Israelitische Wochenschrift
- Journal
- Israelitische Wochenschrift
- Volume
- 25 (1894)
- Issue
- 44 (2.11.1894)
- Date
- 1894-11-02
- Page
- Seite 343 (sequence 5)
- Language
- German
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■־A 1' V!; DaS Reichsgericht verwarf jedoch heute die Revision, weil die Feststellung, daß die Antragsteller mit dem incrimi-- nicken Flugblatt nicht gcttoffen und nicht gemeint seien, eine thatsächlichc sei. Bielefeld. Am 11. September fühtte in Delitzsch der Hierselbst aus seiner früheren Amtsthätigkeit wohl bekannte antisemitische Agitator, Pastor Jskraut, in einem Vorttag über ,Judenthum und Sozialdemokratie" folgendes aus: Unser Volk sei -ein christliches Volk; weil es christlich sei, Jeiße deutsch sein — christlich sein. Der Gegensatz zum christlichen leist sei der jüdische Geist. Das beste Antiscmitcnbuch sei das alte Testament. Die Nächstenliebe gelte nur für die eigenen Glaubensgenosse»; jeder Geistliche müsse daher Antisemit sein, ebenso jeder Lehrer. Er, Jskraut. sei» bezahlter Vertreter der evangelischlutherische» Landeskirche, es sei daher seine Pflicht, lediglich den christlichen Geist zu vettrcten. den jüdischen Geist aber zu bekimpfen. Die Sozialdemokratie werde nur vom jüdischen Geiste beherrscht, der Großvater dicseseS jüdisch-sozialdemokratischen Geistes aber sei der Liberalismus, einerlei, ob nationaler oder jreisinniger. Dieser Geist müsse vernichtet werden. In erster Linie habe der Kamps der liberalen Lehrerwelt zu gelten. Der Liberalismus, welcher cm Geist sei, welcher nichts zugelernt habe im Lause der Zeit, entspreche sehr dem Berufe des Lehrers. Der Lehrer, welcher stetnur lehtt, sei zu leicht geneigt, sich zu selbstbewußt zu entwickeln und das Lernen zu vergessen. Weil der liberale Geist jüdisch sei, deshalb sei auch jeder liberale Lehrer ein Diener dieses Geistes, er versündige sich daher am deutschen, am christlichen Geist. Die liberalen Bolksschullehrer seien minderwertige Volksschullehrer, und Eugen Richter sei der Oberlehrer einer Pattei ver minderwertigen Bolksschullehrer. Nur wen» sich das deutsche Volk zu seinem Gott und zum Christentum wendet, könne cs der Kwcren Gefahr entrinnen, in welcher eS sich gegcnwättig, durch n jüdischen Geist getrieben, befinde. — Diesen Ausführungen trat zunächst der Redakteur Schüler aus Hannover mit aller Entschiedenheit entgegen. Frivol sei es, das alte Testament als ein Buch jüdischen Geistes, und deshalb als besonders schätzensw-cke Antisemitenquelle, zu bezeichnen. Die 10 Gebote seien gerade die Unterlage der christlichen Religion. Er müße allerdings gestehen, daß gerade der Antisemitismus in seinen Führern aller Welt kund gethan habe, das er das 4. 6. und 8. Gebot ganz und gar nicht zu erfassen vermag. Mit seinen unerhörten Angriffen argen den ,minderwertigen Volksschullehrerstand" habe der Pastor Jskraut eine laute und vernehmliche Warnung vor seinem eigenen Thun und Treiben gegeben, welches mit dem wahrhaftigen Christentum nichts gemein habe. Dem Pastor Jskraut mar es nicht möglich, Schüler zu widerlegen, er ergriff daher seine Zuflucht zu ganz gewöhnlichen Schimpfereien. Das vielseitige ״Pfui", welches dem r Pastor zugerufen wurde, war ein wohlverdientes. — königliche Seminarlehrer Witt legte im Namen seines, deS Volksschullehrerstandes" entschieden Verwahrung ein gegen die Att und Weise, wie der Redner das Ansehen und die Würde eines der wichtigsten Berufe herabzusetzen sich bemüht habe. Er müsse aber gestehen, daß, wenn, wie es kürzlich «och der Fall gewesen, von Seiten eines Vorgesetzten höheren Beamten der hiesigen Lehrerschaft in ehrenvollster Weise An- «rkennung ausgedrückt sei, ein Lob, welches ihn und seine Kollegen in hohem Maße erfreut habe, das Urteil aus dem Munde eines Mannes wie Pastor Jskraut ihn nicht bettügen könne. Er und seine sämtlichen Kollegen seien sich bewußt, in ihrem schweren und verantwortungsvollen Berufe stets ihre volle Schuldigkeit gethan zu haben im Geiste der Humanität. Er protestirte gegen die unwürdige Behandlung, welche ihm und seinen Berufsgenossen mit der Bezeichnung ,minderwertige Bolksschullehrer" zu Teil gttvorden sei. Diese Wotte fanden großen Anklang bei dem überaus größten Teile der Versammluug. Hannover, Oktober. Die