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Israelitische Wochenschrift · 1894-10-14 · 41/42 (14.10.1894) · p. Seite 323

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Journal
Israelitische Wochenschrift
Volume
25 (1894)
Issue
41/42 (14.10.1894)
Date
1894-10-14
Page
Seite 323 (sequence 3)
Language
German
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bet sie als Priester au-gesandt hatte, seinen göttlichen Namen allerorten durch ihr Bekenntniß zu künden. In inniger Dankbarkeit mühten sie sich seither, nützliche Bürger de- Staates zu werden, der sie ausgenommen hatte; im Kriege bewiesen sie sich ebenso wie die übrigen Streiter als tapfere Wehr des Staate-, in der Friedenszeit waren sie unablässig thätig, das StaatSwvhl durch rege Antheilnahme am öffentlichen Leben, durch Erhöhung des eigenen und damit auch des Wohlstandes des Staates zu fördern. Mit Fug und Recht nannten sie sich in Deutschland .Deutsche jüdischen Glaubens", von den andersgläubigen Brüdern nur durch die Religion getrennt. Die Religion war das ideale Band, das sie nunmehr an die dereinsttgen Schicksalsgenossen knüpfte, in gleicher Weise wie die Katholiken und Protestanten aller Länder durch das religiöse Band unter einander verbunden sind. Freilich blieb der Rückschlag gegen die Aufnahme der so lange Unterdrückten und Geschmähten nicht aus. Ein krankhaft gesteigerteS Nationalgefühl, das in jedem Menschen, besonders dem geistig oder moralisch niedriger stehenden, wohnende Bedürfniß auf andere herabzusehen, die Folgen einer schweren wirthschastlichen Krisis, religiöser Fanatismus neben Neid und Rachsucht — alle diese Momente schweißten in Deutschland eine beträchtliche Menge aneinander, die mit wüstem Geschrei gegen die jüdischen Mitbürger anstürmte. Manchen Erfolg erzielte ihr Toben; das gesellschaftliche Leben haben sie Vergifter, den jüdischen Deutschen den Eintritt in die diesen ebenso wie allen übrigen Staatsbürgern zustehenden Stellungen im Staate, der Verwaltung, dem Heer vorläustg unmöglich gemacht. Und doch wird und muß der Antisemiten Mühen erfolglos bleiben! Glaubt jemand im Ernste, daß sie, und wüchse ihre Zahl noch um da- Doppelte und Dreifache, ihren Plan, die Deuffchen jüdischen Glaubens unter ein Fremdenrecht zu stellen, zur Verwirklichung bringen können? Ja, es ist z» wünschen, daß dieser schon längst angekündigte Antrag von ihuen vor das Parlament gebracht würde — die Verhandlung über denselben würde kräftig dazu beitragen, dieses sittlich nicht zu rechtfertigende Conglomerat wie Spreu im Winde auseinanderzuwehen! Wir können unbesorgt sein, wir bleiben deutsche Bürger, und wenn auch nicht die gegenwärtige Generation, so werden unsere Nachkommen sich der ungeschmälerten Rechte in ihrem Baterlande erfteuen. Wir haben nur die Pflicht, auch werterhin in der alten Anhänglichkeit unserm Baterlande zu dienen, selbst wenn diese Dienste uns nicht die erhoffte Anerkennung, den berechtigten Lohn bringen. Es genügt keineswegs, diesen Dienst in dem Gefühl zu lefften, daß wir nur durch die Uebernahme der Staatsbürgerpflichten zu den staatsbürgerlichen Rechten gelangen; der Dieust muß vielmehr der aufrichttgen Liebe entsprießen, die ein jeder von uns für das Land, deffen Bürger er ist, empfindet, aus dem Bewußtsein hervorgehen, daß des Vaterlandes Ehre und Größe unser höchstes Glück bilden! Einen solchen Dienst kann jener glücklicherweise recht winzige Theil unserer GlaubenSgenoffen nicht leisten, der sich einer Bewegung angeschloffen hat, welche man überhaupt nicht begreifen könnte, wenn man nicht auf ihren Ursprung zurückginge."