Mannheim
Compact Memory

Israelitische Wochenschrift · 1894-11-02 · 44 (2.11.1894) · p. Seite 340

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Israelitische Wochenschrift
Volume
25 (1894)
Issue
44 (2.11.1894)
Date
1894-11-02
Page
Seite 340 (sequence 2)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
94% known words query
IRI
…/6492344-5935089-5962358--2230-5376461
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

dienst ausschließlich in hebräischer Sprache beizubehalteü, deun bei uns versteht die Masse des Volles die hebräischen Gebete und Schrisworlesungen nicht mehr; sür letztere war auch in der Vorzeit schon die Verdolmetschung neben dem hebräischen Original üblich, ohne welche auch die Vorlesung nutzlos ist. Man hört das Gesetz, versteht es aber nicht, wie kann man es befolgen? Man spricht unverstandene Grbete stunden-ja tagelang, unter denen es einige giebt, deren Inhalt bedeutungslos, deren Vortrag zwecklos geworden ist, und deren Verständniß beim geläufigen Lesen, wie es doch beim Beten erforderlich ist, oft sprachlich und sachlich selbst dem Fachmann Schwierigkeiten macht. Ein solcher Gottesdienst.bietet nichts für Geist und Gemüth, das Volk nimmt aus demselben keine geistige Nahrung mit heim, von der es zehrm könnte; selbst die Predigt erfüllt diesen Zweck nicht immer, weil die Religion dem Juden sprachlich, sachlich und geschiehtlich fremd geworden ist, und darum manches in der Predigt unverständlich bleiben muß; dazu kommt, daß die Predigt von sehr Vielen gar nicht als integrirender Theil des Mischen Gottesdienstes angesehen und darum weder überall noch rcgelmäßig geboten und gesucht wird. Daß in einem solchen Gottesdienste, wo die Gebete ohne Verständniß mechanisch gelesen werden, aber der Geist weder beschäftigt, noch das Gemüth gehoben wird, die Ruhe schwer zu crhaltm und Andacht nicht ju erzielen ist, wird leicht begreiflich; wo sie noch gefunden wird, rft sie ein Ausfluß des Zwangs, oder nur dem Anstands- und Sittlichkeitsgefühl der Anwesenden zu verdankeu, wird aber dennoch überall für den Begrifi einer stillen Andacht viel zu wünschen übrig lassen. Es ist deshalb auch nicht zu verwundern, daß die Betheiligung am Gottesdienst ab- und die Gleichgültigkeit gegen denselben zunimmt; es wäre vielmehr zu verwundern, wenn es anders wäre. Eine Bessenmg der Zustände durch Forcirung des hebräischen Unterrichtes von der Schule, um das Verständniß der hebräischen Gebete und Vorlesungen zu erzielen, ist bei unseren heutigen Schuleinrichtungen und vermehtteu Schulaufgaben nicht gut möglich, und im günstigsten Falle, ttotz großer Ansttengung, nur für wenige Bevorzugte, nicht sür die Masse zu erreichen. Ein allgemeiner Erfolg ist nicht denkbar, und selbst für die wenigen Bevorzugten geht er bald verloren, wenn die Pflege der Sprache nach der Schule im Leben nicht fortgesetzt wird. Tie Belege dafür liegen zahlreich vor. Man hat deshalb zur Besserung der gottesdienstlichen Zustände für das Volk die Abschaffung der unverstandenen hebräischen Gebete)und ihre Ersetzung durch verständliche, bei uns deutsche, vorgeschlagen und zur Rechtfertigung auf den katholischen Gottesdienst hingewiesen, 'wo auch das Volk nicht lateinisch versteht, sondern deutsch betet, und doch der Gottesdienst in lateinischer Sprache gehalten werde. Tiefer Hinweis unterstützt den Anttag nicht; nach Analogie des katholischen Gottesdienstes müßte der - hebräische Gottesdiensterhalten bleiben, obgleich das Volk nichts davon versteht. Tenn der jüdisch-hebräische und christlich-katholische Gottesdienst lassen sich nicht vergleichen, weil ihre Grundlage eine verschiedene ist. Ter katholische ist ein Opfer-, der jüdische ein Gebetgottesdienst; für jene ist nur die Thätigkeit der Priester er-׳ forderlich und die Betheiligung der Gemeinde entbehrlich, wie er thatsächlich ohne Gemeinde in den sogen, ״füllen Messen" abgehalten wird, der Mische Gottesdienst wird ausschließlich von und mit der Gemeinde abgehalten und entbehrt der Thcilnahme von Priestern. Der katholische Gottesdienst soll in der ״Messe" Nachahmung und Ersatz des Mischen Tempelopfers sein, welcher nur die Theilnahmc von Priestern zuließ; der heuüge jüdische Gottesdienst kennt keine Priester im früheren Sinne, und die Gemeinde beruft und beauftragt einen kundigen und würdigen