Frage, welche gegenwättig für die Schulen auf der Tagesordnung steht, ob aus Gründen der Sittlichkeit den Schülern und Schülerinnen statt der Bollbibel nur eine gekürzte Bibel, eine sogenannte Schulbibel, in die Hände gegeben werden soll, beschäftigte auch die vor kurzeni in Lüneburg zusammengetretene Versammlung des ,Nordwest, deutschen Zwcigvcreins für das höhere Mädchenschulwesen". Ter Referent tu der Angelegenheit. Zchulvorsteher Habenicht, trat entschieden für Einführung einer Schulbibel ein, indem er eS betonte, daß die Sittlichkeit der Schulkinder gefährdet werden müsse, wenn ihuen die ganze Bibel mit den auf geschlechtliche Verhältnisse bezüglichen Stellen dargeboten werde. Dem gegenüber machte Gymnasialdirektor Dr. Haagc aus Lüneburg init vieler Wärme geltend, es liege in der Verbannung der Bollbibel aus den Händen der Kinder die Gefahr einer völligen Verdrängung der Bibel durch einen Auszug aus derselben vor; der Beginn einer Ausscheidung mancher Stetten aus der Bibel werde dahin führen, daß allmählich immer mehr aus der Bibel ausgeschieden werde, was dem Leiter der Unterrichtsverwaltung nach seiner subjektiven Stellung bedenklich erscheine; eine Gefährdung der Sittlichkeit der Kinder gerade durch die Bibel liege nicht vor, sonders nur der unreine Sinn heiße die Kinder, die in der Bibel berührten geschlechtlichen Verhältnisse in unerquicklicher Weise ausbeuten: durch Entfernung des s. g. Anstößigen in der Bibel werde das Anstößige den Kindern doch nicht entzogen, da es ihnen immer wieder in der Tagesliteratur entgegentrete; derselbe Gesichtspunkt, der zur Einführung der Schulbibel Anlaß gebe, müsse nothgedrungen auch zur Ausmerzung der Behandlung des 6. Gebotes aus der Schule führen. Trotz dieser Darlegungen stimmte die Majorität der Veriammlunö dem Referenten bei und er klärte sich für folgende Thesen: 1» Der Nordwestdutsche Verein für das Mädchenschulwesen hält zur Förderung des Religionsunterrichts, insbesondere des biblischen Geschichtsunterrichts in Mädch^«- schulen, den Gebrauch eines Bibelauszuges für nothwcndig. 2) Die Stoffauswahl muß nach pädagogischcu. nicht dogmatischen Grundsätzen vorgenommen werden, so daß alles gelesen werden kann, aber nicht alles gelesen werden muß." Dresden. Einen bösen Reinsall haben wieder einmal die antisemitischen Blätter zu verzeichnen, die einen hiesigen Bcrlagsbuchhändler, Namens Naumburger, heftig angegriffen hatten. Jelbstoerständlich mußte der Mann ein ,Jude" sein, sonst hätten sich die Antisemiten über sein Geschäftsgebahren nicht entrüsten können. Am schärfsten war die ״Volksrundschau" ins Zeug gegangen; sie hatte sich einen großen Artikel geleistet und den ,Juden" Naumburger mit Haut und Haaren verspeist. Nun stellt sich heraus, daß besagter Naumburger ein Christ ist und einer urgermanischen Familie entstammt, in der auch nicht ein Tröpfchen semitiichen Blutes rollt. Ein anständiges Blatt hätte daraus Veranlassung genommen, wenigstens zu erklären, daß die Handlungsweise Naumburgers dem Judenthum nicht zur Last gelegt werden könne. Tie Volksrundschau aber schreibt: ״Aber Herr Naumburger ist Christ, ist Deutscher! Wie sich die Juden in- Fäustchen lachen werden. Gemach, ihr Herren! Herr Naumburger gehört Euch voll und ganz. Wir haben unüber das Christcnthum des Herrn Naumburger erkundigt und die Auskunft erhalten, daß er wirklich einer älteren evangelischen Familie entstamme. So mag er denn nicht körperlich zu den Juden zu rechnen sein; aber seine geistigeu Anschauungen weifen desto mehr auf jene Gemeinschaft hin." Dahin muß es kommen. Die Antisemiten enttüsten sich nur, wenn es sich um einen Juden handelt; - erwischen sie mal fälschlich einen Christen anstatt eines Juden, so wird derselbe für einen ,geistigen Juden" erklärt. Es ist das derselbe Kniff, wonach sie jeden liberalen Mann als ״Judenknecht" verschreien. Köthen. Unter der Spitzmacke: ״Auch eine christliche Sonntagsfeicr", berichtet die in Dresden erscheinende ״Deutsche Wacht" von hier: ״Am Sonntag, den 14. Oktober, waren hier den ganzen Tag die Geschäfte geöffnet und zwar aus dem Grunde, weil die jüdischeu Geschästsmhaber im Lause der letzten 3 Wochen mehrere Tage ihre Geschäfte wegen der jüdischen Festtage geschloffen hatten! l"