Israelitische Wochenschrift
- Journal
- Israelitische Wochenschrift
- Volume
- 25 (1894)
- Issue
- 38 (21.9.1894)
- Date
- 1894-09-21
- Page
- [Seite] (sequence 4)
- Language
- German
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warbt nur .als gebildet wirb and der ehemalige raaende Fels des Antisemitismus, Herr Tr. Böckels ganz in den Himergrnnd tritt. Selbst die ״Germania" will an die angestrebte .Vereinigung" nicht glauben. Sie trifft den Nagel our den Kops, wenn fie schreibt: .Auch ohne Ahlwardt-Böckel stnd die persönlichen Gegrniätze zahlreich, die sachlichen Unter schiede groß, es wollen zu viele vom Antisemitismus — leben. TaS ist aber bei mehreren Patteirichtungen, die ihre Bläk!er und .Führer" haben, für eine größere Anzahl eher möglich, als in der Eimgung. Item, dieselbe kommt nicht zu Stande, oder — dauert nicht lange!" Mittlenveile gicbt's ja auch schon wieder eine neue anlisemitische Marke, die von Tr. Förster und Mosch vertreten wird, mit dem Programm: .Juden zum Land hinaus, Ausmerzung des alten Testaments aus Kirche und Schule, Verbot der Indentame und Namensänderung der Juden unter rückwirkender Kraft <!), Berbot der Ehr zwischen Juden und Teutschen und des Haltens deutscher Tienstboten und Arliciterinncn, Wiederaumahme der Ritual Mordprozesse unter Behandlung der Hebräer als Talmud-Juden, Ausweisung sämmtlicher Hebräer nach entlegenen meerumspnlten Kolonien, staatliche Einziehung aller durch Lug und Trug ergaunerten Judenvermögen und Verwendung derselben zur Ausbesserung der iocialen Lage der Arbeiter u. s. w." Und da wollen diese Herren noch glauben machen, daß sie nicht .mit den Umsturzparteicn" in der herrlichen Königsberger Kaiserredc gemeint seien, gegen welche unser Kaiserlichcr Herr zum Kampfe aufrust: .für Religion, Sitte und Ordnung!" Ta nützt es wenig, wenn die Stimmsührer das Koiserwort fälschen, für Religion .Christenthum", und sür Ordnung .Teutschthum" setzen. Magdeburg, 19. September. Ter ReichStagSabgeordnete Liebermann von Sonnenberg hat bekanntlich einen Monstrcproceß gegen eine große Anzahl von Redacteuren — über 20 — angestrengt, welche die vo» den ,Mittheilungen des Vereins zur Abwehr des Antisemitismus" lRr. 13 d. I.) gebrachte Rotiz auS .Wiesbaden", die sich nachträglich als irrthümlich herausstellte, abqedruckt hatten. Einige derselben wurden bereits zu Geldstrafen bis zu 100 Mark veruriheilt. Auch die ״Jsr. Wochenschrift" hatte jene ׳Notiz bona fide in Nr. 14 nachgedruckt, nachdem fie unwidersprochen in andern Blättern gestanden. Gegen den verantwortlichen Redacteur derselben fand — trotzdem er in Nr 16 den Jrrthum berichtigt hatte — beute hier Termin statt, in welchem der Rabbiner Tr. Rahmer selbst erschienen mar. Er wurde unter Zubilligung mildernder Umstände, weil er als Rabbiner und Redacteur eir.es den jüdischen Interessen gewidmeten Blattes sich im l>erechtigten Vertkeidigungszustande befand, wegen zweier Wendungen in der betr. Mitthcilung, die in der F o rm der Aeußerung eine Beleidigung enthielt, mit einer Geldbuße von 30 M. belegt; die Publikation des Tenors des Urtheils hat nur in der .Jsr. Wochenschrift" zu erfolgen. (Ter Kläger hatte die Veröffentlichung in noch anderen Blättern beantragt. Wir werden das ganze Urtheil, sobald es rechtskräftig geworden, in diesem Blatte veröffentlichen, weil es in seiner Begründung von prinzipieller Bedeutung ist). Esten, 12. September. .Wo soll das hinaus?" — schreibt der .hiesige Beobachter": — In einer Reihe Blätter, ,Wests. Vbl."-Bochum, ״Gelsenkirchener Ztg.", ״Rh.-Wf. Volksf." und heute in der.Essener Bolkszeitung", finden wir folgende Notiz: .Uebcr den scheußliche» Mord, welcher an der Josephine Hafnnan» au« Röllhausen begangen wurde, ist dem ״W. Bbl.