Israelitische Wochenschrift
- Journal
- Israelitische Wochenschrift
- Volume
- 25 (1894)
- Issue
- 47 (23.11.1894)
- Date
- 1894-11-23
- Page
- Seite 364 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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zu leicht ferner, weil sie sich dadurch für die agitatorische Arbeit sehr gekräftigt haben und bereits eifrig an der gemeinsamen Arbeit sind. Diese Einigung und ihr Programm find wieder Mttstcrstücke demagogischer Schlauheit gewesen. Da die Partei Böckelscher Observanz als Vorfrucht der Socialdemokratie und des Atheismus verdächtig geworden war, so mußten erst die beiden Hauptvertreter, Böckel, der Demokrat, und Fritzsche, der Feind des Altm Testaments (von Herkunft wahrscheinlich ein Czeche: Frcz) beseitigt werden. Beides gelang: Böckel, der hessische Bauernkönig, wurde durch eine Jntrigue gestürzt und Frcz trat von der Leitung der ״Deutschsocialen Blätter", dieses antisemitischen Arizonakikers, zurück. Ahlwardt, der Radaumacher, konnte nicht gänzlich über Bord geworfen werden und wurde daher ins Schlepptau verwiesen. Jetzt war der Bodm geebnet für ein monarchisch-christlichnationales Programm, auf das sie sich nunmehr bei jeder Gelegenheit mit Emphase berufen können. Daß die Partei aber nicht zu ernst genommen werde, dafür sorgt ihre absolute politische Unfähigkeit und Unfruchtbarkeit. Nein, von den partei-antisemitischen Schreiern ist am wenigsten zu besorgen. Weit schwerer wiegt die antisemitische Tendenz der conservativen und — nach Bedarf — der national-liberalen Partei. Gesellte sich zu diesem noch das Centrum, dessen man nie sicher ist, dann hätten wir in der That gegenüber den Patteien einen schweren Stand. Gegen eine solche Constellation haben wir nicht die geringste Gewähr. Aber wichtiger als das cngbegrenzte Gebiet der parlamentarischen Gesetzgebung ist in Preußen und den verwandten Staaten die allmächtige Verwaltung und hier ist die Lage nicht besser. Zwar die jetzigen höheren Verwaltungsbeamten sind noch keine Antisemiten, vielmehr begegnet uns auf manchen Gebieten, z. B. dem uns wichtigsten des Cultus, bisweilen eine überraschend wohlwollende Fürsorge, weil man gerade hier Gelegmheit hat, das specifisch Jüdische kennen und achten zu lernm. Namentlich zu dem jetzigen Cultusminister dürfen wir Verttauen haben. Auch aus der B a h n Verwaltung köniiten wir manche Beispiele erfreulicher Unbefangenheit anführen und die Zurück- Haltung unserer jungen Leute von diesem Fache halten wir nicht für gerechtsettigt. Bei der Po st Verwaltung sind wir hierzu nicht in der Lage. Am ttaurigsten sieht es in der Justiz und beim Militär aus. Statt allen Raisonnements mögen Thatsachen beweisen. In Sachsen — dem allerdings kulturell tiefstehenden deutschm Lande mit der größten Verbrechcrzahl — wird entgegen dem klarm Wottlaut der Verfassung und des Gesetzes kein Jude als Richter angestellt und in ganz Deutschland findet sich kein Staatsanwalt, der aus eigenem Antrieb antisemitische Frechheiten verfolgt. Nach wie vor dürfen Juden und Judenthum ungesttaft auf das Schamloseste beschimpft werden. Wie es beim Militär bestellt ist, weiß Jedennann: Es giebt im ganzen deutschen Reich keinen Mischen Reserve» offizier, einige wenige fossile Landwehroffiziere zeugen von früheren besseren Zeiten. Ja auch nur die Beförderung eines jüdischen Einjährig-Freiwilligen zum Unteroffizier ist ein Ereigniß. Noch hat aber Niemand beweisen können, daß der Jude ein schlechterer Soldat sei als der Christ. Die Kirche, wenigstens die offizielle protestantische Verttetung, spiegelt in ihrer Haltung gegen'das Judenthum getteu das Wachschum des antisemitischen Geistes wieder. Zwar geradezu rassenantisemitisch will man bei Leibe nicht sein, diese Reverenz muß man der ״christlichen Nächstenliebe" schon machen, aber in den Kundgebungen der jüngst versammelten Generalsynode, welche die Anträge gegen die jüdisch-christliche