Israelitische Wochenschrift
- Journal
- Israelitische Wochenschrift
- Volume
- 25 (1894)
- Issue
- 38 (21.9.1894)
- Date
- 1894-09-21
- Page
- [Seite] (sequence 3)
- Language
- German
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׳«s?? l P■ t i: schöner als Bogelstein'S Gebet ist das deS Bre-lauer und Mannheimer Gebetbuches, dos wahrscheinlich von Joel her- .rührt. Vielleicht hält eS V. für angebracht, da er öffenbar den Ehrgeiz hat, ein weithin gültiges Gebetbuch herauszugeben, bevor er den Theil für Neujahr und Bersöhnungstag veröffentlicht,das ManuSrript mit einigen gleichgesinnten theologischen Freunden zu bcrathen. Alles in Allem verstehen wir den Anger des ,Israelit" nicht recht. Wie sehr würde der religiöse Sinn sich heben, ivenn recht viele aus diesem Gebctbuche recht eifrig und innig beten würden. Die ,Jüdische Presse" und der ״Israelit" stellen die jüdischen Gemeinden Westfalens als ein Sodom und Gomorrha dar, wahrscheinlich ist eS nicht so schlimm; aber setzen wir den Fall, die Gottlosigkeit wäre dort so groß, als die orthodoxen Organe sie schildern, so ist es erst recht ein Verdienst Vogelstrins, dag er in diesem Sodom Religio» predigt und der Religion Boden verschafft. Freilich die Orthodoxen würden «icht den Muth haben so lebhaft zn protestiren, wenn alle freisinnigen jüdischen Gemeinden Deutschlands zusammcnträten und ein grmeinsamcs Gebetbuch herstelltcn. Tie Bewegung müßte von Berlin ausgehen und sie ivürdc auf ftuchtbnren Boden fallen. Tie Orthodoxen aber sollten es anerkennen, daß wir nicht ans Uebermuth, sondern um der Wahrheit willen in rinigen Punkten vom Herkommen uns lossagen. 8. R Briefe aus Galizien. Lemberg, den 14. September 1894. Viel eindringlicher als durch Worte hat Sr. Majestät der Kaiser von Oesteneich durch eine hochherzige T h a t bewiesen, daß er in seiner landes- Väterlichen Huld gegen seine Untnthan» keinen Unterschied des Glaubens gelten läßt. Gelegentlich seines Besuches der galtzischen Landesausstellung, wurde ihm von der Bevölkerung ein Empfang bereitet, wie er gleich herzlich und stürmisch selten einem Monarchen zu Theil wird. Die Landeshauptstadt, in welcher sich mit dem Kaiser auch fast alle Minister eingefunden hatte», glich einem großen Festsaale. Daß die Juden an dem Freudenräusche aus vollem Herzen Theil nahmen, versteht sich von selbst. Die von dem Gemeindepräsidenten Herrn Samuel Horwitz gefühtte Deputation des Rabbiuats und des Vorstandes wurde vom Kaiser in sehr gnädiger Weise empfangen. Gleich nach der Audienz wurden Herr Horowitz und der Rabbiner Earo zur kaiserlichen Hoftafel befohlen. Den C'ttn Beweis der kaiserlich» Gnade erhielt aber dir jüdische einde dnrch die Zusage des Monarchen, während seiner Anwesenheit in Lemberg das neuerbaute israelitische WaisenhduS in höchsteigener Person eröffnen zu wollen. Das Verdienst, den Israeliten LembetgS diese seltene und eine weittragende Bedeutung bergende Auszeichnung verschafft zu haben, gebührt dem Herrn Statthalter Grafen Badrni, bei bei jeder Gelegenheit unseren in echt ritterlicher Weise Wohlwollen; Schutz und.Gerechtigkeit gewährt. Den fieberhaft-angestrengten Arbeiten des Herrn Horowittz und des Vorstandsmitgliedes Reichstagsabgeordneten Dr, Byk und Landesadvokaten Dr. S. Schafs gelang es, in kurzer Zeit qlle Vorbereitungen zu einem würdigen Empfang des Monarchen zu tteffen und ׳DienStag den 11. September Vormittags 10 Uhc vollzog sich im neuen Waisenhause eine Feier, die in der Geschichte unserer Gemeinde unvergeßlich bleiben wird. Eine unzählige, festlich gekleidete Menschenmenge erfüllte die angrenzenden Straßen, in denen sömmtliche israelitischen Vereine mit Fahnen, Thorarollen und Ehnppa's Spalier bildeten. Einige Minuten vor der Ankunft, des Kaisers erschien der. Herr Erzherzog Leopold Salvator, gefolgt von dem Ministnpräsidenteh Fürst Windischgrätz, den übrigen Ministern und den höchsten Würdenträgern deS Landes. Den