Israelitische Wochenschrift
- Journal
- Israelitische Wochenschrift
- Volume
- 25 (1894)
- Issue
- 31 (3.8.1894)
- Date
- 1894-08-03
- Page
- [Seite] (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Er erklärt, daß ihm die neutestamevtlichcn Schriften wesentlich höher stünden, als die alttestamen! arischen, das ist sein gutes Recht; er lasse uns aber auch das Recht der Be- ׳ Handlung, daß wir mit unserer alttestamentarischen Moral nicht nur aus derselben Stufe wie die Christen aus ihrer neutestamentarischen stehen, sondern auch, daß letztere selbst die unsrige sei und wer diese verletzt, auch den Boden der alttestamentarischen unter seinen Füßen verloren hat. Wir lassen es uns aber nicht gefallen, daß das A. T. dem Herrn Oberpsarrer gerade gut genug ist, um unter Hinweis auf schlechte Bekenner desselben an diesem, und unter sophistischer Heraustüftcliing von schwachen Stellen aus dem A. T. an den Juden hcrumnörgeln. Im Gegensätze zu Herrn Tr. Mühlselber, der ihn bedeutete, daß Esau als der in Materielle versunkene Mensch der abrahamitischen Gotteserkenntnis und -Verehrung nicht gewachsen war, behauptet Tr. Graue, daß - die Bibel unter Erstgebuttsrecht nur das Aufsichtsrecht und das doppelte Erbrecht verstehe. Beides trifft ja aber bei Esau — für den Tr. Graue dm Talmud ein ganzes Bouquet von Schimpfnamen erfinden läßt — nicht zu; das bibl. doppelte Erbrecht bestand seiner Zeit noch nicht zu Recht, und das auf Jacob übergegangene Aufsichtsrrcht konnte Esau altz den Stärkeren nicht sehr drücken. Ucbrigens war Esau alt genug, um den Werth des um ein Linsengericht hinge- - gebmen Erstgeburtsrechts beurthcilen zu können, aber ״Esau verachtete die Erstgeburt" (s. Luthers Uebersetzung zu , - Gen. XXV. 34). Herr Dr. Graue findet, daß die humanm Vorschriften ׳ durch die׳ als gleichwerthig neben sie gestellten eeremoniellen und rituellen Vorschriften theilweise entwerthet sind; daß dies nicht der Fall, darüber konnte ihn der ihm wohlbekannte Dr. N-ossig (.,Die Socialhygiene der Juden") in höchst anschau- »lichcr Wesse belehren. Trotzdem ihm sehr viel daran zu liegen scheint, zu erfahren, ob alle Rabbiner aus den Talmudcodex (?) Schulchan Aruch verpflichtet seien, hat Herr . Dr. Mühlselder seine Neugierde nicht beftiedigt. Zwar *' kümmern wir uns nicht darum, auf was ein Mangel. Geistlicher verpflichtet wird, wir wollen zu seiner Beruhigung seine Frage dennoch beantworten: Nein! Zum Danke für unsere Aufrichtigkeit bitten wir ihn gleichfalls um die Beantwortung einer Frage: Rmnt der Herr Dr. Graue die Erhebung der Schleswig-Holsteiner gegen ihre Unterdrücker auch eine Empörung ohne jede Beschönigung, oder hat er diese Bezeichnung nur für die gegen römische Bedrückung um ihre Selbstständigkeit tapfer kämpfenden Juden? U. Ä. w. g. Herr Dr. Graue kmnt ja dm Talmud nicht, um so , leichter fällt es ihm, in denselben hineinzuinterpretiren was er will;, lassen wir ihm das Vergnügen, zumal er ja mit ׳ der Bibel nicht glimpflicher umspringt. So z. B. weiß er nicht, daß wmn ein Stück Vieh auch von einem Israeliten geschächtet wurde, der auf seine Fähigkeit dazu nicht approbirt fft, in keinem höhern Werthe steht, als wmn es ein Anders- ״. ' gläubiger geschächtet hat. Aber possirlich sind seine Rede- Wendungen, wenn er den Talmud — seine bäte noire — anführt, beispielsweise: ״Der Talmud belehrt im Schulchan- . ' Aruch*. . . ., das ist ungefähr so, als wmn ich sagm wollte: י• Das Neue Testament lehrt in Herr Dr. Graue's Predigten!! Wir nehmen nun Abschied von Herrn Dr. Graue mit - der Versicherung, daß wir lieber mit einer Rede AhlwardtS uns beschäftigt hättm; dieser ist wenigstens originell; der Vortrag des Herrn Oberpfarrers ist aber — nicht kurzweilig. Hoffentlich wird Herr Tr. Graue dieser ״im gewissen Sinne vorurtheilsfreie und