Mannheim
Compact Memory

Israelitische Wochenschrift · 1894-10-05 · 40 (5.10.1894) · p. Seite 318

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Israelitische Wochenschrift
Volume
25 (1894)
Issue
40 (5.10.1894)
Date
1894-10-05
Page
Seite 318 (sequence 6)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
89% known words query
IRI
…/6492344-5935089-5962353--2204-5376439
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

er habe ihn an der Decke aufgehängt and ihm de» Mund zugestopft, ein Barbier sei dazu gckommen, habe den Knaben schrei« hören und ihn gerettet, als Markus demselben schon das Blut unter den Nägeln ausdrücken wollte. Man bezeichnete den Markus als zweiten Schächter zu Burgkundstadt, und rin Reisender fragte jüngst im Bahnhofe daselbst: ״Brauchen die Juden fernen Buben zum Schächten?" Die Gendarmerie sah sich infolge des allgemeinen Geredes veranlaßt. Nachforschungen zu pflegen. Der Knabe blieb auch zuerst bei seinen Behauptungen stehen: in das Haus des Markus geführt, konnte er aber den Keller oder ein solche- Gelaß, wo er eingesperrt gewesen sein sollte, nicht find«, und gestand, daß er diese Geschichte nur erzählt habe, um sein verspätetes Nachhausekommm zu entschuldigen, behauptete aber, daß rin Schneider ihm die Ausrede beigebracht habe. Auch diese Behauptung hat sich als Lüge herausgestellt. (So ent. stehen die Märchen vom Ritualmord.) J. Wie«, 25. September. (Or.-Corr.) Inmitten der Wüstenei des Antisemitismus, man kann sogar sagen, im Centrum desselben, fand heute Vormittags eine Feier statt, die infolge der Betheiliguug sich zu einem den Rahmm des Lokalen weit überragenden Ereignisse gestattete: es fand die Einweihung der neuerbautcn Synagoge in Krems statt. Da- Städtchen an der Donau ist seit längerer Zeit als Tcnttale des Wahlbezickes Schönerer's sehr antisemitisch veranlagt, wurde aber seit der Neueintheilung der Cultusgemeinden als Mittelpuntt derselben eines ziemlich viele Gemeinden umfassendm Sprrngels von einer sehr rührigen Bettretung zum Bau einer Synagoge bestimmt. Der feierlichen Einwechung wohntm bei: der Statthaltereirath Bezirkshauptman» Jungwitth mit sämmtlichen Beamten, ebenso KreiSgerichtSpräfident Vogel, der Oberst des in Krems garnisonirmden Jnf^Reg. mit allen Stabs- und Oberofficieren, Bürgermeister Heynemann, die Direttoren der Mittelschulen, ferner von der Wiener Cultusgemeinde Oberrabbiner Dr. Güdemann, die Vorstands- Mitglieder Wilhelm von Gutmanu, und Dr. Gustav Kohn. Der ferner erschienene Architekt Max Fleischer, ebenfalls Borstandsmitglied aus Wien, welcher als Bauletter fungirte, bettat zuerst die Estrade. Er gab den Gefühlen innigster Dankbarkeit für den Kaiser, durch dessen Gnade die Juden überall Gotteshäuser bauen und ihren Kultus stei übm können, Ausdruck und schloß mit den Watten, daß das Haus eine Stätte der Gottesverehrung, ein LehrhauS allgemeiner Menschenliebe, sein und bleibe» möge. Nachdem die Thorarollen unter Chorgesang in den Tempel gettagm und das ewige Licht angezündtt wurden, hielt Herr Oberrabbiner Dr. Güdemann die gchaltvolle Festrede, nach deren Beendigung Rabbiner Dr. Beiß die Weiherede hielt. Unter Psalmm, abgesungen von dem ttefflichen Chor unter Leitung des Obercantors Pümmann aus Wien, schloß die schöne Feier, welcher Nachmittags ein Bankett folgte.-Am selben Tage wurde eine ähnliche Festfeier in Preßburg abgehalten, bei der ebenfalls die Spitz« der dortigen Behörden auwesmd waren. J. Wien. 28. September. (Or.-Corr.) Im Heeres- Ausschuß der österreichischen Delegatton richtete gestem der Delegitte Eduard Sueß an de» Knegsminister eine Interpellatton, in welcher der Interpellant erwähnte, daß ihm wiederhott Klagen in der Richtung zugekonnneu seien, daß bei Aufnahmeprüfungen in einzelnen Cadettenschulen die besondere Art der Prüfung israelitischer Bewerber den Zutritt derselben in solche Anstatt« thatsächlich ««- möglich mache. Da Redner nun nicht zweifeln Wune, daß die Krzlich von dem Monarchen selbst geäußetten erhabenen Gesinnungen auch die Armeeleitung erfaßen, ersuche er den Herrn Knegsminister um eine Aeußerung, welche in dieser Beziehima Beruhigung