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Israelitische Wochenschrift · 1894-11-09 · 45 (9.11.1894) · p. Seite 348

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Journal
Israelitische Wochenschrift
Volume
25 (1894)
Issue
45 (9.11.1894)
Date
1894-11-09
Page
Seite 348 (sequence 2)
Language
German
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religiös-sittlichen Erhebung gelegt hatte. Wir hören darüber: ״Nicht weil ihr die Vielen seid, hatte der Ewige an euch Wohlgefallen und erwählte euch, denn ihr seid die Wmigen von allen Völkern. Aus Liebe des Ewigen gegen euch, uin weil er den Eid hält, den er euren Vätem zugeschworcn hat, hat der Ewige euch aus Aegypten geführt." (5 B. M. 7,7—8.) Aber wie die Bibel einerseits die Erwählung Israels als eine Erfüllung der göttlichen Verheißung an Abraham hinstellt, so macht sie auch andererseits Anspruch aus Erfüllung der daraus sich ergebenden Pflichten zur Fottsetzung des in der Schrift bezeichneten abrahamitischen Werkes, hinzugehen in alle Welt, um ein Segen der Menschheit zu werden. ״Es werden sich mit dir alle Familien der Erde segnen!" So lesen mir in Micha ö. 1—4. ״Und es wird geschehen am Ende der Tage, fest ist der Berg des Gotteshauses auf der Spitze der Berge; er ragt unter den Hügeln hervor, nach ihm sehnen sich die Völker; sie sprechen: ״Lasset uns hinziehcn zum Berg des Ewigen, in das Haus des Gottes Jacobs, es belehre uns von seinen Wegen, daß wir wandeln aus seinen Pfaden." Ferner Jesaia 12. 9: ״Voll wird die Erde der Erkenntniß des Ewigen sein, wie Wasser das Meer bedeckt." Jesaia 42. 6—8: ״Ich, der Ewige habe dich ernannt nach Gerechtigkeit, ich erfaßte dich bei der Hand, bildete dich und setzte dich ein zum Bund des Volkes, zum Licht der Nationen." Jesaia 41. 8.: ״Ihr seid meine Zeugen, ob es einen Gott giebt außer mir." Jeremia 16. 9.: ״Zu dir kommen die Völker von den Enden der Erde und sprechen: Lüge ist's was unsere Väter uns vererbten, Nichtiges, was nichts nützet." Jesaia 56. 7.: ״Und ickj bringe sie auf den Berg meines Hciligthums, erfreue sie in dem Hause meines Gebetes, ihre Opfer sind zur Gnade auf meinem Altar, denn mein Haus wird das Haus des Gebetes für alle Völker genannt werden." Haben sich diese Verheißungen verwirklicht? Blicket hin nach dem Osten und dem Westen, nach dem Süden und dem Norden, die Altäre da und die Gotteshäuser dort, das Halleluja da und das Hosianna dort — sind Licht von deinem Lichte, Geist von Deinem Geiste! Ja, die Geschichte Israels ist die Geschichte der Gottesidee, ihres Kampfes und endlichen Sieges; die einzelnen Epochen derselben sind die ihr« Geburt, Entstehung, Bildung, Befestigung und Verbreitung. Aus Israels Mitte gingen die Lehrer und Vnkünder ihr« Wahrbeiten hervor, die Männn des starken Geistes und scharfen Blickes, de» begeisternden Wottes und d« hinweisenden Rede, die Propheten und Süngn, die Weisen und tiefen Denken, deren Geistesstrahl blitzend durch die Welt gedrungen, Gott und Tugend in die H«zen dn Völkn gepflanzt. Dir Periode Israels vorstaatlicher Zeit war die dn Geburt, dn Offenbarung des Gottesidee, die seines ersten staatlichen Lebens, die ihrn Entwickelung und ihres Kampfes, die seines zweiten Staates, die Zeit ihrn Befestigung und endlich die dn Jahrhundnte seines nachstaatlichen Daseins die ihrn Vnjüngunz und Ausbreitung. Dn Leib war gebrochen, desto frein bewegte sich dn Geist; das israelitische Volk, jedn Einzelne desselben wurde Trägn, Fördner uud Märtyrn dn religiösen Idee dn Gotteslehre und des Gesetzes. Ein Volks- und Gesetzeslehrn des zweiten Jahrhundnts, R. Jose, hat das Richtige in seinem Ausspruche darüber gettoffen: ״Gott hat JSrael untn die Völkn geschickt, damit es an Proselyten zunehme," denn es heißt in Hosea 2. 