Israelitische Wochenschrift
- Journal
- Israelitische Wochenschrift
- Volume
- 25 (1894)
- Issue
- 28 (13.7.1894)
- Date
- 1894-07-13
- Page
- [Seite] (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Heer. 8. Juli. Bor einiärn Tagen wurde bei einem Ili rficicn jüdischen Schlächter das Fleisch einer tuberkulöse» Kuh beschlagnahmt. Ohne Unterschied der Parteischattirung wurde dieses gewissenlose Gebahren von der Presse scharf gegeißelt. Aber in! Lager der Antisemiten war man mit dieser Abfertigung nicht zufrieden. Vielmehr wurde daS Gerücht verbreitet, daß man bei dem Fleisch der an Tuberkulose erkrankten Kuh auch eine KindeSleiche gesunden habe. Schon munkelte man von einem Ritualmors. Aber der eifrigen Bemühung der Polizeiorgane gelang es alsbald, festzustellen, daß a» dem ganzen Gerücht kein wahres Wort sei, und daß man dasselbe nur ausgestreut habe, um die wegen obigen Vorfalls entstandene Aufregung zu benutzen, die Geister aus einander zu Hetzen. Tie Verbreiter jener Nachricht sind bereits erniittelt, und werden sich dieselben demnächst zu verantworten haben. Leider wird hier in der letzten Zeit von königlichen Beamten für de» Antisemitismus energisch Propaganda gemacht, jedoch bis jetzt war der einsichtsvolle Theil hiesiger Stadt für den Sozialismus der Dummen nicht zu grwinnen. Eßlingen, 6. Juli. (Or.-Corr.) Das hiesige isr. Waisen- Haus .Wilbelmspflege" hatte sich auch, wie aus dem in dieser Woche veröffentlichten 63. Jahresbericht ersichtlich, im verflossenen Jahre der Unterstützung der Israeliten Wütttembcrgs zu erfreuen. Dasselbe vereinnahmte an Stiftungen und Legaten 4176 Mark, an Zinscn 13,364 Mark, an Beittägen und Spenden 8657 Mark. Tas Vermögen der Anstalt beträgt jetzt 342,654 Mark, incl. des Vermögens der Fortbildungsschule mit 21,885 Mark und der Ädolf-Lcvi-Stiftung mit 10,572 Mark. Dir Zahl der Zöglinge stieg von 26 auf 39. An der Anstalt unterrichten Oberlehrer Stern, zugleich Religionslehrer am Kgl. Schullehrerseininar, und Lehrer M. Straßbürg er. In der Anstalt werden auch die israelitischen Seminaristen und Prävaranden verköstigt. Vorstand der Anstalt ist Herr M. H. Goldschmidt in Stuttgart; in den Ausschuß wurden gewählt die Herren Kommerzirnrath Benzinger, die beiden Rabbiner Tr. Kroner und Tr. Stößel, vr. ined. S. Weil und Kaufmann S. Sontheimer. — Von dem Vorstand der wütttembergischen Antisemiten, dem Arzt Vogel in Badenweiler (Baden), ward in allen größere« wüMembergischen Blättern aus letzten Sonntag eine Versammlung in dem Kugel'schen Saal hier angekündigt; aber nur ca. 50 Personen gingen auf den Leim, und dieser schwache Erfolg wird Hrn. Vogel überzeugt haben, daß es sich schlecht rrntitt, auch in Württemberg die Werbetrommel zu schlagen; hier ist in Judenhctze kein Geschäft zu machen. Ueber seinen Vorgänger, Hrn. Welker, verbreitet Herr Vogel sehr gravierende Nachrichten. Einer thut den Andern ab. <D«ftcrv«id?4tn0avtt. Jk. Wien, 6. Juli (Or.-Corr.). Bor dem Erkenntnißsenate unter dem Vorsitze des Vicepräsidenten R. v. Holzinger erhob gestern der Rcdacteur Dr. Bloch Einspruch gegen das Erkennmiß der Staatsanwaltschaft vom 27. April d. I. mit welchem Nummer 17 der ,Oesterreichischcn Wochenschrift" mit Beschlag belegt wurde. Anlaß zu dieser EonfiScation gab ein gegen Pfarrer Deckert gerichteten Artikel, welcher den Titel füllte: ,Die Judenmord-Predigten in der Kirche zu Weinhaus. Ein Wott der Abwehr". Ter Staatsanwalt- Substitut Tr. Pistler führte auS, daß in dem beschlagnahmten Artikel Angriffe auf die katholische Kirche, auf die Institution des Papstthums und ein Dogma der katholischen Kirche enthaltm zeien. Dr. Emil Frischauer, der Bertteter des Einsprechers, meint, daß der Artikel nur die Antwott auf die Predigten Pfarrer TeckertS sei, des es mit seine« priesterlicher Pflichten vereinbar hielt, förmliche Hetzreden gegen die Juden zu halten; er hat in diesen Alles, was den-Juden heilig ist, verspottet und sich nicht gescheut, ganze Kapitel anS Webers ,DemokritoS" als solche aus dem Talmud den Gläubigen ,orzulesen und hierdurch geflissentlich den Talmud gefälscht. Ja die Behörde nichts hiegegen gethan,' mußten sich die Juden selbst helfen. Zn dem incriminirtn, Artikel von ®to!_ heißt cs nun, es wäre leicht, auS einzelnen abgerissenen Stellen, aus einzelnen scholastischen Ausführungen von Kirchen« Vätern gegen, den KätholiciSmuS Angriffe zu erheben, doch sei so etwas unstattlich. Warum aber ist es Pfarrer Decken ge») stauet. auS einzelnen Vorkomninissen im Judenthumc auf daS-i ganze Judrnthum zu schließen? Der Aus atz sei nichts Anderes, .