* ein Bericht zugegangen, in welchein behauplet wird, daß .nach Lage der Sache nur angenommen werden könne, daß die Leich« von mindestens zwei Personen in den Asche,,schacht geiragen wurde. Bei der amtlichen Obduktion ergab sich, daß der Körper de» kleine» Mädchen» reinlich gewaschen war, ob vor oder nach der scheußlichen Blultha», sei nicht sestzustelle»; ferner habe sich gesunden, daß am rechten Oberschenkel die Haulader etsichtlich mit .Sachkenntniß" geöffnet und au» derselbe» offenbar da» Blut abgelassen worden war, so daß die Leich« sich alt vollständig blutleer -rwie». Bei der Berblutung, welch« den grausamen Tod herbeisührte, nnrß M «tut Kind entkleide» gewesen sein, d» sich i» den Kleidern» ’“I weiche jedenfalls »ach der Ermordung der Leiehe wieder a»g»z»He» wurden, Blutspurea nicht fände»." Tie ״Mittheilungen aus dem Verein zur Bekämpfung ך des Antisemitismus" bezeichnen die Handlungsweise des be4 ״ treffenden Arttkclschreibers als eine frivole, abscheuliche. Tie •j Behauptungen betreffend den Befund der Obduktion find von 4 Anfang bis zum Schluß unwahr. Der Körper des ermor- | detcn Kindes wurde nicht rein gewaschen gefunden, sondern mar über und über mit Schmutz bedeckt, das Hemd überhaupt *ך die ganze Unterkleidung war blutgetränkt, nicht die Hautader % am Oberschenkel war .ersichtlich mit Sachkenntuiß" geöffnet, .י an dieser Stelle fand sich überhaupt keine Verletzung. sonder»; die Todesursache wurde in einem Stich am Unterleib in der * Leistengegend festgcstellt. Tie Leiche war bereits deratt in } Verwesung übergegangeu, daß sich ein Sittlichkcitsverbrcche» ־i nicht mehr feststellen ließ, von den Aerzten al»rr als höchst ) wahrscheinlich angenommen wurde. Jedenfalls hat der Schond- J bube nach vollbrachter That sein Opfer ermordet. Tie Kleider 3 des Kindes waren durch das getrocknete Blut und den Schmutz ' förmlich zusammengebacken, so daß die Leiche vor der Obduktion nicht hatte entkleidet werden können, die Kleider mußte» ausgeschnitten werden. Die betreffende jetzt durch die Blätter gehende Notiz muß also ihrem ganzen Inhalt nach nur auf ein erbärmliches Bubenstück zurückgeführt werden. Die Rottz wird jedenfalls die Runde durch die gesammtc antisemitische Presse machen und gewerbs- und gewohnheitsmäßigen.Hetzer» - gelegenen Stoff zur Hetze geben. Nachschrift. Tie Urheberin dieses Blutmürchens, die ,Gelsenkirchener Zeitung", ist nun veranlaßt worden, folgende Berichtigung der Essener Staatsanwaltschaft auszunehmen: »Tie Obduktion der Leiche bei Josephine Haftmann hat nicht ergeben, daß eine Houptader geöffnet und die Bestehung mit Sachkrnnt- »iß beigebracht worden ist. Rach de« Gutachten der Obduzenten ist der Tod durch Berblutung eiugetreten. Weitere Schlüffe über die Todesan konnten aus dem Leichenbefunde nicht gezogen werde» Laß die Leiche reinlich gewaschen gewesen sei und die Thai nur an dem entkleidete» Kinde »orgenommen sein könne, ist gleichfalls i» keiner Weis« seftgestrllt worden. Ter Erste StaatsanwaU: Peters»«." Ob diese amtliche Richtigstellung es vechindern wird, daß die aiit.semittschen Geschäftsträger mit den von ihnen erfundenen .Andeutungen" werden ihr Hetzgeschäst, wenn auch etwas heimlicher, fottsetzen und dann weiter hausiren! Sie von einem neuen unaufgeklättem Ritualmord fabeln. Ha«uover, 5. September. <Or.-Cor.) Zu den Blättern, welche vermittelst des Antisemitismus ein neues ,reines״ Deutschthum begründen wollen, gehört auch die von dem Juden Kuranda begründeten, früher liberalen.Greuzboten", jetzt rrdigitt von dem in ״Sprachdummheiteu" machenden Tr. Wustmann. Dieses hervorragend geistlose Blatt, welches Deutschland gerettet zu haben glaubt, wenn es mit der armseligen Gramm«, tikerwrisheit des DorfschulmeisterleinS die mangelhafte Satzconstruction einer Reichsgerichtseutscheidung an-sein ,schwarze- Brett" angenagelt hat, zeichnet sich, sobald es aus jüdische Dinge zu reden kommt, durch ganz possierlich dumme Einfälle aus. Vor längerer Zeit machte es allen.Ernstes dxn Vorschlag, die Assimilation der Juden sollte durch Verbot der Beschneidung und des Sabbats erzwungen werden. TirS war selbst der ״Kreuzzeitung" zu stack und sie bedankte sich cnergisch siir diese Unterstützung. Jetzt nimmt sie den Vorfall mit dem ״Kizzur Schulchan aruch", welcher an einer ortho« s boxen Handelsschule in Baden* als Lehrbuch eingeführt war und — was die Grenzboten nicht wissen oder aus -BoShcit; verschweigen — von dem isdmelitischen badischen Oberrath verboten worden ist, zum Gegenstand eines mit Hochweiser Miene vorgettagenen Vorschlags: .Man solle in allen Einzel- _ staaten das Vorgehen der ״mannhaften Regierung" Badens j nachahmen" u. s. w. Uns interessiett dieser Unsinn uatückich nicht. Die ״Jsr. Wochenschrift" hat bereits in. treffendtr Kürze jene Handelsschule mit ihrem ״Lehrbuch" charakterisiert. Es. ist' mchtS als eine plumpe Reklame orthodoxer. Mach«. Wir möchten uuS