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Israelitische Wochenschrift · 1894-10-05 · 40 (5.10.1894) · p. Seite 315

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Journal
Israelitische Wochenschrift
Volume
25 (1894)
Issue
40 (5.10.1894)
Date
1894-10-05
Page
Seite 315 (sequence 3)
Language
German
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feien. (Elftere* widerlegt sich von selbst durch den Bericht der auch dem Chriftmthume heiligen biblischen Geschichte und dm Vonvurs der Kulturfeindlichkttt weilt er zurück, mit dem Nachweis, daß sie die weltberühmten Universitäten in Padua, Salerno und Montpellier begründetm und an allm Krlturarbeitm zu allm Zeiten mit großem Eifer sich betheiligten. Zur Sprachwissenschaft, Naturwissmschaft, Asttonomie, Mathematik, Medizin, Philosophie, Ethik und auch zur Dichtkunst stelltm sie hervorragende Vertreter und ihnm ganz besonders ist es zu verdankm, daß es den Ehristm möglich wurde, die Werke des klassischen AltetthumS, der Griechm und Römer, zu übersetzen, auch warm sie als Staats- Männer vieler Fürsten treueste Berather. Das Steckenpferd der antisemischen Hetzer ist die Art der Handels-- und Geldgeschäfte vieler Juden. Kann man dies aber der Gesammtheit zur Last legm? Uud hat die mittelalterliche Gesetzgebung sie nicht systematisch in die ZwangSläge gebracht, diese Geschäfte so zu betreiben, wie fix ihre heilige Schrift ihnen verbietet, während ihnm der Ackerbau verschlossen wurde,' die Handwerks-Innungen ihre Aufnahme verweigerten? Und die Schlechtigkeit Einzelner zu verallgemeinem, das gleicht der Methode vieler Franzosm, welche, «eil viele Deutsche gewohnheitsmäßige Trinker sind, , alle Dmtsche für .Säufer" erklärm. Wir möchtm im Anschluß daran auch noch erinnern, daß die Franzosen sämmtliche Falschspieler ״GrecS" nennm. Auch habm nicht die Judm dm Anschluß an das Thristmthum bez. die christliche Gesellschaft zurückgewiesen, sondem die Christen — spec. Paulus Galater V, 1 ff. — that dm Ausspruch, welcher dm weltgeschichtlichm Bruch herbeiführte. Er findet nichts Störmdes in dem Zusammenleben der Judm mit Nichtjudm, wmn Erstere ihr Oster-, Laubhüttm- und VersöhnungSfest feiem und sich beschneiden lassm, so gut wie die Katholiken ihre Marimuud Heiligmtage rc. begehm. Anders abex sieht er das Verbot der Ehe mit Nichtjudm, die ״antisocialm" Speisegesetze und daS Feiem des SabbatheS an. Das Eheverbot wollm wir links liegm lassen, weil dies auf unsere Äoften aufgehoben werden müßte, denn da kein christlicher Geistlicher solche Mischehe einsegnet, kann man es doch vom jüdischen auch nicht verlangen. DaS Verbot gewisser Speism hält er als zu dem Zwecke eingetühtt, um die Judm als .auSerwähltes Volk GotteS" von allm anderm abzusondern.. Wollte der geehrte Verfasser sich bemühm, das in diesm Blättem besprochene Werk NossigS (die Socialhygime der Judm) zu studirm, würde er finvm, daß die Gelehrtm» Welt durchaus nicht mit ihm übereinstimmt, sondem jmm weism Gesetzm einm hohm Werth beilegt und sie für die ganze Menschheit erstrebmSwerch erachtet. Warum der Sabbath nicht dasselbe Vorrecht gmießm soll, wie daS Laubhüttmfest, ist aus seinm AuSfühmngm nicht eisichtlich, und wir müssm es mtschiedm zurückweism, dm Sabbath in die Kategorie der Sitten und Bräuche herabgedrückt zu sehm, und unter dieser Bedingung könnm die geistigm Führer im Judmthum über- Haupt nicht mitthun. DaS aber die anderm Schädm in unserer Mitte betrifft, so thut unS der Verfasser Unrecht. Wir habm von jeher offene Augen für dieselben gehabt; wenn wir aber bei unserer Machtlosigkeit wmiger als je erreichm, so geschieht dies, weil die unheilvolle Bewegung gegm uns die Zersplitterung unserer Kräfte zwischen innerer Belehrung und äußerer Abwehr erfordert. Im Uebrigm' bietet der Verfasser so viel AnerkenuenSwertheS und BcherzigenSwettheS, daß wir seine Ermahnungm nicht oh«O Weiteres von der Hand weism könnm und wollen; gebe Gott, daß die Ruhe und der Friede halb wiederum unter uns einkehrm, und wir unserm Berufe, zu belehrm uud zu bessern. wieder ganz obliegm könnm und mit dem Berfasstr «erben sich alle unsere Freunde überzmgm, daß eS — wie eS stets gewesen — unser ehrliches Besträm ist/die Kant« und (Eden m unser« gefeüschastlichm 2eben, soviel au uns liegt, zu glätten. Sie habm früher unserm innerm Lebm wmig Beachtung geschenkt, daS hat jetzt aufgehött und daS ist daS einzig Gute, das der AnttsemitismuS in seinem Gefolge haben wird: Gegenseitige Würdigung, gegenseitige Bvachtung und Achtung. 