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Israelitische Wochenschrift · 1894-10-14 · 41/42 (14.10.1894) · p. Seite 326

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Journal
Israelitische Wochenschrift
Volume
25 (1894)
Issue
41/42 (14.10.1894)
Date
1894-10-14
Page
Seite 326 (sequence 6)
Language
German
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wackcrn, christlich gesinnten MünsterländerS und den 30 Pi.-Hetzredcn so manchen antisemitischen Bolksverführers! In Heidelberg hat am jüngsten Sonntag ein antisemitischer Parteitag stattgefunden. -In die Oeffentlichkeit ist von diesem Parteitag auch noch nicht das geringste Positive gedrungen, selbst das Parteiorgan der Antisemiten hat sich bis heute vollständig ausgeschwiegen. Es heißt zwar, der Parteitag soll beschlossen haben, im kommenden Winter vornehmlich das badische Oberland mit einer rührigen Agitation zu beglücken, um bei den nächsten Wahlen zum Landtag eigene Kandidaten aufstellen zu können. Unmöglich wäre ein derartiger Beschluß nun zwar nicht, mit den eigenen Kandidaten für den Landtag dürste es aber wohl etwas hapern. Man munkelt davon, daß der Fübrer den badischeu und württembergischen Antisemiten Böckelscher Richtung, Dr. Bogel, wegen mehrfacher Parteidifferenzen von der Führerschaft zurückgetreten ist. Bis jetzt sind diese Gerüchte unwidersprochen geblieben. Am meisten Freude über die Differenzen in der antisemitischen Partei und den Rücktritt Tr. Vogels empfinden die conservativen Anttsemiten, die darin eine Bankerotterklärung des badischen Antisemitismus, soweit er sich von den Eonservativen entfernt hat, erblicken und dahin streben, sein Erbe anzutreten als ״ehrliche, deutsch-sociale Partei". Marburg. Ueher die hessischen Antisemitenführer sind in Folge des Bruchs mit Böckel allerlei Interna bekannt geworden, welche ein Licht auf die Machenschaften im ״Mitteldeutschen Bauernverein" werfeu. Bekanntlich war dieser Verein in der Absicht begründet worden, die Bauern vom Zwischen- Handel zu befreien. Der wirkliche Effect aber war, daß für die glücklichen Mitglieder die vertheuernden und profitirenden Turchgangsstationen vermehrt wurden. Daß die Einkäufe des Vereins in letzter Linie doch auf — Juden zurückführen — so lieferte eine jüdische Frankfurter Firma für die Agenten des Bauernvereins — bringt Humor in die Sache. Jedenfalls war der Hauptzweck der, daß der anttsemittsche ״Führer" 2 Procent Permittlergebühr einkasfirte, über deren Verwendung er, wie die Böckelschen jetzt behaupten, sowohl l393 wie 1894 keine Rechnung abgelegt hat. Einzelne OttSgruppen, die den Zwei-Procer.ttribut nicht zahlm wollten, wandten sich mit Umgehung des Herrn ״Führers" direct an die Großhändler. Aber es sind Fälle bekannt, in denen trotzdem die Groß- Händler insgeheim die einmal ״parteiüblicheu" 2 Procent an den ״Führer" abfühtten und sie einfach auf die von ihnen den OttSgruppen gestelten Preise aufschlugen. (Ist das vielleicht ein lauterer Wettbewerb?) <0cfitcrYeid?«lttt0<1m. Reicheuberg. 4. Oktober. Ein bestialischer Mord hat in allen Kreisen unserer Stadt große Erregung hervorgerufen und allgemein ist die Theilnahme, die man den Eltern des unglücklichen Kindes entgegenbringt. Leider fehlen bisher alle Anhaltspunkte, welche zur Eruirung des Thäters führen könnten, der eine wahre Bestie gewesen sein muß.*) Ter Vater des armen Kindes, Herr Julius Fantl, betreibt am Snappenbcrge ein Schnittwaarengeschäst; gleichzeittg besitzt er in seinem eigenen Hause in der Ruppersdorser Straße ein Spezereigeschäst. dem seine Frau vorsteht. In dem letztgenannten Hause befindet sich auch die Wohnung der Fantl'schen Eheleute, welche jetzt noch drei Kinder haben, und zwar drei Knaben, während das Mädchen Olga, das drittgeborene Kind, Uinen auf schreckliche Weise entrissen wurde. Die kleine Olga fand sich des öfteren im Geschäfte des Vaters am Knappenberge ein und ging von da wieder nach Hause, bei welcher Gelegenheit sie manchmal bei den Großeltern Steiner in der Friedländer Gasse sich aufhielt, um dott am Mittagessen theilzunehmen. So geschah es auch Sonntag, den 23. September. Das Kind ging um 11 Uhr aus dem Geschäfte *׳ Wäre ba« Äinb ein christlichegewesen, hätte« bie guten Reichenberger, meist Antisemiten, schon Anhalt-Punkt» gehabt. — des BaterS am Knappenberge weg, wurde kurz darauf noch .