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Israelitische Wochenschrift · 1894-10-05 · 40 (5.10.1894) · p. Seite 316

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Journal
Israelitische Wochenschrift
Volume
25 (1894)
Issue
40 (5.10.1894)
Date
1894-10-05
Page
Seite 316 (sequence 4)
Language
German
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Trotzdem hatte Sacharjin am Hofe zu Petersburg einen so wenig günstigen Eindruck hinterlassen, daß sein« Ernmnnng zum Leibarzt des Ezaren fast unbegreiflich erscheint. Sacharjin ist eine hohe, grobknochige Erscheinung mit dem ehrwürdig« Gesicht eines alttestammtarischm Patriarchen, in dem nur die klugen Augen etwas zu modern, ja fast shylokartig, blinzeln und zwinkern. Er spricht leise und langsam, als ob jedes Wort eine Perle wäre, die er dem Zu- Hörer, nur widerwillig schenke. Er ist sehr reich, lebt aber Ärmlich einfach und arbeitet immer noch in echt jugendlicher Rastlosigkeit. Seine Frau ist ihm bald nach der Ehe gestorben. Er hat nur eine Tochter, die er unlängst verheirächet hat. Man erzählt in Moskau die unglaublichen Ge» schichten über die Att, wie er sein« Schwiegersohn gewählt hat. Anna Pettowna Sacharjin soll nämlich ernen der jungen Eollegen ihres VaterS begünstigt habenaber dem berühmt« Arzt paßte der etwas schwächlich auSsehmde Freier nicht. Er wollte vor allem einen kerngesund« Gatt« für die — allerdings bildschöne — Tochter. So mußt« dmn sämmtliche Freier sich einer medicinischm Untersuchung unterwerfm, gegm die eine Rekrutmmusterung als oberflächlich geltm konnte. Aber was thut man nicht für dm Besitz der Moskauer ״Rose von Sarou". — So nannte man Fräulein Sacharjin, die dazu rund zwei Million« Rubel Mitgift und doppelt soviel Hoffnung« mit in die Ehe bring« sollte. Nun ist Anna Pettowna vnheirathet und Mutt« bildschön« und knngesundrr Kind« — sie selbst ab« sieht bedenklich bleich aus. Sollte das Glück d« Ehe nicht von Geld und Gesundheit allein abhänam, wie d« berühmte Arzt es stets behaupt« hat. Jedenfalls ist die Larriöre des ProfessorSacharjin d« beste Beweis dafür, daß einzelne Judm in Rußland zu dm höch-' ftcu Ehr« gelang« können. Kevichk nnö Aorresponörnzkn. v«ntfchla«d. Magdeburg, 3. Ottober. DaS ״Chemnitz« Amtsblatt" stellt folgerte Statistik auf: In Sachsen kommen auf 10,000 Bewohn« nach der letzten Volkszählung 27 Israeliten, während im ganzen Reiche aus die gleiche Bewohnerzahl IIS, in Württemberg 62, in Bayern 96, in Preußen 124, in Baden 160, in Hessen 268 Israelit« komm«. — 3u den sächsischen Stadt« üb« 10,000 Einwohner Verhältniffe folgendermaßen. Es leben in: Annabng . bei 15,000 Einw. 78 Juden Bautzen . . 22,000 ״ 59 Chemnitz. . 140,000 n 953 Crimmitschau 20,000 ״ 27 n Döbeln . . 14,000 n 21 Dresden. . 290,000 m 2650 Frankenb«g. 11,400 18 n Freiberg. . n 29.000 ״ 56 Glauchau 24,000 30 Großenhain. 12.000 ״ 6 Leipzig . . ־ 360,000 4200 Lim dach . . 12,000 19 n Meerane. . 23,000 10 m Meißen . . 18,000 n 32 Mittweida . 11,300 36 M Puma. . . 14,000 n 45 Plauen . . m 48,000 105 * Reichenbach. n 22,000 ״ 22 Werdau . . 17,000 m 41 Wurzen . . 15,000 m 18 Zittau . . ״ 26,000 135 Zwickau . . 