Israelitische Wochenschrift
- Journal
- Israelitische Wochenschrift
- Volume
- 25 (1894)
- Issue
- 41/42 (14.10.1894)
- Date
- 1894-10-14
- Page
- Seite 322 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 89% known words query
- IRI
…/6492344-5935089-5962354--2209-5376443- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
KM. Jnftirfrii. IIL Dankbarkeit. Bttrachtuns, zum Laubhüttenfest» von Tr. Singer-Coblenz. Haben die hochwichtigen Feste der Buße unser Herz zu ernstem Sinnen angeregt, zum prüfenden Einblick in unser Bewußtsein eingeladen und zum gnadenvollen Heilmittel der Versöhnlichkeit gerathen, und ist diese Mahnung nicht unbeachtet verhallt, dann werden die süßen Akkorde, mit denen das Laubhüttenfest in die Saiten unseres Innern greift, unsere Seelen mit freudigen Gefühlen der Dankbarkeit für das Gewonnene erfüllen. Enthält das Fest ja in seiner doppelten Bedeutung — das Fest der Laubhütten und des Erntesegens, dessen Symbol der Feststtauß ist — die Aufforderung zur jubelnden Dankbarkeit für die Gaben der Vergangenheit und für das Zukünftige, das wir erhoffen und ersehnen. Der Palmenzweig, den wir zur Hand nehmen, muß unser Inneres wiederspiegclr; er ist der Ausdruck des von unserm Eigen» thume Erworbenen, aus dankbarem Herzen fteudig Targebrachten; dem wer die materiellen und geisttgen Güter genießen will, darf es nicht an Erkenntlichkeit sehlm lassen, will er nicht eine Untteue, ja einen Diebstahl begehm. Fordern schon die Menschen, die dir wohlgethan. Deine Dankbarkeit heraus, um wieviel mehr die Religion, die in schweren Zeiten dich auftecht erhält, bei trüben Ereignissen dir helfend und rathend zur Seite steht und deinen Psad erhellt. Aber nicht nur der Moment des Bedürfnisses darf für dein Tunkbarkeitsgesühl entscheidend sein — auch die Entbehrung darf in dir keinen Widerwilligen finden. Ja, der Talmud fordert geradezu (Berachot 4), daß der Blick nach oben nicht nur das Empfangene lohnen soll, sondern auch das zu Erw rttende. Wie aber verhält es sich mit dieser schönen menschlichen Empfindung in der Wirklichkeit? Es muß ein außergewöhnliches günsttges Ereigniß eintteten, welches von uns der anerkennenden Dankbarkeit für würdig erachtet wird, das Alltägliche läßt uns gleichgültig. Wie ttefbeschämend wirft auf uns die schlichte Erzählung von R. Simon: Diesem drohte einst eine sehr starke Sonnenglut mit Vcrschmachtung. Da sprach er zu seiner Tochter, er wolle ihr einen lieblichen Sttauß zum Geschenk machen, wmn sie ihm mit ihrem Fächer Kühlung zuwehen wollte. Bevor sie aber noch seinen Wunsch erfüllen konnte, brachte ihm ein erfrischendes Lüftchen Labung und Erquickung. Da rief er aus: ״Wie viele Sttäuße der Dankbarkeit gebühren dem Herrn für dieses wohlchuend« Lüftchen!" So Viele auch gegen uns aufftehen und um das von uns Erbeutete schon die Loose werfen, wieviele auch mit der Glut ihres Hasses uns zu verzehren drohen, stets kam noch ein lindes Lüftchen, das unserer glühenden Sttrne Kühlung brachte, sodaß wir immer wieder tief aufathmen konnten. Dies geschah so oft, daß es für uns zu etwas Selbstverständlichem wurde, nicht so aber verhält es sich mit unserer Opferfteudigfeit, welche sich in sehr mäßigen Grenzen bewegt. Ta kommt nun unser schönes Fest und erinnett uns an das Versäumte; eS ermahnt uns, für die geisttgen Errungenschaften