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Israelitische Wochenschrift · 1894-08-31 · 35 (31.8.1894) · p. [Seite]

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Journal
Israelitische Wochenschrift
Volume
25 (1894)
Issue
35 (31.8.1894)
Date
1894-08-31
Page
[Seite] (sequence 3)
Language
German
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־-־F verbürgt fri, ob die ägyptischen Priester neben ihrer traditionellcn kanonischen Medicin, nicht eine lebendige, fortschreitende, nüchterne medicmische Wissenschaft besessen hätten, gerade so, wie die jüdischen Talmuddoktorrn neben der stets heilig gehaltenen Medicin und Hygiene der Bibel, in Palästina, in Babylon und in Spanien rein wissenschaftliche Medicin betrieben. Allein während die jüdische Gesetzgebung vornehmsich' daraus gerichtet war, seine Bekenner mit Lebensmuth zu erfüllen und mit stets frischer Lebenskraft für ewige Zeiten versehen, hat die Kraft der Aegypter in dem Mühen um Fortdauer »ach dem Tode sich erschöpft; ״sie achteten mehr darauf, de» toten Körper des Individuums, als das lebende Volksganze ab schließen und vor Zerstörung zu schützen. Jedes Volk erreicht das, was cs auf allen Fibern seines Wesens anslrcbt. Darum leben die Leichname der Aegypter noch heute, aber ihr Volk ist tot." Aus einen kleinen Raum ist der wenig biegsame hngienische Gcsetzesstoff der alten Völker verwiesen — die großen Züge und das liebevolle Eingehen sind der weitaus ergiebigeren mosaischen, talmudischen und rabbinischen Sozialhngiene der Juden eingeräumt. Es ist erstaunlich, welchen Schah von Kenntnissen der Autor für seinen Zweck sich angeschafft hat; er stellt sich uns als hervorragender Bibelforscher, als gründlicher Kenner eines weitaus größeren Teils vckm Talmud vor, was mancher Jude, der sich dieses Besitzes täglich rühmt, und was mancher Gegner, der ihn täglich beschimpft; und auch die rabbinischen Werke kennt er und hat sic mit großem Verständniß gelesen, vom Jad Hadiasaka und dem Mureh des Maimonides bis auf den Schulchan Arnch, und die jüdisch-philosophischen von Philo bis aus Spinoza und Mendelssohn. Und wie liest er den Inhalt von Bibel, Talmud und kahhinnml Als echter, ehrlicher Wißbegieriger schreitet er leuchtenden Auges durch diesen großen Literatur-Garten, und die wildesten Partieen werden, von seinen, Zauberstabc berührt, zu einem Blumcnteppich umgewandelt, selbst im Gestrüpp und scheinbaren Unkraut findet er den cs belebenden schöpferischen-Odem; der Zaun, mit dem die Weisen das Gesetz eingchegt, unter seinen Händen wird er zu einer blühenden und auch fruchttragenden Hecke — was, wo und wie er's anpackt, überall wird es interessant. Der alte Weise, der bei den schwer oder überhaupt nicht erklärlichen Satzungen lOdukKim» Halt machte und der Forschung vorsichtigerweise eine» Riegel vvrschob mit den Worten ״es sei unthunlich, darü'׳er nachzudenkcn", würde seine Helle Freude daran haben, wenn er sähe, daß seine ungern erteilte Warnung überflüssig geworden, daß Nossig den Schlüssel und das erlösende Wort gefunden und mit deren Hülse, als verstünde es sich von selbst, so mancher verschlossenen Satzung — als z. B. der von der Asche der rote» Kuh — sein ״Sesam, öffne Dich" mit Erfolg znrust. Schon im Dekalog finden wir die Grundzügc der Hygiene der heiligen Schrift: im vierten Gebote, das sowohl die Pflicht der Arbeit a'isstellt, als auch der Untergrabung des Organismus durch übrrmäßige, ununterbrochene, ruhelose Arbeit vorbeugt, welche eine ganze Reihe lebensgejährlicher Krankheiten verursacht. ״Darum ist neben der Arbeit — die Ruhe das zweite Fundamentalpriucip der Hygiene." Des Weitere» ist die Hochhaltung der Blutbande und der ehelichen Treue, die Basis der Volksgesundheit und der Dauer einer Rasse, deshalb finden das Gebot der Familicnsolidarität — im 5. Gebote — die Gebote der Reinheit dts Ehelebens — im 7. und 10. — den hervorragenden Platz in diesem Normalplan aller Religiosität, dessen ethisches Moment durch diese Auffassung durchaus nicht getrübt wird. Gerade der Zusammenhang zwischen Physischem und Geistigen! berechtigte Moses, jenen, welche die Gebote