Israelitische Wochenschrift
- Journal
- Israelitische Wochenschrift
- Volume
- 25 (1894)
- Issue
- 39 (28.9.1894)
- Date
- 1894-09-28
- Page
- Seite 307 (sequence 3)
- Language
- German
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nicht bot; dir Aeußcrungen deS Hasses und deS BorurtheilS find für unS darum ersprießlich, weil sie uns wach erhalten, weil sie uns vor Uebermnth hüten, weil sie uns zwingen, unsere Fehler zu beseitigen. Legen wir uns, statt die Gegner anzuklagen, lieber ein» mal die Frage vor: Sind wir ganz unschuldig an diesem Hasse? Halten wir das Banner unseres Glaubms stets hoch und in Ehren? Wahren wir uns vor jeden Makel? Stehen wir vor unscrm eigenen Urtheil gerecht da? Ter Talmud sagt: ,Vier Klassen von Sündern finden keine Aufnahme vor derGottheit: die Verhöhnenden, die Lügner, die Schmeichler und die Verleumder. Tie Verhöhnenden: denn so heißt es im Propheten Hosea: ,Am Tage unjeres Königs, am Tag des Gerichts, sind die Fürsten krank wie von Weinesgluth; aber er zieht seine Hand von den Verhöhnenden." Die Lügner, denn der Psalmist sagt: ,Wer Lügen redet, kann nicht stehen vor Gottes Augen"; die Schmeichler, denn Hiob meldet: ,Vor ihm kommt kein Schmeichler"; die Verleumder, denn wieder heißt eS in de» Psalmen: ,Bei Dir kann kein Böser weilen, denn ein offenes Grab ist ihre Kehle, ihre Zungen glätten sie." Aber wenn wir nun in diesen ersten Tage» deS neuen JahreS, da unser Gewissen uns richtet, uns fragen: Haben wir uns keine dieser vier Sünden gegen unsern Glauben, gegen unser Judenthum begangen? nicht Jeder dürfte schuldlos ausgrhcn vor dem strengen Richter. Lesen, hören wir es nicht oft, werden wir es nicht wahrscheinlich in diesen Tagen wieder lesen, wie aus unserer eigenen Mitte Leute sich erheben, die unsere Feste, die unsere Bräuche mit bitterem Spotte verfolgen und dem Gelächter der Welt preisgeben? Menschen, die in ihrer Jugend vielleicht einmal flüchtig in ein jüdisches Lehrhaus hineingchorcht haben, benutzen einige Redensatten, die ihnen im Kopfe geblieben sind, um vor Leuten, die garnichts verstehen, sich den Schein der Gelehrsamkeit zu geben und verspotten, was uns ein Gegenstand heiliger Ehrfurcht ist. Das jüdische Uttheil wird durch diese Redereien nicht bestimmt, aber müssen sie rächt böse Saat aussttcuen im Lande, und dürfen wir uns wundern, daß sie so üppig cmporschießt, wenn Juden selbst bei der Aussaat helfen? Heute ist der Tag des Weltenkönigs: er zieht seine Hand ab von dm Spöttern; auch wmn Tu einen Brauch nicht hälfft, es ziemt Dir, dem Judm, zu ehren, zu schonen mindestens, was dem Genossen heilig ist. Tie zweite Klasse sind die Lügner: Es kommt vor, daß manche unserer Genossen vor Nichtjudm mit ihrem Glaubmsbekmntniß prunkm, daß sie sich in die Brust werfen und sagen: wir sind stolz auf unser Judenthum. Aber so ein stolzer Jude könnte am Ende in Verlegenheit kommm, wenn er nur nach dm zehn Geboten gefragt würde: ja aus seinem ganzen Thun und Gebahrm ist gar nicht zu ersehen, worin sein Judenthum besteht; man merkt es erst, wenn ihm die Ausnahme in irgend einem exklusivm Verein verweigett, wenn sein religiöses Bekmntniß von anderer Seite ihm vorgeworfen wird. Denken wir uns, daß wir auf der Front eines Hauses mit großen Ltttem irgend einen Namm und die Bezeichnung eines Geschäftes lesen; wir haben, nach dem Schilde zu schließen, die Vermuthung, daß bestimmte Waarm in großer Auswahl in diesem Hause zu findm sein müßte. Einmal haben wir selbst Bedarf nach ihnm und tretm ein, aber wir findm nichts. Wir sind verwundett und fragen. Da wird uns der Bescheid: dieses Geschäft ist längst eingegangcn; der große Name an der Front ist das einzige, war von ihm geblieben ist. Das wäre ein Gleichniß so mancher, die sich Judm nennen, und die kein Judenthum habm. Ob die Andersgläubigen solche Hohlheit nicht bemerken und ob solche Beobachtungm dazu beitragen, ihnm unsem Einrichtungen ehrwürdig zu machen? Die dritte Gattung, das sind die Schmeichler, und die hat unser Volk