Israelitische Wochenschrift
- Journal
- Israelitische Wochenschrift
- Volume
- 25 (1894)
- Issue
- 40 (5.10.1894)
- Date
- 1894-10-05
- Page
- Seite 314 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Argumente nieder, waS aber nur das Vorhandensein kräftiger Lungen, niemals aber die Festigkeit der eigenen Ausstellungen beweist, keinesfalls aber ist ei» solches Verfahren im Sinne des Talmudlehrers, tti sich durch Erniedrigung Anderer nicht erhöhen wollte. Die VerketzerungSsucht ist niemals am Platze, weil sie der Denk, und Gewissensfreiheit widerspricht, am allerwenigsten aber hat sie im Judenthum irgendwelchen Raum zu beanspruchen, welches die Religion der Duldung und desFortschritts ist. (Vgl. Menachot 109, Temurah 14 und Maimonides Abschn. 5 von der Obrigkeit.) Es wäre ein beschämendes Eingeständniß, daß das Judenthum auch in seinen Aeußmlichkeiten keinen Widerspruch und keine Aenderung ertragen kann, seine Productivität eingebüßt hat und wir — seine Bekenner — wären die Drachen nur, die einen verborgenen Schatz behüten, der auch Theile *ntgt, die uns werthlos dünken, Theile, welche dm ungeschmälertm Genuß des Ganzm beeinträchtigen. ES ist zudem ungereimt, eine Meinung innerhalb der Religion bei jemandem nicht zu dulden, dem es doch jederzeit freisteht, sie außerhalb derselbm auf den Schild zu erheben. Unsere Weisen waren viel einsichtsvoller uud duldsamer gegen solche, die durch Forschung und Meinungsäußerung ihr religiöses Interesse bekundeten, das beweist ihr Ausspruch אלו ואלו דברי אלהים חיים ,Die Ansichten der Strmgm und Mildm haben gleichm göttlichen Ursprung uud gleichen Anspruch auf Anerkennung." Hatte doch der liebe Gott, nach der Sage, selbst seine Helle Frmde daran, wenn seine Mmschmkinder auf dem religiösm Kampfplätze — der doch Verschiedenheit der Ansichten voraussetzm läßt — einander befehden, ja selbst wmu sie ihre Opposition gegm das von Ihm ausgehmde Batkol*) aufrecht erhaltm und siegreich aus der Schlacht gegm Ihn hervorgehm. Herabwürdigung der Gegner kam zu jmer Zeit selten vor und wo eine pnncipielle Gegnerschaft Maßregelungen nothwmdig machte, erfreuten sich die Disciplinarstrafm keineswegs des Beifalls der Mmge und der Gelehrten, selbst wmn sie von höchster Stelle ansgingm, und sie wurden in der Regel recht bald unwirksam gemacht. Die Autorität gegm Opponmtm ist glücklicherweise geschwundm und die Klugheit sollte davon abrathm, sie durch Verbissenheit zu ersetzm, die dm Eiferer nnr lächerlich macht und keine Wirkung erzielt. Sie hat zur Folge entweder, daß die Kräfte, die wir nach außenhin so sehr nöthig brauchm, verzettelt werdm, oder daß energische Mitarbeiter aus dem heimischen religiösm Bodm, der sie nicht nach dm von Gott ihnm ins Herz und in dm Verstand ' gelegten Bedürfnissen ernähren kann, ins öde Exil wandern und gehm für uns verlorm zu einer Zeit, da alle Mann auf Posten sein müssm und wir keinm Einzigm missm könnm. Der Bersöhnungstag fordett uns auf, an ihm rein und anmuthig dazustehm <ונאוה ביום הבםרים); wodurch könntm wir dies mehr als durch Versöhnlichkeit? Wir wollm nicht der umgekehrte Satum sein, unsere Mutter Religion durch unsere Uneinigkeit verzehrm, vemichtm; in ihr, unserm höchstm Princip, in unserem unveräußerlichm Heiligchum wollm wir, ihre Kinder, uns zusammmfindm und unsere gegmseittge Ehrlichfeit nicht verdächtigen, wie immer auch der Einzelne, ihre Idem nach seiner Anschauung und Ueberzeugung vnwittlicht. Das Göttliche will im Mmschlichm seine Ebmbilduchkrit findm und schon aus Selbsterhaltungstrieb sollm wir der unS zu Gute kommmdm Versöhnlichkeit als dem höchstm Attribute der Gottheit huldigm und in ihrer Nachahmung die Aehnlichkejt mit Gott suchen. Mit solcher erhebmdm Erkenntniß, solch beseligmdem Gefühle und solchem wiedererweckten gotterfüllten Bewußtsein ausgerüstet, totrb der