Israelitische Wochenschrift
- Journal
- Israelitische Wochenschrift
- Volume
- 25 (1894)
- Issue
- 43 (26.10.1894)
- Date
- 1894-10-26
- Page
- Seite 334 (sequence 4)
- Language
- German
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audem Gemeindeverbande ausscheiden, ohne gleichzeitig au« dem Judenthume austreten zu müssen, da hatten die ״gesetze«. treuen Juden", wie sich die Orchodoxru so gern nennen, eine neue Waffe in Händen, die sie gar kräftig zu schwingen wußten. Sie drohten mit MassenauStritt und mit der Bildung von Separatgemeinden, wenn fich irgenwo eine liberale Anwandlung bemerkbar machte, und die Furcht vor einer Spaltung hat de» öfteren die Gemeindevertretungen bestimmt, allen, auch den unschuldigsten und unwesentlichsten Resormplänen zu entsagen, um den Bestand und die Einigkeit der Gemeinden nicht zu gesährden. Bei Rabbinerwahlen entfalten die confervatioen Gemeinde- Mitglieder eine weit größere Rührigkeit, als die freisinnigen, und eist wiederholt vorgekommen, daß Gemeindebehörden, die in ihrer Majorität dem religiösen Fortschritte huldigen, und deren Mitglieder dem rituellen Leben gänzlich entfremdet find, die Wahl eines ausgesprochenen freisinnigen Rabbiners ablehnten und einem streng conservativen geistigen Führer, den man dann gewöhnlich als einen Mann von gemäßigter Richtung den Borzug gaben. ,Denn," so sagten fich die berufenen Vertreter, die Frömmigkeit, das heißt die orthodoxen Mitglieder, haben weit häufiger Berlangen nach religiöser Erbauung und bedürfen deS Serssorgers zur Entscheidung ritualer Fragen viel mehr als die steifinnigen Mitglieder, die nur selten das Gotteshaus besuchen, und sich in ihrem Privat- und Familienleben nicht nach religiösen Satzungen richten, darum muß auf jene bei Besetzung der Beamtenstellen und namenttich bei Besetzung des Rabbinates größere Rücksicht genommen werden, als auf diese, für die es wenig verschlägt, welcher Richtung der Rabbiner angehört, wenn er nur erbauliche und fesselnde Borträge zu halten versteht." (Stuttgart!) Das hierdurch das religiöse Leben aus ein immer tiefere- Niveau herabsinken mußte, daß durch den grellen Widerspruch zwischen der eigenen Ueberzeugung und dem von der Kanzel Gelehrten die Kluft, welche fich ausgethan, und welche die am Beratteten uud Ueberlieferten festhaüende Religion von der Gegenwart und ihren Anforderungen sondert, noch erweitert wurde; daß namenttich die Jugend, durch die nachdrücklich« Betonung der Ceremonialvorschristen im Religionsunterrichte für die hohe Aufgabe des JudenthumS nicht erwärmt und begeistert werden konnte wurde hierbei gänzlich übersehen, oder um eines Scheinfriedens willen gänzlich außer Acht gelassen. Bei dieser Sachlage kann es uns auch nicht Wuuder nehmen, daß die Rabbiner, die ohnehin in den theologischen Seminarien zu einer mehr conservattven Auffassung des Judenthums erzogen und angehallen werden, sich von der Reform mehr und mehr zurückzogen, da sie fich nicht durch offene Theilnahme an fortschrittlichen Bestrebungen der Gefahr aussetzen mochten, bei der Bewerbung um erledigt« Rabbinate wegen ihrer steifinnigen Rich» tung unberücksichttgt zu bleiben. Die Furcht vor einer öffentlichen Stellungnahme zu den brennenden religiösen Fragen der Gegenwart — und zu diesen gehört, abgesehen vom LultuS, in erster Reihe die Reform der Ehegesetze — ist in Rabbinerkreffen so groß, daß es bis jetzt noch nicht möglich gewesen ist, in dem vor zehn Jahren gegründeten Rabbinerverbande in Deutschland einen dahin gehenden Antrag auch nur zur Discussion zu bringen; jeder derartige Bersuch wurde mit der Begründung zurückgewiesen, das eine Besprechung religiöser Streitstagen alsbald die Sprengung des Vereins zur Folge haben werde. Wäre das Schicksal drr Reform von den Rabbinern abhängig, so