Israelitische Wochenschrift
- Journal
- Israelitische Wochenschrift
- Volume
- 25 (1894)
- Issue
- 52 (31.12.1894)
- Date
- 1894-12-31
- Page
- Seite 410 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 82% known words query
- IRI
…/6492344-5935089-5962368--2302-5376525- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
410 zuhauchen, denn das hätte ihr etwas übel bekommen könne». Auch die Tüchtigkeit des Regierungsraths Herrn Dr. M. erlaubte sie sich nicht anzuzweifeln, weil es ihr mißlich erschien, daS bei ihr gewohnte hohe Maß der Lächerlichkeit zu überschreiten, denn daß jüdische Beamte chrer — Unfähigkeit halber befördert werde», für diese kühne Behauptung war ihr das Ln äs sitale noch nicht albern genug. Wo also war daS Unzeitgemäße z« find«? Die ״Sreuzzettung", welche — weil die Regierung es wollte — s.Z. bei den Ausnahmegesehen gegen Katholiken Pathe stand, sie, deren Hintermänner auch jetzt nicht den Finger rühren, um dem Verlangen des Reichstages nach Beseitigung des letztm Restes jener Unglückseligen Maigesetze Rechnung zu ttagen, wofür sie wohl die Kräfte besitzen — diese ״Kreuzztg." giebt die verschämte Sntwott, daß durch die erwähnte Beförderung nach — dem katholischen — Münster ein jüdischer Vorgesetzter in die Lage käme, seinen Untergebenen zu einem Beichtgang rc. Urlaub bewilligm oder versagen zu können! Daß das Taktgefühl des ihr unbekannten Herrn Dr. Meyer wohl die richttgen Wege zeigen würde, solche Unebcnheüen zu vermeiden, dafür hat die fromme ״Kreuzztg." kein Verständniß, die behaglich schmunzelt, wenn ein jüdischer Mitbürger an seinem höchsten Feiettage zum Eide bez. zur Zeugenaussage herangezogm und dadurch in seinem Gewissen arg bedrückt wird. Daß Herr Dr. Meyer nicht nach Münster, sondern nach dem protestantischen Elberfeld geht, wird das Wehklagen der Krenzztg. nicht herabstimmen, weshalb es gut ist, mtt ihr a conto über das was zeitgemäß ist, abzurechnen. Ignorieren wird sie diese Ausführungen nicht können, denn die dem Schreiber dieser Zeilen bisher zuteil gewordene Ehrung durch Schmähartikel und ueugermanisch-muthige anonyme Briefe auS den Kreisen der Krruzzeitungsgenossen ist ein schlagender Beweis für die liebevolle Aufmerksamkeit, welche die jüdischen Preßstimmen in diesen Zirkeln sich erfreuen. Vornehmthuerei wäre jetzt Unwahrheit, Totschweigen — Heuchelei, zwei Medien, welch« in jenem Lager allerdings als zeitgemäß cavalierement behandelt werden, um die vorsintflutliche und unchristliche modem-deutsche Aussaat mit einer wärmendm würdigm Hülle S umkleiden, und welche zeigm, was sich Alles unter der aske äußerer Frömmigkeit verbirgt. Wir wollen dmm einmal neben der erw., unzeitgemäßen" Befördemng eines völlig intakttn und in seinem großm Wohnorte allseits hochgeachteten Mannes eine Verhandlung aus der jüngstm Zeit setzm, welche eine häusliche Aera ״Oberförster Gerlach" abschließt mit dm Wottm des Staatsanwalts: ״auf der einen Seite Pharisäertum und Heuchelei — des keine Kirche versäumendm würdevollm Ehepaares — und andererseits Hartherzigkeit, Lieblosigkeit und Roheit!" Was ist ״unzeitgemäßer": dieser Oberförster oder jener Oberregierungsrath? Jedem verständigm Menschm wird ein ehrlicher Mann einerlei welchm Glaubens — Herr Dr. M. verzeihe diese Zusammenstellung — lieber sein, als solch ein getaufter Heide, der das Lhttstmthum herabwürdigm würde, wmn ein solches Subjekt dessen fähig, oder wmn auch dott die Mechode der Verallgemeinemng beliebt wäre. Diese Gmeralisimng und Perantwottlichmachung der Religion des Beschuldigtm welche die Kreuzzeitungsmänner s tutti qaanti schon einem bloß angeklagtm, noch nicht verurteilten Juden gegenüber für erlaubt halten, würde das Judmtum einem Christen gegmüber für verwerflich und unter allmUmständm für vcrabscheuungSwett halten. Der »ach Neigung und Wahl jetzt älteste LieblingSsohn der ״Sreuzzettung" — Stöcker, der einzige Bettheidiger?rhlwardts in jmer drnkwürdigm Sitzung vom 4. März 