Israelitische Wochenschrift
- Journal
- Israelitische Wochenschrift
- Volume
- 25 (1894)
- Issue
- 38 (21.9.1894)
- Date
- 1894-09-21
- Page
- [Seite] (sequence 2)
- Language
- German
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208 den werthvollen altüberkommenen Schätzen. Das moderne Israel heischt allerdings einige Amdemngm, aber da alle unsern Freisinnigen an derselben Stelle der Schuh drückt, da nicht aus Uebermuth Aendemngen gefordert werden, sondem weil die Ueberzeugunaen sich gewandelt haben, aus denen diese Gebete entspringen, fv conccntriren sich alle diese Wünsche ungefähr auf dieselben Punkte und alle diese mit den Namen verschiedener Autorm geschmückten Gebetbücher der Neuzeit haben dieselbe Balls, nur auf wmige Stellen richtet sich der Rrformener. Wir erachtm es dabei als selbstverständlich, daß Stücke, die nie strikt zu unserer Gebetordnung gehört haben, weggelassen werden können, ohne daß dadurch irgend ein Vorwurf erhoben werden derf. Einige Inkonsequenzen sind bei dem Strebm, dm modemen Idem im alten Siddur Heimatsrecht zu verschasfm, vielleicht unvermeidlich, sollten aber möglichst vermiedm werdm. Tie größte Jnconsepuenz ist gerade dem Manne passirt, dm wir sonst unter dm Rabbinem der Neuzeit als dm klarsten Denker preisen, nämlich Joel. Ihn trieb sein Gewissen, sein Wahrheitstrieb, einige Amdemngm am Achtzehngebet vorzunehmen; dieser Wahrheitstrieb ist die oberste Instanz, ihr müssen wir uns beugen, aber nun setzte er in dem von ihm herausgegebmen Siddur die alte Lesart dazu, jmem Rabbi glcichmd, der in einem Rechtsstreit beiden Parteien Recht gab, und als seine Frau dies tadelte, so fand er, daß diese vollmds Recht habe. — ״Glauben Sie an die Wiederherstellung des Opferdienstes!- ״Wie Sie befehlm, gnädige Frau!- Ter verehrte Mann brachte hier um des Friedens willm das Opfer des Jntellects. Nun ist neuerdings Tr. Vog elfte in auf's heftigste vom ״Israelitangegriffen worden, weil er für einm Verband westfälischer Gemeindm das alte Gebetbuch, mit einigm Aenderungen versehen, herausgegebm hat, mit Aendemngm, welche im Wesmtlichm — auf Einzelheiten kommen wir noch zurück — gar nicht von Vogelstcin angeregt sind; diese Anregungen sind vielmehr so alt, als die religiösm Reformbesttebungm überhaupt. Orchodoxe und Reformer müssm sich in diesem Zeitalter vertragm, die Aufgcklärtm müssen sich, so schwer es vielleicht Manchem wird, darin finden, daß dem Offmbarungsbegriff eine so schroff materialistische Deutung gegeben wird, daß man eine Wiederherstellung des Opferdimstes erhofft und werden in vielen religiösm Uebungen, da das Gewissen hier nicht dreinredet, den tradirtm Bestimmungen weit mtgegmkommm; die Orthodoxen solltm nicht jedesnial auf's ueue Lärm schlagm, wenn ihnen die Thatsache mtgegmtritt, daß es Judm giebt, die sich dm herkömmlichen Anschauungen nicht gefangen geben. Warum mit Vogelstein Streit beginnen, als sei er der Urheber, währmd er doch auf Originalität weder Anspruch hat noch Anspruch erhebt, sondem auf längst betretenm Bahnen schreitet. Es giebt nun einmal eine Menge von Leutm, die sich Juden nmnen, doch nicht glaubm, daß je der alte Opferdicnst werde emeut werden, die ein heißes Sehnen nach messianischm Zeiten haben, aber eine Rückkehr nach Jerusalem und einm Wiederaufbau des Tempels in Zion nicht für unbedingt nothwmdig erachten, um ihre Ideale zu verwirklichen. Sie glauben an einen Messias, u>eil ein jeder große Fortschritt nur durch eine große Persönlichkeit herbeigeführt wird; ein Sohn David'S wird er sein in dem Sinn, daß er die Energie des Heldm mit der Sanftmuth des Dichters verbindm wird. Vollmds widersttebt es Vielen, bestimmte Dogmen über das Leben nach dem Tode im Gebete zu fixiren. Genug, die Seele überwindet den Tod. Was wir darüber aussagen, ist ein Gleichuiß und es dünkt manchem der gröbste Materialismus, von einer Wiederaufftehung der Leiber zu reden. Wozu diese Vorstellung, derm unser Gcmüth nicht bedarf, und gegen die nu,-re Bcmunft revoltitt? Auch die