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Israelitische Wochenschrift · 1894-09-28 · 39 (28.9.1894) · p. Seite 306

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Journal
Israelitische Wochenschrift
Volume
25 (1894)
Issue
39 (28.9.1894)
Date
1894-09-28
Page
Seite 306 (sequence 2)
Language
German
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306 Zsrikls §rn)r n) €1r!t ii nfrrr« Zkitiltn. Als dem Abraham und der Sarah im späten Alter ein Sohn Isaak geboren wurde, so erzählt uns das am Neujahrsfeste verlesene Gotteswort, da äußerte Sarah die überströmende Freude ihres Herzens in den Wotten: ,Freude hat uns Gott gegeben^ ,Jeder, der es hören wird, wird sich mit mir freuen." Dieses einfache Wott eröffnet uns einen Einblick in ein spiegelklares Herz, das den Neid und die Mißgunst nicht kennt, das nichts natürlicher findet, als sich mitznfreum, an dem Glücke unserer Mitmenschen; sie weiß nichts von dem עין הרע, von dem »bZsen Auge", das verzehrende Blicke wirft auf die von Gott und vom Glück Begnadeten. Es ist nicht ganz unrichtig, wenn dem bösen Auge eine böse Wirkung zugeschrieben wird; denn es muß wohl unsere Freude vergiften, unsern Genuß verbittern, wenn wir den Neid des Genossen schauen, wenn dieser gekränkt wird durch einen Erfolg oder eine Gnade, auch wenn ihm kein Einttag oder Schaden entstanden ist. Wissm: was Dich beseligt, härmt und schmerzt Deinen Nachbar, und Tu kannst cs nicht ändern, Tu kannst ihn nicht begütigen, denn nicht Tu, sondern die Gottheit verschuldet diesen Aergcr, wissen, daß Jemand, daß Viele Anstoß nehmen an Deineni Besitze, an Deinen Freuden, durch die Tu Keinen verletzt hast, das ist ein Gift, das die Bosheit der Welt in unsere schönen Stunden ttäust. Zwar Neid und Mißgunst sie sind am peinlichsten für die Menschen selbst, die von diesen bösen Trieben geplagt werden, und hier, wenn irgendwo, finden sich Sünde und Sttafe eng beisammen; es ist ein hartes, aber wahres Wott der Alten: ,Das böse Auge, die böse Neigung und die Mißgunst bringen den Menschen von der Welt", denn wie könnte der je Genüge uud Ruhe finden, dem die Freude eines Genassen Gegenstand des eigenen Kummers wird; aber auch der Beneidete leidet, oft ohne daß er sich genau darüber Rechenschaft giebt, unter dem Gefühl, daß ihm sein Glück mißgönnt wird, daß seine Lust bei Anderen Unlust erweckt. Freilich sind nicht alle so geatttt; denn es giebt Menschen, denen der Neid der Nebenmenschen erst den Genuß würzt, die bei jedem Erfolg, dm sie erringm, ja bei jeder Zierat, mit der sie sich schmücken, mit besonderer Genugthuung sich ausmalm, wie sich der oder Jener darüber grämt und ,vor Neid vergehe" und es muß wohl dieser häßliche Zug tief im menschlichen Wesm wurzeln, da man nicht selten aus dem Munde von Kindern, die irgend einen Putz oder ein Spielwerk erhalten, die Aentzerung vernehme» kann: wie wird sich der Spielgenosje ärgern, wenn er dies bei mir sehen wird. Jndeß Sarah, die Ahne unseres Geschlechts, sie bedurfte nicht dieser schlimmm Würze um ihr Glück recht zu gmießen; und sodann war sie so harmlos und unschuldsvoll, daß sie gar nicht glauben konnte, ihre Wonne würde einem Andern wehthun; sie hatte keinen Neid, aber sie kannte ihn auch nicht; dies erhöhte nur die stöhliche Stimmung ihrer Seele. Ein Talmudlchrcr Namens R. Lewi bemerkt darum: >77 הוסיפה המאירות ,Sie vermehrte die Lichter, die Gott ihr angezündtt hatte"; Gott erschuf ihr eine nme Freude, indem sie glaubte, Jeder, der es hören werde, würde sich mit ihr freuen und Abraham nannte den Namen ihres Kindes Jizchak ״dm Frohm, den Lachenden". Aehnlich wie Sarah, da ihr im Alter die unerwatttte Freude beschieden war, empfand das Israel der Gegenwatt, als ihm nach fast zweitausendjähttgm Drucke in einigm Landm die Fesseln gelöst wurdm, als es frei wie die Anderen werbm durste um die höchstm Güter der Erde. Da dachte Israel nicht an Neid und Uebelmollen, da jubelte es: ,Eine Frmde hat mir Gott gegeben. Jeder der es hören wird, wird sich mit mir freuen." In der That, der Triumph, dm Israel in diesem Jahrhundett errungen hat, er war