Israelitische Wochenschrift
- Journal
- Israelitische Wochenschrift
- Volume
- 25 (1894)
- Issue
- 47 (23.11.1894)
- Date
- 1894-11-23
- Page
- Seite 367 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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DaS antisemitische Stöckerblatt .Volk" bemerkt zu dieser Mitteilung: ,Hoffentlich stellt die konservative Fraktion des Reichstages durch die schleunige Einbringung des Antrags aus Verbot der Judrneinwanderung den Reichskanzler auf die Probe, wie eSjetzt mit seiner Stellung zum Judenthum steht." (In antisemitischen Kreisen scheint wanden ParlamentariSmus als Spott zu bettciben — bemerkt sehr richtig die ,Volkszeitung.") Berlin. Antisemitische Blätter bettchten, daß in einer Versammlung der rheinischest Schlachthaus-Thierärzte vom 6. v. M. einstimniig die Erklärung abgegeben worden sei, daß man das Schächten m»rv judaico als eine thierquälerischc Handlung ansehen inüsse. Diese Erklärung sei von dem Schlachthaus-Thierarzt Fnedemann (Neuwied) begründet worden, der bettchtete, daß er in seinem Schlachthofe, wo sehr viele Thiere geschächtet wurden, häufig die Cornea-Rcattion geprüft und gefunden habe, daß sie erst nach 3'/» Minuten aufhöre. Derselbe Herr Fnedemann (Neuwied) theilte mit, daß ihm von jüdischer Seite für ein günstiges Gutachten in Bttreff des Schächtens zweihundett Mark in Aussicht gestellt seien; ein Gleiches sei auch noch von anderen Thierärzten be- (tätigt worden. Wir nehmen zunächst an, daß der Bericht der antisemitischen Blätter falsch ist. Unter allen Umständen ist es der Wahrheit widersprechend, daß den Herren Fäedemann (Neuwird) und Genossen für ein günstiges Gutachten in Bttreff des Schächtens von jüdischer Säte zwtthnndert Mark oder eine Belohnung in Aussicht gestellt sind. Aus dem Regierungsbezirke Bromberg. 13. Novbr. (Or.-Corr.) Am 12. d. M. fand in der Stadt Bromberg der schon vor langer Hand vorbertttete Parteitag des Deutschsozialen Verbandes für dir Provinzen Posen und West- Preußen statt. ,Es kreisten abermals die Berge und siehe! sie gebaren — eine Maus." Denn an dem mit so großem Pomp angekündigten großen Patttttag nahmen nicht mehr und nicht weniger als — ca. 60 Herren Theil. Ob diese Angabe bezüglich der Zahl der Btthttligten stimmt, soll nicht bestritten werden, da es in jenen Kreisen zu den Gepflogenhttten gehött, die Zahlenangaben möglichst hoch zu greifen, bezw. doppelt zu sehen. Tn allgemeinen Versammlung war ttne ,geschlossene" Sitzung vorangegangen und muß die Welt schon darauf verzichte», zu erfahren, was im Rathe jenn teutschen Rettn des Batnlandes beschlossen worden. Schade, denn immnhin wäre es iMnessant gewesen, darüber vielleicht Aufschluß zu nhalten, warum wir vngebens jene Herren des Antisemitismus alias Deutsch-Sozialismus in unsnen Mauern erwatttt haben, daß es uns nicht vergönnt gewesen, die Herren Liebermann von Sonnenberg, Zimmermann u. s. w. von Angesicht zu Angesicht kennen zu lernen. Wir hätten auch Aufschluß darüber erlangt, warum alles Agitiren ohne jedes Ergebniß geblieben und der dem jüdischen Fände teutscher Att und Sitte angedrohte Kampf bis aufs Messer nur in gehämer Sitzung bei vcrschlossentn Thüren gefühtt wird. Wir hätten gern das Bekruntniß aus dem Munde all jener wackeren Teutonen vernommen, daß der Biedersinn unserer nichtjüdischen Mitbürger es nicht zuläßt, daß jenen inhumanen Bestrebungen Vorschub gelästtt werde, daß selbst die Aufforderung: ,Deutsche Bürgn, kauftt Eure Weihnachtsgeschenke nicht bei Juden!" unbeachtet gelassen wird und der jüdische Kaufmann in käner Weise sich geschädigt sieht. Es wäre doch zu viel vnlangt, wollte man all diese Eingeständnisse vernehmen. Die Oeffentlichkät jener einlätenden Sitzung auszuschließen, war daher durchaus nicht so ungerechtfettigt! Und was war es, daS man mit kühnem, deutschem Muthe der Oeffentlichkät präSgab? Zunächst freute man sich darüber, daß äne Beränigung der Reform- und der Deutsch-sozialen Partei in Berlin stattgefunden. Diese unschuldige Freude gönnen wir den Herren von ganzem Herzen. Ja, wir gestehen, daß wir Pw» selbst über jenehistorische, «rltersMtterndr Ereignis ' Ml Lcha and«^ daß än