Israelitische Wochenschrift
- Journal
- Israelitische Wochenschrift
- Volume
- 25 (1894)
- Issue
- 37 (14.9.1894)
- Date
- 1894-09-14
- Page
- [Seite] (sequence 3)
- Language
- German
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I Die "Socialhygiene der ^uden. Bksprochtn von Dr. Singer-Coblniz. III. Nachdem dcr Verfasser auch die Geschlechtshygiene des )Talmud zur Gewinnung eines reinen Ehelrbens einer Würdigung unterlagen, weist er aus die Empfehlung des Talmuds ^^r körperliche» Arbeit hin — was den mit lügnerischen )Behauptungen vom Gegentheil arbeitenden anderen Antisemiten 1 tmtcr die Nase zu reiben wäre —, welche in den Worten N. Gamaliel's, des Sohnes von Jehnden Ha-Nassi gipfelt: ,Schön ist das Studium des Gesetzes, wenn man cs mit s einem Handwerke verbindet, denn jedwede Arbeit läßt die?׳Sünde vergessen. Alles Studium, welches von der Arbeit t der Hände nicht begleitet wird, geht ins Leere und zieht nur Unruhe nach sich. Wer immer nun mit heiligen Dinge» sich?beschäftigt, soll eine solche Arbeit ausführen zum Ruhme Gottes." Wie in religiöser Beziehung war auch auf socialhygienischem Gebiete das rabbinische Gesetz die geistige Fortsetzung des biblischen und talmudischen; auch die Rabbiner haben die Medizin mit großem Eifer und Erfolge weiter betrieben, für ׳deren Entwicklung die Epoche der arabischen Kultur einen besonders günstige» Boden abgab. Die Medizin war das Lieb׳ linaSstudium derÄiabbiner, sie waren die Leibärzte der Fürsten und — trotz aller kanonischen Verbote — nahmen auch Päpste ihre Dienste in Anspruch. Autoritäten ersten Ranges ginge» aus ihren Reihen hewor, so Harun de Eordowa, Jeliuda Cliajugg, Amran de Toledo, vor allem Ebn Zohar, der Lehrer AvcrrhoöS', der von ihm sagte: ״Um zu einer tiefen Kenntniß der Medizin zu gelangen, genügt es, die ״Werke Ebn Zohars zu studieren. Seiner Familie verdanken »vir die wahre medizinische Wissenschaft." Als die Sultane -dir medizinische» Hochschulen der Juden zerstörten, ünd als diese aus Spanien vertrieben wurden, finden wir jüdische Aerzte in allen christlichen und mnhammedanischen Ländern, in Deutschland, Frankreich, Italien, Polen, Kleinasien, Egypten ' ,über die ganze Oberfläche der bekannten Welt zerstreut." :Earrassone sagt: ״Mitten unter Verfolgungen und Elend aller Art studierten sie diese Wissenschaft und errangen die größten Erfolge in dcr medizinischen Praxis; ja sie wirkten epochemachend in der Geschichte dieser göttlichen Kunst". Noch demselben würde nach dem Untergang dcr sarazenischen Kultur die medizinische Wissenschaft vielleicht ganz vom Erd- ׳.baden verschwunden sein, hätten nicht die Juden den kostbaren ^Schatz bewahrt und, Dank ihrer Solidarität, diese Wissenschaft allhin verbreitet. Die berühmte medizinische Fakultät in Montpellier ist aus der von jüdischen Aerzten begründeten Hochschule daselbst der medizinische Unterricht anfangs — im XI. Jahrh. — in Hebräischer und arabischer Sprache ertheilt wurde. Der Pflicht der Dankbarkeit gegen ihre Begründer sich bewußt, wählte diese Fakultät im Jahre 1300 aus der Reihe der jüdischen Aerzte, den Profatius zu ihrem Rektor. Nach Gabanis waren die Juden überhaupt die einzigen, welche die Krankheiten mit Methode behandelten, indem sic das Wissen der Alten be- »utzten. Nach Änführung einiger Prinzipien des Jsraac Judaeus, eines Vorgängers von Maimonides: ״Tie meisten Kranken genesen ohne Beistand des Arztes, durch die Hülfe dcr Natur". ' ״Hast du die Wahl, durch Nahrungsmittel oder Arzneien zu heilen, so wähle stets die ersten", ״Die wichtigste Aufgabe des Arztes ist es, Erkrankungen 5. zu verhüten" — jftuft der Verfasser aus: ״Ist es nicht, als ob da ein Skoda, .ein Nothnagel, ein Virchow nach einander ihre Stimme erhoben hätten?" Dem MaimonideS, welchen die arabischen Aerzte den ^,Phoenix seines Jahrhunderts״ nannten, und von dessen Werken die christlichen Theologen des 17. und 18. Jahr- Hunderts, die sie ins