Mann aus. ihrer Mitte als Vorbeter zur Leitung der gemeinsame» Gebete und Gesänge, um mit rhr, nicht für sie zu beten. In der katholischen Kirche betetder Priester vermittelnd für das Voll, die deutschen Gebete und Gesänge der Gemeinde gehen, obwohl in Anlehruug an den Priesterdienst, jedoch ohne Bebindung damit und ohne Nothwendigkeit dafür, nebm der lateinischen Messe her; daS Judenthum kennt keine pricsterlichc Vermittlung und Bertretung, und ohne Anwesenheit und Betheiligung der Gemeinde kann kein öffentlicher jüdischer Gebetgottesdicnst stattfinden. Ter dicnstthuende Borbeter und die mitbetende Gemeinde stehm auch in Wechselbeziehung zu einander; ohne daß die Gemeinde hebräisch' versteht, ist darum ebenfalls ein öffentlicher Mischer Gebetgottesdienst unmöglich. Es ist deshalb auch unmöglich, daß, wie bei den Katholiken der Purster lateinisch und die Gemeinde sür sich deutsch betet, so bei uns der Vorbeter hebräisch vorttage und die Gemeinde ihm deutsch antworte. Eine nothwcndige Folge ist darum auch, daß wenn die Gemeinde aufhört hebräisch zu lernen und zu verstehen, der jüdische Gottesdienst verfällt, und dies .ist thatsächlich der Fall. Die Frage ist also, ob der unverständliche hebräische Gottesdienst mit einem in der verständlichen Landessprache vertauscht werden könne. TaM liegt zwar ein Beispiel der Vorzeit durch den griechischen Gottesdienst in Alexandria vor. - Mau erkannte aber mit Recht schon damals dann eine Absonderung und Loslösung von der israeliüschen Gesammtheit, und so wärces heute.auch. Anders wäre es mit der Beibehaltung der hebräischen Liturgie und Einlegung von Gebeten in verständlicher Landessprache, wie es in der Vorzeit üblich war und heute hie n. da üblich ist. In Betreff der Beseitignng des Hcbräi» scheu hat man am Lateinischen im katholischen Cultus einen Wegweiser; dasselbe wird beibehalten gerade der Gemeinsamkeit (Katholicität) des Cuttus wegen. Ohne das Band der gemeinsamen hebräischen Gebete brstände die Einheit des jüdischen׳ Cultus und die des über den ganzen Erdboden-zerstreuten Israel nicht; die Juden fremder Nationalität würden außerhalb ihres VaterlandeS am jüdischen Cultus nicht theilnehmen können. Tie Mische Zusammengehöügkeit in religiösen Dingen wäre gesährdet, das Band wäre zerrissen. Die christliche Reformation hat fteilich die lateinische Sprache aus dem Cultus entfernt, aber auch den katholischen Cultus, die Messe, selbst aufgehoben, und aus demselben nur Predigt und Gesang entnommen; für diese Theile der Gottesdienste war auch bei den Katholiken die verständliche Landessprache üblich. Deutsche Predigt und Gesänge sind auch schon bei unseingefühtt, es handelO sich demnach nur um Beibehaltung oder Entfernung des überall gleichen und traditonellen Ritus. Gegen Entfernung sprechen die angefühtten prinzipiellen Gründe, es sprechen auch praktische dagegen. Schon der Hinblick auf die Erfahrungen der chnstliche» Reformation und des evangelischen Cultus muß uns vor einem gleichen Versuche warnen. Predigt und »»künstlerischer Massengesang (Choral) sind nicht packend genug für die Volks- Masse und haben keinen dauerndes! Erfolg, keine nachhaltende Wirkung. Tie Predigt muß populär und allgemein faßbar sein und ist aldann entweder dem gewöhnlichen Volke nicht verständlich, zu hoch, oder dem gebildeten Denker zu trivial; - die Predigt -darf daher nicht die alleinige Quelle der Belehrung und Erbauung sein. Der evangelische Gottesdienst bietet darum mit der Predigt nur etwas für den Geist und die Belehrung, aber nicht genug für das Gemüth und die Erbauung; der langathmige Gemeinde- und Choralgesang thut gewiß nicht genügend dafür. Allgemein wird darum über die Kälte, Leerheit und Uncrbaulichkeit, deshalb auch' über den Verfall und'die Theilnahmlosigkeit ves evangelischen Gottesdienstes geflagt; man hat aus diesem Grande an ver- . schiedenen Orten auch einzelne lateinische Theile des katholischen Ritus wieder herüber^nommen. Auch an einer Gemeinsamfeit des Cultus fehlt es bei den evangelischen Gemeinden, und die verschiedenen Nationalitäten' entbehren im Auslande einen Cultus, oder müssen sich denselben nach ihrer Att und Sprache gesondett cinrichten. Es find-dies für uns zwarfremde Vorgänge, aber sie dienen uns zur Warnung vor

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.