Israelitische Wochenschrift
- Journal
- Israelitische Wochenschrift
- Volume
- 25 (1894)
- Issue
- 35 (31.8.1894)
- Date
- 1894-08-31
- Page
- [Seite] (sequence 6)
- Language
- German
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und Freund! Im Jahr 1881 habe ich von Herrn Tr. ktiu pold Zunz, seligen Andenken-?, eine Postkarte erhalten, deren Abschrift ich Ihnen hierbei Eisende mit dem Wunsche, dieselbe in Ihrer geschätzten »Jsr. Wochenschrift" anfzunehmcn. Dieselbe lautet: ״Lehr geehrter Herr! Je weniger ich, von Teilen- und Körpcrleidcn heinigesucht, jetzt leiste, desto mehr habe ich für Zusendungen gelehrter Tchristcn zu danken. Ties thue ich heule nach dem Empfange Ihres gelehrten Buches über die jüdischen Wcbctc und den Religious- Unterricht mit dem Wunsche, daß Biele Jiir Buch kaufen und »och mehr cs lesen. .Achtungsvoll und ergebenst Berlin, 30. Juni 18»l. Zu nz " Augustastraßc t>0. Meftcrreicch-Ungarn. J. Wien. 20. August. (TrCvrr.) Ter wegen Pernntrcuung von ihm anvertraute» Stiftungskapitalicn steckbricflich verfolgte antisemitische Pfarrer Leopold Scherzer wurde gestern verhaftet und wird in strasgcrichtliche Untersuchung gezogen. Ties die neueste Aachricht, die wohl nicht verfehlen wird, allenthalben Sensation zu erregen. Pfarrer Scherzer, der allzu christlich-soeial veranlagte Coopcrator. der Pfarre Margarethen zugetheilt gewesen, wurde wegen Thcilnähme an antisemitischen Bersannnlungen oach dem Psarrorte Schrick bei Mistelbach versetzt, auch vm'chwand er nach kurzer Zeit unter verdächtigen Umständen von dort, welch' letzere aber vollkommen gerechtfertigt sind. Tie hiesigen Tagesblätter, selbstverständlich die antisemitlschcn ausgenommcnen, berichten über die Affairc wie folgt: Es handelt sich um die sogenannte Rorgc'schc Ttiftnng, welche von einem ehemaligen Seelsorger der Gemeinde berstaninit und die Bestimmung hat, einmal, wenn das Ttiftungsverniögen zu einem größerenKapital angewachsen ist, der Gemeinde die Echaltung eines zweiten Curatvriesters zu ermöglichen. Tic Verwaltung des Vermögens leitet stiftungsniäßig de: jeweilige Pfarrer, die Kapitalien waren surchlbringend in der Mistclbacher Tparkaffe angelegt. Zur Zeit der Seelsorge des Herrn Pfarrers Scherzer belief sich das Kapital aus 3000 fl. Wie erschrak der Bürgermeister Panzer, als er eines Tages zufällig in der Sparkaffe von Mistelbach weilte und- Zeuge davon wurde, daß Pfarrer Scherzer 200 fl. von dem Stiftungskapital behob. Tiefe Beobachtung vollzog sich ohne Willen des Pfarrcrs. Tie Bestürzung des Bürgermeisters steigerte sich noch, als er vom Gerichtsdiencr erfuhr, daß Pfarrer Scherzer gerade von einer Pfändung fand nun allerdings nicht statt. Ter Bürgermeister hielt es für seine Pflicht, die Angelegenheit nicht aus den Augen zu laffen, und er erstihr denn auch kurze Zeit daraus, daß Piarrer Scherzer neuerlich und dringend lOOO p. dem Kavitalc entnommen habe. Herr Panzer begab sich nach der Techantei in Pyrawarth, in deren Tiösccesc die Pfarre Schrick liegt, uuniittclbar darauf aber auch in die Ttatthalterei nach Wie», wo er zu seinem Erstaunen erfuhr, daß Pfarrer Scherzer, welcher von der Gemeinde' beauftragt worden war, zu beantragen, daß das Stistungskapital dazu verwendet werde, um eine eben billig zum Kaufe stehenden Realität als Wohnung für einen zweiten Curatpriester zu adaptircn, diese» Auftrag nicht ansgcsührt hatte. Es stellte sich heraus, daß Pfarrer Scheuer sich nicht mit den 1200 fl. begnügt, sondern einfach die ganze Summe der Sparkaffe entnommen hat. Es isteinejedenfallsberichtcnswertheThatsache,daß beinahe alle Antisemiten, namentlich diejenigen, die sich eines geivisscn, vielleicht aber nur ihnen zur Ehre gereichenden Rufes erfreuen, mit dem Gerichte in nähere Bekanntschaft trete». Schönerer machte hier den Anfang, hierauf wurde Pfarrer Deckert dem Landcsgerichtc eiugeliefert und nun ereilt dasselbe Schicksal einen Genossen des Letzteren, der die Kanzel zu Verleumdungen und Verdächtigungen, die ihm anvertrautcn Gelder zu ihn! besser dünkendrv Zwecken benützte. Scherzer ist hoffentlich nicht der Letzte der Tribunen, deren schandbares Vorgehen das Gericht beschäftigen wird. Kvien. Nach