und Siege, für die unerschöpflichen Hilfsquellen, die uns Gott zu unserer Erhaltung geboten, nicht weniger dankbar zu sein, als für die Feldfrüchte, die da- Jahr uns gebracht. Dankbar sttn sollen wir auch für die wechevollm Gedanke» und Vornahmen, mit denen Rusch Haschanoh und Jom Kippur uns erfüllt haben, denn in ihnm liegt die Gewähr, daß Israel in der Geschichte immer ttefere Wurzel fassen, wenn es nicht aufhören wird seinem Namen getteu, ein ״Gotteskämpfer" zu sein. Zuweilen gedenft ja wohl der Jsraelfte dieser seiner Verpflichtung, aber gewöhnlich wird das thatftäfttge Handeln und Eintreten für das, was uns Allen heilig ist, und damit auch die Verantwottung für das event.Gelingen oder Mißlingen, den Führern aufgebürdet — sie werden ja dafür bezahlt! Daß dieses ״Vertrauen" falsch angebracht ist, liegt auf der Hand. Die Laubhütte muß jedermann selbst bewohnen, er kann sich keinen Vertteter stellen; den Feststtauß muß der Israelit aus seiner Habe erwerben und mit Herz und Mund selbst einsegncn, sonst ist er hinttt seiner Schuldigkeit zurückgeblieben. Jedermann in Israel muß' nach Kräften mitwirken, um unsere Ideale von den Stürmen der Zeit unversehtt zu erhalten. Dtt Blick in sein Inneres wird ihn über den Umfang seines Könnens belehren und ihn selbst mit den zu befürchtenden Widcrwärttgkttten aussöhnen; auch unterschätze sich niemand. — Die Bachweide bildet einen ebensolch integtterenden Bestandtheil des Feststtaußes wie die erhabene Palme, der sasttge Eßrog'und die würzige Myrche. Wenn den Leitern und Führern das Planen und die Ausführung überlassen bleibt, während die undankbare Menge dm gleichgültigen Zuschauer spielt, so kommm wir nicht allein nicht weiter, sondern verlieren auch noch die mit mühmoller Arbeit unter Mattem und Qualm ermngme Positton; wir erleben dann zu unserm Herzlcid und mit fmchtloscm Ingrimm ein Penelopenwerk, bei dem mehr Menschen zur Stelle sind, um das Gewebe aufzuttennm, als es wieder zu cmeuem. Haupt und Glieder müssm eins sttn in ihrm Bestrebungen. Ersterer darf von dm Letztem nicht losgettrnnt werdm, ohne die Lebmsfähigkttt des ganzm Körpers zu beeinttächtigen. Hoffm wir, daß sich immer mehr rrmannm, die ermüdeten Känipser immer durch neue ersetzt »verden! Wir bedürfm dieser Hoffnung zu unserer Stärkung für die im langm Winter unausblttblichen Lebms- und auch polittschen Kämpfe, und mit dem Feststtauße danken wir dem Allgüttgen für die Güter und Geschenke der Vergangenheit und — im Sinne unserer Talmudstelle — auch fiir die Erwartungen und Hoffnungm in der Zukunft! kii itnWrks $1rt iln In Zi11is»1s. Eine Broschüre des Dr. S. Adler*) kommt sehr gelegen als Antwott auf die Arttkel, welche in der ״Jüdischen Presse" dm Zionismus in allen sttnm Manistttattonm in Schutz genommm haben. Wir dmckm die markanttttm Sätze hier ad: ״Rach langem, langem Lttdm zeigte diese» Jahrhundert einem Theil der edlen Dnlder Gottes Gnade: Einige Nationen, die die Juden bisher gequält, verttieben, getödtet hatten, nahmen sie in ihre Mitte als gleichberechtigte Staatsbürger auf — ein Jerusalem, die Freihttt, war ihnen in dem Land« der Knechtung geworden, sie hätten auf, im Gebete zu Nagen; doch chre Mission vergaßm sie nicht ttnm Augenblick und pttesen nach wie vor Gott, *) Assimilation oder Nationaljudenchum. Bei Lmil «polant, Berlin, Mattgrafenstr. 60.