humane Mann" aus all diesen kt Ausführungen, wenn keine andere, so doch die Lehre ziehen, daß wenn man auf dm Gegner schießt, dieser wird er schießt, und daß Druck Gegendruck erzeugt! Geschichtsfälscher. ״Die Wissenschaft muß umkchren", dachte Herr H. K. Lenz, als er die eigenartige Revision der Litteraturgeschichte unter dem Titel ״Judenlitteratur und Littcratiirjuden" (Mü׳:ste>, Russells Verlag, 67 Seitchein veröffentlichte. Wenn bcispielsweise vor Lessing, dmi Manne sowohl wie dem Dichter, der Deutsche bisher immer einigen Respekt hatte, so wird ihm hier ״bewiesen", daß Lessing nur durch die ״jüdische Reklame erhoben" und dem Einfluß jüdischen Geldes nicht unzugänglich war. Aehnlich wird das Urtheil über Renan, Schleiermacher und Mommsen berichtigt und dann den Juden, die in der Litteratur merkwürdigerweise zu Ruf gelangt sind, besonders dem Moses Mendelssohn, Börne und Heine der Garaus gemacht. Die Broschüre ist übrigens kein Originalwerk, sondern ein Potpourri aus des österreichischen Prälaten Brunner antisemitischen Narreteien; dies bringt der Verfasser ehrlich zum Ausdruck, indem er dabei mit possierlicher Ergebenheit dem Meister Brunner die Palme reicht. Er meinte gewiß, mit dem Weitertragcn der Brunnerschen Hintertreppengeschichten eine starke Wirkung zu erzielen; wir aber meinen: Gelret'ner Quark Wird breit, nicht stark. und wenn im folgenden einige Einzelheiten hcrauszehoben werden, so geschieht es, um wieder einmal zu zeigen, wie beschränkt der antisemitische Gesichtswinkel ist und wie bald er zur Anarchie im Reiche der Gedanken und auch zum Antichristentum führt. S. 7 ff. wird mitgetcilt, wie Brunner in seiner ״Lessingiasis und Nathanologie, eine Religionsstörung im Lessing- und Nathan-Kultus", dem ״alten Thcaterkaftanjuden Nathan" die Maske abnimmt. Gegen ״Nathan" wird der Shakespcaresche Shylock als das wahre und echte Bild eines Juden ausgespielt; der Nathan sei eine Fiktion, an die der Dichter selbst nicht geglaubt habe. Nachdem so der Wert der größten Lejsingschen Schöpfung gebührend ״festgesetzt" ist geht es an die Herabzcrrung des Dichters selbst: ein notorischer Hazardspiclcr, ein in Judenhände geratener Schulden, macher, deshalb als ״Judenbenützer auch ein Judenschützer", ein Mitwisser unsauberer Münzmanipulationen, kurz ein Mann, an den die Deutschen ganz unverdiente Verehrung verschwendet haben. Diese neue Schätzung des Dichters und seines Werkes kann sich in Prosa nicht Genüge leisten; Brunner dichtet auch; ein Pröbchen: ״Well er (der Lessing) zum Musterjuden den Nathan hat gestempelt, Wird der de» dummen Gojim »och immer vorexempelt: De« Tühring Spruch taugt freilich nicht in den Schofelkram: Den Lessing hat erhoben die jüdisch« Reklam." Hübsch, nicht wahr? Auch andere berühmte Christen, die den Juden gerecht wurden, überfälltdie Schmähschrift mit grotesker Brutalität, so Schleiermacher, den ״Hohenpriester der GefühlSmauschelei", Renan, den ״französischen Atheisten", und Mommsen, dessen Bestechung durch jüdisches Geld in Berlin zum Sprichwort geworden sei (??!). Aus dm Weckm dmtschcr Schriftsteller hat Brunner jedes irgendwie ungünstige Urteil über Juden aufgespürt, und Lmz schreibt nach, gleichfalls ohne Hinweis auf Zusammen- Hang und EntstehungSgrund solcher Ansichten; die günstigen Urteile aber — die nicht selten in jmen Weckm neben dm abfälligen stehen — werden geflissentlich verschwiegen. Allerdings würde es Judenfeinden das Herz abdrücken, zur Stmer der vollm Wahrheit beispielsweise von Herder auch folgeickc Aeußerungm anzuführen: ״Israel war und ist das ausgezeichnetste Volk der Erde; in seinem Ursprung und Fockleben bis auf den heutigen Tag, in seinem BW^md Unglück, in Fehlern und Vorzügen, in seiner Niedrigkeit und Hoheit so einzig, so sonderbar, daß ich die Geschichte, die Art,