sich, nachdem n das Thomas-Gymnasium in sein« Vaterstadt Leipzig absolvitt hatte, ursprünglich der Theologie gewidmet und untn Tr. Zacharias Frankel das Breslau« Rabbinerseminar besucht, zugleich aber auch historische, linguisti» sche und philosophische Vorlesungen au der dortigen Universität gehört. Spät« wandte er sich von der Theologie zur Juris» prudenz, der er an den Hochschulen zu Heidelberg und Leipzig oblag. Ab« schon früh zog es den jungen, kenntnißreichen Mo.m zur Publizistik hin. Er trat, nachdem n zuvor auf Grund ein« umfangreichen historischen Arbttt üb« den philosophischen״ ׳Kaiser Marcus AureliuS Antoninus nach jüdischen Quellen", promoviett hatte, in die Redaktion deS Spam«'scheu spät« in die des Brockhaus'schen C onversationslexikons ein, wo ihm hauptsächlich die Bearbeitung dn geschichtlichen und litt«arischen Artikel oblag. Um die Mitte der siebzig« Jahre wandte « sich ausschließlich d« politischen Journalistik zu, fungitte längereZeit als Redakteur des ״Leipzig« Tageblattes", dann einige Jahre als Sekretär der nationallib«alen Partei, wandte sich dann ab«, da n sah, wie wenig die Führer und vie Presse dies« Partei gewillt sind, der antisemitischen Hochfluth entgegcnzutrcten, von dies« Pattei ab und gehötte fottan der freisinnigen Richtung an. In'dieser Ucbnzeugung war er mehrere Jahre als Re» dakteur der ״Breslauer Morgenzcitung", dann längere Zeit in gleich« Eigenschaft am ״Bnllnn Tageblatt", zuletzt an dn ״Hamburger Reform" thätig. Im Anfänge der neunzig« Jahre siedelte er, nachdem er sich inzwischen mit ein« jungen, liebenswürdigen Oestnreichnin vnheirathct batte, nach Berlin üb«. Hin begann dn früh« fo rüsttge und lebenslustige Mann zu kränkeln. Wohl konnte n noch seinem journalistischen Berufe obliegen, -ab« lange nicht mehr mit dn Enngie und Schaffensfreudigkeit, die ' wir früher a» ih.n bewunderten. Doch wurde sein Leiden immn mehr besorgnißenegend, bis dn Tod vor 4 Wochen davon erlöste. An seiner Bahre ttauett eine junge Frau und zwei kleine Kindn. Mit ihnen ttauern seine hochoelagte Mutt«, seine Geschwist-r, sttne Freunde und Collegen. — D« aufreibende publicist j)t Beruf hat ihn zu ruhig«, wissenschaftlich« und litterarischcr Thätig. keit nur wenig kommen lassen. Außer der schon-obengenannten histottschen Arbeit üb« den Kais« Marcus- Aurel hat « in der Brockhausschen ״Bibliothek deutsch« Schttftstell« des 17. und 18. Jahrhunderts" im Jahre 1869 Moses Mendelssohns ״PHLdon" und ״Jerusalem" mit ein« vortrefflichen Einleitung und Anmerkungen und im Jahre 1879 bei Gelegenheit deS l50jährigcn Geburtstages LcssingS und Mendelssohnim Aufttage deS VorständeS des jüdischen GemeindebundeS und in Gemeinschaft.mit dem SanitätSräch Dr. Livius Fürst das ״Lessing-MpidelSsohn-Gedenkbuch" hrrauSgegeben. — Arnold Bodek war ein warm« F«uud des Judeathums, in dessen Geschichte «nd Lstparttkr a iSchtttze Kenntnisse besaß. Mehre« Iah« sirngltte ft*o»ch mnrr d«m Ptztfidium Jacob Rachsds