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Israelitische Wochenschrift · 1894-12-31 · 52 (31.12.1894) · p. Seite 411

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Journal
Israelitische Wochenschrift
Volume
25 (1894)
Issue
52 (31.12.1894)
Date
1894-12-31
Page
Seite 411 (sequence 3)
Language
German
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Leuß ju drei JahrmZuchthaus verurteilt. DaS sind deine führenden Minner, Antisemitismus! — Wenn das so weiter geht, dann werden wir bald nicht mehr wissen, von wem wir unfern Moral- und Sittencodex beziehen sollen, DaS kommt vom Hrrumschnüffeln in Verderblicken Talmudbüchern und ähnlichen Werken. Einem cm dit zufolge wollte Leuß die meineidrepariercnde Wirkung des Kol Nidre-GebeteS an sich auSprobieren, er schwur, allerdings etwagrob-unvorsichtig, und nun ließ ihm der Staatsanwalt keine Zeit; hätte dieser nur bis zum Jom Kippur gewattet — Äol Nidre — und die Sache wäre halt beglichm gewesen. Warum hat sein Anhang eS nicht wmigstmS versucht, Leuß als Jude n oder Judenabkömmling hinzustellm? Daß vor Beginn der Verhandlung alle Juden vom Gerichtshof ausgeschlossen wurden, hat ihm nichts genützt. ES war eine Unvorsichttgkeit der so geisteSormen und erfindungsreichen Deutschthümler, die einer ihrer Besten und Getreuesten mit drei Jahren Zucht- Haus und 6 Jahren Ehrverlust (?) büßen muß, ohne daß man dies Resultat mit gewohnter Dreistheit dm Juden in die Schuhe schieben kann. Dies Hannover scheint überhaupt recht verjudet zu sein, dmn seit kurzem ist dies schon die zweite Schlappe, welche die Führer für die Herrlichkeit des Eides daselbst erlitten habm. ES wäre also des Schweißes dieser Edlen wetth, gründlich zu untersuchm, 0V nicht vielleicht der Herr Staatsanwalt oder einer der Richter Nachbar oder gar Mieter im Hause eines Judm sei; zum drittm, ob die ehrbare durch Bekmntniß büßende Frau Dr. Schnutz nicht mit einem JSraelitm im siebmtm Tlirde verschwägert ist, und endlich ob Leuß nicht etwa von der Alliance iSraelite erkauft wurde, um durch sein angebliches EideS-Pech die ansehnliche Pattei zu diskreditieren und sie außerdem um ein Reichstagsmandat zu bringm. Leuß war nämlich so ,selbstverleugnend", nach lewer Verurteilung dem Herm Präsidenten die Anzeige zu machm, daß er sein Mandat aütigst niederlege. Dafür, so heißt cS, soll in jüdischm ftrrifcn Geld gesammelt werden, um ihm die Beschwerden des Zuchthauses zu erleichtern. DaS ist ja das Einzige, was noch für ihn geschehen kann; dmn für Gesellschaft — der Mensch ist ja ein geselliges Tier — babeu andere brave Mitglieder der Pattei schon gesorgt, ganz vesouderS die Gesinnungsgenossen aus Würzburg und Weimar. — DaS ist ein schönes Weihnachtsgeschenk für Herm Ahlwarbt, der ja jetzt wieder aus seiner Plötzmseer Versenkung auftaucht. Er findtt nun ellmlangm Stoff zu einer Sette von Artikeln über dm liebe- und erbarmungsvollm Freund Lmß, über dm unverglttchlichm Schild-Wttmar. welcher wegm der Berlegmhttt des dottigm Boffchußverttns sttne 'Gläubiger mit 26 Prozmt absurden wollte und dafür bttm Echlaffitchm gefaßt wurde — ferner über dm modemm ,Zölln er".Würzburg, der ,unter dem Schutze des Schildes raum Dmtt'chtumS und der Devise der Bekämpfung der Korruptton ,Schurkereien verübte, wie sie ähnlich groß ihm in feiner — des Herm StaatSanwaltS — Praxis noch nicht voraekommen find" u. a. m. DaS wird ttn Fressm für Herm S. sein, das er sich hoffentlich nicht entgehen lassen wird, dmn immerfott nur im ganzm Lande und im AuSlande herumzuftöbem, wo ttnmal ttn Jude veruttttlt wird, mag ja der GefinnungStüchtiakttt des Herm A. mtsprechm, wnkt aber auf die Dauer auf feinen Leserkreis — mir und ohne LnthttlSschttne auf sttne Ztttung — einschläfernd. Wir wollen abwarten, ob der ehrliche Mann, der jüngst über ttnm Erpressungsfall im Südwester! des Reiches, wo ttn uubedmtmder Jade, der nichts von seiner Religon wttß und als Einziger in der Gemeinde selbst am Tom Kippur sein Geschäft offmhielt, auf drtt