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Israelitische Wochenschrift · 1894-08-03 · 31 (3.8.1894) · p. [Seite]

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Journal
Israelitische Wochenschrift
Volume
25 (1894)
Issue
31 (3.8.1894)
Date
1894-08-03
Page
[Seite] (sequence 2)
Language
German
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weder von Luther noch von Strack, Wünsche rc. eines Bessern sich belehren lassen will, eine andere Autorität anerkennte, deren Ausspruch sein ״Votum" überflüssig macht, würde ich ihm rachen, einen Vortrag des Obercousistorialrachs Herrn T. Friedrich Düsterdiek (״Sociales aus dem alten Testament", Hannover 1893) recht eifrig zu studiren, der ihm gleichzeitig zum Vorbild dimen könnte über die Aufgabe eines Priesters des Friedens und der Liebe. Als solcher müßte er die Pietät der Juden eigentlich lobend hervorheben, welche keine Opfer scheut, um die Expropriirung der Grabstellen ihrer Angehörigen zu verhindern, welcher frommer Brauch durchaus kein Vorrecht der Reichen ist, sondem dessen Erfüllung dem Aermsten selbst auf Gemeindckostcn zugänglich gemacht wird. Nach einem matten Seitenhiebe auf die All Jsr-, der in keiner antisemitischen Schrift schien darf und die er in einigen Zeilen durch die Erklärung absertigt, daß er deren reine Wohlthätigkeits-Tendenz nicht gut glaubm kann — der Begmndung überhebt er sich wie gewöhnlich — setzt er sich in einen grellen Gegensatz zu seinem Amts- und Gesinnungsgenossen Stöcker. Dieser hat eine Vorliebe für die orthoboxen Juden, u. A. jedenfalls aus dem Grunde, weil er bei diesen eine Revolver-Schmutzpresse findet, welche mit der in seinem eigenen Lager auf demselben Niveau steht — während Dr. Graue mit den Worten: ״noch heute finden sich sittlich ernste, zu immer völligerer Anpassung an deutsche Art und Sitte ehrlich bereite Persönlichkeiten von liebenswürdiger Humanität unter den Reformjuden" diesen ein Kompliment macht. Wird bei den Antisemiten eine Komödie mit vertheilten Rollen aufgeführt oder wer hat Recht?? Herr Dr. Graue empfiehlt fernerhin eine staatlich patenlitte Morallehre für die Judm und verlangt, daß alle Rabbiner geloben sollen, dieses Buch ihrem Unterrichte als Norm zu Grunde zu legen. Daß der preußische Staat die 5—600 Religionsbücher, die in den deutschen Schulen beim jüdischen Religionsunterricht verwendet werden, bereits geprüft und in ihnen nichts gefunden, was von der christlichen Moral irgendwie abweicht, scheint er nicht zu wissen oder — übersehen zu haben. Es ist sehr nobel von dem Herrn Oberpsarrer, daß er den Gelöbnissen der Rabbiner nicht mißtraut und bei ihnen keine reservatio mentalis voraussetzt. Oeternin oenseo, dir Schrift ist — wie Iran Paul es nennt — von jener schalen Kanzelphilosophie, wovon 1/4 moralisch, 1/4 unmoralisch, V« verständig und 7« schief ist; nachdem Herr Dr. Graue mit seinem Witz zu Ende ist, wird er — witzig, denn als rechter Gottcsmann nach dem Herzen der Auttsemiten brschließt er seine Hetzschrift mit dem stammen Wunsch«: Das walte Gott!! Da diese Schrift so viele Schwächen aufweist, so fiel es Herm Rabbiner Dr. Mühlfelder in Chemnitz nicht schwer, ihr in einem ״offenen Briefe" entgegenzutteten. Und er hat dies mit einer Gründlichkeit und mit einem vornehmen Ton, begleitet von dm Früchten großer Belesmheit gethan, die nichts zu wünschm übrig läßt. Die vom Heim Oberpfarrer nachttäglich erhobmen Vorwürfe gegm den Erzvater Jakob wegen seines Verhaltens gegm seinm lieben Bruder und den ehrlichen Laban konnte er ebmso vernichten, wie alle die sonstigen Schändlichkeitm, derm die Judm in Atterthum, Mittelalter und Neuzeit beschuldigt werden. Da diese Schrift jedoch in Nr. 28 des ״Jüdischen Litteraturblattes" bereits nach ihrem Wetthe gewürdigt wurde, so wendm wir uns wieder seinem Gegner zu, dem in Herm Eduard Ullrich ein Helfer mtstandm ist. Dieser Herr hat im ״Konservativen Kreuzverciu" zu Chemnitz einm Vorttag gegen Dr. Mühlfelder von Stapel gelassen, dessm Anhörung dieser — vielleicht auch eingedenk des Verses Psalm I, 1 — mit Recht abgelehnt hat, und hat hernach diesm Vorttag im eigmm Verlage erscheinen