Israelitische Wochenschrift
- Journal
- Israelitische Wochenschrift
- Volume
- 25 (1894)
- Issue
- 43 (26.10.1894)
- Date
- 1894-10-26
- Page
- Seite 333 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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altem herrschte in dem Gottesdienste, selbst der größeren Gemeinden, noch die wildeste Regellosigkeit, von einer ästhetischen ' LuS-estaltung des Cultus war nirgends,die Rede, Thor- und ’ Gemeindegesang existirte nicht und selbst die gottesdienstlichen Borträge, die von Zeit ju Zeit gehalten lvnrden, entsprachen in ' Form und Inhalt keineswegs deu Anforderungen der Gebildeten. ' Dazu kam, daß die Gebete vielfach in directem Widerspruch standen ' zu den Gedanken und Empfindungen der überwiegenden Mehr» zahl der Betenden, daß in feierlichster Form dem Höchsten Bitten vorgetragen wurden, deren Erhömng man'im Ernst« gar nicht begehrte, daß den Lippen der Betenden Klagen entströmten, die in ihrem Herzen leihen Widerhall fanden. Den hervorragendsten Bertretem jüdischer Theologie und Kanzelderedsamkeit in Deutschland war es Vorbehalten, hierin wenigstens Wandel zu schaffen. Zunz, Salomo». Geiger, Philippson, Leopold Stein, Holdheim, Mannheimer schufen durch ihre werthvollen liturgischen Schriften und Predigten die Gmndläge, auf der sich eine würdige Reform des Gottesdiensteausbauen ließ. In den denkwürdigen Rabbinemersammlungen der vierziger Jahre wurde sodann das Reformwerk wesentlich gesördert und der Versuch gemacht, die äußeren Formen des Judenthumden Zeiwerhältnisien anzupassen und dadurch einer Entfremdung der gebildeten Klaffen vom religiösen Leben vorzubeugen. In mehreren großen Städten, in Hamburg, Breslau, Frankfurt a. M., später auch in Berlin und anderen Orten führte man die deutschen Gesänge und Liturgien ein, und nahm man an den hebräischen Gebeten die nothwcndigen Aendemngen vor, um sie mit den modemen Anschauungen in Einklang zu bringen. Allein die Hoffnung, daß diese Neuemngen sich in kurzer Zeit überall Eingang verschaffen oder wrnigstms in allen größeren Gemeinden zahlreiche Anhänger finden würden, hat sich nicht verwirklicht. Man begnügte sich vielmehr größtentheils damit, dem Eultus äußerlich eine angemeffene Gestalt zu geben, durch geregelten Gesang, Predigt nnd dergleichen eine größere Erbauung der Gemüther herbeizuführen, schaffte wohl auch die Pijutim gänzlich oder theilweise ab, mochte sich aber nicht dazu entschließen, an dem überlieferten Gebettexte selbst Aendemngen vorznnehmen. ja, sträubte sich in vielen Gemeinden hartnäckig 'gegen Einführung einer Orgel, die man, da rituelle Bedenken sich nicht dagegen Vorbringen kießm, einfach als unjüdisch bezeichnete. Es fehlt auch nicht an Beispielen einer geradezu rückläufigen Bewegung, und in mehreren Gemeinden wurden Reformen, die eine Reihe von Jahren hindurch in Uebung geweseo waren, wieder abgeschafft. Die Orthodoxie erhob mächtig ihr Haupt, erlangte durch thatkrästigcs, zirlbewußtes Vorgehen in vielen Gemeinden entschiedenen Einfluß und wagte kühn zu behaupten, die Tage der Reform seien vorüber, diese selbst sei al» ein verhängnißvoller, die Einheit und den Frieden im Judenthum gefährdender Jrrthum erkannt. Vergebens suchten die Wortführer der Reform, durch Einbemfung der Synoden, in denen Rabbiner und Laien — soweit man von Letzteren im Judenthum sprechen kann — gemeinsam über die streitigen Fragen berathen sollten, die Theilnahme weiter Kreise für den religiösen Fortschritt wach zu msen. Der Bersuch mißlang. Schon die zweite 1871 in Augsburg abgehaltene Synode war nur spärlich beschickt und lieferte den Beweis, daß da- Jntereffe der Gemeinden an mlturellen und rituellen Angelegenheilen erkaltet war, und daß der jüngere Nachwuchs der Rabbiner der Reform zumeist feindlich gegenüberstand oder sich doch scheute, offen für sie einzutreten. Aus welche Ursache fft diese betrübende Erscheinung zurückzuführen? Hatte die