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Israelitische Wochenschrift · 1894-11-30 · 48 (30.11.1894) · p. Seite 375

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Journal
Israelitische Wochenschrift
Volume
25 (1894)
Issue
48 (30.11.1894)
Date
1894-11-30
Page
Seite 375 (sequence 5)
Language
German
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— d. h. nachdem sie nun aus dem Erkenntlich ersehen, daß der Schutz des Z 193 dem Red. d. ״Jsr. Wochenschrift" garnicht zugebilligt mar — ,ist der RezchstagSabg. L. v. S. von seiner ursprünglichen Absicht, gegen das Urtheik Berufung einzulcgen, zurückgekommen," Ursprüngliche Absicht!? nnd i» Nr.467 meldete dasselbe Bl. ,daß der Abg. die Berufung bereits eingelegt habe: Wer hat denn uun wieder finmal tüchtig geftunkerl? Wäre der Anwalt des Abg. L. v. S. bei der Urtheilsverkündigung anwesend gewesen, so hätte er aus de», Muude des Richters gleich vernommen, daß 8 l93 dem Beklagten zwar versagt, daß ihm aber doch >!. A. als mildernder Umstand zugebilligt wnrde, nicht nur die Gereiztheit ״in seiner Eigenschaft als Mitglied und Kultus di euer der vom'Privatkläger bckämvftcn ReligionSge meinschast", sondern auch der Umstand, ״daß Privatklägcr in seiner Thäligkeit als Leiter einer besonders lebhaft agitirenden Partei, in welcher Eigenschaft er Schläge auszutheilen nnd zn empfangen gewohnt ist, sich fortwährend mit seiner Persönlichkeit dermaßen cxponirt, daß' er auf öffentliche ץ Angriffe aller Art gefaßt sei» mnß und gegen dieselben nicht- >n dem Maße des Schutzes bedarf, als etwa ein zurückgezogen lebender Privatmann." To heißt eS wörtlich in dem Erkenntniß und dieses Motiv erschien uns bei seiner Verkündigung von so prinzipieller Bedeutung, daß wir die Veröffentlichung desselben gleich im ersten Bericht ankündigten. Wir sind hiermit der Zusage nachgckvmmcn.*) Magdeburg, 28. Noll. Von Herrn B. J., dem Verfasser des ersten Leitartikels in vor. 9ir., geht uns folgende Erklärung zur Veröffentlichung zu: ' ״Die ״Ttaatsbürger-Ztg." freut sich zunächst über mein Geständniß, daß nanicntlich die Gebildeten zu den Gcsühlsantisemilcn gehören, während es bisher ein beliebter taktischer Kunstgriff der Juden gewesen ist, in ihren Zeitungen beständig ״eine Abkehr aller anständigen undvernünftig denkender BolkSkreisc von der antisemitischen Bewegung" constatircn zu lasten." Das eine bleibt wahr und das andere ist nicht falsch. Unter einem ״Gefühlsantisemiten" verstehe ich eine», ohne vorurtheilslvse Prüfung, auererbter, anerzogener oder (durch Hetzer) eingcrcdeter Antipathie dem Juden (den er in den nicisten Fällen ar nicht einmal kennt) übelgesinnten Menschen. Und dazu geörrn größtenthcils die sogenannten Gebildeten. Es ist nur eines ihrer zahllosen blinden Borurtheile. Nichtsdestoweniger bleibt es wahr, daß sich alle anständig .und vernünftig denkenden Bolkskreise'von der antisemitischen Bewegung abkehrt haben, denn diese Bewegung ist Schmutz nnd Gemeinheit. Die ״Staatsbürger Ztg." nenne uns doch nur ein Dutzend anstän.dige, vernünftige, in der Bewcgung stehende Antisemiten! Den Satz über die Sozialdemokratie aber hat. die ״SaatSbürgxr-Ztg." in einem ihr in den Kram paffenden,. der Wahrheit entgegengesetzten Sinne ausgedeutet. Ich habe die Sozialdemokratie den einzigen starken Damm gegen den AntisrmitiSmuS genannt. DaS Wort einzig stt richtig, da ich von den Parteien und der Gesellschaft sprach. AuS dem Zusammen- Hang des Artikels ergiebt sich aber, daß wir in erster Reih« — das brauchte nicht erst gesagt zu werden — als den stärksten Tamm selbstverständlich die Regierung ansehe». Tie Zusammenkoppejung von Judenthum und Sozialdemokratie ist ein bellebtes Manöver der Antisemiten. Wahr daran ist nur, daß zufällig einige Führer der Sozialdemokratie von jüdische» Eltern geboren find; mit dem Judenthum haben sie sowenig zu thun, wie Bebel und Liebknecht mit dem Christenthum. Ich will sogar der ״StaatSbürger-Ztg." zu Gefallen wieder ein ״Gefländniß" ablegen. Ich halte die Sozialdemokratie für diejenige unter den Parteien, in der sich am stärksten die Entrüstung über allerlei Ungerechtigkeit und der Hunger nach Gerechtigkeit kundthun, im größten Gegensatz zum Antisemitismus. *) Der übrige Dheil deS Erkenntnisses ist von keinem besonderen Interesse: als in der Form der Aeußerung beleidigend werden darin zwei (bekanntlich den ״Muheitungen" entnommene) Stellen hervorgehoben.