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Israelitische Wochenschrift · 1894-10-26 · 43 (26.10.1894) · p. Seite 332

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Journal
Israelitische Wochenschrift
Volume
25 (1894)
Issue
43 (26.10.1894)
Date
1894-10-26
Page
Seite 332 (sequence 2)
Language
German
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und die Entwickelung angebahnt hat, di« - besonders drüben jenseits des Meeres in vielverheißendem Glanze sich zeigt; und auch in Deutschland war'es nicht die Menge, die den Ausschlag gab; von der Hauptstadt dieses Landes ist der Trloser unserem stamme gekommen; aber Moses Mendelssohn hatte in der Gemeinde, in der er lebte, kein Amt, keine öffentliche Stellung; er hätte sich vergebens in ihr, sei es um ein welttiches, sei es um ein geistliches Amt bemüht; er war ein einfacher Privatmann und mußte zufrimdm sein, wenn man seine Eickel nicht störteer hatte nicht den Ehrgeiz nach einer offiziellen Stellung, aber er hätte ihn auch nicht befriedigen können; dennoch ist eine so gewaltige Wirkung von ihm ausgegangen. Jede gute Absicht ist besser geborgen bei einer kleinen, aber treuen Schaar, als bei einer großen Menge, die Thoren und Schwächlinge nicht gut ausschließen kann, und ein Thor kann zerstören, was soviel Weise klug ersonnen haben. Geistvoll ist der Spruch des Sirach: ,Weine über einen Tobten, denn das Licht ist erloschen, weine über riuen Narren, denn dir Vernunft ist erloschen, weine milder über den Tobten, denn er hat aufgehört, aber beim Narren ist das Lebm schlimmer als der Tod." Als einst Gideon mit den Israeliten gegen mächtige Feinde auszog, wurde ihm der Ruf: עור העם רב ,Es ist des Volkes zu viel", du mußt weniger Mannen haben, um zu siegen. Eliah der Prophet war beruhigt, als ihm Gott zu einer Zeit, da das ^schlecht des Ahab die Diener Gottes ächtete und den Baalsdiensi begünstigte, die Verheißung verkündete: ,Ich lasse in Israel siebentausend, deren Shtiet sich vor Baal nicht beugrn und deren Mund ihm nicht huldigt." Die Wahrheit ist fast sttts bei der Minderheit, und diese Minderheit dauett durch die Wahrheit. Wenn wir dies erwägen, daß Israel gleichsam von seiner Gebntt an durchweg dazu bestimmt gewesen ist, in der Minderheit zu sein und nicht durch die Wucht der Zahl, sondern durch die Wucht der Gründe zu siegen, so werden wir einzelnen trübseligen Erscheinungen der Gegenwatt gelassener in's Auge schauen. Unleugbar fordett der Abfall viele und beklagenswcrthe Opfer; Familien, die durch viele Geschlechter hindurch unserer Gemeinschast zur Ehre gereicht haben, gehm uns verloren, weil die Sprossen wackerer und ehrwürdiger Vorfahren sich einem anderen Bekenntniß zuwenden; und was uns am meisten betrübt, ist die Thatsache, daß dieser Abfall gewöhnlich geschieht ohne jede Ueberzeugung, ohne jede tiefere Veranlassung. Unsere Väter habm von ihrem Glauben nicht gelassen, wenn Leben und Habe auf dem Spiele stand, wenn man ihre Kinder mit dem Tode bedrohte; heut wird Spott getrieben mit unseren, mit ftemden Heiligthümern, nicht selten um ein Nichts, um den Schatten eines Schattens; so verachttt find die Abtrünnigen auch bei denjenigen, zu dmm sie sich wenden, daß man täglich lesen kann, wie sich unsere LandeSgenossen gegen den Verdacht wehren, von solch einem Abtrünnigen abzustammm; und wir können dies Gefühl der Scham nur zu gut begreifen; wenn wir dm Meineid brandmarken, zu dm am meistm mtehrenden Verbrechm zählm, wie verächtlich muß uns und Jedem derjmige sein, der einen altm Glaubm abschwött und zu einem neum Glanbm durch einen Schwur sich bekennt, und er denkt dabei nur an einige kleinm Vortheile, die man ihm hinwirft, um ihn zu ködern, währmd man ihn im Herzm verachttt. Wie besstt wärm Judm und Judmchum 'geborgen, wmn wir Trme hättm, wmn nicht auch unter dmm, die zu unserem Verbände gehörm, so viel kalte, so viel laue und halblaue und so wmig warm empfindmde