Lateinische übertrugen, von hoher Bewunderung erfüllt sind, stellt der gelehrte Verfasser das Zeugniß aus, daß er der heutigen Medizin um siebm Jahrhunderte vorauseilend, den aetiologischen Standpunkt einnehmend, seine Aufmerksamkeit vor allem den Ursachen der Krankheit zuwendet, was für den medizinischen Scharfsinn dieses Mannes spricht und uns den großen Ruhm begreiflich macht, dessen er sich als Arzt erfreut hat. M. bat nicht allein die jüdische Ueberlieferung, sondern auch die anderer orientalischer Völker zu Rathe gezogen. ״In ihm selbst wirkte noch der Geist der antiken Kultur fort und befähigte ihn, an die Abfassung eines socialhygienischen Codex zu schreiten zu einer Zeit, wo die Bedeutung des körperlichen Lebens und dcr Werth dcr Gesundheit unter dem Einflüsse des Spiritualismus und des Aberglaubens gründlich verkannt wurden; aber mit dem Blicke eines Propheten, oder, sagen wir lieber, mit dem des Historiographen, sah er voraus, daß sein Volk, welches das geistige Leben der Menschheit stets mitlebte, nun mit den jungen christlichen Nationen eine Epoche kulturellen Rückschritts dnrchmachen würde, und er fürchtet mit Recht, daß die mündliche Ueberlieserung in einer solchen Epoche entweder verloren gehen oder entstellt werden könnte. Und die Aufnahme, welche der ״Führer dcr Verirrten" bei dem Gros seiner Nafion fand, das Entsetzen, welches dieses Werk in den Reihen der Gläubigen hervorrief, belehrte ihn, daß diese befürchtete Epoche bereits Hereinbreche; nur der kühnen literarischen That Maimonides verdanken wir es, daß die authentische Erklärung des uralten socialhygienischen Werkes dcr Juden auf uns gekommen ist." M. hat nicht nur veraltete Bestimmungen beseitigt, sondern auch alle Gefahren, welche dcr öffentlichen Gesundheit drohen, ergründet, und wurde durch sein Werk ״über die Ursachen der Krankheit" dcr Erneuerer der jüdischen Socialhygiene. In diesem Werke entgeht nichts seiner Aufmerksamkeit, was wir als Hanptursachen der Krankheiten ansehen; Involution (natürliche Auflösungsproccsse), Trauma (elementare Ereignisse) und Haeredität (Vererbung) als erste Gruppe, ferner: ungeschickte ärztliche Behandlung, seibstverursachtc Leiden, liebermaß und Unvorsichtigkeit in physischen Genüssen und andere Krankheitsursachen als zweite Gruppe. Diesen z» begegnen, schreibt er eine eingehende Diät vor, welche alle Seiten des menschlichen Lebens in einer vernünftigen, mit der menschlichen Natur wohl vereinbaren Weise regelt und allen Ziveifcl hinsichtlich des Benehmens ausschlicßt. Diesen Codex, in welchem er Reinheit, Gesundheit und Blüte des Körpers nicht zum Selbstzweck sondern zur Vorstufe der moralischen und geistigen Vervollkommung des Menschen bestimmt, nennt dcr Verfasser ״eines der interessantesten und hervorragendsten Monumente der socialhygienischen Gesetzgebung aller Zeiten und Völker — ja vielleicht ist niemats ein gleich umfassender GesundheitScodex erlassen worden". Dem Wunsche aber nach einem allgemein benutzten Gesctzbuche mit genauer Angaben der Quellen, entsprang, nachdem der Jod Hachasaka von 12. bis 16. Jahrhundert dcr allgemeine verpflichtende Codex in den Händen aller rechtgläubigen Israeliten gewesen, der ״SchuIch an Aruch". Karo verband die socialhygienischen Vorschriften noch fester als Thorah, Talmud und Jad Hachasaka mit religiösen Zcremonien und Gebeten. Selten fanden wir auf wenigen Seiten eine solche packende, zutreffende Schilderung des Schulchan Aruch gefunden, wie hier; er sicht in ihm den Abschluß der rabbinische» socialen und hygienischen Gesetzgebung, ein politisches Werkzeug, die Tauer des Volkes zu sichern, gleich allen seinen Vorgängern auf demselben Felde, nur mit anderen Mitteln. In seiner Uebcrsicht warnt der Verfasser, auch fernerhin die sanitären Vorzüge der Juden als Räthsel zu behandeln, und verlangt, daß man sich erinnere, daß dieses Volk um die Zeit der großen Seuchen — als der Aberglaube die so auf.