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Israelitische Wochenschrift · 1894-11-09 · 45 (9.11.1894) · p. Seite 350

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Journal
Israelitische Wochenschrift
Volume
25 (1894)
Issue
45 (9.11.1894)
Date
1894-11-09
Page
Seite 350 (sequence 4)
Language
German
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alterlich-geschulten Helden einen Damm cntgegenzusetzen, und der Herr Ministerpräsident sollte das um so eher und eindringlicher thun, als er bereits 75 Jahre alt ist, und er nicht zögern dars, der Stimme der Gerechtigkeit Gehör zu geben, denn mehr verlaugcu wir nicht. Er muß nicht nur alte Fehler verbessern, sondern er muß auch Vorarbeiten, denn wer weiß, w-s Geistes Kind sein Nachfolger sein wird. Wir wollen keine Vorrechte, es wäre ja lächerlich, an solche für Juden zu glauben, und wenn unsere Feinde sie noch so laut in die Welt hinauslügen — wir wollen ja nur, daß das Blatt, aus dem unsere bürgerlichen und staatsbürgerlichen Rechte gewährleistet sind, nicht Makulatur sei, und daß die Hüter der Gesetze auch diese Gesetzesseite unter ihren Schutz nehmen. Das erhoffen wir vom neuen Reichskanzler und gebe Gott — nicht vergebens. Nachrufe. Gewaltige Ereignisse haben das öffentliche Leben in den letzten Tagen mächtig erregt. Der russische Kaiser ist gesto rbenj, der deutsche Kanzler ist gestürzt worden; das Schicksal und der Tod des Kaisers sind hochttagischer Vorgang; ein Fürst, der unumschränkt über ein ungeheures Gebiet waltete, und der doch mehr eingeschränkt lebte als der Geringsten einer, weil Furcht und Schrecken ihn auf jedem Schritte begleiteten, wie mochte er seinen Schwiegervater, den dänischen König, beneidet haben, der ftei sich unter seinem Volke sich bewegt und der für den Fremden, der ihn nicht kennt, sich in Nichts von den andern Bürgern unterscheidet. Wie viel Entsetzliches hat der Czar erlebt von jenem Tage, da er durch die grauenvolle Ermordung seines Vaters zur Regierung kam, bis zu den letzten Wochen, da ihn die tödtliche Krankheit folterte; er war ein Riese an körperlicher Kraft, aber die stet: Angst hat diesen Riesen vorzeitig gebrachen. Das Unglück schreitet an Palästen nicht vorüber, es steigt hinauf zum Thron des Hochgefürsteten und setzt sich zu ihm und enveist sich mächtiger als der mächtigste der Herrscher. Auch für die Juden, die nicht unter russischem Scepter leben, ist der russische Kaiser eine hochwichtige Persönlichkeit, denn bei weitem die meisten unserer Glaubensgenossen sind russische Untetthanen. Durch ein trauriges Berhängniß hatte Alexander III. tief eingeivurzelte Voruttheile gegen die Juden. Was unsere Brüder in diesen fast vierzehn Jahren seines Re» giments gelitten haben, kann nicht aus unserer Erinnerung schwinden; aber wir wollen lieber dabei verweilen, daß offenbar in der letzten Zeit der Kaiser seine hatten Pläne, wenu auch nicht aufgegeben, so doch gemildett hat; wer möchte nicht der tröstlichen Meinung Raum geben, daß er, wenn er länger gelebt hätte, die Jrtthümer seiner Jugend erkannt und gebessert hätte; sein Sohn besteigt früher, als nach menschlichem Ermessen zu erwarten war, den mächtigsten Thron. Möge der Gott, der die Herzen der Könige lenkt, daS Herz des jungen Fürsten führen, daß er segensreiche Entschlüsse lasse zum Heile des Weltftiedens, zum Heile all» Völker seines weiten Reiches und besonders zum Heile seiner jüdischen Unterthanen, die so lange schuldlos gelitten haben. Weit weniger ttagisch ist der Sturz Caprivi's; am leichtesten schemt der Kanzler selbst sein Geschick zu ertragen; wir wissen nicht, wie dieser Sturz herbeigeführt worden ist; so über Nacht, wie die Blätter melden, ist die Katasttophe nicht gekommen; schon Wochen vorher hat man in der Provinz, in Krnsen, die zum Hofe Beziehung haben, den Wechsel im Reichskonzleramt sicher vorausgesagt. Seitdem die Antisemiten mächtig im Lande geworden find, sind wir Juden dazu gedrängt worden, wichtigen politischen Ereignissen gegenüber' zu erwägen, wie west sie den Inden