Israelitische Wochenschrift
- Journal
- Israelitische Wochenschrift
- Volume
- 25 (1894)
- Issue
- 39 (28.9.1894)
- Date
- 1894-09-28
- Page
- Seite 310 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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hingcstellt worden. Da hätte der Gegenstand überhaupt nicht in der Schweiz verhandelt werden sollen. Deutsche Art, meint der Redner, ist es nicht, Höflichkeit auf Kosten der Gerechtigkeit zu üben. Bei der Bivisektionsftage hat Prof Tamann in Bern sehr richtig gesagt, der Thicrschutz dürfe in keine Menschenquälerei ausatten. Nun, Jemanden die rrligiäsen Empfindungen zu schmälern, ist doch auch eine Quälerei. Daß keine Diskussion beliebe wurde, ist natürlich, denn da würde ja ans Licht gekommen sein, in welcher Weise das Schweizer Volk getäuscht worden ist. Herr Leop. Hamburger behaupttte, daß in der Schweiz sich kein Mensch um das Gesetz kümmere, das die Betäubung vorschreibe. Dir alten Schächtcreien und Grausamkeiten gingen ihren Weg, nur das Schächten werde verboten. Das habe in Bern Niemand gerügt. Ebensowenig habe Jemand die Lüge von dem angeb. lichen Rabbiner Stern widerlegt, der behaupte, das Schächten sei keine religiöse Vorschrift. Stern sei kein Rabbiner, sondern konfessionslos. Oberlehrer Blum erwiderte, das Referat sei nicht vorher gedruckt gewesen, deshalb habe man nicht reagiren können. Ueberhaupt scheine ihm in der Schächtftage eine heillose Verwirrung zu herrschen. Tie meisten verwechseln die Vorbereitung mit dem Schächten selbst. Das Niedmverfen möge verbcsscrungsfähig sein. Schon vor 200 Jahrm habe der Frankfutter Rabbiner Abraham Brody Sttohsäcke auf den Boden legen lasten, damit die Thiere sich nicht verletzen. Für solche Borttchttingcn zu sorgen, das sei recht eigentlich Sache der Thierschutzvereine. Was den Schächtschnitt selber betrifft, so sei darüber kein Verein kompttent, daß sei Sache der Wissenschaft, und in der That müsse er sagen, daß alle bedeutenden Anttotäten der Physiologie, der Thierarzneikunde und der Praxis sowohl in Bezug auf die humane, als die sanitäre Seite sich für den Schächtschnitt ausgesprochen haben. Er sei überzeugt, daß wenn die Schächtftage auf dnn nächsten Kongreß, der in 2 Jahren in Pest tagt, zur Verhandlung komme und die Männer der Wissenschaft sich einfänden, der Kongreß sich ähnlich wie bei der Vivisektionsftage im Sinne der Wissenschaft entscheiden werde. — Nach einigen weiteren Bemerkungen der Herren Pfarrer Dr. Dechent und Rabbiner Tr. Horovitz schloß der Vorsitzende die Versammlung. (Fr. Ztg.) Creftld. 21. September. Ein überaus ttagisches Geschick war es, das den in allen Kreisen hochgeachteten Herrn Lberrabbiner Dr. Horowitz und zugleich auch die ganze hiesige israelitische Gemeinde bettoffcn hat. Am Mittwoch wollte diese die Feier des 25jährigen Amtsjubiläums ihres geliebten und verehrten Oberhitten begehen, alle Vorbereitungen für das Fest — an dem sich außer seinen Gemeindemitgliedem, vielen Amtsbrüdern und Glaubensgenossen von nah und fern, auch seine vielen hiesigen Freunde anderer Konfession zu beteiligen gedachten - waren aus das Sorfältigste gettoffen und in allen Einzelheiten vollendet, da griff der Tod mit rauher Hand dazwischen und ttß dem Jubilar die tteue Lebensgefährtin, den Kindern die sorgsame Mutter, der ganzen Gemeinde die opferbereite, ttöstende und helfende Gattin ihres Seelsorgers hinweg. Kein Wunder daher, daß die Theilnähme an diesem Schicksalsschlage eine allgemeine, daß der Leichenzug, der der so jäh aus dem Leben Tahingeschiedenen*) die letzte Ehre erweisen wollte, ein schier unabsehbarer war, wollte doch Jeder, der dem Jubilar und seiner Gattin an dem Ehrentage seine Glückwünsche darzubttngen gedachte, nun auch seine auftichtige Theilnahme an dem herben Geschick bekünden. So sahen wir u. a. in dem langen Leichenzuge, dem wohl alle hiesigen Israeliten ohne Ausnahme ftlgtcn, mehrere auswärtige Rabbiner (von Aachen, Cöln, Elberfeld und Düsseldarf,) Vertreter der hiesigen Geistlichkeit und Kirchenbehörden anderer Konfessionen, die Dircftoren der höheren Lehranstalten, an denen der Jubilar seelsorgerisch thätig ist, die Vorstände der Vereine, denen er angehött und viele andere Leidttagende. *} Montag