Israelitische Wochenschrift
- Journal
- Israelitische Wochenschrift
- Volume
- 25 (1894)
- Issue
- 45 (9.11.1894)
- Date
- 1894-11-09
- Page
- Seite 349 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Tie erwähnte neue StaatSeinrichtung brauchte durchaus keine für doS allgemeine Staat-recht einschneidende zu seiu — uns konnte sie einen Pfahl in's Fleisch bedeuten; in jeder beliebigen, einflußreichen Stellung, konnte irgend ein Heißsporn uns wehe thun, uns Schaden zufügen, den drei wohlwollende Generationen nach ihm nicht gut machen konnten, denn für alle Anschuldignngeu und Hintenansetzungen gab das Judenthum stets einen gefügigen Stoff ab, und der sie in Scene fetzte, dürfte einer beisallklaschenden Pöbelmafse sicher sein, während die Wohlgesinnten in der selbstgefälligen und neidischen Menge stets nur gemischten Gefühlen begegneten. Wie größer aber und bedeutender drängt sich unS diese Erscheinung auf, wenn es sich um neue Männer handelt, deren unbegrenztem Einfluß Alles untersteht, alle Interessen von Reich uud Staat unterthan sind, wie bei den vor Kurzein erfolgten Neubesetzungen der höchsten Vertrauensposten in der Umgebung des Kaisers! Ta müssen wir die bange Frage auswerfen: Wird der neue Minister des Innern, i» dessen Hand die Kulturangelegenheiten der Juden in Preußen ruhen, uns gegenüber die Stellung eines mittelalterlichen Junkers einnehmen — wird er ein Mann nach dem Herzen der »Kreuzzeitung" sein, die mit geschwollenem Kamme,das Heil nurvon einem antisemitischen Regiment erwartet — ivird er die Zügel der Rückwärtsbewegung stramm ziehen, oder, wie nach seinen Antecedentien zu befürchten, noch weiter lockern? Soviel Fragen, soviel Räthsel! Ohne besondere Beziehungen zu uns zu haben, ist unser Schicksal doch auch mit dem Standpunkte des neuen Reichskanzlers vcrknüft und beim Fürsten Hoheulohe sind die Aussichten schon etwas rosiger. Der Mann, welcher einst liberale Anwandlungen hatte, von welchen beseelt, er sich der Hierarchie seiner eigenen Glaubensgenossen in den Weg warf und seinem Intellekt seiner Stellung zum Opfer brachte — der Mann, welcher zur Emanzipation der Juden in Baiern den Schlußstein legte und als einer der größten Grundbesitzer Rußlands die Kränkung, die eine Zurücksetzung und Benachtheiligung Andersgläubiger in sich schließt, an seinem eigenen Körper erfahren — der Mann, welcher als Kaiserlicher Stell- Vertreter in den Reichslanden eine nachahmenswerthe Organisattion kennen und würdigen gelernt hat, die Juden und Ehristen zu beiderseitigem Wohlbefinden mit gleichem Licht und gleichem Schatten versieht, wird auch den protestantischorthodoxen Stürmern den Daumen aufs Auge zu drücken verstehen und ihrem maßlosen Gelüste einen wirkungsvollen Dämpfer aufsetzen. Seine Freundschaft mit Bismarck, sowenig sie dessen frondircndeS Auftreten zum Schweigen bringen wjrd, wir ihn wohl nicht veranlassen, in die Fußtapfen des Nährvaterdes Antisemitismus zu treten. Tie Unsicherheit, mit welcher der Mann »ohne Ar und Halm" seinen agrarisch-antisemitischen Gegnern gegenübcrstand und schließlich unterliegen mußte, wird ihm hoffentlich fern sein; der ähren- und ehrenreiche Grandseigueur Fürst Hohenlohe kann dieser selbstsüchtigen Gesellschaft nach allen Richtungen hin imponiren, und seine milde, rechtliche Gesinnung wir auf den mit ihm gekommenen langjährigen Mitarbeiter wohl nicht ganz ohne Eindruck geblieben sein. Bald wird es sich ja zeigen, ob der »alte Kurs" wieder neu wird, oder ab dem »neuen" ein noch neuerer, glänzenderer folgt, dafür sorgt die außerordentliche Grneralsynode, die mit ihren verstöckerten Wünschen an der Klinke der Gesetzgebung ziehen will. ES ist schon weit gekommen mit chr. — Daß sie die kirchliche Zuchtmittel gegen Mischeheu verschärfen will, ist ihr gutes Recht, nnd wir sind die Letzten, weuhe dem Unfug in solchen Ehen kühl gegenübersteheu. Daß sie aber, im Gefühl ihrer Ohnmacht, e» au strammer kirchlicher DiSciplin den Katholiken nachzuthun, sich in de» Speichen der Eünlstandgesttzgebung weifen sab einen Bermchtungswiopf oeigt