lassen. Ein sehr bibelfester Herr, dieser Herr Ulrich, der Mühlfelder's offenen Srief einen ״Hebräerbries" nennt, diese Benennung rühtt 'doch ursprünglich von einer Epistel an - die Hebräer her. . Allein seinem befangenen und deshalb urtheilslosen Publikum dürfte er diesen kleinen Scherz schon bieten, welcher nur daS Aushängeschild zu einer dicken Hanswurstiade ist, deren Umfang im ungekehrtm Verhältnisse zu ihrer Bedeutung steht. Es vnräth eine große Schwäche des Herm.ObestifarrnS, daß er sich dieses kleinliche Vorgreifm des Herm Ulrich nicht ver» beim hat, doch wie sagte Faust zu Mephistophiles: ״Du kannst in großem nichts verrichtm und fängst es dmm im kleinm an!" Wir sind ausnahmsweise in der Lage, dem Haupt» antisemitm Marr zu seinem Ausspruche zuzusttmmm: ״Nie habe ich mehr Erzschelmmbande gefunden als unter dm Heu» tigm Geschäftsantisemitm"; und diese in ihrer reinm Unschuld darzustellm, ist die undankbare Mohrenwäsche, deren sich der arme Hnr Ulrich unterzieht, welcher diesm Berufsantisemiten seine liebwolle Fürsorge zuwendet. Wenn alles wahr wäre, was Hen Ulrich sagt, dann wärm all« Dmtsche auch Senntm — da er sie auf Seite 25 Nachkommm Esau'ü nmnt — und Hen Dr. Mühlfeldn hätte abermals Recht, wmn er die Rasswnschiedmheit zwischm Semitm und Jndogermanm leugnet. Aus Respect vor den Lesem dieser Blätter will ich über all dm Unsinn, dn in diesn ״offenen deutschen Antwort" zusammmgettagm ist und breitgettetm wurde, nicht näher eingehen; hat ja doch Jedermann leider reichlich Gelegmheit, die erste beste Rede irgend eines anttsemitischen Reiseapostels zu hörm und auf ihren Werth zu prüfen — ihr gleicht dn Ulrich'sche Vorttag, in welchem die ״lebhafte Zusttmmung" und ״große Heitnkeit", die getteu registritt sind und gesondert dm Raum von 10 Seiten beanspruchen würden, wie ein Rieselfeld dem andem. Widerwillig gehm wir an die Charatterisimng dn Antwort des Herm ObcrpfarrerS Dr. Graue, des einzigm, der berechtigt war, auf einm wissenschaftlichm emstm Brief eine solche zu geben. In diesn ״Antwott" begegnen wir zum erstm Male der schon im ״Votum" vermißten ehrlich ausgesprochenm Ansicht des Herm Oberpfarrn, daß es ihm — wahrschein, lich in Rücksicht auf das Häuflein stanzösisch« Antisemitm — nicht bloß auf Germanisimng, sondem auch aus ״Christianisirung" ankommt; leidn vngaß n, hinzuzufügen, ob n es auf eine wangelische oder katholische Christtanffimng abge- ■ sehen hat. Zu diesem Zwecke ist n mit gewissm Maßregeln — jedenfalls Ausschließungen — bei dn Hand, um ünS zu heilen. Nun hat abn jederman andne Recepte, die n uns׳' verschreibt; wenn wir krank sind, dürfen wir uns doch nur nach einem Arzte richten — welcher ist nun der richtige? Herr Dr. Graue jedmsalls nicht, denn n versteht es nicht, daS Zutrauen des ״Patienten" sich zu gewinnm. Alles, was die Juden thun, tadelt n vorweg: die Judm haben, seitdem die Handwerke ihnm offm stehen, Vneine z>n Förderung desselben gegründet — dn Hnr Pfarrer findet es mehr als bedmklich daß zu diesem Zwecke Vneine überhaupt nothwmdig seim, Mit demselben Rechte könnten wir die Notwendigkeit bestteitm, auf alle Anschuldigungen dn Antisemitm zu' antwottm und sie Lbn den wahrm Sachvnhalt auflären ° zu wollen, da eine gewisse Abneigung gegm die Wahrheit in ihrem Charattn liegt. Nun, die stille, segms- und auch nfolgreiche Arbeit jmn Vneine brauchen wir nicht zu vntheidigm, sie sprechen bei jedem Einsichtsvollen für sich selber. Dn Hnr Obnpfarrn giebt zu, daß auch die jüdischen Kaufleute durch chren Handelsbetrieb manchmal gemeinnützig gewirtt habm, abn ״wahrscheinlich ohne Solches zu. be^. absichttgen, mehr unwillkürlich" — diesn Stil des Herm Dr. Graue, sich umzudrehen, wmu n bei Judm unabweisbar etwas Gutes sieht, ist unS nicht mehr neu. Hnr Dr. Mühlfeldn weist ihn aus die stattgefundmm Rassmvermischungm hin; Hnr Dr. Graue, dn dies abn verschwiegen hat,, erwidert, dies brauche chm Dr. Mühlfeldn nicht erst zu nzählm. ■ Mein Gott, wmn Hnr Dr. Gwue alle tatsächlichen Heberflüsfigkeitm vermeidm wollte, brauchtt n sein ״Votum" übn- Haupt, nicht zu schreibm. - . >w. 1 i-^W' m

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