Kaiser, der -von der Menge mit frenetischem Jubel begrüßt wurde, empfing Herr Horowitz mit einer kurzen und gchaltvolleu Ansprache. Im Frftsaalc stimmte der Tempelchor ein wunderbar klangvolles Boruch habo an. Als der Kaiser sich vor dem Thronsrssrl ausgestellt hatte, sprach der Rabbiner Schmelker den hebräischen Segen, sodann ergriff der Rabbiner Dr. Coro das Wott zur eigentlichen Weiherede. Nach einer kurzen polnischen Einleitung, knüpfte er an Goethes Wott ,von der Stelle, die ein guter Mensch betrtten", den Dank und die Huldigung der Gemeinde an den Kaiser für die uns erwiesene Gnade. Gottesfurcht, Menschenliebe und glühender Patriotismus, sagte der Redner, werden in dem Hause, das der Gesalbte des Herrn bttrat, gelehtt werden, hier werden sie sprießen und wachsen, das wird unser Dank sein. Mit einem inbrünstigen Gebete für den Herrscher und sein hohes HauS schloß die schwungvolle und alle Hörer tief ergreifende Ansprache. Der Chor ließ ein dreifaches Amen erbrausen, dann ttat Herr Horowitz auf den Kaiker zu und bat denselben, seinen Slawen in das neue Gedenibuch einzutragen. Gnädig gewähttr der Monarch diese Bitte und mit der Adlcrsedcr, die ihm ein schmucker Waisenknabe aus seidcncin Polster überreichte, Unterzeichnete er das aufliegende Pcrgamcutblatt. Sodann ttat er unter Führung des Präses und dn Vorstandsmitglieder Dr. Byk, Dr. Schaff und Salomon Bubcr und erfolgt von den meisten Würdenträgern eine» Rundgang durch die Räume des neuen Hauses an. In der Haussynagoge erwartete den Kaiser das Rabbinat mit Thorarollen in den Händen und Hen Rabbiner Dr. Caro begrüßte den Monarchen mit den Worten: ,Gesegnet sei, dn da kommt im Namen des Herrn!" Dn Kaiser, welcher bereits nach dem Wciheakte beide Rabbinn mit Ansprachen beehtt hatte, sprach auch bin denselben in verbindlichster Weise seinen Dank aus. Bei dem führenden Herrn Präses nkundigte sich dn Kaiser nach dm Einzelnheiten dn Anstalt und mehrere Male drückte n seine volle Besricdiguug über die ihm ertheilte Auskunft in gnädigen Worten aus. Beim Verlassen des Hauses übeneichten zwei von den zwölf Blumen streuenden Mädchen (Tizia Schaff und Leonie Caro) ein prachtvolles Bouquet. Die Waisenkapelle, die in ihrer schmucken Adjustirung, schon früher die Aufmnksamkeit des Kaisns aus sich gezozen hatte, stimmte die Volkshymne an und untn dem brausenden Jubelrufcn dn Menge bestieg dn Monarch den Wagen. Trotz dn Ansammlung von mehr als 20,000 herrschte überall eine mustnhafte Ordnung. Sämmtlichc Würdenträger, die an dn Fein Theil genommen hatten, sprach» dem Vorstande und dem Rabbinn Tr. Caro ihre herzlichste» Glückwünsche über den nhebenden Verlauf derselben aus. Dn Ministerprüsidmt, Fürst Windischgrätz, dn vielleicht zum nsten Male einem solchen Acte beigewohnt hatte, nahm noch am Nachmittage auf dem Ausstellungsplatze Gelegenheit, hohen Personen seinn Umgebung gegenüber von dem tiefen Eindruck zu sprechen, den sowohl die Fein als auch die Ansprache des Rabbinns aus ihn gemacht hat. Nicht nur dn Gemeinde Lemberg und ihren Pflichtgetreuen und aufopferungsvoll wirkenden Vorstehern, sondern dem Judmthum in Galizim, sowie in der ganzen Monarchie ist zu dem glänzenden Erfolge von Herzen zu gratuliren. 81. Berichte und Korrespondenzen. vemtfchland. Magdeburg. 18. Septembn. Die Antisemiten wollm uns diesmal zuvorkommen; während wir in diesem Jahre unser» ,großen Tag der Versöhnung" am 10. Ociober begehen, berufm jene alle ihre Getteuen bereits zum 7. Lctober nach Eismach zum großm Bersöhnungsfest. An demselben sollen die Reichstagsabgeordneten sowie Bcrtrauensniänntt der verschieden» Richtungen des Antisemitismus theilnehmen. In Provinzialversammlung» für die Rhcinprovinz und Westfalen hat man bereits Specialversöhnungm vollzogen, der Schlesische Proviuzialverband wird in Kürze das Gleiche thun und dn letzte große Schritt soll dann an dem genannten Tage in Eisenach geschehen. Bemerkenswetth ist, daß Ahl-