8. Sttiirjn, In irir SHItr!( It§ Gjirn. lieber dm neuen Leibarzt des Czarm, Sacharjin — ober richtiger Zachkarjin — erfahren wir aus der Schildenmg eines Herm, der ihn persönlich auf einer Moskauer Reise kmnm gelemt und gesprochm hat, Folgmdes: Der vielbewundette und vielgehaßte Professor derMoSkauerUniversität ist vor einigm vierzig Jahnm noch ein armer Junge gewesm, dm ein reicher Moskauer Kaufmann — Herr S. — an einem kalten Winterabend barfuß und hungernd auf der Straße aufgelesen hat und aus Mitleid erziehm ließ. Die außerordmtlichm Fähigkeitm und der eiseme Fleiß habm dm. Findling rasch emporgehoben und ihm zur glänzmdm Carrisre verholfm. Heute ist Peter Nckolajewitsch Sacharjin der berühmteste Arzt Rußlands, eine Leuchte der Wissmschaft, ein Doctvr, dem man mnd 100 Rubel (216 Mark) für einm Rathschlag zu zahlen pflegt. Daß ein solcher Mann Neider und Gegner hat, ist wohl selbstverständlich. Der berühmte Professor hat zahllose Schrullen und Launm, unter anderm die Abneigung gegm die Treppen. Auf jeder dritten Stufe muß man ihm einm Stuhl hinstellen, sodaß man ihm z. B. in Kiew, wo er dm Millionair Taraschmkow besuchte, der hochpatterre wohnt, auf ,einer nmn Stufm hohen Treppe drei Stühle hinsetzm mußte. Im Krankmhause ist Sacharsin ein Tyrann ohne Gnade — und nicht nur in der Krankmstube. Der Herr Professor pflegt zu speism, wann er gerade Lust dazu verspürt. Tag und Nacht muß das Diner fix und fettig seines Winkes wattm, und wehe dem Ktankm, wmn der Braten zähe, und die Suppe kalt ist. Ezar Alexander hat eine besondere Abneigung gegm alle ähnlichen lleinm Schwächen. Seinem schlichtm Charakter ist jedes Komödiantmthum, von dem leider der große Arzt nicht frei ist, geradezu widerlich. Daher wollte er niemals Sacharjin zu Rathe ziehm, was diesen natüttich lange schon furchtbar kräntte. Erst bei dem letztm schwerm Jnflumza-Anfall «lang es dm Thränm der Czarin und einem kleinen Betrug eS intimen Frmades Graf Woronzow-Daschkow (Minister deS Hofes), der behaupttt hatte, Sacharsin für sich kommm lassm zu wollm, Alexander HI. zu bewegen, die Moskauer Berühmtheit einzuladen. Da aber der große Arzt auch im Anitschkow-Palast seine ״Mätzchen" nicht unterlassen konnte, im rothm Bauernhemd erschien, die Küche gräulich fand und die Dimerschaft — die der Ezar und die Czattn stets mit größter Freundlichkeit behandeln — gar .Esel" und .Schaftköpf" titulitte, so erklärte Alexander III. dem Grafm Woronzow, .daß er von dem .altm Narrm" nichts mehr wissm wollte, man solle ihn ,ablohnm und fottschickm." Zuerst wollte Sacharjin von Bezahlung nichts wissm. .Die Ehre" genüge ihm vollkommen. Doch der Ezar war anderer Memuug. ״Der Kaiser darf keine Geschenke annehmm, das kostet, dem Reich immer zuviel", erklätte er und ließ schließlich Sacharsin zu sich mfm, um ihn persönlich zu ftagm, was er ״von einem reichm Moskauer Kaufmnn pro Tag bezahlt bekomme" —■ 3000״ Rubel, Majestät!" — ,Schön. Ich bin zwar auch ein Moskauer Kaufmann, gelte aber immerhin etwas mchr als die anderm, — Du bekommst also 6006 Rubel pro Tag, und damit basta l"— DaS machte nun rund 60000 Rubtt — ein hübscher Wochenverdienst! Die Czarin scheuste de» Arzt einm prachtvollen Stock mit goldmem, diamantmgeziertem Griff» uud der (har fügte als besondere Gnade daS Kreuz deS Alexander-NewSky-OrdeuS dazu, — die höchste Auszeichnung, die. ein Gelehrter — und dazu noch ein Jude von Geburt — in Rußland jemalt bekommen hat.

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