und das Gefühl verbreiten könne, daß in der Armee kein anderes Prinzip als das der Gerechtigkeit herrsche. Der ReichS-Kriegsmiuister von Srieghammer erwiderte hierauf: ״Ich kann mich bei Beantwortung dieser Frage auf A die Erklärungen berufen, die ich schon früher abzugeben die W Ehre hatte. Seit die Armee besteht, und in all« Phase» H ihrer denkwürdigen Geschichte hat sie einen Unterschied in T Nationalität und Religio» nicht gekannt. Für die 1 Gesinnungen Einzelner kann ich natürlich nicht einsteheu, aber;3 die Heeresverwaltung bringt allen Untergebenen, also auch 1׳ denen israelitischen Glaubens, Wohlwollen und | Gerechtigkeit entgegen. (Für diese Ecklärung wird der J Knegsminister von der ״StaatÄürgerztg." mit dem geschmack- Z vollen epitheton orn&ns ״Judmstämmliug" belegt.) J PWMtzsl. Am 14. Sept. hat bei dem hierottigen städt. ,5 Weg. Bezicksgerichte nachstehende Verhandlung stattgefundeü: ä Ein EUernpaar. katholische Landleute, verklagte Tochter und. Schwiegersohn und behartte fest darauf, daß die Letztgenannte» .Z eine schuldige Summe sosott mit ״einemmale" berichtigen sollen, i Die Belangten baten flehentlich die Ettern mögen die Erbringung j des geforderten Betrage» in monatlichen Theilzahlungen gewähr«״ j worauf sich folgende Auseinandersetzung entspann: . 4 Klaaeanwalt Dr. Glanz (zu den Berklagten): Ihr seid doch 'j. gute Kinder, zahlet den Ettern den schuldigen Bettag auf ״ein- ■ mal" zurück. Angeklagte (Tochter): Ich war einem Juden Geld schuldig״ ' als wir denn unsere Noth klagten und sagten, wir können Dir nicht gleich zahlen» hat er sich unser erbarmt, Eltern sollen so rücksichtslos Vorgehen? Richter: Gebt ihnen den ganzen Bettag. damit sie sich eine . Kuh kaufen können. | Angeklagter: Herr Richter, eS ist uns unmöglich auf einmal den ^ganzen" Bettag zu decken. RiHer: So werde ich Euch verutthellen daß Ihr diesen ganzen Bettag binnen acht Tagen zahlen müßt. Angeklagte: Sehr gut, Herr Richter, ״desto beffer" für un»; die Ettern werden bann daS Uttheil einem Juden veckaufen, der wird uns nicht zu Grunde richten, der wird bei uns die Forderung auch in den ״kleinsten" Theilbettägen annehmen. Richter: Halst Du denn die Juden für bester, als Deinr Eltern? Beide Angeklagten (einstimmig): O, hundertfach bester! Richter: Ihr gebt doch da den'Juden ein großarttgeS- Zeugniß. Angeklagte: Die reine Wahrheit. Dr. Glanz (zum Richter): Wenn die Antistmiten die» da hören könnten, was müßten die au» dieser ungekünstelten Aeußerung entnehmen? Sens, 18. September. Vom 3. bis 12. d. MtS. tagte hier der ״zehnte internattonale Orientalisten-Kougreß" z« welchem auch einige berühmte Mische Gelehrte erschiene» waren. Wir nennen Oppert, Halävy, Derenbourg (aus Paris), Goldzcher (Pest), Ginsburg (London) u. A. Sehr interessant waren die Verhandlung« der semittschen und muhamedanischm Sektton. dlacy Vorlegung der ״Abhandlungen zur biblische» Wissenschaft" von Kuenen, übersetzt von Budde, der hebräischen Bibel-AnSgabe von GiuSburg und des 3. HefteS der von Haupt veranstalteten kritisch« TextauSgabe der Bibel sprach.. MrS. Lewis-Cambridge über das von ihr in einem Sinai- Kloster aufgefundene Mische Evangeliummanuskript, von dem sie eine Photographie vorlegtt, Halsvy-PariS über die hetittsche» Inschriften, Dr. H. Müller-Wim über die Stellung deS Baby» lonisch-Assynschm innerhalb der semittschen Sprach«, Haupt- Baltimore über die Entstehung deS Pentateuch und über die Lage deS biblischm Paradieses, Hommel-Münchm übe, die von Eduard Glaser von seiner lchten Reise nach Südarabim mitgebrachtm Darammschm Inschriften. Wichttg war auch Halävy'S Beurtheilung der Von der modemm biblisch« Kntik geliefettm Resultate, der« Richttgfeit er zum größten Theile bezweifettc. Nicht die ausschließlich literattsche Methode, soudem nur die Vergleichung der' Bibel mit der assynschbabylonisch« Lsteratnr, welche «nauSgesetzt auf die westsemstischm Literat««»' ein« Einfluß auSgeübt hübe, versprechehistorisch richtige, brauchbare Ergebnisse. Distmschastlich außeroiweutlich woHvoll war ferner ei» Vortrag vou SoldDih«--^

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.