müßten wir ihre Aussichten für die Zukunft als sehr trüb« bezeichnen. Zum Glücke aber haben die Gemeinden iu allerjüngster Zett wieder angefangen, sich ihrer Wicht zu erinnern unt es gewinnt immer mehr den Anschein, daß die LLsfigkrst der vorgeschrittenen Juden, da die Orthodoxie ihre Erstarkung zum großen Theile zu danken hat, eina kräftigen und energischen Thellnahme am öffentlichen religiösen Leben weichen wstd. Die»' jenigen, in daen Herzen die- Lich« zum Judenthum noch nicht erkaltet ist, nehmen qiit Schrecken wahr, daß die Jugend fich dem , Einflüsse. da Religion fast gänzlich entzieht und daß da ihr im KindeSatter atheitte Religionsunterricht nicht genügt, ihre weihevolle Eiudrücke und Erinnerungen auf ihre Lebensbahn mitzu» geben. . - - Durch Einrichtung besondera Jugendgottesdienste, durch Gründung jüdischer Litaaturvereine, in denen belchrende Bor» träge über die Mische Bagangenheit gehalten ׳werden, durch . volksthümliche Schriften und Erzählungen aus dem jüdischen Leben hat man angefangen, da» Jntaeffe am Judenthum neu zu beleben, und manch' schöne Erfolge sind auch bereit» erzielt worden. Aber allmählich bricht fich die Erkenntniß Bahu. daß mit allen diesen Maßregeln nicht viel gewonnen wird, so lang« nicht auch der öffentliche Gottesdienst von den hemmenden Fesseln besteit wird, die ein« nachhalttgr Erbaung und Erhebung da Gemüth« unmöglich machen. Die Gebettestrm tritt wieder in den Bordrrgrund und wird in ihrer Bedeutung für das gesammte religiöse Leben von dem Gebildeten mehr und mehr gewürdigt. Selbst orthodoxe Gemeinden haben diesem Zuge da Zett nicht wiederstehen können, und haben stillschweigend manche neue Einrichtungen eingeführt und manchr vaaüete Bräuche abgeschafst, gegen deren Einführung oder Abschaffung sie sich noch vor wenig Jahrzehnteu auf da« heftigste gesträubt hatten. An einigen Orten haben fich Resormvereine gebildet, die den Zweck verfolgen, die stecheitliche religiöse Entwickelung deS Judenthum» in ruhiger, sachlicher Weise zu fördern, und ist gegründete Aussicht vorhanden, daß die Reformstage bald in Fluß kommen wade. Als ein Zeichen deS erwachenden religiösen Leben» darf auch die von dem Beibaud« der Synagogengemeinden Westfaleu» deschloffene und dem Schreib« dies« Zeilen übertragene Haau»- gäbe eine» Reformgebetbuches steudig begrüßt Waden, und da» lebhafte Jntaeffe, das in allen Theilen Deuffchland» diesem Wake entgegengebracht wird, baechttgt zu der Hoffnung, daß die religiöse Reform, daen Rothwendigkeit allgemach von den Gemeiuden selbst begriffen wstd. fich diesmal in ihrem Siegeslaust nicht aufhalten lassen wade.*) Kerichle nnö Korrespondenzen. Magdeburg, 21. Oktober. ES geht un» folgend« Nachtrag zum Leitartikel in Nr. 38. zu: Har Dr. Berliner wendet fich in einem heftige» Artikel (in da »Jüd. Presse") gegen da» Gebetbuch, das Dr..Vogelstein herausgegebm hat. Bogelsteiu wird da Feigheit beschuldigt, weil a in dem SegenSspruche üba die Thora, die Worte סכל ה09ים, weggelassen hat. Wer Vogelstein kennt, weiß, daß feiges Zurückhalten nie seine Sache gewesen, daß a ein muthiga ab« allerdings kein übermüthiga Mann ist. Da» Weglasse» dies« Worte hängt mit dem Antisemitismus gar nicht zusammen; schon Geiger hat vor einem halben Jahrhundert die von Bogelstein aufgenommene Fassung. In da Sache können wst freilich mit Bogelstein nicht völlig übereinstimmen. Das Gebetbuch soll jeden Ton da Ueberhebuna meiden j jedes da großen Culturvölkn hat seinen hohen Beruf aus Erden, ist von Gott awählt, Griechen, Römer, Deutsche und — Judm haben ihre *) Wir habe» obige», i» da jüugstea Nummer der ,Deborah" erschienenen Artikel um de» vielen Wahren willen, da« « enthält, auch in unserem Blatte zu« Abdruck gebracht, wofür un« unsere Leser sicherlich dautb« sei» »erd«». (Red.)