deutsch-iozialer Abgeordneter in der Provinz Bosen oder Westpreußen seinen Wohnsitz nehme. Wird dieser Wunsch zur Birklichkät werden, io werden wir demnächst doch änmal den Genuß haben, der uns am grsttigen Tage versagt gewesen ist. Schwert« (Mecklenburg), 19. Nov. Es scheint mir angemessen, folgende Bemerkung in Ihrem Blatte zu veröffeatlichen: ,Was sagen wohl die Frommen der Gennalsynod« dazu, daß der Patttarch Abraham, wie wir im dieswöchentlichen Thoraabschnittc lesen, dem Elirser, einem Nichtjnden, den Eid obgenommen hat und zwar bloß ,bei dem Ewigen, dem Gotte des Himmels und der Erde", ohne jeglichen Zusatz? Warum hat der betreffende Synodale nicht, anstatt das Opfer des Jntellects, d. h. die Juden zum Opfer zu bängen, lieber auf diese Stelle des sogenannten alten Testamcnts bingewiäen? Und obgläch Elreser einen solchen jüdischen Eid geschworen hat und noch dazu vorher, hat er doch seinen Eid sehr neu und gewissenhaft, wie Jeder zugeben wird, gehalten. Landradbiner Dr. Feilchen seid." Köln, > 3. November. Aus änem an uns geächteten Schräben des Vereins-Schriftführers, Herrn Rechtsanwalts Dottor Bodenheimer, thälen wir Folgendes mit: ,In der vorletzten Numnier Ihrer Zätschäft bnngen Sie eine Notiz über den hier neu gegründeten Verein zur Förderung der jüdischen Ackerbaucolonieen in Syrien und Palästina. In dieser Zuschrift ist bewerft: Trotzdem der Verein im § 1 seiner Statute» bemerke, daß er nur humanitäre und culturell« Zwecke derfolge und jede politische oder religiöse Tendenz ausgeschlossen lei, wisse man doch, daß sich dahinter der Zionismus verberge. Ich ersuche Sir nun, diese Notiz dahin zu bcächtigen, daß der Verein keine anderen Ziele hat, als die im beiliegenden,Ausrns" entwickelten." (Den Abdruck dieses Aufrufs ersparen wir uns und unseren Lesern, da wir den § 1 der Staturen in Nr. 45 mitgethält haben; dagegen können wir als authentisch mittheilen, daß sich in dem Verein auch jüdisch - naäonale Elemente befinden, und daß der Rabbiner Dr. Frank öffentlich bekannt giebt, daß er dem Vorstände des Vttäns nicht angehört.) Hannover. 15. November. Der antisemitisch« ReichStagsabgeordnete HanS Leuß ist, wie bereite gemeldet wurde, heute wegen Verdachts des Meineids verhaftet worden. Bekanntlich hatte die Staatsanwaltschaft s. Z. die Untersuchung eingestellt. Der betrridende Theil. der srühere Vorsteher des LebenSmittel-llntersuchungsamtS Dr. Schnutz, legte gegen diesen Beschluß der Staatsanwaltschast Beschwerde ein. die seinem Anwälte, der da« Schäststück über da« Maß energisch abfaßte, 2 Wochen Gefängniß wegen Röthigung der OberstaatSaawaltschaft eintrug. Die Beschwerde hatte aber Eriotg: die Staatsanwaltschaft wurde zu weitere» Vorgehen angewiesen. Jetzt ist gegen Leuß das Hauptverfahren vor d.!>> Schwurgerichte eröffnet worden und zugläch hat die Straflanimer säneVerhoslung verfügt und zwar wenige Tage vor Eröffnung des Reichstags, nach welchem Zeitpunkte die Verhaftung nur »mH mit Genehmigung des Reichstags »iSglich gewesen wäre. Was die Sache selbst belässt, in welcher der Meineid geleisttt sän soll, so wirst ste än grelles Licht auf die Moral diese« AntisemitenführerS, der cS Jahre lang verstand, in großsprecherischer Weise den Sittenächter über Israel zu spielen. Leuß und Schnutz waren innige Büsensteunde. Noch freundschaftlicher sollen aber die Beziehungen des Leuß, der verhärathet ist. mit Frau Schnutz ־ ־״“ ״ ״ ״ ■“ " - ~ . . .? {eine damalige Aussag bildet den Gegenständ der Anklage. Leuß soll zwar nicht geleugnet haben, in einem au-wättigen Hotel mit Frau Schnutz in demselben Zimmer genächtigt haben; stellte aber im Uebrigen jeden näheren Verkehr in Abrede. DaS Personal d«S Hotel scheint aber dem Pärchen eine besondere Aufmerksamkät. gewidmet zu haben, so daß die von diesem bekundeten Thatsachen in Verbindung mit einem lukullischen auf dem Zimmer separat eingenommenen Souper, bei welchem auch der Sekt nicht fehlte, die an sich schon nicht sehr glaubwürdigen Bekundungen des Zeugen Leuß widerlegen dürften. Hauuov«. 17. November. Nach einer neuesten Mitthälung ist Leuß heut« gegen Zahlung äner Kaution von 10,000 Matt aus der Untersuchungshaft entlassen worden.