י gescheit, wie es aus einem Bäckerladen in dei'Friedläudev Gasse heraüskam, und war seither verschwunden, bis es am gestrigen Abende hinter dem Belvedere als Leiche aufgesund«» wurde. Ob der Lustmord an dem armen Kinde an dem Orte verübt wurde, wo die Leiche lag, oder ob das Kind efft als Leiche dotthin getragen wurde, darüber bestehen lediglich Vermuthungen. Bemerkenswetth ist, daß das geblümte Oberkleidchen aus Sattn, welches das Kind am Tage seines Ver» schwindentrug, an der Leiche fehlte und letztere bloS mit einem Barchent-Unterröckchen bekleidet ausgefunden wurde. Desgleichen fchlt der Strohhut, welcher mit einem gelben, rothblau gestreiften Bande aufgeputzt war. Das angebliche Tuch, welches der Kindesleiche um den Kopf gebunden war, erwies sich als ein Leibchen, welches Olga Fautl unter dem Satin-Oberkleidchen getragen hatte. Die Section der Leiche findet heute, Donnerstag, Nachmittags 3 Uhr am iSraelitiscben ' Friedhofe statt und das Leichenbegängniß erfolgt Freitag, den 5. October, Nachmittags 2 Uhr gleichfalls auf dem iSraelitischen Friedhofe. Budapest. Der hiesige Prof. Dr. David Kaufmann hat in Ofen den ältesten jüdischen Grabstein Ungarns aufgefunden. Er berichtet darüber im Pester Lloyd: Bei Grabungen zum Behufe der Fundamente, eines neuen Hausesind auf dem Boden unserer Stadt (I-, Ehristinenstadt), auf dem Eckgrund der Pauker- und Tunnelgasse in einer Tiefe von 1 Metern Grabsteinsragmente mit hebräischen Schriftzeichen zu Tage gekommen, die ein ganz besonderes Interesse für sich in Anspruch nehmen. Ein Fragment ist eS vor Allem, das durch seine wunderbare Erhaltung und durch die Nachricht, die eS uns bringt, die Aufmerksamkeit auf sich lenkt. Trotz der Schärfe und Klarheit der Schrift, die wie eben unter dem Meißel hervorgegangen erscheint, verräth der alterthümliche und nur aus früheren Jahrhunderten nachweisbare Tharakter der Buchstaben, daß wir eS da, wie daklar ersichtliche Datum 1278 besagt, wirklich mit einem Denkmale von hohem Alter zu thun haben. ES ist ein jüdischer Grabstein aus der Arpadenzeit, der älteste jüdische Grabstein Ungarns, der hier an's Licht gekommen ist. Wie um keinen Zweifel an dem Alter des Steineaufkommen zu lassm. in dem daS Datum nur durch die Zahl 38, d. i. 6038=1278 bezeichnet ist, hat sich in unmittelbarer Nähe diese- Denkmalein zweites gefunden, dadie Jahreszahl in Wotten ausdrückt. ״Fünftausendundvierzig" — so lautet die klar erhaltene Datumszelle, entspricht aber dem Jahre 1279—80. Beide Denkmäler stammen also aus dem gleichen Jahrzehnt, ja aus demselben Lustrum. Da die Sockel dieser Grabsteine auftecht in der Erde standen, als man beim Graben auf sie stieß, so ist durch diesen Fund zugleich die Stelle deältesten jüdischen Friedhofs im Lande entdeckt. Unterhalb de» BurgfelsenS, der Ofen trägt, auf der dem Sttome abgekehrten Seite, um den UeberschwemmungSgefahren zu entgehen, hatte die jüdische Gemeinde von Ofen ihren Gottesacker, dessen Lage nunmehr unzweifelhaft klar geworden ist. Der einzige Name, der auf dem lesbarsten Fragmente erhalten geblieben ist, wird Manchem eine!Überraschung bereiten. Der Vater dehier! 1278 beigesetzten Manne-, der also in den Anfang des 13. Jahrhunderts hinaufreicht, trägt den Namen Peter, der fteilich auch an anderen Orten, wie mehrfach au- Deutschland bezeugt ist, von Juden unbedenklich ihren Kindern beigelegt wurde. Noch ist der Theil der Paulergasse, unter dem dieser älteste jüdische Friedhof Ungarns sich offenbar hingezogen hat, nicht dem Verkehr übergeben. Es ist kaum zu bezweifeln, daß fottgesetzte syftemattsche Grabungen noch manches Denkmal an den Tag bringen würden, das eine aller schriftlichen Urkunden beraubte Epoche jüdischer Geschichte in Ungarn beleuchten könnte.

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