Israelitische Wochenschrift
- Journal
- Israelitische Wochenschrift
- Volume
- 25 (1894)
- Issue
- 35 (31.8.1894)
- Date
- 1894-08-31
- Page
- [Seite] (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 92% known words query
- IRI
…/6492344-5935089-5962347--2158-5376396- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
(i nachsagt, daß dort schon seit langen Jahren kein Rabbiner gestorben ist. weil alle es vorgezogen haben, den heißen Boden möglichst rasch wieder zu verlassen. Wieder war eine Vakanz eingetreten und ein wackerer junger Herr, sei es ivcil der Uebermuth der Jugend ihn trieb, sei es weil Hunger weh thut, zog in diese Geineindc, nahm dort ein kleines Nebenamt an und ward um die Gunst. Aber da kam er schön an. Drei Barrieren wurden gegen ilyt aufgerichtct. Tic Gemeinde verlangte für den künftigen Rabbiner ein Alter, das dieser Kandidat noch nicht erreicht hatte, außerdem sollte der Bewerber schon Weib und Amt haben, so schien dieser Jüngling, der in die Höhle des Löwen sich gewagt hatte, genügend abgeärgerl. Nun kam ein Rabbiner zur Probe, oder wie'man setzt nobler aber weniger ehrlich sagt, zu Gast, er predigtx und gefiel nicht. Warum sollte er auch gefalle»! , Für den darauffolgende» Sabbath wurde wieder ein wegen ' seiner wissenschaftlichen Tüchtigkeit sehr geachteter Mann erwartet, aber statt seiner kam ein Brief, nnd was für ein Briet, er habe gehört, daß in dieser Gemeinde stets Zank und Krach - mit dem Rabbiner sei, daß Rabbiner, die jetzt in den ehrenvollsten Stellungen friedlich wirkten, dort stets Streit und Hader gehabt ׳hätten, da sei ihm bange geworden,, und er bleibe lieber, in feinem geringer dotirten Amte, denn besser trocknes Brod in Frieden, u. s. w. Nun traten bit Gemeindebchördk» zusammen, offenbar waren sie arg verlrumdet worden, sic dir.Harmlose», die nur gerade bei der Wahl ihrer jedesmaligen Rabbiner solches Pech gehabt hatten, sie begriffen garnicht, woher ihnen.dieser Ruf gekommen war: aber der Ruf war einmal, da und sie fürchteten, daß Niemand ihren, Ruse folgen werde, daß vielmehr ihren. Einladungen nur neue Absagen folgen werden und so wählte die, wie man sogt, freisinnige Vertretung den konservative» Rabbiner, obgleich seine Predigt nicht gefallen hatte, und als seine telegraphische Zusage erfolgte, riefen sie entzückt: Iialn-miw papam. Vielleicht hat der Rabbiner, der niemals einen- Schritt in diese Gcincindc gethan, mitseinem Briese mehr zu ihrem Heile׳ gethao, als alle die Herren, die in ihr gewirkt und an ihr gewürgt haben. 'Kr. Thorn. 23. August. (Or.-Dorr.) Am 21'd. M. starb nach längerem schweren Leiden der Photograph. Herr Alexander Jacobi »ach vollrndxtem 65. Lebensalter. Durch seinen Heimgang hat nicht nur unsere Synagogengemcuidc, sondern auch die hiesige städtische Verwaltung wie andere gemeinnützige Vereine einen säst unersetzlichen Vylust erlitten. Wie selten «per hat er -nit praktischem Verstand 'und geschärftem Blick es überall verstanden, seinen' Platz auszufüllen, sei es, daß. er als Repräsentant der Synagogengerkieinde oder als Mitglied der Stadtverordnctcn-Vcrsammlung in den verschiedensten Commissionen thätig war. Durch diese sich bewährende Thätigkeit hat er sich wiederholt das Vertrauen snner Glaubensgenossen und Mitbürger erworben, fa daß er fast zwei Dezennien als Stadtverordneter und noch länger als Repräsentant wirkte. Wie sehr dir städtischen Be- Hörden und die hiesige Synagogen-Gemeinde-Verwaltung seine Arbritskraft und wirksame Thätigkeit schätzten, bezeugen die warmen ihn ehrenden Nachrufe in den hiesigen Tazesblättcrn. Aber 'auch für andere gemeinnützige Vereine fand er neben snnem Berufe, in dem er es bis zur künstlerischen Höhe ge-- Pracht, Zeit und Muße. Er war über 40 Jahre ein äußerst SeschätzteS, höchst thätigrs Mitglied der Liedertafel, viel« Jahre lorsteher in derselben wie auch im Handwerker-Berein, aus , denen er-rrst auStrat, als sich auch dort die antisemitischen Strömungm zur Geltung zu bringen wußten. Bon Scstcn des EopernicuS-VereinS und der wkstpreußischtn archäologischen Gesellschaft wird in den hiesigen Zeitungen sein reges Interesse für deranige Bestrebungen hervorgehoben und seine 'eifrige Thätigkeit »gerühmt und besonders seine edl» Selbstlosigkeit bei den photographischen Aufnahmen bfr Denkmäler der Stadt und de- Kreises Thorn,erwähnt« so daß alle Freunde archäologischer