am »ahiü ttix nicht bald die Flügel gestutzt werden. Ihre Initiative selbst ist nichts als Nachahmung, sobald man etwazusieht. So wenig die Knechtung und Niederhaltung der fteien wissenschaftlichen Forschung dem Wesen des Protestantismus entspricht, verlangt die׳e Behörde bischöfliche Rechte bei Besetzung von Professuren, die erst vom Staate bestätigt werden dürften, nachdem die Aspiranten durch ein ketzerrichtendes Inquisition-« Tribunal hindurch Spießruten gelaufen. Da es jedoch nicht ausgeschlossen ist, daß der Kandidat mit der Approbation in der Tasche späterhin aus einem Paulus ein Saulus wird, so wären geistliche Schutzmänner zu bestellen, die den Abtrünnigen jederzeit zu einem Colloquium laden und seine Absetzung unvcrweigerlich verlangen dürften. Da aber jeder Staatsbürger das Recht hat, sich nach Möglichkeit zu blamieren, so ginge uns das weiter nichts an, und die ganze hochwürdige Generalsynode wäre uns »Hekuba", wenn sie sich nicht mit Angelegenheiten beschäftigte, welche geeignet find, aus purer christlicher Nächstenliebe die Rechte der Juden zu beschneiden u. z. bezüglich ihrer richterlichen Qualität. Wir müssen die beleidigende Verdächtigung, die in der Unfähigkeitserflärung jüdischer Richter, einem christlichen Verbrecher einen Eid abzunehnien, liegt, wir müssen die Insinuation, daß die jüdische Moral minderwertiger sei, je höher die Männer im gesellschaftlichen Leben stehen, die diese Ungeheuerlichkeit aussprachen, mit umso größerer Entschiedenheit zurückweisen. An sich ist ja die Gegenwart des Richters für den Schwörende« der in Gegenwart des allgcrechten und allgegenwärtigen Gotte- und nicht dem Richter oder dessen Religion zu Liebe, den Eid ablegt, gleichgültig, und es ist ein schlechter Kompliment, welches die hochw. Generalsynode ihren Gläubigen an dm Kops wirft, denen sie zumuthet, daß sie im Stande seien, von der Anwesenheit eines andergläubigm Richters das Recht auf einen Falscheid hcrzuleitm. Dem besonders zum Ausdruck gebrachten Bedürfnis nach einem religiösen Eide trägt übrigens auch die heutige Gesetzgebung ausgiebig Rechnung, wozu also I die ganze Aufregung? Ein Synodale hat da aus der Schule geplaudert; wir wollen auf die Nennung seines Namens verzichtm und nur soviel verraten, daß der fromme Mann ein Gymnasialdirektor, also ein edler Erzieher der Jugend ist, für dessen Ansichten wir nur die eine Erklärung haben, daß er ein Westfale und Landsmann der ״Könige" von Witten ist. Dieser Mann, welcher der Jugend die Achtung vor Gesetz und Menschenrecht einprägen soll, entblödete sich nicht, dem Professor Dr. Kahl-Bonn, welcher das Verlangen, daß »nur ein christlicher Richter einem Christen einen Eid abnehmm dürfe", innerlich nicht berechtigt nannte, mit Biedermannston zu erwidem, daß er die Ausschließung der Judm vom Richteramte durchaus nicht bedauem würde, für welche Großthat der brave Mann durch den Beifall seiner Gesinnung»- genossen ausgezeichnet wurde Wenn solche Leute mit dm bestehenden Geietzen mit solch verächtlichen Worten umspringm, dann sollte man socialdemokratische Ausschreitungen der ungebildeten Volksmasse etwas milder beurteilen und nicht gleich nach dem Staatsanwalt rufen. Allein die Herren denken gamicht daran, die Judm in allen ihren staatsbürgerlichen Rechten zu beschränken; so z. B. wollen sic den jüdischen Steuerzahlem durchaus nicht da- Recht verweigem, für den immer mehr wachsenden Hunger nach Ausgaben für kirchliche und geistlche Zwecke die Kostm decken zu helfm, ohne von irgend einer Seite für ihren Cultus eine Gegenleistung zu empfangm. An nescis, qoantili» 1u8t1tia regstur orbis? möchten wir angesichts solch haarsträubenden Unrechts gebildeter Menschen, die ohne Errüthm Mitbürgern gleiche Pflichten ausbürden wollm, und die wmigm ihnen verliehenm Rechte ihnm noch mehr verkürzm wollm, variirmd anSrufm. Und daS sind Christen, fromme Christen, Hüter der religiösm Liebe, deren Lippm von Houigfti« trieft«.! Das wäce für di« «eum Herrm Minister eine danken»- «nthe Pssgabe, der schrankenlosen Begehrlichkeit solcher mittel-