׳ als eine Abwehr. Hierauf nahm Dr. Bloch das Wort zur'■ Rechfertigung des Artikels, er sagte: * .Ich sehe mich gegen mein» Absicht genSlhig», da« Won zu er-; greisen, um auf einzelne Bemerkungen de« geehrten vernner« b«r*'\ S1aai«beh»rbe zu amnortni. Bor Allem Protest',.e ich gegen die Zu» e muthung, al« ob der Anikel einen Angriff gegen die katholische Stint« ־! enthielte. Ich gehöre «inen parlamentarischen Club, »elcher die Jnrereffe« '! de« conservalive» Gedanken« und der katholische» Kirche intbesondevo-יי stet« «ahn». Al« jüdi'cher Geistlicher habe ich längst hie UederzmgmiA. i gewonnen, daß der gegensririg« Skamps der Conseffionen, mit den Mit- - lein de« Haffe« und der Berbltlerung gesuqrt, dlo« der Glauben«^ °; losiakeit Vorschub leiste. Nicht ein einzige« Wort findet sich in de» confi«cinen Aussatz», welche« di« Ehre der katholischen Skirche aulaste» . würde oder gegen, die Institution de« Papstihum« gerichtet ist. Wen* ' rin Unheil de« Cardinal« Baronin« über dir Päpste de« lv Jahr». Hunden« citirt und wenn aefragl wird, ob Johanne« XU., Gregor Johann XVI., Bonisaciu« VII. und Urban VI heiliger waren al« der Lrz- . vater Jacob, so wird materiell von diesen Päpste» auch »ich! Ein nach» thrilige« Wort gesagt. Wir Juden leiden unter der Thatsache, daß. man di» Bergehen der Ciuzrlnen der Sesammlheit zur Last legt. Wir verweisen al« Antwort daraus, daß e« selbst unter dm Päpsten einzelne' Pers-nlichieiten gab, derm Lebe» Anlaß zur Skriiik binet. Der. Herr. Ttaat«anwalt hat nicht da« Recht, die« al« rinm Angriff aus die Institution de« gesummten Papftthuui« zu bezeichnen, denn man darf die Gejammtheit nie für dm Einzelnen verantwortlich machm. Herr Pfarrer Deckert Hab«, wie schon erwähnt worden, angeblich au« dr» Talmud, thatsächlich aber au« Weber« .Demokrit»»", einzelne iheolvgisch» Luriositälen von der Sianzel herab dm Zuhörer vorgesühn. Er erzählle angebliche Gehässigkeiten der Juden gegm «nder«gläubige. ' «önlich au- ,Tmtokrilo»-, Band 5. Capitel X. Er ha« bloß dabei di« Worte; .Wat ist alle« da« gegm Fanati«mu« der Lhristmheit gegen die Juden?" die im » Demokrits»" brigesügt sind, weggelaffen.- Eine bemerkentwetthe Encyklica de« jetzt rrgiermdm Papste« beklagt in rührenden Worten die zersetzende Siritik, mit welcher die Wissenschaft da- Alte Testament unterzieht. Leo XIU. sagt, daß die Bibel de« Altm Testament« die Grundlage der kolholische» Kirche bilde. Be« un» in Wien werden die Erzväter, die Propheten, der Gesetzgeber Mose«, dm Skänig David in der Skirche von der Stanzet־ herab in »er unflächitzstm Weise geschmäht. Ich will davon schweigen,' daß die.' kirchlich« Lberbehörde den König David — die Kirchenväter nannte* Jcsum Christum nicht ander« al« dm ,wahr« David" — den Sänger ' und Dichter der in der Kirche gebetetm Psalmen, straslo« beschimpfe» läßt, allein daß der Staat«anwalt derlei Angriffe auf da« Alte Testament al« die Grundlage der katholischen Skirche anftandtlo« pasfire*־ ׳: läßt, scheint bloß den Gnind z» haben, weil damit auch die Juden getrvffm «erde». Der Sntisemilitmu« Macht immun , gegm da« Straft gesetz. Einm einzelnen Papst darf man keiner Kritik unienversen, .aber die Erzväter, und König David, welch« SLulm der katholisch«, Kirchesind, darf man schimpfen, weil damit ein Schlag gegm die Juden geführt wird. Ter hohe Gerichtähos wird eine solch« Recht-proxi«' un» möglich gnlheißm." Nach I&nqtret Bcrathung entschied der Gerichtshof, daß. dem Einsprüche stattgegeben werde. Der Gerichts» Hof fand, daß in dem incriminitten Artikel wohl Angriffe auf einzelne Päpste enthalten seien, daß jedoch die Institution' des PapstthumS nicht angegriffen werde. Es würde ferner nicht daS Ansehen der katholischen Kirche herabgesetzt, sondern nur Kritik an scholastischen AuSsührungen geübt. Wien. Endlich ist doch Ruhe in die der Humanität und der Wissenschaft geweihten Räume cingezogcn. Rector Tschcrmat hat seinem Abscheu den von antisemitischer Seite in Scene gesetztm Studenten-Demonstrationen Ausdruck zu geben, indem׳ er einer bei ihm vorgesprochenen Deputation die Worte zu» rief: ,Ihr Vorgehen ist verabscheuungSwürdiz." KtUttäfti««. Bukarest, 8. Juli. I» den Monaten August und- September findet hier eine von der rumänisch«; Looperativ» Gesellschaft (einer Art nattonaler Gewerbevereinigung), vemn» staltett Ausstellung statt. Dem AuSlande gegenüber soll dieselbe einen internationalen Charakter tragen, und find auch für dieselbe seitens des Staates mancherlei Bortheile, so unter Änderet» auch Frachtermäßigungen auf den-StaatSbahnen ge»-