so vielem Trüben, das aus Oesterreich über jüdische Verhältnisse neuerdings zu melden war, ist der - Bericht über die jüdisch-theologische Lehranstalt in der Hauptstndt Oesterreichs um so erfreulicher; wo sollen wir mit unserm Lobe beginnen A J«vt> prin, ipiuin. Reden wir zuerst vom Kaiser, der mit außerordentlichem Wohlwollen die Deputation . empfing, die dem Kaffer für'die staatliche Subvention dankte. > Auf die Ansprache Güdemanns, der mit bekannter Würde die Deputation führte, sprach der Kaiser von dein »bewährten und ihm bekannten Patriotismus der jüdischen Gemeinden". Tics Wort wird de» Israeliten Oestrreichs ein Trost, ein Balsam sein für die Wunden, welche der Partcigeist schlägt. Diese Anerkennung an hoher Stelle wird auch der Lehranstalt zu gute kommen. Sodann verdient die Regierung Tank, welche dir Anstalt u'uterstützt; der Vergleich mit de» Rabbinerseminaren in Preußen, die keinen Pfennig vom Staate . empfangen, zeigt dci« Unterschied zu unseren Gunsten. Aber auch die reichen jüdischen Herren in Wien zeigen eine ganz audere Lpscrwilligkeit für die jüdische Wissenschaft^und Religion als ihre Standes- und Stammesgenossen in Bcrlzn, wo zumal die orthodore Lehranstalt aus den Bettel angewiesen ist. Wir dürfen lfierbei die Wirksamkeit des geistigen Leitkrs der Wiener Gemeinte, des Tr. Gudemann nicht unterschätzen. Trbtz persönlichen Leids, das ihn hcimgesucht hat, steht er aus der. . Warte, wendet er seinen großen Einfluß segensreich au und hat der Lehranstalt die sicheren Fundamente gegeben. Tr. Schwarz endlich ist wie geschaffen zum Leiter einer rabbinffchen . Lehranstalt; er besitzt die Erfahrung des Amtes, Gelchrsamkeit, Energie und Gefühl für die Würde seiner Stellung; er kann noch keine Früchte sehen, aber sie ivcrden sicherlich ihm reife»; Schwierigkeiten, die unvermeidlich sind, werden ihm den - Schaffensmath nicht rauben. Weniger gut als. die Berichte des Kuiatoriums und des Rektors ist die gelehrte Arbeit, die ihnen vorangeht: Ezechielstudien von Professor Tr. Müller. Mußte der gelehrte Herr gerade das aUersterilste Stück bqr heiligen Schrift nehmen, um uns eine Probe seines, philologischen Könnens zu geben, jene phantastische mid für die Religion durchaus werthlose Schilderung des Gotteswagens, die ׳ mit dem innersten Kerne des Judenthunis unverträglich ist; welche Wunderlichkeiten passiren zudem dem gelehrte» Manne: »Tie Vorstellung, Gott auf einem Throne kann natürlich erst aus der Zeit der Könige kommen." Also bevor die Israeliten selbst einen König hatten, hatten sie keine Vorstellung von einem Throne, und das ist dem Manne natürlich. Hat ' Ezechiel zuviel Phantasie,- so hat Herr Müller, fein Kommen- . tator, zu wenig. Für das Glrichniß Gott und ein König auf seinem Throne braucht wahrlich Niemand die Erfahrung im eigenen Lande. Nun konstruirt sich.Müller de» Wagen nud möchte ihn ivomöglich aus seine Verwendbarkeit prüfen, vergleicht die verschiedenen Visionen mit einander, alS-scicn es Berichte eines Mechanikers. Im Vcrlause der Abhandlung finden sich einige Oasen; aber im Allgemeinen ist der Ertrag gering. Ein genaueres Eingehen auf die übrigens mit großem Fleiße gearbeitete Abhandlung ist an dieser Stelle nicht gut möglich, aber uns graut bei dem Gedanken, daß die jungen Leute in so nüchterner, pseudo-wissenschaftlichen Weise in die heilige Schrift eingesührt werden sollen. Baven bei Wien, 23. August. (Or.-Eorr.) Eine erschütternde Hiobskuude vernahmen wir soeben aus der Residenz. Den in weiten Kreisen rühmlichst bekannten Gelehrten Herrn S. Holberstamm in Bielitz und den Hern« Rabbiner Tr. Fried in lllm > hat ein schwerer Tchicksalsschlag getroffen in dem Tode der edlen Frau Rosa Fried, dieim Alter von H7 Jahren am Abend des 20. dieses Monats, plötzlich vezschied, da sie eben im Begriff war, zur Nachkur nach Reichenhall zu reisen. Es.befiel sic im-Westbahnhos eine so tiefe Ohnmacht, daß man sic in ein nahegelegcnes Hotel tragen mußte. Wohl erholte sie sich nach den Bemühungen der Acrztc. Doch bald daraus verschied sie im Hause ihres Bruders. , , Am Sarge widmete -Herr Obsrradbiner Dr. Güdemann der Berblicheneu die verdiente Würdigung und richtete an die Auge-