- 1. ״abgestandene Waare an den Mann bringen" und 2. die BezeichnunS Wer die ganze Verbohrtheit und hetzerische Tendenz deS Antisemitismus kennen lernen will, der lese nnr einmal den Brief- Wechsel zwischen dem ״deutschcu" Antisemitciivater Frczc und einem schweizerischen Rativnalökvnomen (?)'. Mit anerkennenswerth« Offenheit wird hier von de» Antisemiten eiugestanden, daß sie sich der Lügenhaftigkeit ihrer Beschnldignngcn ganz wohl bewußt find. Nur inn das Volk zu erziehen (!) construiren sic sich den Juden als eine» Sammelbegriff aller Scheußlichkeiten und machen damit dem ״Philister"'graulich. Der Jude ist gewißcrmaßcn nur eine moderne antisemitische Auflage des Teufels, der mit den Inden von Fleisch und Bein nicht das Mindeste zu thun hat. — Die Plumpheit und Bosheit dieses dummen ManövsrS liegt am Tage. Genau mit demselben Recht könnte man den Spieß umkchrcn und für Jude Christ oder Frczc setzen." Berlin. 23. November. In einer einfachen, anspruchslosen Feier!vurde gestern Mittag der Grundstein zu einem Hanse gelegt, in dem künftig die Menschenfreundlichkeit und das Erbarmen eine Werkstatt, das Elend eine Zuflucht finden soll. Aus dem Grundstück Gormannstraße 3, an der Ecke der Rvsenthaler- und Wcinmeistcrstraßc soll ein eigenes HauS der ״israelitischen BvlkSküche" entstehen, ein HauS. in dem zugleich eine ganze Anzahl menschenfreundlicher Stiftungen ihren Sitz finde» soll. Fortan braucht in unserer Millionenstadt kein Mensch zu hungern, geschweige denn zu verhungern. Zu den Anstalten, die diesem äußersten Elend kräftig wehren, gehört in erster Reihe die israelitische Volks׳ küchc. In noch nicht ganz drei Jahre ihres Bestehens hat sie nach ihren Rechenschaftsberichten 219,570 Portionen gratis vertheilt, das heißt weit über zweimalhnnderttauscnd Menschen sind da hungrig eingctreten und haben, ohne einen Psennig bezahlt zu haben, satt dar Hans vcrlasten. Für je fünf Psennig wurde» 466,976 Menschen gespeist. Daß hier Niemand nach seinem Glauben gefragt wird, bedarf kaum der Erwähnung — wer hungert, ist dort legitimirt und wohl ausgenommen. Und dieses Anstalt soll nun ein eigenes Heim, errichtet werden. Aus dem einfach nnd würdig geschmückten Platz fand sich eine kleine Fest- Versammlung zusammen. Gesang eröffnetc die Feier, dann begrüßte der verdienstvolle Gründer dieser Volksküche, HcrrHermann Abraham, in einer herzlichen Ansprache die Gäste, erörterte den Zweck deS Hauses, dem nun die erste Weihe gegeben werden sollte, und das bestimmt ist, der Menschenliebe zu dienen, eine Zuflucht der Trostbcdürstigcn zu sein. .Eine herzliche Ansprache hielt auch Rabbiner Dr. Machbaum, welcher die Hoffnung aussprach, daueucrstchende Haus und das menschenfreundliche Walten, dem ebestimmt ist, werde dazu beitragen, die Gegensätze zu versöhnen unh Frieden zu erzeugen da, wo zur Zeit Haß und Leidenschaften wüthen. Mit kräftigen und schönen Sprüchen schloffen sich viele andere Gäste im Vollzug des Hammcrschlages an, und Gesang beendete die Feier der Grundsteinlegung. Am Tage zuvor wurde übrigens die achte Kinder-Volksküche in der Lübeckerstraße 22 mit einer einfachen Feierlichkeit eröffnet. Eine kleine Anzahl von Gästen und eine große Anzahl von Tischgästen hatte sich eingefunde». Aus die Eröffnungsansprache de» Herrn Abraham antwortete der Rector einer Schule, und dann begann die Bewirthuug der kleinen Kostgänger. Die neue Volksküchc, den armen Kindern von Moabit geweiht, wird unter Leitung der Fra» Bürgermeister Kirschner stehen. Berlin, 37. November. In der neuesten Nummer der ״Teborah" lesen wir folgende Be- resp. Berurtheiluug des Zionismus: ״Die Nationalitäts-Bewegung nimmt besonderunter der akademischen Jugend der europäischen Universitäten zu (durch die dahin eingewanderten russischen Jünglinge). Freilich befürchten wir nicht, daß dieser moderne Wahnsinn dauerndes Unheil stiften werde. Dazu sind seine Ziele zu chimärisch, aber auch vorübergehendes Unheil können wft nicht gleichgiltig geschehen lassen, wenn wir es verhüten können.' Beim Herannahen eines Sturmes werden wir die Fenster schließen, wenn wir auch in der Lage sind, den Schaden zer» brochener Scheiben zu verschmerzen. Unsere Jugend soll jüdisch fühlen, aber dieses Fühlen soll sich in der Theilnähme am jüdischen Gemeindeleben, im Studiuin unserer Geschichte und Literatur und nicht in vagen Phantasien äußern, welche nur zur Bloßstellung des JudenthumS fuhren. Zn unserem Bedauern verhält sich die jüdische Presse Dcutschlauds dieser Frage gegenüber theiliudiffereut (A. Z.

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