45,000 ״ 66 ״ Dn Procentsatz d« Juden bekägt sonach in Dresden noch nicht ganz, in Leipzig etwas mehr als!Prozent. Demgegenüber hat Berlin ungefähr 5 Prozent, Breslau üb« 5'Procent, Hamburg etwa 3 Peocent, München und Magdeburg gegen 2 Prozmt Judm. Im ganz« Dmtschen Reiche lebt« U.’90 bei ein« Gesauuntbevöllnung von 49,428,470 Einwohn« 567,881 Inden. Ist es nicht stttsam, daß d« Antisemitismus gerade in dem Lande am verbreitrtsten ist, in welchem d« geringste Prozmtsatz Judm lebt, in Sachsen? Aus Halberstadt erhall« wir vom 30. Septemb« folgmde Zuschnft: ״Mt gegenwärtig« Zeilen möchte ich Ihre Aufmerksamkeit auf dm unwürdig« Unfug lmken, d« mit Glückwunschlarten zu Bosch hasohono in Form von Postamveisunam, Eheques rc. getrieben wird. Abgesehen von ihr« Geschmacklosigkeit find dnartige Karten geeign«, Aergnniß und dm gerecht« Spott unser« Gegner zu «reg«; ich verweise aus die ״Staatsbürger-Ztg." Ich glaube, daß eS im Jntnesse dn Sache liegt, wmn Sie in Ihrem geschätzt« Blatte ««gisch gegm dieses würdelose Treib« Stellung nehmm, um die V«leg« vor dem Vertrieb, daS Publikum ab« aufs eindringlichste vor dem Ankauf zu wamm. Ergebenst Benjamin Hirsch." , (Leid« kommt diese sehr berechtigte Warnung für dieses Jahr zu spät, wir haben dm diesbezüglich« R«lame- Annoncen die Aufnahme in uns« Blatt verweigert. Mügm es die andnn jüdisch« Blättn im nächst« Jahre auch thun, so wird dem Unfug dadurch gesteuett sein. Dasselbe gilt bezüglich der widerwärttgen Schadchm-Annoncen, die gerade in otthodoxen Blättern sich breit mach« — wahrscheinlich »ur Förderung von!מצות פריד. ורביד —; müssen wir imm« so lange mit dn Abschaffung von Mßbräuchm Watten, bis unsne Feinde mit Fingern darauf zeig« und sie als ״jüdische Eigenart" auSschreim?) Berlin. Die Synagoge in dn Heidereutergasse konnte am Bosch haschoQo dieses Jahres, dm 180. Jahrestag ihr« Einweihung feinn. Sie war die erste öffentliche Synagoge in Brandenburg-Preußen. Dm aus Wim im Jahre 1671 ausgenommen« Judm warm bis dahin nur Privati, synagogm gestatt« gewesen. Die Aeltestm hatten «n Grund- * stück am Neuen Markt zu dem Bau «worb«, ab« die Geistlichm d« Marienkirche protesttrtm dagegm. König Friedrich Wilhelm I. war nicht so engherzig. Er «schi« mit dem Hofe zum Weihcfestc deS Gotteshauses. Daß für ihn als Ülchtigen Geschäftsmann dab« etwas h«auSkommen mußte, ist sittlich' srlbstvnständlich. Er fordette für die Baunlaub, niß von der Gemeinde 3000 Thal« für seine Nimmersatte Rekrutmkassc. Das war bitt«. Ab« d« König resolvitte kurz: ״Wenn sie mißt bis Sonntag zahl«, soll die Lieb, mannin (die Inhaberin deS bisherigen Synagoge) die Schuhl haben." Nach erfolgt« Zahlung ab« war der König sehr gnädig. Er «schi« zur Einweihung in dem festlick geschmückt« Gotteshause, am Eingänge von dem Gemeindevorstand ehrfurchtsvoll begrüßt. Er brachte sogar «n Angebinde mit, nnm Teppich aus dem Schlosse, «ne Anttquität aus d« Z«t Kurfürst Johann Georgs. Dies« hängt noch hmtt als Vorhang vor dn Lade mit dm Thorarollm. D« Rabbin« sprach «n hebräisches Geb« für den König, die Festrede hielt «nn d« aus Wim Eingewandettm, dn hochbetagte Hirschel Benjamin Fränkel. Eine Tafel mit einem Segenswünsche für dm König, die Königin uud das königliche HauS vnewigt das dmkwürdige Ereigniß. ««Nu. Im Reichenheim'schm' Waisenhause (Weinbergsweg 11c), dessen Bericht für die Zeit vom 1. Januar 1893 bis 31. März 1894 uns zugegangen ist, werden augenblicklich 76 Zöglinge (44 Knaben und 32 Mädchen) «zogen. Sämmtliche Kinder b«uchen öffentliche Schulen, die begabt«« höhne Lehranstalten. In der Anstatt selbst wird Tum- und Gesangsunterricht ettheill, für die größeren Knaben außerdem Handsettigkettsunterttcht im Kerbschnitzen. — Die gesummten Ausgaben betmgen nach dem Rechenschastsbettcht 65,342 Mark, die gedeckt wurden durch die Zinsen oeS StistungSsondS und «nen Zuschuß d« Gemeinde (diesmal 38,375 Mark). Währmd der Sommerferien schicke die Anstatt, wie alljährlich, auf ihre Kosten eine größ«e Anzahl schwächlicher Kind« in Seebäder oder auf das Land. Berlt«, 2. O«ob«. Die antisemitische Bereilliguog , für Norddeutschlaud hat vorgest«» in Ä«li» auch «um Par- .^

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