Bestrebungen mit Recht dpt Tod dieses selbst. losen Mannes beklagen. Aber nicht nur den Vereinen im Ganzen, auch einzelnen Privatpersonen ohne Unterschied des Ranges und Glaubens hat er jederzeit mit ganzem Hetz.0 gedient und das Gebot: ,Liebe Deinen Nächsten wie Dich selbst" in hervorragender Weise erfüllt. Wurde ihm auch oft mit Undank gelohnt, so hatte dies ihn nicht entmutigt, stets hilfreich und gut zu sei». Welche Liebe ihm abtr hier gezollt wurde, davon zeigte sein heute erfolgtes Leichenbegängnis. Ei» so zahlreiches allen Schichten und Bcrufsständcn unserer Stadt angchörendes Leichengefvlgc hatte Thorn wohl noch nicht auszuwciscn. Der Kriegcrvercin ging mit verhüllter Fahne und den Tranercmblemen voran, die Repräsentanten gingen zur Seite des Leichenwagens, die jüdischen Geschäfte, an denen der Züg vvrübcrging, waren geschlossen. A» der offenen Gruft sang die Liedertafel, zwei Lieder und Herr Rabbiner Dr. Rosen berg zeichnete das Lebensbild des Verblichencn in tief ergreifenden Worten, anknüpfend an den Vers der heilige» Schrift: ,Gesegnet bist Du vonallem Volke.- Wir habe» einen guten und edlen Juden begraben, der bewiesen, daß.der ächte Jude auch ein Mensch im schönsten Sinne des Wortes ist. Sein Andenken wird daher in unserer Stadt und Gemeinde unvergeßlich bleiben. Er ruhe in Friede»! «haus, 23. August. (Or.-Cvrr.) Ein glänzender Festzug bewegte sich gestern früh 10 Uhr unter den Ä lange» der Musik von der Synagoge aus durch die Straßen der Stadt nach der Wohnung des .Herrn Vorstehers Löwen sie in, um vo» hier die zur Gedenkfeier an das 2ü jährige Bestehen der Synagoge von der Gemeinde gespendeten neuen Thora rollen in da« festlich geschmückte Gotteshaus überzusührcn. Hinter den unter einem Baldachin schreitenden Thoraträgcr» bewegte sich der stattliche Fcstzug einheimischer nnd auswärtiger Fcstthcilnehmer, welchen dex Herr Landrath und der Herr Pfarrer der evangelischen Gemeinde eröffnet«!. Nach dem Eintritt in die Synagoge und dem Vorträge des »Ma tauwtu durch einen »ictnstintmigen Chor und der Recitalion entsprechender Psalmen und Lieder hielt der Lehrer der Gemeinde, Herr Braunschweigce, die von heiliger Begeisterung für »nscrc. Religio», für Vaterlands- und Menschenliebe getragene Festrede, welche auf alle Zuhöhrcr eine» tiefen Eindruck machte. Nachdem hierauf sulgenden Gebet für den Kaiser, welchem sich das Einheben der Thorarolle» unter den übliche» Recitatione» und Gesängen anschloß, endete die erhebende gottesdienstliche Feier. Nachmitsags -1 Uhr versammelten sich die Gcmeindeglieder. die zahlreich erschienenen Fremden und Ehrengäste im Festlocale. Bon letzteren seien nur' erwähnt: der Herr Landrath, der Herr Bürgermeister, der Herr Kreis-Phylikus, welche nebst anderen Hvnvratorien der Stadt, sännntlich mit ihren Damen erschienen waren, Nach Begrüßung der Auwesenden durch das Mitglied des Festevmitös, Herrn Bendix. brachte derselbe,ein Hoch auf 2e. Majestät den Kaiser aus, in welches alle Anwesenden begeistert einstimmte» und die Nationalhymne ertönen ließen. Nachdem hieraus Cvncert sind theatralische Vorstellungen die Fest, theilnehmer in eine gehobene Fcstesstimmung versetzt hatten, feierte der Herr Landrath die Mische Gemeinde in einer begeisterten Rede, welche in einem schallenden Hoch aus dirstlbe ausklang. Die Pausen während des nun beginnende» Festballes wurden durch Toaste aus die Ehrengäste, den Gemeinde- Vorstand, das Fest-Evmitee, die Damen, den Festredner (aus diesen durch den Laichrath) u. .s. w., sowie durch Gesäuge und Vorträge heiteren Genres ausgefüllt. Erst »ist Tagesanbruch endete die schöne Feier und voll der wohlthiicndstcn Eindrücke schieden die auswärtigen Gäste von der freundlichen Stadt an der Aa, welche nach dem furchtbaren Brande im Jahre 1868 wie ein Phönix aus der Asche zu neuem Glanze emporstieg und nicht nur durch die Pracht.ihrer Straßen und Bauwerke, sondern mehr noch durch die Toleranz und den Edelsinn ihrer ersten, den verschiedenen Evnseffionen anaehörenden Bürger, welche alle 'i,! Frieden und ungetrübter Eintracht hier - »ebeneinander leben, glänzt ein lieblicher Stern -unter den Städte» degottgesegneten MunsterlandeS. ' ' L. Eoh'eu — Ree».' ' Aus Tarmftgdt, den 22, .August schreibt uns unser hochbetagter Mitarbeiter und Freund, der emerilirte RabbinatS- VerweserHerrM.MannnHemer:״HochwürdigerHerrRedacteur -