in übeneicher Fülle. Wo immer ein berühmter Name auftaucht, flugs sind manche Juden gmeigt, ihn zu aunektirm; wo gäbe cS ein Talmt, wo eine Fähigkett, die tue Judm nicht in hervorragendem Maße besäßm? ES ist wahr. Israel braucht nicht ganz unzufriedm zu sein, wenn eS auf seine Leistungen,. in den mannigfachen Gebieten geistiger Arbeit schaut; aber hm>8 ist das für eine Thorheit nun unsenn Stamm Telebritätm'zuzuschreibm, die oft in gar keinem, oft nur in einem sehr losen Zusammenhänge mit ihm stehen! Und sodann, wenn Jsraelitm wirklich etwas geleistet haben, so geschah es, weil sic von ihren Vätem zur Mäßigung, zur Nüchternheit, zu ernster Arbeit erzogen worden sind. Juda'S Söhne waren vortrefflich gerüstet zumLebenskampf, denn ihre Bedürfnisse warm gering, ihr Geist durch das Studium der heiligm Schriften geschärft und geöffnet, und sie waren von Kindheit an auf ernste Thättgkeit gerichtet. Ist dies in neuerer Zeit nicht vielfach anders geworden? Diese Schmeichler unseres Stammes machen uns lächerlich vor den Augen der Welt. Die viette Gattung: die Verleumder — wer wollte, daß in diesem Zusammenhänge von ihnm nicht die Rede zu seiir brauchte! Aber das entspräche nicht der Wahrheit. Der Jude, der über Judenhaß flogt, arbeitet nicht selten demselben vor, in» dem er im vettrautm Verkehr mit Nichtjudm mit Vorliebe die fleinen Fehler und Schwächen seiner jüdischen Freunde aufdrckt und bekrittelt. So manchen verdtteßt es, daß viele den gleichen Beruf wählen, den gleichen Lebensweg wie er einschlageu; er hätte gem einzig dagestandm, es ist oft empörmd, wie lieblos und ungerecht Juden desselben Lebensberufes über einander urtheilm; es ist das natürlich nicht die Regel, es ist die AuS» nähme, daß der Jude als der eigentliche und gefährlichste Roscho auftritt. Ja ein offenes Grab ist ihre Kehle, und alltäglich trifft der Pesthauch ihrer Rede verderbend die Glieder unseres Volkes. Eine einzige Erscheinung dieser Att muß Verachtung gegm sich und gegen uns Alle erwecken in weiten Kreisen. — Wahrlich wir können trotz mancher schlimmen Erfahrung im Hinblick auf die Stellung der deutschen Juden in der Gegenwart mit Sarah mfen: ״Gott hat uns eine s^cude gegeben: zwar nicht jeder freut sich mit uns; aber die Besten und Edelsten dieses Zeitalters stehen uns zur Seite. Jndeß unsere Pflichten sind gewachsen mit unseren Rechten. Alle Welt schaut auf uns; und mancher mit unfreundlichem Blicke. Wir dürfen uns keine Blöße geben: wenn wir selbst unsem Glauben verhöhnen, wenn wir nur dem Namen nach Judm sind, wmn wir wiederum in überspannter Vorliebe für unsem Stamm diesm für den Jnbegttsf aller Vollkommenheit anS» geben, und wenn wir andererseits gar unsere Glaubmsge» nossm verleumden, hcrabsetzen und verächtlich machen, so öffnen wir dem Feind Thür und Thor. In diesen emstm Tagen der Einkehr prüfe ein Jeder, ob an ihm keine dieser Sünden haftet. Dann wird sich das Prophetmwott erfüllen: ״Jede Waffe, die wider Dich geschmiedet wird, wird nicht gelingm, denn jede Zunge, die wider Dich sich erhebt, ist schuldig; Dies ist der Erbtheil der Knechte Gottes, wmn ihre Gerechttgkcit von mir ausgeht, — das ist der Spmch des Herrn!" B. R. Mehr, Sttfililiftrit, Mirfrit. I Einkehr Betrachtung zu Bosch Haschonoh Don Tr. Singer-Eoblenz. Thue Oel ans die Lampe, solange das Licht noch brmnt und warte nicht bis es erloschen, dmn dann hilft eS nichtmehr. Versäume die rechte Zeit nicht, für Dich und für die Gesammtheit thättg zu sein, denn hast Du den rechtm Mommt außer Acht gelassm, dann bttngt eine Ewigkeit Dir daS Verlorme nicht wieder und Dein Bedauern kommt zu spät. Der Mmsch, besonders aber der Israelit hat größere P> lichten, als nur für sich zu leben und zu wirken; eS giebt Zettm, in denen das Jch-Bewußtsein hinter den Fordemngm für das allgemeine Wohl zurücktreten muß, und — auch hierin steckt ein Stück Egoismus, denn die Zertrümmemng der gemeinsamm Wohlfahrt gefährdet auch Leib und Seele deS Ernzel-Jndividuums. Rach einem AuSspmche deS Talmud