Mischehe und den Eid vor dem jüdischen Richter angenommen hat, sprach sich wieder der bekannte fromme Uebermuth gegen den schwachen Gegner aus, wie er allerdings christlicher Orthodoxie zu allen Zeiten eigen gewesen ist, aber so unverh doch nur hervortritt, wenn sie fühlt, daß ihr Tag gckommes.1 Wir haben uns über jene beiden Punkte im vorigen Jahr] (Sir. 43—46) bereits ausgesprochen und nehme» heute kein] Wott davon zurück. Nach wie vor schwebt Stöcker's Geists von außen Salbung, so da triefet von eitel Liebe, von innen! Rohheit und giftiger Haß, über den Wassern. Von hier droht! eine größere Gefahr als aus den Parteien heraus. Denn! die erfolgreichsten, wüthendsien Hetzer gegen die Juden sind' stets fanattsche Pfaffen gewesen, deren Einfluß oft sehr Hochs reicht. Wir kommen endlich zu dem trübsten Bilde, zu dem' Verhalten der Gesellschaft gegen die Juden. Es giebt zwar schon genug Patteiantisemiten, aber den Gefühlsantisemiten gehört — von den Socialdemo.' kraten vielleicht abgesehen — der allergrößte Theil des deutscheu Volkes, namentlich der sog. Gebildttcn. Hier sind die Verhältnisse wahrhaft niederdrückend. Eins wirklicher Verkehr zwischen Christen und Juden oder gar auf» richtige Freundschaft gehört heutzutage zu den größten Seltenheuen. Gesellschaftlich ist derJude auf der ganzen^ Linie fast geächtet. Wer das Treiben im Volke beobachtet,^ weiß, daß sich dies bis in die Schulen, bis in die christlich-' germanische Sexta erstreckt, und was noch schlimmer ist, der ' Lehrer — falls er nicht gar selbst ganzer, halber oder■ Viertels-Antisemit ist — ist dagegen machtlos. Der Einfluß s der Familie, der Umgebung ist zu stark. Ein Beweis für das mächtige Anwachsen der antisemi-'j tischen Sttömung im Volke ist der riesige Aufschwung dcri antisemitischen Presse. Vor einem Jahrzehnt war ein rein-l antisemitisches Blatt noch ein Curiosum, heute giebt es deren; in jeder Provinz. Einige von ihnen haben einen bedeute«» den Leserkreis z. B. Tägliche Rundschau, Volksrundscha«,^ Staatsbürgerzeitung u. s. w. Noch mehr, auch die nicht auS- - schließlich antisemitischen Blätter müssen der Zcitströmung^ durch einen antisemitischen Anstttch Ausdruck geben. Voran j natürlich die Krenzzeitung, dann Grenzboten, Zukunft, Daheim u. s. w. Und dabei giebt es keine niederträchtigere,^ durch und durch verlogene Presse als diese. Wer dies für - eine voreilige Schmähung hält, dem rathen wir, nur einmal vier Wochen lang diese Schandpresse zu verfolgen. Auch! wird nirgends die deutsche Sprache erbannungswürdiger ge-' mißhandelt, als in diesen teutschen Schreibereien. Wir mache«! uns anheischig, jederzeit einen Anttbarbarus der deutsche«) Sprache aus der anttsemitischen Presse zusammenzustellen. Ter anttjemitische Geist herrscht schließlich noch in einem j Gebiete, auf welchem sich das deutsche Volksleben mit Borliebe bethättgt, in den Vereinen. Voran stehd der Bund) derLandwitthc, der einstimmig in zwei von je 5000 Land»] witthen besuchten Versammlungen den Ausschluß der Juden beschlossen hat. DieseThatsache ist besorgnißerregender als die ganze) antisemittsche Pattei. Denn der Bund der Landwitthe repräsentirt die compacteste Schicht des ganzen Volkes und wird) sicherlich — alle Anzeichen deuten darauf hin — auch auf] das politische Leben Einfluß gewinnen. Es vergeht auch kaum ein Schuster- oder Schneit ״Tag", in welchem ״die Noch der Zeit" berathen wird, ol daß erst einmal den« Juden was versetzt wird. So sieht das Gesammtbild unser gegenwärtigen, äußere»] Lage aus. Die Sozialdemokratie, man mag über sie denke«] wie man will, ist der einzige statte Damm gegen den Antisemitismus. Ter Liberalismus ist todt und die vielfach sich* regenden humanen Gegenbestrebungen (z. B. Egidy'sche) finbV nur noch Strohhalme an Widerstandskraft. Was sollen wir thun, was haben wir zu hoffen, sieht es im eigenen Lager aus? Die Antwott wolle«) wir in einem dcninächst folgenden Artikel geben. B.