25.: ״Ich werde es im Lande aussäen und mich des Nichtnbarmten erbarmen." ״Sä« doch dn Landmann ein Maaß Getreide auS, um mehrne Maaß zu ernten?) Die griechische Uebnsetzung dn biblische» Büchn, die Schriften Philo'S und Josephus', sowie das jüdisch-hellenistische Schristthum übn- Haupt haben die damalige gebiidete Wett mit dem Gottesglauben dn Juden und dessen Lehre bekannt gemacht. D« Erfolg war ein erfreulicher und weitgehend«. Tausende auS den hohen Kreisen dn Römn und Griechen in Rom, Antiochien, •) Jebamoth 8. 47». Alexandrien, Jerusalem u. a. O. drängten sich zu den jüdische» - Altären, besuchten die Synagogen, lauschten aus die Vorträge daselbst und wurden eifrige Bekenner des jüdischen GotteSglaubens?) So lesen wir bei Philo (Vita Mosis 137:) ״Das ist unstreitig bewundernswürdign, daß außer den Juden auch alle Fremden, besonders diejenigen, denen die Tugend am Herzen liegt, unsere Gesetze billigen und sie in hohen Ehren halte»." ״Wie Gott sich durch die Welt ergießt," berichtet Joscphus, ״so ist das Gesetz durch die Welt gegangen." So hat das Judenthum zwei Tochtnreligionen, erst das Christen» thum und spät« den Islam, aus sich hervorgehcn gesehen, welche die Völkn drein Welttheile den Lehren des jüdischen Gottesglaubens näher gebracht. Ich wiederhole, was dn große Moses Maimonides mit Nachdruck b«ont: ״Nur näher gebracht wurden die Völkn den Lehren des jüdische» Glaubens, ein vollständiges Eingehen auf dieselben — soll Sache dn Zukunft sein." Und wirklich erlebte das Judenthum im 16. Jahrhundert wicdn ein neues, gewaltiges Drängen zu seinem heiligen Schrifttum, den hebräischen biblischen und nachbiblischen Büchern, um von neuem ihre Lehren und Vnheißungen zu durchforschen und sie zu beherzigen. Es war die Zeit der Resonnation des christlichen Glaubens, wo dessen Lehrn und Dogmen einn neuen Untersuchung und Prüfung unterzogen wurden. Es entstanden neue Anschauungen, Lehren und Sekten, die dem Judenthum wiedn näher und näher rückten und theilweise in dasselbe einzuziehen Miene machten. Wir ninnem an die Sabbatariann in Ungarn, die Abrahamiten in Böhmm u. n. m. Das Weck dn Reformation «hielt durch die hebräische Bibel, die das Judenthum als sein Größtes und Höchstes bewahck hatte, durch die jüdischen Gelehrten, die Luther, die Reuchlin und Calvin u. a. m. zu Lehrem hatten — eine mächtige Beihülfe und Erstackung. Einen weitern Einzug dn Lehren dieses seines heiligen Schriftthums in die Menschheit, dn Lehren und Gesetze dn Nächstenliebe, dn Freiheit, Gleichheit und Gleichberechtigung all« Menschen, des einen Rechts, und des einen Gesetzes für Alle, des Schutzes dn Arbeit, dn Aushilfe und Wohlthättgkeit gegen Alle — sah das Judenthum kaum zwei Jahrhunderte spät«. Im 18. Jahrhundnt. haben die geätzten Männn Europas dieselben dn Menschheit öffentlich verkünd« und in dem leßten T«ennium desselben wurden sie als die unumstößlichen Menschenrechte gesetzlich sanctjonitt. Bedarf es da noch eiues Beweises von dem Fortbestände und dn Fortwirksamkeit d« Miffion des Judenthums? Sollen die Bekenn« desselben dies« Aufgabe und diesem Bnufe ihrn Religion in ihren Gebtten keinen Ausdruck vnleihen und die biblische Vnheißung von Israels Erwählung und Berufung in denselben streicheu? Ich möchte mit meinem Uckheile nicht vorgreisen — und erwarte von meinen Hnren Collegen eine weitne Erötterung dieses Gegenstandes. Dr. I. Hamburger, Landrabbiner in Strelitz (Mecklenburg). Neue Männer, neue Sitten. Bon Dr. Singer-Loblenz. Seit jenem iu d« Bibel uns überlieferten Pharaonischen Nachfolgn Josephs, welch« seinen Regierungsantritt nicht bessn einzuleiteu wußte, als durch verderbliche, massenmörderische Gesetze gegen die Israeliten, sind wir durch, die Lehrmeisterin Geschichte daran gewöhnt worden, jedn neuen Staatseinrichtung den Maßstab anzulegen, waS sie uns bringen, wird: Fortod« Rückschritt, neue Rechte odn nur neue Pflichten, gesetzliche Gleichheit, oder immn weitne Hnabwürdigung zu Staatsbürgern zwestn und drittn Klasse. •) Ausführlich«« darüber bringen die Artikel: ״Autbreitnng de» Jndenchn«»', ״Pr»f»ltzten', ״Vom",;Joseph״»" »d ״Phil," in Hambürger't ״A»al-O»eycl»püdi» für Vilbel und Laümch", RbcheUnng ll «ad Supplement ll Und III.

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