Meinung, daß der liebe Gott von einem Hofftaate von Engeln umgebm ist, ist nicht nach Jedermanns Geschmack und widersttebt der konseqnentm EinheitSlehre; und alle diese Leute, die von diesm Lehrm sich lossagm, glauben an Gott und an seine Gerechtigkeit und an die -rast des Gebets, glaubm an Israels weltgeschichtliche» Bemf, begeistern sich an Israels Vergangenheit, und eS soll Sünde sein, für diese zu sorgen und die geringm Aendemngm am altm Siddur vorzunehmen, die keineswegs belangreich genug sind, um als Herstellung einer neum Gebetordnung bettachtet zu werdm. Wir wollen ja dem ״JSraelitnicht in Allem Unrecht geben. Die ״Gebete für Kinderhättm gettost wegbleibm könnm, sie gehören ebmso wenig wie die Gebete für die Privatandacht am Schluß, in einm Siddur; unsere Alten hattm mehr Taft als sie derattigm Gebetm die Aufnahme in den Siddur versagten. Herr Dr. Vogelstein traut sich zuviel zu, wmn er z. B. ein Gebet einer Braut am Hochzeitstage, ein Gebet eines Bräutigams am Hochzeitstage auf je einer kurzm Seite abfaßt; der Verfasser weiß es so gut wie - wir, daß seine Wotte unmöglich für jede Braut, für jedm Bräutigam passen könnm. Vielleicht sind derartige Gebete überhaupt unnöchig; jedmfalls für einm Siddur unnöthig. Jndeß diese Eröttemng würde uns zu weit führm. Bleiben wir bei dem was der ״Israelitan den Kindergebeten tadelt: je tiefer wir das unmotivitte Schelten des extremen glattes bedaaem, d«sto mehr Müssen wir anerkennen״ daß der Ton diese? Kindesgebetes verfehlt ist. Das verstehteine Frau, eine Mutter besser, das hätte Frau Dr. Vogelstcin schlichter, besser , getroffen. Warum hat Bogelstein ohne N׳fth an der Stmktur des alten Gebetbuches geändett und das Tischgebet und Nachtgebet an die Spitze gefegt? Auf S. 6. gehen wir schon schlafen. Bei dm Amdemngm der hebräischen Gebete gehen u. E. einige Herausgeber, darunter Bogelstein, von einem nicht ganz richtigen Grundsatz aus: da wo ihnen der alte hebräische Text nicht paßt, da begnüglm sie׳ sich mefft nicht, Me Wotte, die ihnm nicht passen, zu stteichm, sondern es soll etwas Anderes in die Lücke eingeflicft werden. Jedermann sieht das Schivierige dieses Beginnens'ein; wie soll das neue Stück so ׳gut passen, daß man hie Flickerei nicht merken sollte; und, ebenso un» nöthig ist die Arbeit als sie schwierig ist; für wm soll dmn diese neue hebräische Fassung? Die Allen werden sich nie mit ihr befteundm, und -die Modemen würdm sie nicht rntl»ehreM Hebräisches stteichm — es geschehe, wenn eS nicht anders geht, aber nme Zusätze machen, gleichsam den allen Text fälschen, das wird fast nie nöthig sein. In der Vonede — nebenbei sind Vorrede» zum Siddur' durchaus ungehörig; Vogelstein hätte um sich zu vrranttvottm eine Broschüre schreibm, aber nicht dm Siddur damit beschweren sollen — rühmt sich B. dessen, daß er sogar daS Jigdat umgeändett habe; der persönlich« Messias gefällt ihm nicht; um ihn zu bannen, heißt es auch iu der ersten Benediftion des Achtzehngebetes: geulah statt goöi. Wir sind der Ansicht: eine geniah kommt durch einen u»öl, eine Erlösung durch einen Erlöser oder durch mehrere; ohne große Persönlich-' keittn geht eS nicht und der alte Te^t des JigHnl hat uns nie gestört. Stein übersetzt schön: Harr' aus, jedweden Druck zu wenden, wird Gott einst dm Messias sxndm. Daß Vogelsteiil das Berllner Gebetbuch, ttotzdem eS manch« große Vorzüge besitzt, nicht dem westfälisch«! Verbande empfahl, begreifen wir: die dmtschm Gebete sind in dem Berliner Buche vielfach' so kahl, so leer und frostig, als wolltm die Henm uns so recht die Wärme und Innigkeit der hebräischen Gebett durch dm Grgmsatz noch deutlicher empfinden lassen. Am Freitag Abmd spricht in Berlin der Prediger in der großen Synagoge das deutsche Sabbatgebet zu LmtM, die vom Sabbat nur etwawissen in der Synagoge, die an diesem Tage wie an andem von der Arbeit gefesselt werden. Da llingt es den» wie bittere Ironie, wenn der Pndiger beginnt: ״Vorüber find die Tag« der Arbeit.- Das hat Bogelstein weise vermied«. Noch .