Mmschm wärm. Unsere Feinde behauptm von uns: wenn man ein'em Judm auf die Zehe tritt, so schreit ganz Juda auf; es wäre wahrlich keine Schande, wenn dem so wäre, wmn ein Unrecht» daS dem Eium geschieht, von dm gauzm Gemeinschaft gefühlt würde; aber unr bittm das Bild ttner traurrgm und ttoftlosm Zerrissmheik» nirgendswo ist daS Bestteben zusammen» zuhaltm, dm etwa Zurückgebliebenen durch geselligm Verkehr zu fördern, zu bildm; habm wir für die Lüge, für dm Abfall, für die Schacher mit Ueberzmgungm die scharfm Töne der Entrüstung? Wenn wir die vielm Mattm, Feigm, Trägm, Widnwilligm unter uns sehm, die dm Eifn der Edlm lähmen, so möchten wir fast wie zur Zeit Gideons mfm: ,Es ist zu viel des Volkes!", besser eine klttne Schaar glaubmsmuthigtt und charakterfester Männer, denm die Ueberzeugung nicht um ein gnädiges Kopfnicken eines Hochgestellten feil ist, als dieser Haufe von mattM, müdm, schwächlichen Gesellen. Wir habm fast überall in Deutschland prächtige, neuerbaute Gotteshäuser, wir haben «ne kostspittige religiöse Organisation, wir habm gleichsam eine gemalte Religiosität, keine lebmdige und wirkliche. Die Franzosm sagm, ein Narr reicht aus, um eine Nation zu entehren, wir haben viele solch bös« Narren, die uns noch Schande machm, wenn sie uns verlassen, dmn sie habm doch einmal zu uns gehött und sind so ohne alle Wahr- Hastigkeit und sittlich verwahrlost unt« uns ausgewachsen. Aber so schmerzlich jede einzelne Erscheinung dieser Att uns auch sein muß, für Vas Judmchum ist dieser Abfall ehe eine Kräftigung, w׳e es zur Gesundung eines Stammes beitrögt, wenn die abgestorbenen Zweige entfemt werdm. Ein Gedanke wird nicht gehaltm durch die Bielen, die sich äußer» lich zu ihm bekennm, sondern oft durch die Wenige, die ihn mit ganzer S«le erfassm und lieben. Das kleinste von allm Völkern hat sich Gott erwählt, unter diesem kleinm Volke warm die Prophtten und ihr Anhang, äne kleine Schaar. Ab« d« Sieg gehötte und gehött dies« Minderheit. Siebmtausmd Mmschm, die ihr Knie nicht vor Baal bmgtm und die mit ihrm Lippen ihm nicht huldigtm, gab eS zu dm Zntm des Elia, und dn Prophtt starb gttrost in d« Zuverficht, daß diese siebmtausmd dm Glaubm Israels rtttm w«dm. Wir müssen uns versöhnm mit dm Nachtheilm, mit dm Vomrchalm, die nun einmal dm verfolgen, d« wahr sein und d« Wahrheit dimm will vor Gott und dm Mmschm. Ein Israelit snn» heißt ein ״Kämpf« Gottes" snn. Bor Zntm war die Versuchung ungleich grüß«, dmn da war ttn Jude ganz ausgeschlossen von dn Kultur und Wissenschaft d« Zeit; hmte ist die Versuchung schwäch« geworden, dmn die Bahn hat zwar für dm Judm weit größere Hindernisse, ab« sie ist doch nicht verschlossm und viele nreichm daS Ziel, und dennoch «liegen so viele dem Verführ« Schließen wir uns fest« zusammm, wappnen wir uns mit dem Muthe, zu kämpfen und zu entsagen, so wird auch unsne bürgerliche Stellung eine bttsne werden: dmn unsere Schwäche zieht uns Bnachtung zu und die Verachtung ist noch schwn« zu ettragm als der Haß. Jeden Einzelnen, d« abfällt, um sich das Lebm bequem zu machm, bcklagm wir und schmkm ihm uns« menschliches Beileid. Ab« d« Triumph d« Religion wird durch diesm Abfall nicht beeinträchtigt, nicht aufgehaltm, sondem n wird entschieden durch die Treue dn«, und sei es auch nur «ne kleine Schaar, die ihr Knie vor Baal nicht beugm, dmm die Wahrheit höh« steht als das Leben. B. R. Lik Srfimlnriiit 11M4I11). Bo» Rabbiner Dr. Bogel st ein-Stettin. Dem deutschen Judenthum, das im vorigen Jahrhundett durch Mose» Mendelssohn einen mächtigen Impuls zu wiffenschastlichem Streben gegeben und dm GlaubenSgmoffen in Mittel- Europa die Theilnahme an dem modemen Cullurleben erst «» schlossen hat. gebührt auch das B«diust, in diesem Jahrhundett die religiöse Reform, namnülich die Reform de» GotteSdimsteS, angeregt und di« Wege gefettet zu haben. Bor wenigen Mmschm- J

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