Israelitische Wochenschrift
- Journal
- Israelitische Wochenschrift
- Volume
- 25 (1894)
- Issue
- 37 (14.9.1894)
- Date
- 1894-09-14
- Page
- [Seite] (sequence 2)
- Language
- German
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Nun, Gott sei Tank, das Gleichniß hinkt! Herr Professor Lazarus hat es in seiner schönen Wohnung am Königsplatz in Berlin doch noch besser als Jeremias im Kerker zu Jerusalem; auch möchte ich andererseits für eine Wirkung der Wotte Lazarus' nach dritthalb Jahttausenden keine unbedingte Bürgschaft übernehmen. Aber der tteffliche Mann braucht dennoch nicht in der trübseligen Erinnerung zu leben, daß seine Borte wirkungslos verhallt sind, sondern er darf gettost hoffen, daß sie noch einm späten Nachhall finden werden. Auch die Synoden werden wieder aufleben. Vielleicht ist es ihm und uns noch vergönnt, ihn als Präsidenten einer neuen Synode zu begrüßen, die aus den Mißerfolgen der srüheren lernt, denn er wird sich wohl darüber nicht täuschen, daß, wenn die Beschlüsse der Synoden in's Wasser gefallen sind, die Schuld nicht nur an den bösen Zeitgenossen liegt. ״Wenn Tu ein neues Haus baust, so errichte ein Gitter um das Dach", heißt es in der dieswöchcntlichen Sidra. Tie Herren wollten uns auf die Zinnen eines neuen Hauses, einer neuen Zeit führen, aber sie vergaßen das Gitter, um uns vor dem Absturz in die völlige Glaubenslosigkeit zu hüten. Lazarus gehött gar nicht in eine Reihe mit Geiger, wie er denn auch S. 89 seiner Schrist über den Propheten Jeremias, selbst vom Standpunkt des Psychologen gegen die Geringschätzung des Symbols im religiösen Leben, welche Geiger äußett, zu Felde zieht. Wie Sachs, weil er zu trotzig gewesen, ist, so hat Lazarus, weil er zu schmiegsam gewesen, die rechte Stellung im religiösen Stteit der Gegenwatt nicht finden können. Es ist ein weiter Weg von Cheder in Filehne bis zum Lehrstuhl an der Berliner Universität, von der geistigen Enge und den! verdorbenen Jargon jmes Winkels in der Provinz Posen bis zur Geisteshöhe, auf der der Jubilar schon seit Jahrzehnten steht, auf welcher er den Gedanken der Zeit einen geradezu vollendetm Ausdruck girbt. Wenige in Deutschland schreiben und sprechen so deutsch wie Lazarus, nur bei wenigen spiegelt das Wott so klar und rein die edelsten Gedanken wieder. Sein fteier Geist verlangt keine sklavische Nachfolge. Aber ob auch die Meinungen sich zu weilen trennen, so werden dennoch alle Besonnenen von rechts und links sich vereinen, um an seinem Jubeltage ihm zu huldigen, um es als einen Segen für das deutsche Judcnthum zu preisen, daß ein Mann wie Lazarus, wurzelnd in den Erinnerungen der altjüdischen Uebcrliefcrung und aufsteigend zu den erhabenstcn Höhen des deutschen Gedankens, für die deutschen Juden das Wort fühtt. B. R. Geffentliche Volksversammlungen. Seit einigen Wochen wird in der Presse eistig darüber gesttttten, durch welche Maßregeln man die revolutionären Parteien am wirksamsten bekämpfen könne. Als das geeignttste Mittel wird eine Verschärfung des Vereins- und Bersammlungsgesctzes vorgeschlagen. Es läßt sich noch nicht übersehen, ob die nächste Session schon eine solche Beschränkung bttngen wird. Die Kaiserwotte in Königsberg lassen es vcrmuthen. Wir Juden hätten allen Grund, sie auf das Freudigste zu begrüßen. Denn von keiner Partei wird das jqtzt bestehend« Bereinsgesetz so ausgiebig zu demagogischer Verhetzung_.., wie von der antisemitischen. Oeffentliche Bolksversamm.H lungen sind ihr wirksamstes Agitationsmittel. Sie erreichen.