1893, m welcher dem dmtschm Reichstag der lauge GeduwSfadm ttß — schlägt sich jetzt mit dm ungezogmm und :nkbarm Freund«, und bmutzt sein in der Gmeralsynode mi&x aSsagj£& Prestige zu einer — Zttt nur ״UeberwiegenS deS jüdischm Elements auf dm höherm Lehr» anstaltm und im AnwaltSftande" erhoffe, mehr aber sei nicht zu erreichen. Sehen wir zu, warum nicht mehr zu erreicht sei! Laut stattstischem Nachweis — s. MuShacke: Jahrbuch für höhere Schulen, Jahrgang 1893-4 — betmg die Anzahl der an höheim Schulm Preußms beschäftigtm besoldeten Lehrkräfte am 1. April 1892 in Summa 7159. Rach der von Herrn Stöcker in der Gmeralsynode kundgegebmm Borliebe für Bevölkerungs-Procentsätze — selbst im Richterstande — hätten die Juden in Preußm für die höherm Schulm ca. 83 Lehrer zu stellm, welche Zahl aber, selbst nrit Hinzuziehung der an dm rein jüdischen Realschulen in Frankfurt wirkenden Lchrer, niemals erreicht worden ist. Wenn wir weiter berücksichtig«, daß eine Zulassung deSselbm jüdische» PrvcmtsatzeS in den anderen Verwaltungen, wie Steuer^ Kataster, Regierung, Militair, Forstfach, Eonsulatwesm u. s. w. lediglich ein verfassungsmäßiger Ausgleich der Gerechtigkett wäre, da aber ein solcher Ausgleich nicht stattfindet. die gebildttm jungm Leute nothgedmngm in der freim Advocatur, die nicht immer ihrm Mann nähtt, jedmfallS vom Staate nichts bmnspmcht, Unterkunst such« und findm, so mögm die Gelehttm der .Kreuzzeitung" die Frage beantwortm, ob ein solches unehrliches Scheingefecht gegm dieselbm christlich sei und ob man ein solches Vorgehen zeitgemäß nmnt, ob eS christlich und zeitgemäß sei, zu verlang«, daß Mitbürger die Pflichten der Ander« theilm, ohne mtt ihn« auch gleiche staatsbürgerlich« Rechte zu genießen, daß sie für die kirchlich» Bedürfnisse der chttstlichm Mitbürger mitaustommm, für ihrm eigenen Tultus aber aus dem großm Staatssäckel kein« Pfmnig beanspruch« dürfen? AIS die Vetteumder Waldecks, erzbübischen Angedenkens, dm Abschm der ganzm Welt auf sich vereinten, als der Weizm der Oehm und Goedsche blühte, als Hannibal Fischer - dtt deutsche Marine unter dm Hammer brachte, als die Jhriag». Mahlow dem Spitzelwesm Bürgerrechte verliehm, als die gemein« und landvtverräthettschen Nicht - Gmtlemans, deren Zahl Legion, die zum großm Theil im Nest der ״Kreuzzeitung" und ihrer GefinnungSgmossm auSgebrüttt wurden, haarsträubmde Thaten vollbracht«, fiel eS Jemandem ein, ihre Religion oder Glaubensgmossm mtt vor dm Richterftuhlzu zieh«? Nun aber, da eS sich um ein« noch nicht einmal aufgeklärten Fall Dreysuß handelt, da ausnahmsweise einmal ein Jude wegm BerrathS militärischer Geheimnisse vcruttheilt ist, gefallen fich die deutschen Antisemtten in dem Wetteifer mit dem Handvoll Franzosm, die ״Tödttt chu, tödttt sie Alle" johlen, ohne in ihrer Berblmdung zu bemerken, daß jmer Ruf nicht zum gettngm Thett dem deutschen Ramm Dreyfuß gitt — ist das zeitgemäß? Wie Eingangs dieser Vorlesung bemerkt, soll hiermit keine Mohrenwäsche der ״Krmzztg." vorgmommm wcrdm: sie wird mit bttaunter Virtuosität immer auf die Füße fall». Sie wird fortfahren, fich in allgemein» Redensart» vom chttstlichm Staate, von chttstlicher Schule, trotz aller »t-. gegengesetztm Aeußerungen namhafter Staatsrechtslehre« zu ergehen, sie wird mit ttuem dürftigm Feigenblatte die Blößen ihres TrttbmS und ihrer Argummte verdecken, ohne auf eine, Begründung der behaupteten Vcttchiedenhettm von chttstlicher, und jüdischer Moral sich ttnzulassm, wett sie von der erster« ebensowenig fich zu eigen״ gemacht, als von der letzterm eq Ahnung hat — wmn nur der Mund recht voll gmo wttd. Damm möge dieser Protest gegm daS wttte G« und die ״ztttgemäßen"Anschauungm der ״Kreuzztttung" mit beendet sein mtt folgmdcm ihr gewidmetem Stammbuö von der lNenschbeit — vu kannst von ihr nie groß genug “ . - u in Et Ü>te Du im Buse» fi« trägst, prägst Dr lhaten sie a, Wmit ras — rtit! Donnerstag, am 20. Dezember »nrde abgevrdnetr AhlwarVt^Msj ‘