der Moral befolgen, Gesundheit, langes Leben und zahlreiche Nachkommenschaft zu verheißen, und zur Drohung, ״daß die Sünden der Väter-sich — auch in physischem Sinne — bis iuS viert« Glied räche»." ' (Fortsetzung folgt.) fitifnritiför n) rtfiitifr tfirtfif. Die ״Staatsbürgerzeitung", dieses verbissenste Antisemitenblatt, suchte kürzlich zu beweisen, daß die Juden sich besonders schlecht gegen die Arbeiter benähmen und brachte zu diesem Zweck ein: Menge Zahlen aus der amtlichen Kriminalstatistik, die dies beweisen sollten. Die Zahlen an sich kommen ja in der Statistik vor, aber in parteiischer Absicht hat das Antisemiteublatt drei Arten von Vergehen zusammengestellt, die nicht zusammen gehören und daher ein gänzlich irreführendes Resultat erhalten. Es führte auf: 4 x. Zuwiderhandlung gegen die Borschrislen über Beschäftigung von Arbeiterinnen und jugendlichen Arbeiter». 4 h. Zuwiderhandlungen in Bezug aus KonzessionSpslicht rr. sowie gegen behördliche Anordnungen betreff« der Sicherheitsvvrrichtungeil bei grtverblichen Anlagen. 4 i. Andere Vergehen gegen die Geiverbeordnung. Aus diesen drei Rubriken rechnet es heraus: bestraft 7350 Christen, 203 Juden. Diese Zahlen gewinnen aber sofort ein anderes Licht, wenn wir die Tabelle Fol. 321 Jahrgang 1892 der ״amtlichen Statistik" mit heranziehen, aus der die Bestrafungen nach dem Beruf der Angeklagten sichtbar sind. Da entfallen dann von obigen 7 53 Strafen allein 4946 auf die RubrikC, Handel und Gewerbe; und nun ivird Jeder sofort sehc.1, warum die Juden in diesem Falle stärker beteiligt sind, als ihnen nach dem Prozentsatz der ganzen Bevölkerung zukäme. Der Beruf ist aber daS Entscheidende; der Bauer, der nicht Geschäftsmann ist, kommt überhaupt nicht in die Lage, gegen die betreffenden Gesetz- Paragraphen zu verstoßen. Aber wenn die tendenziöse Statistik der Antisemiten einmal gelten soll, so fahren ihre eigenen Leute, die christ» lichen antisemitischen Sachsen, am schlechtesten. Aus sie kämen nach dem Prozentsatz der Bevölkerung rund 470 Straffälle; cs sind aber in Sachsen vorgekommen 1462, das ist dreimal mehr, als die Zahl der Bevölkerung bedingt. Die antisemitische Statistik muß sonach aus ihren eigenen Zahlen folgern, daß die treuesten Anhänger des Antisemitismus, die antisemitischen Sachsen, im Punkte Arbeiterfreundlichkeit noch 50 Prozent schlechter sind, als die Juden. Wir wollen uns aber hüten, in den Fehler tendenziöser Statistik zu verfallen. Ta indessen der Ahlwardt-Moniteur die amtliche Statistik selbst ״vorurtheilsfrei und unbefangen" nennt, so wollen wir hier darauf Hinweisen, was diese zuverlässige Quelle in Bezug auf religiöse Statistik überhaupt sagt (Jahrgang 1891 Fol. II 34): ״In diesen kriminellen Berschiedenheiten tritt jedoch der Einfluß des religiösen oder konfeffioncllcn Bekenntnisses ׳ ich! rein zu Tage, da die andere» Faktoren der Kriminalität, hier insbesondere Beruf und damit zusammenhängend Wohlhabenheit und Bildiingsgrad, bei drn Katholiken und Protestanten auch Nationalität (Slavcn, Germanen) in ihrer Wirkung in diesen allgemeinen Zaylen nicht elimiuirt sind. Auch annähernd wird die kriminelle Belastung nach Religion und Konfession aus den Zahlen der Uebersicht >2 nicht ohne Weiteres zu entnehme:! sein. Während der kriniinelle Einfluß von Beruf, Aller, Geschlecht nach der Natur der Sache und den Ergebnissen der Statistik hoch anzuschlagen ist, wird man in der Zugehörigkeit zu einer religiösen oder kvnsessioucllcu Gemeinschaft die Erklärung krimineller Berschicdcuheitcn nur mit der allergrößten Vorsicht und Umsicht suchen dürfen und mit dem Instrument der Statistik wohl kaum finden können, denn die bei uns verbreiteten Religions- und Kvnseffivns-Gcmeiuschasten unterscheiden sich in ihren Moral- Vorschriften doch nicht dermaßen, daß ihre Angehörigen dadurch zu einem verschiedenen Verhalten gegenüber den gesetzlichen Vorschriften über Eigcnthum, Person und öffentliche Ordnung bewogen werden könnten. Wenn sich in unsern statistischen Zahlen Verschiedenheiten zwischen der Kriminalüät von Evangelischen und

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