Orthodoxie wirklich recht mit ihrerBehauptung, daß die Reformb^trebungen sich überlebt haben und von d?r Mehrzahl der deutschen Juden als werchloS und schädlich aner» kanut seien? Mst Richten! — Denn wäre dem so. dann hätte auch darituelle Leben sich nach conservativen Grundsätzen gestallen, und der Besuch derjenigen Synagogen, in denen die Gebete in alter, unveränderter Form geblieben find, ein regerer sein müffcn. Es ist aber männiglich bekannt, daß beides nicht der Fall ist, daß keineswegs eine Bekehmng der deutschen Juden zu den Anschauungen der früheren Zeit stattgefunden hat. Es kommen vielmehr ganz andere, entscheidende Momente in Betracht. Zunächst tritt fast mit Raturnothwendigkcit, wie die Geschichte aller Zeiten lehn, nach einer fortschrittlichen Bewegung stets eine Gegenströmung ein, hervorgerusen von denjenigen, welche sich in ihrem geistigen Besitzstände bedroht sehen, und welche, nachdem sie sich von der ersten Ueberraschung erholt haben, die »ach einem mächtigen Anlause in der Regel nicht auSbleibende Erschlaffung der Geister weidlich für ihre Zwecke ausnutzten. Nicht ohne schwere Kämpfe hatte die Reforni der Orthodoxie den schmale» Raum für ihre Bestrebungen abgerungen; die Kampfgenoffen der fortschrittlich gesinnten Rabbiner waren waren mi» dem Errungenen für den Augenblick zufrieden, zogen sich vom Kampfplatze zurück und überließen den theologischen Füherern die weitere Ausfechtung des mühseligen Streites. Die große Maffe des Volkes hatte überhaupt noch wenig Berständniß für die Tragweite und Bedeutung der Reformbewegung, hie und da war man im Uebereifer auch wohl zn weit gegangen, hatte den einer Aenderung des Bisherigen entgegenstehenden Bedenken der Bevölkerung nicht die nöthige Berücksichtigung und Schonung angedeihen laffen und einer Theorie zu Lieb« die thatsächlichen Bcrhältniffe und Bedürfnisse zu wenig beachtet. Dies ries natürlich den Widerspruch gegen reformatorische Maßnahmen überhbupt hervor und verstärkte die Reihen der Gegner der Reform. Im Allgemeinen aber trägt derMangcl an Idealismus, der sich auf allen Gebieten des öffentlichen Lebens seit längerer Zeit in Deutschland fühlbar macht, der auch in der katholischen und evangelischen Kirche der Reaction die Wege ebnete und in der Politik so überaus traurige Erscheinungen gezeitigt hat, den wesentlichen Theil der Schuld an dem Rückgänge der freiheitlichen religiösen Bewegung. Die materiellen Fragen überwiegen so sehr und drängen sich dermaßen in den Vordergrund, daß ihnen gegenüber die Mächte des Geistes und des Gemüthes nur wenig zur Geltung kommen. Die Verbesserung des Cultus und der sonstigen religiösen Einrichtungen ging vielen Gebildete» zu langsam von statten, sie sahen sich ihren Erwartungen getäuscht, fühlten sich durch da» bereits Erreichte nicht befriedigt und gewöhnten sich daran, ohne Religion auszukommen, und die große Maffe der Halbgebildeten ahmte dies Verfahren nach und wurde allmählich gegen die Religion so gleichgültig, daß sie enicht für lohnend erachtete, um ihretwillen sich in einen Conflict mit den Bertretem des Alten einzulaffen. Manche berührte es sogar ganz angenehm, bei dem Besuche des Gotteshauses—am BersöhnungStage—alles unverändert so vorzufinden, wie sie eS von früher gewöhnt waren, sie konnten sich dann doch für einen Augenblick wieder in die Stimmung und in da» Empfinden zurückversetzen, die in der Zeit der Kindheit an religiös auSgezeichneten Tagen ihr Gemüth beherrscht hatten. Die Gleichgültigfeit gegen die Religion im fortschrittlichen jüdischen Lager die geringschätzige Beurthcilung der religiösen Einrichtungen und HülfSmittel und das Verzweifeln an ihrer BerbeffemngSfähigkeit, haben der Orthodoxie fast kampflos den Sieg verschafft. Und als nun gar in dem größte» deutschen Bundesstaate, in Preußen, durch das sogenannte LaSker'sche Austrittsgesetz jedem Gemeindemitgliede die Möglichkeit gewährt war, wegen religiöser Bedenken