nützlich oder schädlich find; und so können wir nur sagen: die jüdischen Bürger dieses Landes sehe» de» Grafen Caprivi mit Bedauern aus dem Amte scheiden; nicht daß der Graf ein Freund der Juden gewesen; er hatte wahrscheinlich nie Gelegenheit, das Judentum genauer kennen zu lernen oder mit Juden näher zu verkehren; auch hat er fast gar nichts dazu gethan, um die Rechtsgleichheit, die uns Juden im Gesetze verbürgt ist, praktisch durchzuführen; aber er hatte doch wenigstens ein llareS Auge für den antisemitischen Uebermuth, für den staatsgefährlichen Charakter unserer Widersacher, die das Urtheil des Volkes durch Lügen verwirren; er hat, dessen sind wir gewiß, nichts gethan, um das Feuer im Geheimen zu schüren. Sein Nachfolger ist ein Edelmann, der seit Jahrzehenden in den wichtigsten Aemtern segensreich gewittt hat, der die größten Verdienste sich um daS Vaterland erworben hat, der seinen liberalen und gerechten Sinn auch gegen die Juden bekundtt hat. Wir haben keinen Grund, einem Manne, den wir bis zu seinem sünfundsiebzigsten Jahre verehrt haben, jetzt zu mißttauen, weil er Reichskanzler geworden ist. Wir hoffen, daß er in Berlin derselbe bleibt, der er in München, Paris und Sttaßburg gewesen ist, ein Aristokrat der Gesinnung, einer der ,edelsten der Nation". Herr v. Köller ist mit ihm eingezogen, Herr v. Köller hat eigentlich nur den einzigen Empfehlungsbrief, daß ihn Fürst Hohenlohe einführt, und der einzige Schatten, der aus den Kanzler fällt, ist. daß Herr von Köller in seinem Gefolge ist. Der neue Minister war einstmals ein Genosse Stöcker's. Wir haben vorläufig keinen Grund, ihm besonderes Verttauen entgegenzuttagen. Pkkichlk nnö Kurrksponörnzkn. Magdeburg. Daß den Blättern der Reaction der Kamm jetzt besonders schwillt, ja daß sie allesamt mit Hochdruck darauf hinarbeiten, das Staatsschiff in das antisemitische Fahr- Wasser hineinzutteiben, ersieht man deutlich aus den Forde, runge», die sie stellen und aus der Kritik, die sie an den Handlungen der Regierung übt, wobei immer etwas Hetze getrieben wird. So ist die ,Kreuzztg." ganz außer sich darüber, daß das von den Regierungspräsidenten zu Marienwerder und Lüneburg vor etwa Jahresfrist für den Umfang ihrer Bezirke erlassene Verbot des Schächtens von dem Minister des Innern, (d. h. noch von dem Grasen Eulenburg) auf Grund inzwischen angestellter Erhebungen aufgehoben worden sei. Das erscheint ihr höchst auffällig und sie entblödct sich nicht in Hetzerischer Manier zu schreiben: ,Weder von dem Königreich Sachsen, noch von der Schweiz, wo das Schächwerbot seit längerer Zeit besteht, sind berechtigte Klagen laut geworden, welche zur Aushebung desselben Anlaß bieten könnten. Warum in Preußen eine andere Auffassung besteht, ist uns nicht klar. Jedenfalls scheint uns die Angelegenheit zu denen zu gehören, die sich zur Regelung von Reichswegen besonders eignen, weil das Schächwerbot nur unter der Voraussetzung wirksam gehandhabt werden kann, daß sich den Gegnern desselben nicht jenseit der Landesgrenzen Gelegenheit bietet, ihren Willen durchzusetzen. Gegenwärtig ist, wie mehrfach berichtet wird, die Lage die, daß die Leipziger Schächter, weil sie ihr Gewerbe in Sachsen nicht mehr ausüben dürfen, dasselbe in der unmittelbaren Nachbarschaft in Preußen betteiben und daS ״vorschriftsmäßig" behandelte Fleisch ihrer sächsischen Sundschuft in der bequemsten Weise zuführen. Erst ein allgemeines für ganz Deutschland gültiges Schächtverbot würde derartiges unmöglich machen oder doch in hohem Grad erschweren. Manche fremde Landesgrenze, wie die stänzösische, belgische, holländische, österreichische u. a. blieben ja noch immer offen. Allein mit diesem,Mitbewerb" hat u. a. auch die Schweiz zu rechnen, die doch gar nicht daran denk, daS einmal ergangene Verbot wieder aufzuheben." Daß daS Schächten keine Tbierquülerei invowirt, ist seit Dembo'S Untersuchungen wissenschaftlich exact festgestellt. Das war auch für den Minister des Inner» so maßgebend, daß erdgA^Mj

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