Monate dingfest gemacht wurde, ein Langes und Breites von Dichtung und Wahrhttt ltttattikeltr — diese« Wink auSnutzt. Zur Abwechslung könnte er »»« demselbm Ottc berichte», bau da» EoncurSveffahrm Mhar daS Vermöge» de« Häuptlings der dortig« Antisemit«. Partei, der mehr in dm Kneipen als in feinem Geschäfte zu sehen war, aufgehobm ist, da ttne dm Kosten drS Verfahrens entsprechende Konkursmasse nicht vorhandm war. Httll Die Zurückgezogmbttt von Lmß wird zwar die Sttunuzahl für daS AnttagSoouquet der Anttsemitmftakttou vermiudem, dafür aber fangm auch wir an, mit dem Antrag 6 — Verschärfung des EidcS durch Wiederttufilhmng des konfessionellm Charakters desselben — nach dm erwähnten Lmßigm Vorgängm uns zu befreunden. ES fehlt nur noch ttn Anttag 6 behufs Regelung des geschäftlichen Verkehrs zwischm MaSculinum und Femininum in der Pattei Tmt, dmn die bisher üblich gewesme — Declinatton taugt nichts mehr, sie mtspttcht den vorhandenm Jnclinattonm nicht! Und nun, theuerer Leuß, Zierde der Patttt, fahre wohl! Du warst mir als Gegner schätzen-wetther, als zehn andere DttneS Gelichters, die noch nickt von der blinden Güttin erttlt sind. Für Dttne Zukunft wird gesorgt sttn, auch nach drtt Jahrm wirst Du dttner Pattei würdig sttn. "Ich werde Dttne große Achillesferse noch oft vermissen; nimm das vettrauliche ,Du" nicht für ungut, dmn das wird Dir im Zuchthaus noch öfters pasfiren. Ave impia animal Dr. Singer. Briefe aus Oesterreich.? Wien, zum AuSgange des Jahres 1884. Vorüber ist die romanttsche Zeit, auS der uns der rühmgekrönte Bettasser der .Sendung MoseS" in ttner sttner Lernen bettchttt, daß in Oesterreich, dem Lande der PHLakm, ttn sorgloses Volk lebt! Nicht immer ist ttne Feiertagssttmmung btt uns vorhandm und nur in wmigm Palästm dreht sich ,am Herde der Spieß". Die meisten jüdischen EultuSgemeindm habm ttnm hatten Kampf um ihre Exiftmzberechügung zu bestehm! Die größerm und älterm Gemttndm: Wien, Brünn, Prag, Lemberg, Czernowitz, Graz, Linz, Triest, Nicolsburg, Krakau, Solin wttsm alljährlich ein Deficit in ihrm Budgets auf und nur die denkbar größte Energie finanzittlrr Erfindungsgabe ist im Stande, bitten alljährlich«, unheimlichen Gast zu beseitigen. In den obmerwähntm Gemttndm sitzen Männer im BeratungSsaale, die durch Ehrenhaftiqkttt, Opferwilligkttt und LebmSftellung in jeder Beziehung dem Judmthum zur Ehre gerttchm. Ihre beste Absicht, ihre rastlose Mühe wird jedoch durch das alljährlich wieoerkehrmde Schreckgespenst des Bud» get-DefitttS vertttelt. In Wim, Prag und Brünn ist eS ttn öffmtliches GehttnmiS, daß die Hcrrm EultuSvottteher alljährlich namhafte Summm auS ttgmer Privatschatulle zur Deckung des Gemttndedefizits votttteckm und oft auch auf dm Ersatz dittes DarlehmS Verzicht«! So sieht eS in dm österrttchischm Großgemttndm auS, du kannst dir daher, mttn lieber Ltter vorstell«, wie traurig und düster die Gemttndm zwttter und dnttcr Sötte finanziell btttellt sind. Die Hauptuffache dieser ftnanziellm Calamitätm bildet die fast beispiellos dastchmde Verarmung der jüdisch« Provinzgemttndm und der Zuzug auS dittm Gemttndm in me Großstadt. Alles sttömt in die größer« Städte, wo man schließlich doch mehr Gelegmhttt zu Erwerb und Ausbildung der Kinder findet. Die verarmtm Provinzialjudengemttndm find dadurch gezwungm, aus dem Erträgnisse frommer Stift, ungm ihre Budgetbedürfnisse zu decken und btt Besetzung von Gmreindefunktionärstellm in erster Rtthe darauf zu sehm, daß der betreffmde Eultusbeamte durch allerdings sehr beschttdene Nebmttnkünfte wie Religionsunterricht an omachbattm Mittelschulen, Trauung« in mtlegme» Döffem und Matrikmführung für 2—3 Gemttndm vor dem Hungettode gttchützt sei.*) *) Tine medervfterreichische «emeinde »ar sog« gttwnngen (10 Meile» von ihre« Wohnsitze) ihren Aatbinatgfitz nach wie»!u Oet- Im«i. Einem »ielaeplagtr» «üMvnKeheer i» Mäbet, ka trotz s-״-- 65 Jahre recht vacker tägüch in ■i wiUMMWgMchrle» nutz i, '

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