- Wir übergehen die Entstehungsgeschichte dieser Bewegung, die ihren Nährboden in Rußland hat, und wenden uns Deutschland zu. ״In Deutschland hätte diese Bewegung nie Eingang finden können, wenn nicht der Antisemittsmus seinen verheerenden Zug über das neue deutsche Reich angetreten hätte. Zwar bleiben bei den durch Aller und Erfahrung gereisten deutschen Juden alle Berlockungen der neuen Verheißung wirkungslos. In Dankbarkeft erinnern diese sich inmitten der trüben Gegenwart der schönen Zeü, wo der christliche Nachbar für des unterdrückten Juden Rechte gestritten und ihn freudig ausgenommen hatte! aldie Stunde der Freiheit schlug, wo in gleicher Begeisterung beide entflammt waren, als des neuen deutschen Reiches Herrlichkeit in früher nur geträumtem Glanze sich nach herrlichen Kämpfen ihnen offenbarte; in diesen Jahren der Kämpfe, des endlichen Siegesind die deuffchen Juden zu sest mit ihrem neue» Baterlande derwachsen, als daß sie durch das wüste Toben eiuer mißleiteten Menge von ihrem Staudpunkt abgebracht werden könnten; sie fühlen sich als treue, deutsche Bürger, wenngleich sie in ihrem Innersten tief verletzt sind durch da» zuchtlose Treiben, da« sich von keiner Seite gehemmt, überall hin ftei entfalten darf. Die Jugend dagegen fängt an, hie und da der Bewegung ein williges Ohr zu leihen. Sie hat ja nur die trübe Zeit ge» sehen, sie hat von der Schulbank bis zur Hochschule, im Handel und Verkehr, ja selbst in der Zeit, die der Staat für sich in Anspruch nimmt, zur Heranbildung der Bertheidiger de- Vaterlandes, am eigenen Leibe die furchtbaren Folgen de- Antisemitismus in Kränkungen und Zurücksetzungen aller Art erduldet: Ist es da zu verwundern, daß daS Band, das die jungen jüdischen Deuffchen an das Vaterland kettet, sich ansängt zu lockern, daß sie die zündenden Worte, die nach der Ansicht so vieler Menschen für sie in Deutschland nicht bestehen, und die sie doch so oft in Lehre und Leben als das höchste MnnneSideal haben preisen hören: ״Vaterland und Freiheit" beginnen im heiligen Lande zu suchen? Gegenüber der engherzigen Deuffchthümelei der Gegenwart, die als Deutschen nur denjenigen anerkennt, der seinen ״arischen" Ursprung durch so und so viele Geschlechter Nachweisen kann, gegenüber den hohlen Nattonalitätsschwärmern kehren sie ihre Nattonalität hervor, gegenüber der falschen und einseittgen Betonung einer deuffchen Kultur proklamiren sie das Strebe.!, die alte Kultut der jüdischen Nation wieder aufleben zu kaffen, gegenüber der unsinnigen Behauptung, daß die Moral der Bekenner dejüdischen Glaubens eine niedrigere sei als die der Christen, betonen sie die Ueberlegenheit der alljüdischen Moral und Sitte, die sie mit allen Kräften erhalten wiffen wollen — kurz, alle Uebertreidungen und Einseitigkeiten auf der einen Seite finden einen gleich starken Widerhall auf der anderen, und bei all dem Tosen wird der hohe Gedanke, der die Vorfahren dieser Nationalitätsschwärmer begeistert und erhoben hatte, völlig nebensächlich behandell, ja mißachtet. Freilich schreibt und spricht man gar eindringlich von dem Werth der Bekannffchast mit der jüdische« Geschichte «ud Literatur» mit der hebräische« Sprache; aber Geschichte und Sprache gelten den Schwärmern in erster Reihe als Mittel zur Förderung ihrer «atiouale« Ideen» nicht als heilige Zeugm und Denkmäler eines erhabenen Bekenntniffes: in die harmlose Marke eines ״Jüdisch-wissenschaftlichenStudentenvereinS" oder ״HebräischenSprach- und SprechVereins״ kleidet mau mit Vorliebe die Propaganda für das Nationaljudeuthum. Mit einer nicht zu verbergender, Schadenfreude kündet man allerorten die Ausbreitung und verheerende Wirkung des Antisemittsmus an, ״der jeden Tag neue Legionen" erhält, man schwelgt förmlich in dem Gedanken, daß ״wir Deutsche angesichts der Ereigniffe in Neustetttn und Schiveldein, Ulm und Lauten auch unter Umständen daran denken dürfen, den Tischah b'Ab zu feiern״, man läßt vor den österreichischen Juden das furchtbare Gespenst de- Hungertyphus in greifbarer Gestalt aufsteigen— e» zeigt sich daüberraschende Schauspiel, daß das Nationaljudeuthum tu iuutgster Ueberetnsttmmung mit dem Antisemitismus das Thema einer ״Judenfrage" behandelt, die eS für alle befferen und einsichtsvolleren Elemente nie gegeben hat und nie geben wird, und die nur, wie bereit» erwähnt. daS Schlagwort einer zusammengewürfelten Coalinon ist. welche mst diesem Wort ihre oft recht zweifelhaften Pläne zu verwirklichen hofft.

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