Abend wurde sie. mit der Toilette beschäftigt, plötzlich vom Schlage gerührt, Dienstag Morgen war sie ein« Leiche. Nachdem der Leichenkondukt auf dem vo» einer zahllose» Menschenmenge umlagerten Friedhofe angelangt und der Sarg aufgebahtt war, hielt Herr Oberrabbiner Dr. Auerbach au» Elberfeld eine längere, warm empfundene und ergreifende Leichenrede, der Toten die ihr gebührende Ehre, dem hinterbliwenen Gatten und Kindern Trost und Balsam für ihre Wunden spendend. ״Die Festrede bei der Jubiläumsfeier zu halten, Glückwünsche zu bttngen, sei er gekommen, eine» Schwergebeugten aufzuttchten in seinem Schmerze, Trost und Hülfe durch den unerschütterlichen Glauben zu bttngen, stt nun seines Amtes.* Tieferschüttert waren aber Alle, ja soft kein Auge blieb thränenleer, als darauf Herr Oberrabbiner- Dr. Horowitz der irdischen Hülle sttner tteuen Lebensgefährtin, die mit ihm alle Freuden im Leben geteilt, aber auch alle Last und Bürde sttnes Amtes getreulich gettagen, in einfach schlichten, aus schmerzerfülltem und doch glaubensstarkem Herzen kommenden Wotten ein letztes Lebewohl sagte. Mit dem Gefühle ttefer Ergriffenheit vor solcher Geistes- und Glaubenskraft verließen die Leidttagenden, nachdem der Sarg nach einem Schlußgebtte in die Gruft gesenft war, de» Fttedhof. Aus AerS a. Rh. erhalten wir zu vorstehendem Artikel noch olgende bttefliche Notizen: ״Um den Gefühlen der Liebe, Dankbarkeit und Verehrung gegen den allgeliebten Herrn Oberrabbiner Dr. Horowitz einen würdigen Ausdruck zu geben, hatten der Gesangverein ״Sängerbund" und der Synagogenchor beschlostcn, am Vorabende der Feier den Herrn Jubilar durch je eine Serenade zu ehren. Am- Tage der Feier sollte Morgens ftüh in der Synagoge eine Festfeier mit Festpredigt stattfinden, später Gratulationscour im oberen Saale der Stadthalle und Abends großes Festbankett im großen Saale der Stadthalle mit Darstellung lebender Bilder aus dem altjüdischen Familienleben (nach den Meisterwerken von Prof. Oppenheim). Die Vorbereitungen zu diesen Festlichkeiten waren nach Gottes unerforfchlichem Rathschlustc leider vergebens gekosten, so wie auch die Vorbereitungen der christlichen Nachbarschaft des Herrn Jubilars, welche diesem durch Beflaggen der Häuser und Ausschmückung der Skaßen mit Blunienkänzcn und Guirlanden ihre Ehrerbietung bezeigen wollte. Das Ehrengeschenk der Gemeinde, bestehend in einem hochelegante» gestillten Silberschrankc, sowie die Ehrengeschenke der Männer-Chewroth, bestehend in einer prachwoll au-gestatteten Adresse und einem kostbaren Pokal sollen nach Beendigung der Trauerwoche überreicht worden. V or dem schmerzlichen Ereignisse schon hatte das ״wissenschaftliche tlränzchen", besten Mitglied Herr Dr. Horowitz ist, diesem eine prachwoll« Büste (Moses nach Michel Angela) und der ״Batcttändische Frauen-Berein", dessen Mitglied die Hingeschiedene war, ein paffendes Geschenk überreicht. Die israelitische Gemeinde ehrte den um ihr Wehl und das Wohl des Judenthnms so hochverdienten gttstlichen Führer aber auch nicht minder sich selbst auch noch dadurch, daß fic das Gehalt des Ersteren um einen bedeutenden Bekag erhöhte. Möge der Vater des Trostes den schwergeprüften, gottergebenen Dulder, dem mit der liebevollen Gattin an dem selbigen Tage auch noch der theure, grttse Vater durch den Tod entrissen wurde,*) aufrichten in seinem Schmerze und himmlischen Trost senden in die Herzen Mer, die mit ihm diesen schwere» und unersetzlichen Verlust beweinen." Braunschweig, 22. September. Auf seiner Agitattonsreise hat heute Abend der Rttchstagsabgeordnete Prof. Dr. Hasse, Vorsitzender drS alldeutschen Verbandes, auch hier in . einer von etwa 100 Personen besuchten Versammlung über ' die Polenftage gesprochen. Auf ttne an aus der Versammlung gerichtete Anftage über die Stellung des alldeutschen Verbände- ( zur Judenftage erklätte der Prof., der Verband sei kein antisemitischer; er kümmere sich nicht um die Form, sondern um die Sache, und in diesem Sinne tteibe er praktische Politik- So beschäfttgte sich der Verband, der gcgenwärttg 6000 Mit-' ף *) Dies« Trauerkunde gelangte erst Freitag nach lkrefeld, man wollte dem Sohne die Festesfreude nicht stören, und wußte nicht, daß. sie leider ohnehin gestört war.