ein glänzmder, und das wird eines der rühmlichstm Blätter sein in der Geschichte dieser Zeitm, auf welchem erzählt wird, wie edle und hochherzige Männer, begeistett für die Gerechttgkeit und besttebt die Schuld früherer Jahrhunderte zu sühnen, die Sache dieses unterdrückten und verachtttm Stammes wie ihre eigme bettachttt und durchgefochten haben. Es ist wahr, unsere Forderungen warm nicht unbillig und überspannt; nur ein Volk, das sich selbst schändet, kann sie verweigern; indeß eS war nichts Geringes, daß Männer, denen die Erziehung so mannigfache Borurtheile gegen unsem Stamm eingeimpft hatte, um der Gerechtigkeit willen diese Vomttheile aufgegeben und die Gleichberechtigung der Juden auf das Banner der Volkssrcunde geschrieben haben?) Wie oft haben Männer, die gar keine persönlichen Be- Ziehungen zu dem Judenthum hatten, ihre Stiinme erhobm in dm Verttetungen des Volkes, und die Leidenschaft und die Begeisterung, die Gedankenfülle und das staatsmännische Talent, die hierbei entfaltet wurden, haben bekanntlich diese Ber- Handlungen zu den glänzrndftm Leistungen parlamentarischer Beredsanikeit gestaltet. Es kam wenigstens in den civilisitten Landen der Tag des Sieges und Juda jauchzte: ,Eine Freude hat mir Gott gegeben, Jeder, der es höttn wird, wird sich mit mir steum"; wir glaubten, daß auch Diejenigen, die früher unsere Gegner gewesen, sich rasch einlebm würden in die neue Ordnung: mir hatten vergessen, daß das Glück den Neid erzeugt; und nun sind wir erschreckt, daß so häufig die Flamme des Judenhasses emporsteigt, wir sind erstaunt über diese Masse von Irrlichtern, die auf so viel sumpfigen Bodm schließen lassen. Aber seim wir nicht ungerecht gegm diejenigen, welche gegen uns ungerecht sind; es ist nicht leicht sich von Voruttheilen losznsagen, die man früh angenommen hat, und die von allen Scitm genähtt werdm; die Ordnung des Rechtes und dm Billigkeit, welche eingesühtt wurde, ist für manche vordem bmorzugte Bmölknnngsklassen überhaupt mit eintt Einbuße an Ehre, Einfluß und Vermögen verbunden; das thut weh, und da sie sonst Keinen so leicht darob schelten können, so soll nun Juda d« Widdtt sein, auf den alle Sünden gelegt werden und der in die Wüste verstoßen wnden soll; auch dn einfache Brodneid, es ist freilich gnade kein nobles Gefühl, aber es darf uns nach dem Lauf der Welt nicht in Erstaunen setzen, daß unerwatttte Mitbewnbn ihn hervottufen; es sind nicht scltm unsere Vorzüge, die den Haß erwecken. Ta heißt es, die öffentliche Meinung wird von dm Juden beherrscht. Das ist nne ungeheure Uebettreibung; abn zugegeben, daß jüdische Schriftsteller vielfach ih« Ansichten in den Tagesblättnn kund thun, zwingt irgend ttn Gesetz die Bewohntt des Landes, diese Blätter zu lesen, odn giebt es nne Verordnung, daß die Leiter solch« Zeitschriften die Arbeiten von Judm vor andttn aufnehmen müssen? Wird hin nicht getadelt, was eigentlich Lob vndient? nämlich nne rasche Auffassung, die Fähigkeit, seine Gedanken volksthümlich und klar darzustellen, Eigenschaften, die dem Tagesschriftsteller durchaus nöthig sind; cs gäbe wohl auch keine Judenfeinde untn den Musikem, wenn es nicht Musik« und zwar in beträchtlicher Zahl und Bedeutung untn den Juden gäbe, in dies« Richtung könnten die Juden den Neid und Haß nur entwaffnen, wenn sie die Waffen des Talents und des Geistes von sich werfen wollten. Alle diese Erscheinungen, üb« die wir uns so lebhaft beklagen, sie sind sogar von einem höh«m und sehr nochwmdigen Gesichtspunkt, uns nützlich; kein nnstn Mensch wird glaubm, daß die staatsleitmden Mächte in unserm Vatttlande diesm Voruttheilm einen wesmtlichm Einfluß auf ihre Maßnahmm einräumm, eine thatsächliche Gefahr liegt ') ES sei bei diesem Rückblick zum »läge der Erinnerung" daran erinnert, daß am 3. Juli d. I. 25 Jahr« verfloffen waren, settdem der Norddeutsche Bund ds Beasetz erlaffen: »All« noch bestehenden, au« der Verschiedenheit de» religiösen vekenntniffe« hergeleitete» Beschrtutunge» tej bürgerlichen und staattbürgerlichen Rechte werden hierdurch

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