religiöse Bersöhnungstag nicht spurlos au unS vorübergehm, wird der BersöhnunaStag der Mensch- Heu uns als wackere Mitaickeitn preism und unS dm Siegeslorbeer darreichen. _ Irr Sitifrmtisms irtmitrt m ßttli-n 6tn))mftr von Carl Scholl.») Die ,Bayrische antisemitische BolkSpartei" wollte auch einmal von sich redm machm und sie gründete im Apirl d. I., wie andere Genossm auch, die Geld verdienen wollm, eine Zeitung. Um mit dm Ramm derselbm gleich ein Programm zu verknüpfm und damit auch in erster Zeit daS Erhntnnde nicht fehle, wurde der Titel ,die Wahrheit" gewählt — so hieß nämlich daS erste antisemitische Witzblatt vom Jahre l 880. Letzteres ging ein, nachdem eS sein bischm Witz verausgabt hatte uud mit ihm schwand die Bedeutung seines Redasteurs, des Uttmtschm H. de GruissillierS; die Nürnberger ,Wahrheit" hat überhaupt ohne Witz begonnm, und da die Mmberger Anttsemiten keine Zeitung hnauSaebm, sie hättm denn Abonnenten und da diese sich nicht einfindm wolltm, so hat sie das zweite Quartal ihres Daseins nicht mehr erlebt und sie ist zu ihrm Borgängem eingethan wordm. Und doch hatte sie es ziemlich geschickt angefangen mit ihrem Bauem .... wollt' sagm: Abonnmtmfang. Sie wandte sich in ihrm Eingangswottm an die deutschen ,Brüder und Schwestem", denen sie alles mögliche versprach, besonders die Pflege des von dm Anttsemitm so sehr in Schmutz gettetenm Deutschthums und Christenthums; andrerseits aber — um es mit dm Partikularisten nicht zu verderben — verheißt sie, treu zu Staat und Volk zu haltm, also ein echtes JanuSgesicht, also echt anttsemittsch, das Jedem etwas zusagt, daS Beste aber — das Geld — für sich behaltm will, welche pomphafte Einleitung mit dm salbungsvollm Wottm schloß: ,so wahr uns Gott helfe!" Nun, ebmso wahr, wie sie eS meinten, ebmso hat ihnm Gott geholfm, ganz nach Verdienst. Wmn man aber sonst dm Toten nur Gutes nachsagt, ist es hier beim besten Willen nicht möglich, dmn was dieser ,Wahrheit" an Witz nnd sonst einer gutm Eigenschaft gebrach, das ersetzte sie durch Gemeinheiten — soviel hatte sie von dem herrschmdm antisemitischen Ton weg — und durch Lügen. Mit diesm hat sie während der kurzen Zeit ihres Bestehms dm üekanntm freireligiösen Prediger Scholl begeifett, dem sie detbelbm Vorwurf machte, welchem Dühring seinm moralischm Tob verdankt; was Dvon Lesfing sagte, daS behauptete die ,Wahrheit" von Scholl, nämlich er sei mit jüdischem Gclde bestochm. Anstatt aber diese Erbärmlichkeit, die schon so Vielm widerfahrm, stolz und still abwehrmd hinzunehmm, beehrt sie Scholl mit einer kräftigen Erwiderung, in dm er den Herren Anttsemiten gründlich heimlmchtet, ihrem Patton Rohling durch kurze Darstellung seiner jämmerlichm Lontroverse mit Dr. Bloch die Maske vom Gesichte reißt und ihn seines schon längst zerzaustm Heiligenscheines vollends mtkleidet, aber auch Manches über das Judmchum sagt, was nicht unwidersprochen bleibm darf. Auf die kleinm Scherze der ,Wahrheit" läßt sich Scholl nicht ein, so z. B. auf dm Hinweis, daß christliche Fraum und Jungfrauen sogar dm «sserm Stände im Synagogenchor des ״verjadetm" Mmbmg mitwirkm; auch wir wollm nicht nähm darauf eingchm, da wir nicht wissm, wie vick von ihnm es auS gutm Gesinnung und wie viele eS gegm gute jüdische Bezahlung thun. Engehmdm ab« behändest m den Borwurf dm Arbeitsschm dm Judm durch Hinweis auf die ährmlekmde Ruch, auf die Vorgänge beim Bau dm SttftShütte und des hmodiauischm Tempels und schließlich auf dm Gründn des ThnstmthumS selb«, von dem MarcuS VI, 3 berichtet wird, n sei dm Sohn eines Zimmer- ■ manns gewesen. Leicht wurde eS ihm, die lächerliche Behauptung zu entkräftm, daß die Judm niemals die Fähigkeit besaßen, eine« Staat zu bilden und daß sie deshalb kulturfeindlich ) _ 3 ך *ine Stimme aus der HSHe (Tochterstimme, Echo). *) Verlag dm HaadüS-Drmlerei ia vamberg.