^ damit mehr als durch all die andern,Mittel, wie Zeitungen,j Flugblätter, private Wühlerei im Kleinen u. s. w. Eine eia»; zigc öffentliche Versammlung, geschickt vorbereitet und mstl einem zungenfettigen Hetzer als ״Redner des Abends" ver-1 schafft ihnen unter der leichtgläubigen, blöden Masse immer! eine Anzahl Anhänger. Durch eine ganz besfimmte Xattiij wird auch stets für einen ״großattigen Erfolg" mit effect-s vollem Schlußgesang ״Deutschland, Deutschland über alles", gesorgt. Nne sorgfälttg vettheilte Bande von Schreiern sorgt i für die Zustimmung der Versammlung vom ״vcreinzelttttj Bravo" bis zum ftenetischen — brausenden — minutenlang« — nicht eodenwollenden Beifallsturm. Dabei wird cs schlau so eingerichtet, daß für einen Gegenredner nur weniges Minuten übttg '׳leiben und, wenn er auch in dieser kurzen unbequem zu werden droht, niedergeschtteen wird. Las Hauptcontingcnt dieser ״Versammlungen von deul») schen Männern" stellen in der Regel unreife Burschen zwischen-^ 15 und 20 Jahren, Lehrlinge, junge Handluygsgehilfeu oonI der christlichen Eoncurrcnz und dergleichen grünes Volk. Diese Versammlungen haben aber für die AntiscmiteyL diese Bekämpfer des schnöden Mammonismus, eine sehr wichttge, praktische Bestimmung, Ihre Agitatoren und große» H Männer leben fast ausschließlich von dem Ettragc dieser Bersammlungcn. Tic Anttsemiten sind nämlich die einzige Par» tei, welche für ihre Pöbelversammlungen Eintttttsgeld erhebend und zwar richtet sich der Tarif nach der Größe des Volksmannes. Ein armseliger Schlucker von Anfänger muß mit 10 Pfennig verlieb nehmen, bessere Kräfte kommen schon 30י bis 50 Pfennig zu stehen, am thcucrstcn ist der Größte dieser j Heldengestalten: Ahlwardt der Große. Er hat schon bis z«^ 75 Pfennig, selbst 1 Mark genommen. Dazu kommen dan»^ noch — ganz wie beim Eirkus — die Unterschiede zwischen^ Dorf, Stadt und Großstadt. Es könnte den Antisemiten kein härterer, ja (denn wirs kennen die Verhältnisse) geradezu vernichtender Schlag versetzt! werden, als durch die Bestimmung: ״Zu Versammlungen, in welchen öffentliche Angelegen» heilen erörtert werden sollen, darf keinerlei Eintrittsgels erhoben werden." Das hieße also: Für Saalmitthe und dergl. noch aus! eigener Tasche zulegcn! Man sollte einmal sehen, >vie schnell^ der ganze Generalstab verschwände. Eine zweite Bestimmung müßte lauten: ״Zu Versammlungen, in welchen öffentliche Angelegt heilen cröttert werden sollen, haben nur Wahlberechtigt« Zutritt." Es würde nicht die mindeste Schwierigkeit machen, sich jeder Wahlbercchttgte vom Rathhaus eine Legitimation katte holte und sttts bei sich trüge oder auch nicht, was noch besser wäre. Denn wir halten es weder für ein Unglück, wenn Volksversammlungen auf das Aeußerste eingeschränkt mür noch die obigen Vorschläge für eine Verkürzung der Volks»H freiheit. Erwachsene Männer mögen sich zu freier (auch inj dem Sinne ״unentgelttichcr") Aussprache über die Angelegen-( heiten ihres Vaterlandes versammeln und sich mit Würde gegenseitiger Achtung berathen oder auch bekämpfen, die Und drückung der anttsemitischen Pöbelversammlungen oder des ihre Untergrabung durch volkspädagogische Maßregeln ist ke größere Verkürzung der Freiheit als das Verbot des Rauche für die Schuljugend und wäre für manche durchwühlte r eine Wohlthat. Wenn wir Juden zu irgend einer Partei gehörm, so isl es die Partei der Ordnung und des öffentliche Friedens. B. J.;